»Es war ein Blick in die Welt hin­aus«

Fast fünf Jahr­zehn­te lang war Eli­sa­beth Waltz-Ur­ban­cic Büh­nen­bild­ne­rin für Thea­ter, Film und Fern­se­hen. Jetzt hat sie ih­re Er­in­ne­run­gen auf­ge­schrie­ben. Ein Ge­spräch über ih­re Kind­heit als Toch­ter ei­nes Psy­cho­ana­ly­ti­kers und ei­nes Burg­thea­ter-Stars, Be­rufs

Die Presse am Sonntag - - Letzte Fragen - VON TE­RE­SA SCHAUR-WÜNSCH

Man hat das Ge­fühl, die ein­zi­ge Kon­stan­te in Ih­rem Le­ben war das Haus hier in Grin­zing. Eli­sa­beth Waltz-Ur­ban­cic: Ja. Ich bin von hier sehr jung weg­ge­gan­gen, mit 22, und bin vor zehn, 15 Jah­ren zu­rück­ge­kehrt. Mei­nen Al­ters­sitz ha­be ich zu Hau­se. Und auch für mei­ne Kin­der und En­kel ist das die Kon­stan­te, weil sie auf der gan­zen Welt ver­streut sind. Al­le tref­fen sich hie und da wie­der in Grin­zing. Wie lang ist das Haus in Fa­mi­li­en­be­sitz? Nicht so lang. Mei­ne Mut­ter hat es 1927 ge­kauft, da war ich zwei Jah­re alt. Aber ich ken­ne die Fa­mi­lie, die vor­her hier ge­wohnt hat. Ich weiß nicht, ob Ih­nen Bru­der Da­vid St­eindl-Rast et­was sagt, ein Be­ne­dik­ti­ner­mönch. Des­sen Groß­mut­ter war die Be­sit­ze­rin. Sein Groß­va­ter hat im Gar­ten ei­ne klei­ne Ka­pel­le ge­baut, die noch da steht. Er war un­längst ein­mal da und hat mir das er­zählt. Sie sind früh weg­ge­gan­gen – aus Neu­gier, oder war es ei­ne Flucht aus Wi­en? Bei­des. Vor al­lem war Paris, zu der Zeit, als ich das Sti­pen­di­um be­kom­men ha­be, die Kunst­me­tro­po­le. Das kann man heu­te nicht mehr nach­voll­zie­hen. Ich bin dann nach Deutsch­land ge­gan­gen, da hat man mich an­ge­schaut, als ob ich vom Mond kä­me, weil ich das Glück ge­habt ha­be, in Paris zu sein. So ha­be ich mei­nen Job in München be­kom­men, bei ei­nem der da­mals bes­ten jun­gen mo­der­nen Büh­nen­bild­ner, dem Wolf­gang Zna­me­nacek. Büh­nen­bild ist die zwei­te Kon­stan­te, da­bei woll­ten Sie es gar nicht ma­chen. Ei­gent­lich nicht, ich bin da so hin­ein­ge­schlit­tert, und dann war ich heil­froh und hab mei­nen Be­ruf wirk­lich mit Freun­de und Lei­den­schaft aus­ge­übt. Aber am An­fang woll­te ich nicht hin­ein. Weil Sie ins­ge­heim doch gern Schau­spie­le­rin ge­wor­den wä­ren? Ja, das war mit 16, 17, und es ist eben nicht ge­glückt. Aber ich war auch wirk­lich nicht da­für be­stimmt, sonst hät­te ich mich mehr da­hin­ter­ge­setzt. Ich hab ei­ne Ab­sa­ge be­kom­men, oder ei­ne nicht so be­geis­ter­te Zu­sa­ge, und da­mit war’s für mich er­le­digt. Ich woll­te Bu­ch­il­lus­tra­ti­on oder Ka­ri­ka­tu­ren ma­chen, für rei­ne Ma­le­rei hab ich mich zu we­nig be­gabt ge­fühlt. Und dann bin ich in die­sen Be­ruf hin­ein­ge­kom­men, und er hat mir viel Freu­de ge­macht. Man hat da­mals im­mer ge­fragt: „Ha­ben Sie nicht Schwie­rig­kei­ten, weil Sie ei­ne Frau sind?“Ich hab ge­ant­wor­tet: „Nein, wenn ein Mann ge­nom­men wird, war er halt bes­ser als ich.“Ich hab auch nie, nie, nie das Ge­fühl ge­habt, zu­rück­ge­setzt zu sein, wie es in an­de­ren Be­ru­fen vor­kommt. Wo­her kam Ihr Selbst­ver­ständ­nis? Das kann ich nicht sa­gen. Ich ha­be die­se Eman­zen im­mer lä­cher­lich ge­fun­den, für mich war es selbst­ver­ständ­lich. Da­durch, dass ich so früh ver­wit­wet war, ha­be ich sehr schnell ge­lernt, selbst­stän­dig sein zu müs­sen. Aber ich hab auch vor mei­ner Hei­rat ge­ar­bei­tet . . . . . . und mit vier Kin­dern wei­ter­ge­macht. Ja, und Gott sei Dank, das wä­re sonst schlecht ge­we­sen. Der jüngs­te war fünf, als mein Mann starb. Vie­le Frau­en, die wirk­lich nur Haus­frau­en sind, fal­len dann ja voll­kom­men in ein Loch. Ich ha­be auch im­mer mei­ne ei­ge­nen Freun­de ge­habt, auch wäh­rend der Ehe. Ih­re ei­ge­ne Mut­ter war ein Burg­thea­ter-Star. Wäh­rend der ganz gro­ßen Zeit mei­ner Mut­ter war ich ein Kind, aber ich kann mich schon er­in­nern, dass die Leu­te ge­sagt ha­ben, da geht die May­en, oder dass wir beim Büh­nen­türl hin­ten hin­aus­ge­gan­gen sind, weil vorn die Au­to-

