Un­garns schwie­ri­ges Ge­den­ken an 1956

Vor 60 Jah­ren er­ho­ben sich die Un­garn ge­gen Fremd­herr­schaft und Dik­ta­tur. Es war ein Au­gen­blick na­tio­na­ler Frei­heit und Ein­heit. Das Ge­den­ken aber bleibt ge­spal­ten.

Die Presse am Sonntag - - Ausland - VON B O R I S K A´ L N O K Y

Die Män­ner im rus­si­schen Pan­zer flu­chen wüst – geht es jetzt nach rechts oder links? Die Chefs ha­ben ih­nen kei­ne Kar­ten ge­ge­ben für die­sen Kampf ge­gen die un­ga­ri­schen Fa­schis­ten. Da vorn – ei­ne jun­ge Frau. „Knal­len wir sie ab, die Fa­schis­ten­nut­te.“Sie winkt aber, spricht rus­sisch, ist schön, und letzt­lich öff­nen die Sol­da­ten die Lu­ke, um mit ihr zu schä­kern. Der Lohn ist we­nig spä­ter ein Mo­lo­tow­cock­tail ins In­ne­re des Pan­zers, zum Ruf „Oros­zok ha­za!“(„Rus­sen nach Hau­se!“)

Die Sze­ne in 360-Grad-3D-Vi­deo­tech­nik ist Teil ei­ner Son­der­aus­stel­lung im Bu­da­pes­ter Dik­ta­tur­mu­se­um Haus des Ter­rors zum 60-jäh­ri­gen Jah­res­tag des un­ga­ri­schen Volks­auf­stands 1956. Man fühlt sich, als sei man mit­ten drin im da­ma­li­gen Ge­sche­hen, aber es ist ge­stellt, nach­emp­fun­den. Auch der Be­trach­ter soll emp­fin­den, da­zu­ge­hö­ren, das Be­wusst­sein mo­ra­li­scher Über­le­gen­heit ge­gen­über dem Bö­sen, das be­flü­geln­de Ge­fühl na­tio­na­ler Ein­heit und Frei­heit. Die Frau ist schön, gut, klug und un­ga­risch, die Rus­sen sind häss­lich, dumm, bö­se und rus­sisch. Wir, die Gu­ten, ge­gen sie, die Bö­sen.

„Ein Wil­le – das Jahr der Frei­heit“lau­tet das Mot­to des Ge­den­kens, das nach dem Wil­len der un­ga­ri­schen Re­gie­rung erst­mals über­haupt „wür­dig“an die da­ma­li­gen Er­eig­nis­se er­in­nern soll. Es ist näm­lich so: Die­ses Ge­fühl von da­mals, Frei­heit, Ein­heit und so wei­ter – es kam nie wie­der.

Ganz be­son­ders ist es ver­schwun­den, seit Un­garn frei ist von den Rus­sen und vom Kom­mu­nis­mus. Die Wen­de selbst war na­tür­lich ein Mo­ment der Hoff­nung, aber aus­ge­han­delt wur­de sie am Run­den Tisch, die al­ten Eli­ten blie­ben in an­de­rer Form, das Volk nahm nicht teil am Sys­tem­wech­sel.

