Wie er­zeugt man ei­nen ak­zep­ta­blen Män­ner­kör­per?

Wer auch im­mer 2018 Ös­ter­reichs Bun­des­kanz­ler sein wird, ei­nes steht fest: Zwei der in Fra­ge kom­men­den Her­ren fal­len auf durch gut ge­schnit­te­ne An­zü­ge. Es ist zu früh für ei­nen Nach­ruf auf den klas­si­schen Her­ren­an­zug, für die Ver­or­tung in der ge­sell­schaft

Die Presse am Sonntag - - Kunstmarkt - VON GÜN­THER HAL­LER

Burg­thea­ter, „Der Kauf­mann von Ve­ne­dig“, 1988. Wer das ge­se­hen hat, wird es nie ver­ges­sen: In ei­nem ge­nia­len Re­gie­ein­fall ließ Pe­ter Za­dek sei­ne fie­sen und schmie­ri­gen Kauf­leu­te im zwei­rei­hi­gen Ma­na­ge­r­an­zug mit Ak­ten­kof­fer und Gel im Haar auf die Büh­ne tre­ten und ihr bö­ses Spiel be­gin­nen. Za­dek spiel­te auf die Wall Street an, Sha­ke­speare aber hat hier – ver­ges­sen wir das ita­lie­ni­sche Am­bi­en­te ru­hig – sei­ne Zeit­ge­nos­sen por­trä­tiert, die bri­ti­schen mer­chants, die im 17. Jahr­hun­dert ih­ren Auf­stieg er­leb­ten und den ein­heit­li­chen An­zug für sich ent­deck­ten.

Die eng­li­schen Un­ter­neh­mer und Kauf­leu­te wa­ren stolz auf ih­re neu­ge­won­ne­ne ge­sell­schaft­li­che Po­si­ti­on, sie hat­ten es nicht nö­tig, durch aus­ufern­de Be­klei­dung wie die Aris­to­kra­ten ih­re ge­sell­schaft­li­che Macht zu de­mons­trie­ren. Sie hat­ten ei­nes ge­mein­sam: das In­ter­es­se am Markt­ge­sche­hen, sonst wa­ren sie kei­ne ganz ho­mo­ge­ne Grup­pe. Und ge­ra­de des­we­gen such­ten sie Ge­mein­sam­keit durch schlich­te, neu­tra­le Klei­dung, die den in­di­vi­du­el­len Er­folg ver­deck­te und grup­pen­bil­dend wirk­te. Feu­da­le Klei­dung wur­de von den mo­dern den­ken­den Män­nern nicht mehr ak­zep­tiert, Fleiß, Be­trieb­sam­keit und in­te­rests statt Lu­xus war das Ide­al.

Die Män­ner­klei­dung wur­de ein­heit­lich, sie ver­lor ih­re tra­di­tio­nel­len Aus­buch­tun­gen und Wei­ten, wur­de im Schnitt kör­per­be­tont und doch be- quem, schlicht und uni­form. Un­der­state­ment eben. „Gut ge­klei­det sein, heißt nicht auf­fal­len!“, so der Dan­dy Ge­or­ge Brum­mell. Der Gen­tle­man ging in den Club un­ter sei­nes­glei­chen, trenn­te sich im Pri­vat­le­ben stär­ker von sei­ner Ehe­frau. Par­al­lel da­zu wich in Stil, Stoff und Far­be die Klei­dung des Man­nes von der gra­zi­ös-fan­ta­sie­rei­chen der Da­men­welt ab. Prunk­vol­ler, aber un­be­que­mer Auf­wand wur­de den Frau­en über­las­sen, die in ih­ren Sa­lons ver­blie­ben und sich den Nar­re­tei-

Der An­zug als Er­run­gen­schaft der bür­ger­li­chen Ge­sell­schaft

Die wirt­schafts­his­to­ri­schen Hin­ter­grün­de kann man aus­führ­li­cher in dem übe­r­aus stoff­rei­chen Buch von An­ja Mey­er­ro­se „Her­ren im An­zug. Ei­ne trans­at­lan­ti­sche Ge­schich­te von Klas­sen­ge­sell­schaf­ten im lan­gen 19. Jahr­hun­dert“nach­le­sen. Er­schie­nen 2016 bei Böhlau, 359 Sei­ten. Die Au­to­rin lie­fert kei­ne Mo­de­ge­schich­te, son­dern ei­ne an­spruchs­vol­le wirt­schafts­his­to­risch­so­zio­lo­gi­sche Stu­die über den Her­ren­an­zug: „Die Grün­de für die Ve­rän­de­rung lie­gen in sei­ner Pro­duk­ti­on als Wa­re.“ en der weib­li­chen Mo­de zu­wen­den konn­ten. 1730 zeig­te sich ein fran­zö­si­scher Be­su­cher der In­sel er­staunt, wie schlicht hier die Män­ner be­klei­det wa­ren. Frei­lich: Die Stof­fe wa­ren übe­r­aus fein und edel, sie wa­ren aus Wol­le und Baum­wol­le, nicht mehr aus Sei­de, Samt oder Bro­kat, doch die dis­tin­gu­ier­te Vor­nehm­heit des Adels wur­de durch die Stoff­wahl nach­ge­ahmt.