1925

wur­de Eli­sa­beth Waltz-Ur­ban­cic als Toch­ter der Schau­spie­le­rin Ma­ria May­en und des Psy­cho­ana­ly­ti­kers Ru­dolf Ur­bant­schitsch in Wi­en ge­bo­ren.

Von 1944 bis 1948

stu­dier­te sie in der Aka­de­mie der Bil­den­den Küns­te in der Büh­nen­bild­klas­se von Emil Pir­chan. Als Ko­s­tüm- und Büh­nen­bild­ne­rin ar­bei­te­te sie v. a. in München für Thea­ter, Fern­se­hen und Film („Im wei­ßen Rößl“, „Das Wirts­haus im Spes­sart“).

1956

wur­de ihr Sohn Chris­toph ge­bo­ren, das drit­te ih­rer vier Kin­der mit dem Büh­nen­bild­ner Jo­han­nes Waltz. Nach des­sen Tod leb­te sie mit dem Kom­po­nis­ten Alex­an­der St­ein­bre­cher, dem Stief­va­ter von Micha­el Ha­n­eke.

Am 17. Ok­to­ber

wird ihr Buch „Vier Kin­der und ein Zei­chen­tisch“mit Bar­ba­ra Cou­den­ho­ve-Kal­er­gi um 19.30 Uhr in der Buch­hand­lung Kup­pitsch prä­sen­tiert. gramm­jä­ger ge­stan­den sind. Aber ich ha­be mei­ne Mut­ter we­nig ge­se­hen. In der Volks­schu­le ha­ben die Kin­der ge­sagt: „Heut geht mei­ne Mut­ter weg, da hab ich frei!“Ich hab mir ge­dacht, wenn mei­ne Mut­ter nur end­lich ein­mal zu Hau­se wär . . . Aber die Dis­kre­panz zwi­schen Be­ruf und Fa­mi­lie ist oft schwie­rig. Ich hab heu­te noch ein schlech­tes Ge­wis­sen, dass ich mich, als mei­ne Kin­der klein wa­ren, nicht ge­nug ge­küm­mert hab. Ihr Va­ter kam aus ei­ner ganz an­de­ren Ecke. Mein Va­ter hat Me­di­zin ge­macht und ist dann zur Psy­cho­ana­ly­se ge­kom­men. Freud und die al­le ha­ben hier ver­kehrt. Er hat sich spä­ter von Freud ab­ge­wandt. Und als ich elf war, ist er nach Ame­ri­ka ge­gan­gen. Nach dem Krieg ist er kurz auf Be­such ge­kom­men, aber er war für mich ein Frem­der. Kei­ne Va­ter­fi­gur für mich, nicht im Ge­rings­ten. Ich ha­be ihn neu­gie­rig be­ob­ach­tet, aber ei­ne emo­tio­na­le Bin­dung ha­be ich nicht ge­habt. Wie hat er das als Ana­ly­ti­ker ge­se­hen? Als er zu­rück­ge­kom­men ist, hat er mich so­fort nach mei­nem Lie­bes­le­ben ge­fragt. Was halt so ein Psy­cho­ana­ly­ti­ker ma­chen muss. Dann hat er mei­nen spä­te­ren Mann ken­nen­ge­lernt und er­zählt, er hät­te mich ver­lobt, was zu die­ser Zeit noch nicht ge­stimmt hat. Feh­len­de Bin­dung war eher kein The­ma? Nein, das war nicht in­ter­es­sant. Er hat mir von sei­nen Fäl­len er­zählt, aber nach mei­nem wirk­li­chen Be­fin­den hat er mich nicht ge­fragt. Was hal­ten Sie denn heu­te von der Psy­cho­ana­ly­se? Ich hab mich nicht da­mit be­schäf­tigt, weil ich es als jun­ges