Heu­te wie 1956 nen­nen Un­garns Lin­ke die Kon­ser­va­ti­ven gern „Fa­schis­ten“und „Ras­sis­ten“. Und wie 1956 nen­nen die na­tio­nal ge­sinn­ten Kon­ser­va­ti­ven die Lin­ken gern „Va­ter­lands­ver­rä­ter“. Kein ein­zi­ges Mal seit der Wen­de ha­ben die po­li­ti­schen Par­tei­en des neu­en, frei­en Un­garn des Frei­heits­kamp­fes von 1956 ge­mein­sam ge­dacht. Aber al­le wol­len die wah­ren Er­ben von 1956 sein. Ge­den­ken als Wen­de­punkt. 2006, als sich der Auf­stand zum 50. Mal jähr­te, ufer­ten die Ge­denk­ver­an­stal­tun­gen in bru­ta­le Stra­ßen­schlach­ten aus. Die da­ma­li­ge so­zia­lis­ti­sche Re­gie­rung mo­bi­li­sier­te al­le Po­li­zei­re­ser­ven und ließ sie mit Knüp­peln und Gum­mi­ge­schos­sen auf De­mons­tran­ten der kon­ser­va­ti­ven Op­po­si­ti­on los. Ein zum Ge­denk­tag in der Stadt­mit­te aus­ge­stell­ter rus­si­scher T-34-Pan­zer wur­de von ei­nem Pen­sio­nis­ten na­mens Györ­gy Hor­vath´ ge­ka­pert, der den Auf­stand 1956 als 15-Jäh­ri­ger mit­er­lebt hat­te. Er star­te­te den Pan­zer und fuhr da­mit auf die Po­li­zei los – ei­ni­ge Mi­nu­ten lang schien es, als sei 1956 wie­der da. Für vie­le Zeit­zeu­gen sah es so aus, als prü­gel­ten die En­kel der Kom­mu­nis­ten – die da­ma­li­ge so­zia­lis­ti­sche Re­gie­rung – auf die En­kel der Auf­stän­di­schen ein.

Es war ein psy­cho­lo­gi­scher Wen­de­punkt, der da­zu bei­trug, dass die So­zia­lis­ten die nächs­ten Wah­len ver­lo­ren und der jet­zi­ge Mi­nis­ter­prä­si­dent, Vik­tor Or­ban,´ an die Macht kam. Er will nun mit ei­nem um­fang­rei­chen Ver­an­stal­tungs­pro­gramm den Auf­stand von 1956 vor al­lem der Ju­gend na­he­brin­gen, als Hel­den­epos – un­ter an­de­rem mit ei­nem gro­ßen Rock­kon­zert in der Pap­pLaszl´o-´Sport­are­na. „Wir wol­len vor al­lem die un­ga­ri­schen Hel­den des Auf­stands in den Vor­der­grund stel­len“, sagt die His­to­ri­ke­rin Ma­ria´ Schmidt, die zu­sam­men mit dem Mi­nis­ter für Hu­m­an­res­sour­cen, Zol­tan´ Ba­log, die Ge­denk­ver­an­stal­tun­gen or­ga­ni­siert.

Da schwingt ei­ne un­aus­ge­spro­che­ne Bot­schaft mit: Die un­ga­ri­sche Hel­den­na­ti­on, das will die Re­gie­rungs­par­tei Fi­desz ver­kör­pern, und die Füh­rungs­fi­gur die­ser Hel­den­na­ti­on will Or­ban´ selbst sein. Ge­schich­te soll be­nutzt wer­den, um Na­tio­nal­be­wusst­sein zu bil­den, und das wie­der­um soll hel­fen, po­li­ti­sche Macht­struk­tu­ren zu stär­ken.

Bei all dem soll erst­mals auch die Op­po­si­ti­on ins Boot ge­holt wer­den: „Wir wün­schen uns ein ge­mein­sa­mes Ge­den­ken al­ler Par­tei­en“, sagt Mi­nis­ter Ba­log und er­wähnt Ge­sprä­che so­wie die Be­reit­schaft der Re­gie­rung, auf Kom­pro­mis­se bei der Ver­fas­sung ei­ner ge­mein­sa­men Er­klä­rung ein­zu­ge­hen.

Un­garns Lin­ke und Li­be­ra­le hin­ge­gen wol­len der Ju­gend ein­re­den, dass Or­ban´ der neue Dik­ta­tor ist, und dass frei­heits­lie­ben­de Ma­gya­ren sich zum Jah­res­tag der Re­vo­lu­ti­on ge­gen ihn er­he­ben müss­ten.

