Zum 125. Ge­burts­tag: Der Kai­ser im KHM, die »Wei­ber« feh­len

Ge­nau am mor­gi­gen Mon­tag – vor 125 Jah­ren – schritt der ers­te of­fi­zi­el­le Be­su­cher die Prunktrep­pen des na­gel­neu­en Kunst­his­to­ri­schen Mu­se­ums hin­auf. Es war Kai­ser Franz Jo­seph. Wir fol­gen ihm bei die­sem ers­ten Rund­gang durch un­ser al­ler Mu­se­um un­auf­fäl­lig.

Die Presse am Sonntag - - Kultur - VON AL­MUTH SPIEGLER

Es war na­tür­lich kein schnö­der Mon­tag, sonst wä­re viel­leicht auch der 61-jäh­ri­ge Kai­ser vor ver­schlos­se­nen KHM-Tü­ren ge­stan­den, denn Mon­tag ist hier Schließ­tag, und das war tat­säch­lich schon im­mer so. Nein, der 17. Ok­to­ber 1891, als das Kunst­his­to­ri­sche Mu­se­um of­fi­zi­ell er­öff­net wur­de, war ein Sams­tag und er war strah­lend son­nig – „und der hel­le Son­nen­schein, der die Sä­le mit vol­lem Licht er­füll­te, ver­herr­lich­te die­sen Tri­umph der hei­mi­schen Kunst mit sei­nem Strah­len­glan­ze“, wie die „Neue Freie Pres­se“vom Fest­akt be­rich­te­te. Vom „Mu­se­um für al­le“, wie das Mot­to des heu­ri­gen KHM-Ju­bi­lä­ums­jah­res lau­tet, war nicht die Re­de da­mals, es war eben son­nen­klar: Das über zwei Jahr­zehn­te lang er­bau­te schloss­ar­ti­ge Ge­bäu­de war die glo­rio­se Letzt­fas­sung von jahr­hun­der­te­lan­ger habs­bur­gi­scher Samm­lungs­tä­tig­keit, es war St­ein ge­wor­de­nes Sym­bol ul­ti­ma­ti­ver kai­ser­li­cher Re­prä­sen­ta­ti­on.

Das kos­te­te na­tür­lich auch et­was, und Kos­ten an sich wa­ren dem Kai­ser nie ge­heu­er, auch nicht beim KHM, wie Ar­chi­tekt Carl Ha­se­nau­er, der den Wett­be­werb da­mals ge­wann, von ei­ner Au­di­enz 1869 be­rich­te­te: Dem Herr­scher ha­be sein Ent­wurf zwar aus­ge­zeich­net ge­fal­len, „es wür­de nur schreck­lich viel Geld kos­ten“. Wahr­schein­lich dach­te er als Ers­tes al­so dar­an, als er an die­sem Sams­tag auf den schwarz-weiß in­tar­sier­ten Bo­den des Ves­ti­büls trat. Doch als sein Blick wie die Bli­cke al­ler hier Ein­tre­ten­den hin­auf­ge­zo­gen wur­de, durch das Oku­lus, den run­den Aus­schnitt in der De­cke, hin­durch in die dar­über­lie­gen­de Kup­pel, ent­kam es ihm dann doch: „Pracht­voll, wun­der­schön!“Ob der Ar­chi­tek­tur­be­geis­ter­te in die­sem Mo­ment die ko­lo­rier­ten Pla­ka­te über­haupt wahr­nahm, die rund­her­um im Ves­ti­bül an­ge­bracht wa­ren? „Will­kom­men!“hät­te er da in Gold auf ro­tem Grund le­sen kön­nen (sie­he Abb.). Punkt elf Uhr fuhr er vor. Nach Be­sich­ti­gung von Ägyp­ti­scher und An­ti­ker Samm­lung und Kunst­kam­mer ging es dann end­lich hin­auf über die Prunktrep­pe, be­glei­tet vom Ers­ten Oberst­hof­meis­ter, dem Oberst­käm­me­rer, dem Mi­nis­ter­prä­si­den­ten und Ar­chi­tekt Ha­se­nau­er, die den Kai­ser schon er­war­tet hat­ten, als er Punkt elf Uhr am Ma­ri­aThe­re­si­en-Platz vor­ge­fah­ren war mit En­tou­ra­ge. Man trug Ge­ne­rals­hut mit gro­ßem grü­nen Bu­schen und die so­ge­nann­te Cam­pa­gne-Uni­form ei­nes ös­ter­rei­chi­schen Feld­mar­schalls in deut­scher Ad­jus­tie­rung, er­klärt der Ar­chiv­di­rek­tor des KHM, Franz Pi­chor­ner, der ge­mein­sam mit Cäci­lia Bi­sch­off an­läss­lich des Fest­tags ei­ne klei­ne, fei­ne Ka­bi­nett­aus­stel­lung zur Bau­ge­schich­te des KHM ge­stal­tet hat.