Mäd­chen schwer ab­ge­lehnt ha­be. Ich hab ei­ni­ge sei­ner Bü­cher ge­le­sen. Sei­ne gro­ßen Rat­schlä­ge hat er in kei­ner Wei­se be­rück­sich­tigt. Was ha­ben Sie ver­sucht, Ih­ren ei­ge­nen Kin­dern mit­zu­ge­ben? Welt­of­fen­heit? Ja, und auch ei­ne ge­wis­se Re­li­gio­si­tät, was nicht sehr ge­f­ruch­tet hat. Was mich heu­te auch ei­gent­lich be­drückt, ist, dass ich mich nicht ge­nü­gend dar­um ge­küm­mert hab. Die Bu­ben sind ja zu­erst ins The­re­sia­num ge­gan­gen, was ei­ne ziem­lich schreck­li­che Zucht­an­stalt war. Es war da­mals wie in ei­ner Ka­ser­ne. Ich hab das erst spä­ter mit­ge­kriegt. Da ist Ih­re ei­ge­ne Schu­le, die Neu­land­schu­le, ja schon wei­ter ge­we­sen. Viel wei­ter. Die Neu­land­schu­le war ei­ne sehr of­fen ka­tho­li­sche Schu­le. Mei­ne Re­li­gio­si­tät war im­mer sehr öku­me­nisch ori­en­tiert. Als ich nach München ge­kom­men bin, war ich er­staunt, wie eng­stir­nig der bay­ri­sche Ka­tho­li­zis­mus war. Ent­setz­lich. In der Schu­le dort hat es drei Klas­sen ge­ge­ben, ei­ne ka­tho­li­sche, ei­ne evan­ge­li­sche und ei­ne Ge­mein­schafts­klas­se. Wir ha­ben die Kin­der na­tür­lich in letz­te­re ge­schickt. Da hab ich Bro­schü­ren von der Pfar­rei be­kom­men, pri­mi­tivst ge­macht, dass die Kin­der in die Höl­le kom­men, wenn sie in die­se Klas­se ge­hen. Über die Neu­land­schul­ver­bin­dung sind Sie 1945 auch nach Alp­bach ge­kom­men. Ich war in Ti­rol, vor den Rus­sen ge­flüch­tet, und bin nach Hall ge­trampt, wo ich ge­hams­tert hab. Dort ha­be ich ei­nen Pro­fes­sor aus der Schu­le ge­trof­fen, der zu den ers­ten Hoch­schul­wo­chen ein­ge­la­den war und ge­meint hat: „Komm doch mit, Ot­to und Fritz Mol­den sind doch auch in die Neu­land­schu­le ge­gan­gen.“Ot­to war stink­sau­er. Nun muss man wis­sen, da­mals war die Ver­pfle­gung ein Rie­sen­pro­blem. Ich kann mir schon vor­stel­len, dass der über je­den neu­en Es­ser ent­setzt war. Wie war die­ses ers­te Alp­bach? Ein le­bens­ver­än­dern­des Er­leb­nis. Wir . . ., ob Sie im­mer auch Ih­ren Mäd­chen­na­men ge­führt ha­ben? Ja, ich hab im­mer zwei Na­men ge­habt. Ich hab schon un­ter Ur­ban­cic ge­ar­bei­tet, be­vor ich ver­hei­ra­tet war. Im Thea­ter ha­ben vie­le gar nicht ge­wusst, dass ich Waltz hei­ße. Die Leu­te vom Thea­ter und mei­ne Kin­der nen­nen mich im­mer Ci­ci – von Ur­ban­cic. . . ., ob Sie Qu­en­tin Ta­ran­ti­no ge­trof­fen ha­ben? Nein. Aber das Fo­to im Buch woll­ten sie un­be­dingt drin­nen ha­ben. Ob