»Ter­ror« – ein Film, der gro­ße Fra­gen stellt

Fer­di­nand von Schi­rachs Stück kommt mor­gen, Mon­tag, ins Fern­se­hen. Wir ha­ben vier Per­sön­lich­kei­ten ge­be­ten, uns zu er­läu­tern, wie viel Wert ein Le­ben hat. Au­to­rin Kath­rin Rögg­la, Ex-Höchst­rich­te­rin Irm­gard Griss und Mo­de­ra­tor Pe­ter Re­se­ta­rits ge­ben Aus­kun

Die Presse am Sonntag - - Leben -

Von Wolf­gang Brand­stet­ter. Wenn ein Men­schen­le­ben nur auf Kos­ten ei­nes an­de­ren ge­ret­tet wer­den kann, dann gibt un­se­re Rechts­ord­nung ei­ne kla­re Li­nie vor: Es kann – ab­ge­se­hen von den Fäl­len der Not­wehr – nie­mals ge­recht­fer­tigt sein, ein Men­schen­le­ben zu op­fern, um ein an­de­res zu ret­ten.

Das Rechts­gut Le­ben ist das höchs­te, das es durch die Rechts­ord­nung zu schüt­zen gilt, und es ist da­her auch nicht quan­ti­fi­zier­bar. Mö­gen es auch noch so vie­le Men­schen­le­ben sein, die durch die Tö­tung von we­ni­ger Men­schen ge­ret­tet wer­den kön­nen: Es gibt kei­ne Recht­fer­ti­gung für ein sol­ches Han­deln. Die Fra­ge der Recht­fer­ti­gung be­trifft das ge­ne­rel­le Sol­len. Wer ge­recht­fer­tigt han­delt, hat die ob­jek­ti­ve Rechts­ord­nung auf sei­ner Sei­te, ge­gen sein Ver­hal­ten wä­re da­her auch kei­ne Not­wehr zu­läs­sig. In­di­vi­du­el­les Kön­nen. Über den Be­reich der Recht­fer­ti­gung hin­aus gibt es aber auch je­nen des in­di­vi­du­el­len Kön­nens, al­so der Fra­ge, ob ein Mensch im Ein­zel­fall wirk­lich in der La­ge war, recht­mä­ßig zu han­deln, oder ihm viel­mehr in­fol­ge ei­ner Zwangs­la­ge ein Ent­schul­di­gungs­grund zu­ge­stan­den wer­den muss, der die Straf­bar­keit – trotz be­ste­hen­der Rechts­wid­rig­keit der Hand­lung – aus­schlie­ßen kann. Das Ös­ter­rei­chi­sche Straf­ge­setz­buch ent­hält für ge­nau sol­che Fäl­le die Re­ge­lung des „ent­schul­di­gen­den Not­stands“, wenn in der La­ge des Tä­ters von ei­nem mit den recht­lich ge­schütz­ten Wer­ten ver­bun­de­nen Men­schen kein an­de­res Ver­hal­ten zu er­war­ten war und er sich der Ge­fahr auch nicht oh­ne aus­rei­chen­den Grund aus­setz­te. Durch das Ab­stel­len auf die­se ide­al­ty­pi­sche Maß­fi­gur er­öff­net un­ser Ge­setz­ge­ber ge­nau je­nen Spiel­raum, der not­wen­dig ist, um den spe­zi­el­len Um­stän­den des Ein­zel­falls auch wirk­lich ge­recht zu wer­den. Reiz­vol­le Idee. So ge­se­hen sind ge­ra­de Fäl­le wie der im Thea­ter­stück „Ter­ror“ge­schil­der­te auch gut für die Lai­en­ge­richts­bar­keit ge­eig­net, und es ist ei­ne reiz­vol­le Idee, das Pu­bli­kum in die Ent­schei­dung mit­ein­zu­be­zie­hen. Da­durch wird auch das Ver­ständ­nis der Öf­fent­lich­keit für die Jus­tiz ge­stärkt, was je­den­falls zu be­grü­ßen ist. Wolf­gang Brand­stet­ter (* 1957) ist seit 2013 Jus­tiz­mi­nis­ter. Zu­vor war er Straf­ver­tei­di­ger und Hoch­schul­pro­fes­sor.

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