Meh­re­re Op­po­si­ti­ons­par­tei­en ha­ben ih­re An­hän­ger auf­ge­for­dert, zur Ge­denk­ver­an­stal­tung am Sonn­tag zu kom­men und Or­ban´ aus­zupfei­fen, wenn er im Bei­sein des pol­ni­schen Staats­chefs, An­drzej Du­da, sei­ne Re­de hält. Die Re­gie­rung re­agiert mit ei­ner War­nung, dass „be­zahl­te Pro­vo­ka­teu­re“die Ver­an­stal­tung stö­ren könn­ten, und die Po­li­zei plant Schutz­maß­nah­men we­gen „Ter­ror­ge­fahr“. Ab­ge­se­hen da­von wird es ein Ge­gen­ge­den­ken der Op­po­si­ti­ons­par­tei­en ge­ben. Die Span­nung lädt sich auf, ein we­nig wie 2006.

Auch im Aus­land ist ein wür­di­ges ge­mein­sa­mes Ge­den­ken kaum mög­lich. Al­le Welt sieht zwar 1956 als Licht­punkt der un­ga­ri­schen Ge­schich­te, und Bu­da­pest will den Lands­leu­ten in der Dia­spo­ra, de­ren El­tern oder Groß­el­tern da­mals flo­hen, mit vie­len Ver­an­stal­tun­gen das Be­wusst­sein da­für schär­fen, dass sie Un­garn sind. Selbst wenn sie die Spra­che schon nicht mehr spre­chen. Und, ne­ben­bei, dass sie die Staats­bür­ger­schaft be­kom­men und an Wah­len teil­neh­men kön­nen. Aus­landsun­garn sind Orb­ans´ treu­es­te Wäh­ler.

Zur zen­tra­len Ver­an­stal­tung in den USA kom­men aber kei­ne rang­ho­hen Ver­tre­ter der ame­ri­ka­ni­schen Re­gie- rung. Ei­ne Ohr­fei­ge, um zu zei­gen, wie we­nig man von der Re­gie­rung Orb­ans´ hält. In Mün­chen sorg­te Orb­ans´ Er­schei­nen zur Ge­denk­ver­an­stal­tung für em­pör­te Stel­lung­nah­men di­ver­ser deut­scher Op­po­si­ti­ons­po­li­ti­ker. Flücht­lin­ge da­mals und heu­te. Und dann ist da die Flücht­lings­kri­se: Gern wirft man Or­ban´ vor, er las­se kei­ne Flücht­lin­ge ins Land, ob­wohl da­mals 200.000 un­ga­ri­sche Flücht­lin­ge von an­de­ren Län­dern auf­ge­nom­men wur­den. Mi­nis­ter Ba­log sieht das ganz an­ders. Im Ge­gen­satz zu den heu­ti­gen Flücht­lin­gen hät­ten sich die Un­garn da­mals brav in de­si­gnier­te Flücht­lings­la­ger im be­nach­bar­ten Ös­ter­reich be­ge­ben und schön ge­war­tet, bis di­ver­se Re­gie­run­gen die Er­laub­nis er­teil­ten, dort­hin aus­zu­wan­dern. Wenn die heu­ti­gen Flücht­lin­ge sich so ver­hiel­ten wie die Un­garn 1956, und auch das heu­ti­ge Eu­ro­pa so wie da­mals, so meint er, dann wä­re die Flücht­lings­kri­se gar kein Pro­blem. 1956 hät­ten die Un­garn Eu­ro­pa ge­gen den Kom­mu­nis­mus ver­tei­digt, und heu­te ge­gen il­le­ga­le Mas­sen­ein­wan­de­rung.

Auch im Aus­land ist ein wür­di­ges Ge­den­ken an 1956 kaum mög­lich.

Reu­ters

Der un­ga­ri­sche Re­gie­rungs­chef Vik­tor Orb´an bei der Lek­tü­re ei­ner Zei­tung in Bu­da­pest.

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