das Buch sich dann bes­ser ver­kauft? Ich weiß es nicht. . . ., wel­che Wün­sche Sie ha­ben? Dass es mei­nen Kin­dern gut geht und sie im­mer gut zu­sam­men­hal­ten. Sonst bin ich wunsch­los glück­lich. Ich bin dank­bar, dass ich im Krieg auf­ge­wach­sen bin – weil ich ge­lernt ha­be, dass die Din­ge nur Leih­ga­ben sind. Ich bin froh mit dem Haus und dem Gar­ten, aber wenn’s pfutsch ist, ist es halt pfutsch. Aber na­tür­lich muss man das Ge­fühl ha­ben, von oben ge­hal­ten zu sein, sonst geht’s nicht so gut. wa­ren ein­ge­engt, be­spit­zelt von den Na­zis, man hat nichts von den an­de­ren ge­wusst. Plötz­lich wa­ren da Schwei­zer, Fran­zo­sen von der Be­sat­zung und Ame­ri­ka­ner. Es war ein Blick in die Welt hin­aus. Ot­to Mol­den woll­te die­ses Uni­ver­si­täts­wis­sen auf­bre­chen, wo nur ein Pro­fes­sor do­ziert. Wir hat­ten Ar­beits­krei­se, sind auf ei­ner Wie­se um den Pro­fes­sor ge­ses­sen und ha­ben dis­ku­tiert. Das wa­ren wirk­lich of­fe­ne Ge­sprä­che. Und dann war’s na­tür­lich auch wahn­sin­nig lus­tig. Die ers­ten zwei Alp­ba­che wa­ren um­wer­fend. Ich war nur bis 1950 je­des Jahr dort, dann war ich im Be­ruf und bin nur spo­ra­disch zu Ju­bi­lä­en ge­kom­men: zum Zehn-Jahr- und zum 50-Jahr-Ju­bi­lä­um. Jetzt war schon das 70-Jahr-Ju­bi­lä­um. Schreck­lich. Was wur­de aus Ih­rem eu­ro­päi­schen Traum? Lei­der Got­tes nicht gar so viel. Mit der EU hat er sich ja mehr oder we­ni­ger ver­wirk­licht. Aber was da jetzt pas­siert, ist trau­rig, die­se Strei­te­rei­en. Die Flücht­lin­ge sind ein Pro­blem, aber dass kei­ner be­reit ist, auch nur ei­ne ge­wis­se Quo­te zu neh­men ist doch ent­setz­lich. Zum Schluss muss ich Sie doch noch nach dem ei­nen Ih­rer vier Kin­der fra­gen. Na­tür­lich, dem Chris­toph. Wie war er so als Kind? Ach Gott, ein lus­ti­ger und schlim­mer Bub. Kei­ne Be­son­der­hei­ten. Er ist früh weg­ge­gan­gen. Er war noch nicht mit dem Se­mi­nar fer­tig, da hat er schon sei­nen ers­ten Film ge­dreht ge­habt. Dann hat er sei­ne Ga­ge un­ter den Arm ge­nom­men und ist zu Lee Stras­berg nach New York. Das an­de­re steht im In­ter­net. Er gilt als recht spitz­zün­gig. Ja. Vor al­lem ist er sehr schlag­fer­tig. Mir fal­len die gu­ten Ant­wor­ten im­mer erst ei­nen Tag spä­ter ein. Er war im­mer schon sehr schnell.

Cle­mens Fa­b­ry

Eli­sa­beth Waltz-Ur­ban­cic in ih­rem El­tern­haus in Grin­zing, in dem die 91-Jäh­ri­ge heu­te lebt.

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