Welt­schmerz in Eu­ro­pa

Beim Stei­ri­schen Herbst hat­te »Em­pi­re«, der fi­na­le Teil von Mi­lo Raus Tri­lo­gie, sei­ne ös­ter­rei­chi­sche Erst­auf­füh­rung. In­tel­li­gent ge­macht – und rüh­rend.

Die Presse am Sonntag - - Kultur - VON NOR­BERT MAY­ER

Der Be­griff Eu­ro­pa wur­de am Frei­tag im Schau­spiel­haus Graz er­wei­tert: Vier Prot­ago­nis­ten er­zähl­ten so per­sön­li­che wie auch bru­ta­le Ge­schich­ten in ih­rer Mut­ter­spra­che (mit deut­schen Über­ti­teln). Ne­ben dem lang schon auf dem Kon­ti­nent üb­li­chen Grie­chisch und Ru­mä­nisch wur­de Kur­disch und Ara­bisch ge­spro­chen.

Der Schwei­zer Künst­ler Mi­lo Rau denkt sich Eu­ro­pa groß­räu­mig und ge­schichts­be­wusst. Für ihn ist die­ser Kon­ti­nent voll im­pe­ria­ler Ver­gan­gen­hei­ten An­lass und Ziel von Flucht, da­von han­delt sei­ne Eu­ro­pa-Tri­lo­gie, de­ren Schluss­teil beim Stei­ri­schen Herbst die ös­ter­rei­chi­sche Erst­auf­füh­rung hat­te: „Em­pi­re“fo­kus­siert auf den Bür­ger­krieg in Sy­ri­en. Mit Im­pe­ri­um ist nicht die Su­per­macht USA ge­meint, nicht Russ­land, son­dern das al­te Eu­ro­pa, das ei­ne un­ge­heu­re Sog­wir­kung auf die Pe­ri­phe­rie aus­übt.

Die zwei St­un­den, die vor al­lem aus Er­in­ne­run­gen be­ste­hen, mit sanf­ter Mu­sik (Ele­ni Ka­rain­d­rou) un­ter­malt, il­lus­triert durch Bil­der und Film­se­quen­zen, ge­hen zu Her­zen. War das al­les echt? Oder wird hier nur ge­spielt? Vier au­ßer­ge­wöhn­li­che Schau­spie­ler las­sen tief bli­cken. Do­mi­nant ist Fa­mi­liä­res, er­zeugt wird mit In­nen­sicht All­ge­gen­wart, die­se Men­schen ver­ber­gen ih­re Schwä­chen nicht. Das Stück ist höchst in­tel­li­gent in­sze­niert, auch pa­the­tisch, un­an­ge­nehm, un­er­träg­lich, wenn zum Bei­spiel die Bil­der von To­ten, die vom sy­ri­schen Re­gime ge­fol­tert wur­den, groß­flä­chig und in Se­rie auf ei­ner Lein­wand ge­zeigt wer­den. Die Be­kennt­nis­se wir­ken au­then- tisch. Sie ver­ein­nah­men den Zu­se­her, zie­hen ihn auf die „rich­ti­ge“Sei­te der Ge­schich­te. Ja, wir sind die Gu­ten und wol­len al­le ei­ne bes­se­re Welt!

Das be­ein­dru­cken­de Quar­tett fin­det sich im ver­heer­ten sy­ri­schen Ort al-Qa­mish­li ein, na­he der Tür­kei und dem Irak. Man sieht ei­ne von Gra­na­ten be­schä­dig­te Fas­sa­de (Büh­ne: An­ton Lu­kas). Sie wird ge­dreht. Da­hin­ter liegt die Kü­che der Fa­mi­lie von Ra­mo Ali. Er ist nach Deutsch­land ge­flo­hen, kehrt kurz an den von ihm ge­zim­mer­ten Tisch zu­rück und er­zählt auf Kur­disch von sei­nen Er­fah­run­gen, von der Kind­heit, der für­sorg­li­chen Mut­ter, dem har­ten Va­ter, den vie­len Ge­schwis­tern, den Mo­na­ten in ei­nem sy­ri­schen Ge­fäng­nis. Über der Kü­che ist da­bei in Groß­auf­nah­me sein Ge­sicht ein­ge­blen­det. Je ei­ner der vier be­dient je­weils die Ka­me­ras, auch im Er­zäh­len wird häu­fig ab­ge­wech­selt. Man sieht auf der Lein­wand auch Fo­tos, die den Darstel­lern wich­tig sind. Was bleibt? So lau­fen Schick­sa­le ab: Der Sy­rer Ra­mi Khal­af, nach Paris ge­flo­hen, ist auf der Su­che nach sei­nem ver­schol­le­nen Bru­der, wie er auf Ara­bisch er­klärt. Was bleibt? Manch­mal eben nur ein Gruß der Mut­ter, den er auf sei­nem Smart­pho­ne auf­ge­zeich­net hat. Oder das Bild ei­nes To­ten, der sein Bru­der ge­we­sen sein könn­te. Das sind schwer er­träg­li­che Sze­nen. Da wirkt es auf­hel­lend, wenn der Grie­che Akil­las Ka­ra­zis­sis über grie­chisch-rus­si­sche Vor­fah­ren, deut­sche Wan­der­jah­re und die Thea­ter­zeit in Epidau­ros re­det. Er vor al­lem bringt „Em­pi­re“in den Kon­text an­ti­ker Tra­gö­di­en. „Ores- tie“, „Me­dea“. Auf die gro­ße Frem­de des Eu­ri­pi­des spielt auch Film­star Maia Mor­gens­tern an, die das Jü­di­sche Thea­ter in Bu­ka­rest lei­tet. Sie hat Er­fah­rung als Au­ßen­sei­te­rin. Sie und Ka­ra­zis­sis zei­gen auch Hu­mor, selbst wenn es um das KP-Re­gime in Ru­mä­ni­en oder die Jun­ta in At­hen geht.

Vier sym­pa­thi­sche Men­schen las­sen die Zu­se­her kurz in ih­ren Le­bens­raum. Man rückt ein­an­der nä­her, im herbst­li­chen Graz, mit­ten in Eu­ro­pa. Wä­re der Grund da­für – die mas­sen­haf­te Ver­trei­bung – nicht so de­pri­mie­rend, wä­re der An­spruch der Welt­ver­bes­se­rung mit­tels Schau­büh­ne nicht so hoch, könn­te man sa­gen: Es war ein wirk­lich un­ter­halt­sa­mer Abend. Be­leh­rend und ver­stö­rend ist das Fi­na­le von Mi­lo Raus Tri­lo­gie al­le­mal.

Marc Ste­phan

Brenn­punkt Sy­ri­en, v. l.: Ali, Mor­gens­tern, Ka­ra­zis­sis und Khal­af.

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