Schuld­spruch von der Couch: Die Zu­schau­er fäl­len das Ur­teil

Das TV-Pu­bli­kum sitzt bei »Ter­ror« zu Ge­richt und ent­schei­det wie Ge­schwo­re­ne. Das zeigt, wie brü­chig ei­ne schnel­le Mei­nung ist.

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON ISABELLA WALLNÖFER

Das wird kein ge­müt­li­cher Fern­seh­abend. Ein­fach nur zu­rück­leh­nen und sich be­rie­seln las­sen – un­mög­lich! Denn am Mon­tag steht die TV-Ver­fil­mung von Fer­di­nand von Schi­rachs Jus­tiz­dra­ma „Ter­ror – Ihr Ur­teil“auf dem Pro­gramm von ORF, ARD und SRF. Zu sehr wird man in die­ses Ge­richts­ver­fah­ren hin­ein­ge­zo­gen, das Lars Krau­me schnör­kel­los in­sze­niert: Bis auf ei­nen kur­zen Mo­ment am An­fang, in dem das spä­ter ab­ge­schos­se­ne Pas­sa­gier­flug­zeug über das ma­kel­lo­se Blau des Him­mels glei­tet und man Zeu­ge hek­ti­scher Funk­sprü­che wird, ver­lässt die Ka­me­ra den Ge­richts­saal nicht. Es gibt kei­ne dra­ma­ti­schen Rück­blen­den, kei­ne Er­klä­run­gen aus dem Off, kein Be­lau­schen von Zwie­ge­sprä­chen. Al­les, was man mit­be­kommt, ist das, was man auch als Ge­schwo­re­ner se­hen und hö­ren wür­de.

Un­will­kür­lich wägt man ab, die eben ent­stan­de­ne Mei­nung ist schnell wie­der re­vi­diert: Schul­dig!, denkt man, wenn der An­ge­klag­te (ernst und über­zeu­gend: Flo­ri­an Da­vid Fitz als Kampf­pi­lot) kühl je­de Stel­lung­nah­me ab­lehnt. Nicht schul­dig!, schwirrt es durch den Kopf, wenn man hört, dass er 70.000 Le­ben ret­ten konn­te – weil er ver­hin­der­te, dass ein Ter­ro­rist das Flug­zeug in ein voll be­setz­tes Sta­di­on len­ken konn­te. Dann ist die Staats­an­wäl­tin am Zug (Mar­ti­na Ge­deck) und pocht auf Prin­zi­pi­en: Man dür­fe nicht Le­ben ge­gen Le­ben ab­wä­gen. Der An­ge­klag­te ha­be ei­gen­mäch­tig (weil oh­ne Be­fehl) über Le­ben und Tod ent­schie­den, sich gleich­sam selbst zu Gott ge­macht. Ist er al­so doch schul­dig? Aber ist das nicht bloß theo­re­ti­sche Prin­zi­pi­en­rei­te­rei an­ge­sichts der dra­ma­ti­schen Aus­nah­me­si­tua­ti­on ei­ner solch ein­sa­men Ent­schei­dung?

Es ist die­se in­ne­re Zer­ris­sen­heit, die Schwie­rig­keit, zu ei­nem ein­deu­ti­gen und da­mit be­frei­en­den Ur­teil zu kom­men, die den Film so pa­ckend macht – und so lehr­reich: Es zeigt, wie brü­chig ei­ne schnell ge­bil­de­te Mei­nung ist. Der Zu­schau­er wird be­wusst vor ein Di­lem­ma ge­stellt. Man ist ge­willt, sich vom Bauch­ge­fühl lei­ten zu las­sen – aber ist das rich­tig? Vo­ting wie bei Mo­del­shows. Und ist es rich­tig, das Pu­bli­kum erst mit Angs­tas­so­zia­tio­nen (schon das Wort „Ter­ror“schlägt ei­ne Sai­te an) zu be­un­ru­hi­gen und dann über den heik­len Fall ab­stim­men zu las­sen, als wä­re es das Vo­ting ei­ner Mo­del­show? Un­ter­gräbt nicht der in den Thea­tern mehr­heit­lich ge­fäll­te Frei­spruch die Idee des Rechts­staats? Wie­gen wir uns wo­mög­lich nach­her in der trü­ge­ri­schen Si­cher­heit, dass die Moral über den Ter­ror sie­gen kann und sich künf­ti­ge Tä­ter ab­schre­cken las­sen?

Im ORF-The­men­abend wird nach dem Film über die­se Aspek­te dis­ku­tiert wer­den. „Das Stück stellt die Fra­ge, wie wir in Zu­kunft le­ben wol­len“, schrieb Schi­rach vor Er­schei­nen des Stücks im „Spie­gel“: „Wer­den wir uns für die Frei­heit oder die Si­cher­heit ent­schei­den? Wol­len wir, dass die Wür­de des Men­schen trotz der Ter­ror­an­schlä­ge noch gilt?“Ihr Ur­teil, bit­te!

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