Wie vie­le Stu­fen es wohl noch sind? Die Fra­ge al­ler Fra­gen, die sich seit­her Ge­ne­ra­tio­nen von Schul­kin­dern auf der KHM-Prunktrep­pe ge­stellt ha­ben, hat den Kai­ser an die­sem Sams­tag wohl we­ni­ger tan­giert (es sind 82). Er war be­kannt­lich eher der zä­he Typ, bei Sel­ten zu se­hen: Por­trät des jün­ge­ren Kai­sers von Zsig­mond Poll´ak, 1868 (l.). Rechts ein Ein­blick in das Stie­gen­haus mit Kai­ser­büs­te. strö­men­dem Re­gen, heißt es et­wa, war er 1877 mit Ar­chi­tekt Carl Ha­se­nau­er schon bis zur Spit­ze des Bau­ge­rüsts des KHM ge­klet­tert. Von dort sah er dann hin­un­ter auf die rie­si­ge Bau­stel­le des Kai­ser­fo­rums, das die neu­en Mu­se­en bau­lich mit der Hof­burg ver­bin­den soll­te, und ahn­te schon da­mals, was tat­säch­lich kam – dass es nicht voll­endet wer­den wür­de. Das sym­me­trisch an­ge­dach­te Kai­ser­fo­rum ist bis heu­te ein­sei­ti­ges Frag­ment, steht iro­ni­scher­wei­se aber ge­ra­de jetzt durch die Aus­weich-Par­la­ments-Con­tai­ner auf dem Hel­den­platz vor ei­ner „re­pu­bli­ka­ni­schen“Ach­sen­schlie­ßung.

Hielt der Kai­ser da kurz in­ne auf den wei­ßen Car­ra­ra-Mar­mor-Stu­fen? Viel­leicht auf dem zwei­ten Trep­pen­ab­satz, wo die Initia­len von ihm und sei­ner Frau so ver­spielt wie präch­tig an der Wand an­ge­bracht wur­den? Wei­ter oben schon sah der Herr­scher die zwei gro­ßen Lö­wen an der Trep­pen­keh­re, das Habs­bur­ger-Wap­pen in ih­ren Pran­ken hal­tend. So ge­stal­te­te sich der Auf­stieg für ihn wohl doch recht kurz­wei­lig. Und nein, die heu­te so do­mi­nan­te The­seus-Grup­pe war nicht da, son­dern noch dort, wo sie hin­ge­hör­te, im The­seus-Tem­pel im Burg­gar­ten. In zwei­ein­halb St­un­den war er durch. In der Ge­mäl­de­ga­le­rie an­ge­kom­men, war­te­te schon ihr ers­ter Di­rek­tor, Edu­ard Rit­ter von En­gerth, auf ihn, ein Gen­re­ma­ler. In der ers­ten Zeit wa­ren es Ma­ler, die die Ge­mäl­de­ga­le­rie lei­te­ten. Der Kai­ser, mehr be­kannt für sei­ne Lie­be zum Thea­ter denn zur Kunst, soll rasch die Sä­le durch­schrit­ten, nur im Ru­bens-Saal sich län­ger auf­ge­hal­ten ha­ben, wie die „Neue Freie Pres­se“be­rich­te­te. Was ihn fas­zi­nier­te aber war die Ober­licht-Tech­nik, im­mer wie­der schau­te er hin­auf und lob­te die Licht­ver­hält­nis­se. Der Grund üb­ri­gens da­für, dass das Mu­se­um im­mer nur bis 14 Uhr ge­öff­net war.

