Das klei­ne­re Übel wäh­len?

Die Presse am Sonntag - - Leben -

ORF-Mo­de­ra­tor Pe­ter Re­se­ta­rits fragt: Wie viel ist ein Men­schen­le­ben wert? Und hun­dert? Was ist ein Men­schen­le­ben wert, et­wa in Geld? Kann man hier Sum­men nen­nen? In Scha­den­er­satz­pro­zes­sen nach Un­fäl­len wird das des Öf­te­ren ge­macht. Ein to­tes Kind et­wa ist in die­ser Be­rech­nung nicht viel wert. Be­gräb­nis­kos­ten, Trau­er­klei­dung, ein Gr­ab – ein paar Tau­send Eu­ro Schmer­zen­geld für die Trau­er der El­tern. Das muss zah­len, wer die Schuld am Tod des Kin­des trägt. Der auf­stre­ben­de, gut ver­die­nen­de Ma­na­ger hin­ge­gen, viel­leicht mit Sor­ge­pflicht für Kin­der und Ehe­frau, kos­tet die Ver­si­che­rung des Un­fall­ver­ur­sa­chers deut­lich mehr. So ein Le­ben ist ei­nen Mil­lio­nen­be­trag wert. Darf man Le­ben op­fern? So ge­se­hen hat je­der Mensch sei­nen Preis. Aber ist in Wahr­heit nicht je­des Le­ben un­end­lich viel wert? Die schwie­ri­ge Fra­ge, die sich dar­aus er­gibt: Darf man ein Le­ben ei­nes Un­schul­di­gen op­fern, um zehn oder hun­dert oder tau­send an­de­re Le­ben zu ret­ten? Ein­mal un­end­lich und zehn­mal un­end­lich sind ja gleich viel. Aus prak­ti­schen Über­le­gun­gen wür­den trotz­dem vie­le sa­gen: Ja, man darf straf­los das klei­ne­re Übel wäh­len. Nur: Ver­ra­ten wir da­mit nicht die Prin­zi­pi­en, die un­se­re Ge­sell­schaft aus­ma­chen? In der Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on heißt es: „Das Recht je­des Men­schen auf das Le­ben wird ge­setz­lich ge­schützt.“Wenn je­der Mensch un­end­lich wert­voll ist, ist die­se Ab­wä­gung, klei­ne­res ge­gen grö­ße­res Übel, nicht zu­läs­sig. Re­se­ta­rits (* 1960) ist Ju­rist und seit 1987 für den ORF tä­tig.

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