Cul­tu­re Clash

FRONTNACHRICHTEN AUS DEM KULTURKAMPF

Die Presse am Sonntag - - Geschichte - VO N MICHA­EL PRÜLLER

Kul­tur des To­des. Ein Ge­set­zes­vor­ha­ben der nie­der­län­di­schen Re­gie­rung zeigt: Wenn das Tö­ten von Men­schen le­gal und nor­mal wird, zieht es im­mer wei­te­re Krei­se.

Vor 15 Jah­ren er­hiel­ten die Ärz­te in den Nie­der­lan­den das Recht, un­heil­bar Kran­ke oder Men­schen mit un­er­träg­li­chen Schmer­zen auf de­ren Ver­lan­gen hin zu tö­ten. Geg­ner der Straf­frei­heit des „as­sis­tier­ten Sui­zids“warn­ten da­mals un­ter an­de­rem vor der „Slip­pe­ry Slo­pe“, der schie­fen Bahn: Bis­her war das Tö­ten von Men­schen ta­bu. Nun wer­de es mög­lich, wenn auch auf Aus­nah­me­fäl­le be­schränkt. Aber wenn es im­mer selbst­ver­ständ­li­cher wer­de, wür­den die Schran­ken nicht hal­ten. Das Tö­ten wer­de zur Norm, wenn Men­schen un­nütz, pfle­gein­ten­siv und teu­er wer­den. Dann wür­de ein sol­cher Druck auf die­sen Men­schen las­ten, dass sie sich nicht trau­en wür­den, sich für das Wei­ter­le­ben zu ent­schei­den – und da­mit hör­te die Eut­ha­na­sie auf, frei­wil­lig zu sein. Die er­hoff­te Er­wei­te­rung der Au­to­no­mie des Men­schen wür­de sich zu ei­nem mas­si­ven, ja le­ta­len Ein­griff in sei­ne Frei­heit ver­wan­deln.

Un­sinn, sag­ten da­mals die Be­für­wor­ter. Wie­so soll­ten wir spä­ter ein­mal Un­recht zu­las­sen, nur weil wir jetzt das Recht er­wei­tern? Of­fi­zi­el­le Stu­di­en ka­men 2009 und 2010 zum Schluss, dass es tat­säch­lich mit jähr­lich rund 4000 Fäl­len nicht mehr as­sis­tier­te Sui­zi­de gä­be als bei der Ein­füh­rung des Ge­set­zes 2001. Dass man die Tö­tung auf Ver­lan­gen aus dem recht­li­chen Dun­kel­be­reich in die Le­ga­li­tät ge­holt ha­be, hät­te kei­ne Slip­pe­ry-Slo­pe-Ef­fek­te ge­habt.

Mitt­ler­wei­le steigt aber die Zahl der Fäl­le, 2015 wa­ren es schon 5516. Nun hat der Jus­tiz­mi­nis­ter ei­nen Ge­set­zes­ent­wurf ein­ge­bracht, der al­len Bür­gern das Recht auf Tö­tung durch den Arzt ge­ben soll, egal, ob sie krank sind oder Schmer­zen ha­ben. Aus­drück­lich spricht man von Leu­ten, die ihr Le­ben „als voll­endet an­se­hen“. Be­grün­det wird das un­ter an­de­rem da­durch, dass bloß „Le­bens­mü­de“auch jetzt schon im­mer wie­der als Eut­ha­na­sie­pa­ti­en­ten ak­zep­tiert wer­den. Au­ßer­dem sei es oft schwie­rig zu ent­schei­den, wie un­heil­bar ei­ne Krank­heit oder un­er­träg­lich ein Schmerz sei.

In den Nie­der­lan­den ge­wöhnt man sich al­so dar­an, dass im­mer mehr Nach­barn, Ver­wand­te ih­rem Le­ben ein En­de ma­chen. Frü­her hat man ver­sucht, das zu ver­hin­dern. Wenn es zu spät war, frag­te man sich, ob man nicht et­was hät­te tun kön­nen. Wird man bald sa­gen: „Machst du es eh mit dem Arzt und nicht mit dem Strick, so­dass wir dich nicht run­ter­schnei­den müs­sen?“Und der Arzt darf künf­tig wäh­len, ob er sei­ner Pa­ti­en­tin ein An­ti­de­pres­si­vum oder die Gift­sprit­ze emp­feh­len soll: Ihr Le­ben zahlt sich ja doch nicht mehr aus! Das ist für sich schon be­un­ru­hi­gend ge­nug, selbst wenn die schie­fe Bahn letzt­end­lich doch nicht bis zum staat­lich ver­ord­ne­ten Tod füh­ren soll­te. Der Au­tor war stv. Chef­re­dak­teur der „Pres­se“und ist nun Kom­mu­ni­ka­ti­ons­chef der Erz­diö­ze­se Wi­en.

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