Und Frank­reich? Hier wur­de der Kö­nig viel spä­ter ge­köpft als bei den Bri­ten, das feu­da­le Ge­wand do­mi­nier­te län­ger. In der Re­vo­lu­ti­on 1789 wur­den lan­ge Ho­sen und un­ge­pu­der­te Haa­re zum öf­fent­li­chen Be­kennt­nis, spä­tes­tens ab 1792 büß­te man das Tra­gen der hö­fi­schen Knie­ho­se (Cu­lot­te) mit dem Scha­fott. Die lan­gen Ho­sen ver­schaff­ten den Sans­cu­lot­ten ih­ren Na­men. Der Adel ver­lor sei­ne Pri­vi­le­gi­en, so wur­de sei­ne Klei­dung nicht mehr an­er­kannt, man such­te ein be­schei­de­nes und doch ed­les, dem Kör­per ge­mä­ßes Ge­wand an­stel­le der „lä­cher­li­chen, un­be­que­men und ver­rück­ten Klei­dung“. Graue Pu­ri­ta­ner. Der Herr im An­zug, der Bour­geois im schlich­ten dress coat, präg­te die ka­pi­ta­lis­ti­sche Ge­sell­schaft, was Lon­dons Her­ren­schnei­der ent­wi­ckelt hat­ten, die klas­si­sche Ein­fach­heit des mo­der­nen An­zugs, wur­de mit der Aus­brei­tung des eng­li­schen way of li­fe auch jen­seits der Gren­zen des Em­pi­re mit nur ge­ring­fü­gi­gen Mo­di­fi­ka­tio­nen ak­zep­tiert. Schließ­lich traf man da­mals in je­der Welt­ge­gend ei­nen eng­li­schen mer­chant. Slim fit war im 19. Jahr­hun­dert noch nicht an­ge­sagt, die An­zug­ja­cken, Frack oder Geh­rock, wa­ren groß­zü­gig ge­schnit­ten, sie wur­den wei­ter­ver­erbt und soll­ten auch der nächs­ten Ge­ne­ra­ti­on noch pas­sen, all­mäh­lich wur­den sie tail­lier­ter, fi­gur­be­tont.

Die Be­klei­dung wirk­te ni­vel­lie­rend, im Ge­gen­satz zur Hof­klei­dung, Uni­form oder Zunft­klei­dung konn­te sie je­der tra­gen, der sie be­zah­len konn­te. Wo im­mer sich in der Fol­ge ein ka­pi­ta­lis­ti­sches Wirt­schafts­sys­tem durch­setz­te, traf man auf den schlich­ten An­zug als uni­for­me Klei­dung. In den USA, wo es nie ei­ne feu­da­le Ge­sell­schaft ge­ge­ben hat­te, tru­gen über­haupt al­le Män­ner An­zü­ge, sie setz­ten sich schnell als All­tags­klei­dung durch, wur­den zur Uni­form der Mas­se, das wur­de durch die bil­li­gen Her­stel­lungs­kos­ten und die im­mer nied­ri­ge­ren Prei­se mög­lich. Hat En­g­land zwar den An­zug ent­wi­ckelt, in Ame­ri­ka wur­de sei­ne Pro­duk­ti­on ra­di­kal mo­der­ni­siert.

Es gab aber auch Ge­sell­schaf­ten, die sich ge­gen die­se Ni­vel­lie­rung stemm­ten, in de­nen die An­er­ken­nung nicht über den An­zug, son­dern über die Uni­form des Of­fi­ziers ver­lief, et­wa in der deut­schen, wo sich zu­nächst kei­ne Bour­geoi­sie wie in En­g­land ent­wi­ckel­te. Deutsch­land war das Land der Dich­ter und Den­ker, so schrieb ein Fürst der Dich­ter, Goe­the, mit sei­nem

Die Frau­en blie­ben in ih­ren Sa­lons und wid­me­ten sich den Nar­re­tei­en der Mo­de. Dress down hat sich trotz glo­ba­li­sier­ter Mo­de­trends an der Spit­ze nicht durch­ge­setzt.

Ro­man­hel­den Wer­t­her den Deut­schen die ein­fluss­reichs­te Män­ner­be­klei­dung auf den Leib. Wer­t­hers „Frack“, mo­dern ge­schnit­ten und vom eng­li­schen An­zug in­spi­riert, wur­de zur Kult­klei­dung. Im 19. Jahr­hun­dert wa­ren es dann vor al­lem Mi­li­tär­uni­for­men und die Uni­form der bür­ger­li­chen Be­ru­fe, die zur Aus- und Ab­gren­zung dien­ten, so un­ter­schied man sich vom Frem­den, aber auch vom Ar­bei­ter, der ei­nen An­zug trug. Rang­un­ter­schie­de wur­den in Deutsch­land nicht wie in En­g­land durch die Fein­heit des Stof­fes mar­kiert, son­dern durch Bor­dü­ren, Ab­zei­chen.

Durch den Ma­schi­nen­ein­satz in der Mit­te des 19. Jahr­hun­derts kam es zu ge­wal­ti­gen Um­wäl­zun­gen in der Be­klei­dungs­bran­che, die Pro­duk­ti­on von Män­ner­klei­dung wur­de ein wich­ti­ger Mo­tor der in­dus­tri­el­len Re­vo­lu­ti­on (Frau­en schnei­der­ten ih­re Be­klei­dung noch län­ger selbst). An­ja Mey­er­ro­se hat das in ih­rem viel­be­ach­te­ten neu­en Buch „Her­ren im An­zug“aus wirt­schafts­his­to­ri­scher Sicht prä­zi­se her­aus­ge­ar­bei­tet (sie­he Li­te­ra­tur­hin­weis). Woll­ten die Schnei­der, schreibt sie, an­ge­sichts der Mas­sen­pro­duk­ti­on über­le­ben, muss­ten sie ins Lu­xus- und Qua­li­täts­seg­ment wech­seln. So kam es zur Aus­dif­fe­ren­zie­rung des Schnei­der­hand­werks mit teu­rer Maß­an­fer­ti­gung für die Up­per­class und bil­li­ger Kon­fek­ti­ons­wa­re, das hat im

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