So ge­se­hen war der Kai­ser to­tal „in ti­me“, zwei­ein­halb St­un­den dau­er­te der Rund­gang nur, pünkt­lich um halb zwei war er im Kup­pel­saal, wo er al­le am Bau be­tei­lig­ten Künst­ler, In­dus­tri­el­len und Werk­meis­ter be­grüß­te, et­wa 200, die er sich al­le von Ha­se­nau­er vor­stel­len ließ. Der Ar­chi­tek­tur­ma­ler Ro­bert Rasch­ka hat die­sen Mo­ment fest­ge­hal­ten, das Bild aus dem KHM-Ar­chiv ist in der Ka­bi­nett­aus­stel­lung zu se­hen. Dem Kai­ser steht ei­ne Ar­mee be­frack­ter Her­ren ge­gen­über, Frau­en sucht man ver­geb­lich. Wo war Kai­se­rin Eli­sa­beth ei­gent­lich? Zu­min­dest in den ers­ten Jah­ren des KHM ist kein Be­such von ihr nach­weis­bar. Wo wa­ren die „Wei­ber“, die im „Bau­jour­nal“, das jetzt erst­mals tran­skri­biert wur­de, un­ter den Be­schäf­tig­ten der Bau­stel­le als ei­ge­ner Pos­ten ge­lis­tet sind? Bis zu 500 Per­so­nen wa­ren beim Bau be­schäf­tigt, die „Wei­ber“wa­ren wohl fürs Zie­gel- tra­gen oder an­de­re „leich­te“Hilfs­tä­tig­kei­ten zu­stän­dig. Bei der Er­öff­nung spiel­ten Frau­en kei­ne Rol­le mehr, we­der im Per­so­nal noch bei den aus­ge­stell­ten oder be­auf­trag­ten Künst­lern. Er ver­ließ das Haus un­ter Hoch­ru­fen. Im­mer­hin war es ex­pli­zit die „Ju­gend“, die man bei der Aus­ge­stal­tung des Mu­se­ums mit Skulp­tu­ren und De­cken­ma­le­rei för­dern woll­te. Den jun­gen Gus­tav Klimt et­wa, der an der De­cke des Stie­gen­hau­ses ar­bei­te­te. Ver­geb­lich aber sucht man sein Ge­sicht auf dem Rasch­ka-Bild des Künst­ler­emp­fangs. An­we­send wird er wohl ge­we­sen sein, al­le wa­ren es, meint Pi­chor­ner. Ei­ner fehl­te al­ler­dings, Gott­fried Sem­per, der deut- sche Ar­chi­tekt, der Ha­se­nau­er zur Sei­te ge­stellt wor­den war, um das KHM zu bau­en und der we­sent­lich den Ent­wurf über­ar­bei­tet hat­te, et­wa auch das kom­ple­xe Skulp­tu­ren­pro­gramm der Fas­sa­de kon­zi­pier­te. Im Streit mit Ha­se­nau­er war er schon 1876 aus dem Pro­jekt aus­ge­schie­den und ver­ließ da­mit auch Wi­en. 1879 war Sem­per in Rom be­reits ge­stor­ben. Wäh­rend man sich in Wi­en dar­über lus­tig mach­te, dass Ha­se­nau­er die Bau­stel­le nicht fer­tig brach­te. Zehn Jah­re au­ßen, zehn Jah­re in­nen wur­de ge­baut, es kur­sier­ten schon Ka­ri­ka­tu­ren dar­über. Sem­pers Söh­ne aber muss­ten bei der Er­öff­nung ver­zwei­felt um An­er­ken­nung der Leis­tun­gen ih­res Va­ters kämp­fen, sie ver­öf­fent­lich­ten dar­über ei­ne Schrift. Ha­se­nau­er- und Sem­per-Frak­ti­on wa­ren ein­an­der aber auch post­hum spin­ne­feind, sie ver­hin­der­ten et­wa lan­ge Zeit, so Pi­chor­ner, dass der ei­ne oder der an­de­re in Wi­en ei­nen Stra­ßen­na­men zu­er­kannt be­kam. Der Tag der Er­öff­nung aber ge-

»Pracht­voll, wun­der­schön. Aber was das nur wie­der kos­tet!« »Es ist al­les sehr schön. Der Bau ist eben­so schön als die Ein­tei­lung prak­tisch.« »Es war ein freu­di­ges Fest, das die neue, ju­gend­kräf­ti­ge Kunst Wi­ens fei­er­te.«

hör­te Ha­se­nau­er, der nicht von des Kai­sers Sei­te wich. Wor­auf die­ser ihm zu­letzt noch et­was für ihn sehr Ty­pi­sches sag­te: „Es ist al­les sehr schön aus­ge­fal­len. Der Bau ist eben­so schön als die Ein­tei­lung prak­tisch.“Na bit­te.

Un­ter „den stür­mi­schen Hoch­ru­fen der Ver­sam­mel­ten im Kup­pel­saal“ver­ließ der Kai­ser dann das Haus. Am nächs­ten Tag konn­te die gan­ze Mon­ar­chie über die Fei­er le­sen: „Es war ein freu­di­ges Fest, das die neue, ju­gend­kräf­ti­ge Kunst Wi­ens in dem von ihr für die Wer­ke der al­ten Kunst er­rich­te­ten und aus­ge­schmück­ten Pa­las­te fei­er­te.“In den nächs­ten Ta­gen durf­ten Tau­sen­de ein­ge­la­de­ne Gäs­te das Mu­se­um be­sich­ti­gen. Dann war der Ein­tritt frei – und bis Jah­res­en­de schon zähl­te man 211.335 Be­su­cher.

Es ist im­mer noch sehr schön. Und freut uns sehr.

Der­art hand­ko­lo­rier­te Will­kom­mens­grü­ße hin­gen an den ers­ten Er­öff­nungs­ta­gen im Ves­ti­bül des KHM.

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