Das Le­ben im Schat­ten des Hit­ler-Hau­ses

Un© wie©er ist ©Żs Geãurts­hŻus A©olf Hit­lers in BrŻun­Żu gro­ßes The­mŻ in ©er ´ltes­ten un© größ­ten StŻ©t ©es Inn­vier­tels. DŻss künf­tig ©ie »Wie©er­er­ken­nung« un­mög­lich wer©en soll, ãe­trŻch­ten vie­le Be­woh­ner Żls kon­trŻ­pro©uk­tiv.

Die Presse am Sonntag - - Österreich - VON RO­SA SCHMIDT-VIERTHALER

Ein Fo­to. Ein letz­tes Bild, be­vor es ab­ge­ris­sen oder bau­lich kom­plett ver­än­dert wird: Das ist es, was der­zeit vie­le Men­schen vor das Ge­burts­haus von Adolf Hit­ler in Brau­nau lockt. Wel­che Leu­te das sind und wel­che Ge­sin­nung sie ha­ben, kann Alois Zag­ler nicht sa­gen. Aber: „Ei­ne Wer­bung fürs Hit­ler-Haus ist das mo­men­tan schon.“

Zag­lers Na­tur­la­den liegt dem gel­ben Haus, über das der­zeit wie­der im In- und Aus­land dis­ku­tiert wird, di­rekt ge­gen­über. Na­tur­ge­mäß be­spricht man auch in sei­nem Ge­schäft die ak­tu­el­len Ent­wick­lun­gen eif­rig: „Al­le re­den dar­über, und je­der regt sich auf.“Dass das Hit­ler-Haus mög­li­cher­wei­se ge­schleift wird, ist für die­je­ni­gen, die hier ihr Bio-Ge­mü­se und ihr Müs­li kau­fen, völ­lig un­ver­ständ­lich.

In den ver­gan­ge­nen Jah­ren sei es ru­hig ge­we­sen, sagt Zag­ler. Von sei­nem Ver­kaufs­fens­ter sieht er be­reits seit ei­nem Vier­tel­jahr­hun­dert auf das Bür­ger­haus, in dem Adolf Hit­ler ge­bo­ren wur­de, das für ihn aber kei­ne gro­ße Be­deu­tung hat­te. We­gen sei­ner Bau­sub­stanz aus dem 17. Jahr­hun­dert steht der ge­sam­te Stra­ßen­zug un­ter Denk­mal­schutz.

Rechts und links säu­men wei­te­re al­te Ge­bäu­de die Salz­bur­ger Vor­stadt, die in den Stadt­platz mün­det. Wie wird sich die viel dis­ku­tier­te Num­mer 15 ein­fü­gen, wenn sie kom­plett um- oder neu ge­baut wird; wenn die „Wie­der­ken­nung“un­mög­lich wird, wie In­nen­mi­nis­ter Wolf­gang So­bot­ka es for­dert? Wür­de ei­ne mo­der­ne Fas­sa­de Neo­na­zis ab­hal­ten? Oder das Haus, das jetzt recht un­auf­fäl­lig wirkt, da­durch nicht erst zum Blick­fang wer­den?

Die Salz­bur­ger Vor­stadt ist stark fre­quen­tiert, wer dort zum Bä­cker, zum Fri­seur oder zum Eis­sa­lon geht, kommt un­wei­ger­lich am Haus vor­bei. Le­dig­lich ein Ge­denk­stein aus dem Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Maut­hau­sen, der 1989 auf­ge­stellt wur­de, nimmt dar­auf Be­zug. „Für Frie­den, Frei­heit und De­mo­kra­tie. Nie wie­der Fa­schis­mus. Mil­lio­nen To­te mah­nen“, lau­ten die Wor­te.

Das Haus selbst ist fins­ter und ver­sperrt. Lan­ge Jah­re war die Le­bens­hil­fe mit ih­ren Werk­stät­ten und ei­ner Ta­ges­heim­stät­te für be­hin­der­te Men­schen hier un­ter­ge­bracht. Das Ar­ran­ge­ment schei­ter­te schließ­lich dar­an, dass ein Um­bau not­wen­dig ge­we­sen wä­re, um das Haus bar­rie­re­frei zu ma­chen. Die­sen woll­te die Be­sit­ze­rin nicht vor­neh­men. Seit fünf Jah­ren liegt das Haus nun brach und ver­fällt.

„Das Ge­heim­nis­vol­le lockt an – man weiß ja nicht, was drin ist“, sagt Flo­ri­an Ko­tan­ko, der dem Ver­ein für Zeit­ge­schich­te in Brau­nau vor­sitzt. Er kennt die Ge­schich­te des Ge­bäu­des wie kein an­de­rer. Als Pil­ger­stät­te sieht er es je­den­falls nicht. Manch­mal kä­men Leu­te, um Fo­tos zu schie­ßen. Die wür­den sich wun­dern, dass da nicht mehr sei als der Ge­denk­stein – und wei­ter­ge­hen, um die Kir­che und die his­to­ri­sche Alt­stadt zu be­sich­ti­gen. Wo­bei der His­to­ri­ker frei­lich nicht sa­gen kön­ne, ob sich dort nachts Leu­te ein­fin­den wür­den, um die Hand zum Hit­ler­gruß zu er­he­ben.

Dass das Haus kein ge­wöhn­li­ches ist, spü­ren die Brau­nau­er vor al­lem rund um den Ge­burts­tag Adolf Hit­lers. In die­sem Jahr sei es aber sehr ru­hig ge­we­sen. Ver­drängt wird die his­to­ri­sche Last trotz­dem nicht. Der Ver­ein für Zeit­ge­schich­te über­legt schon, ob man zur nächs­ten jähr­li­chen Ge­denk­stun­de für die Op­fer von Krieg und Fa­schis­mus nicht Ex-Bun­des­prä­si­den­ten Heinz Fi­scher als Gast­red­ner ge­win­nen kön­ne. Trotz sol­cher Ak­ti­vi­tä­ten sind die Brau­nau­er ei­gent­lich nur das Pu­bli­kum in der ers­ten Rei­he fuß­frei. Die Mei­nung der Be­sit­ze­rin ist nicht be­kannt: Sie will of­fen­bar nicht über das Haus spre­chen, we­der mit den Me­di­en noch mit an­de­ren Brau­nau­ern. Die Ver­hand­lun­gen zwi­schen der äl­te­ren Frau und den of­fi­zi­el­len Stel­len ver­lie­fen oh­ne Er­geb­nis.

Dass des­halb die Ent­eig­nung auf den Weg ge­bracht wur­de, stößt vie­le Brau­nau­er vor den Kopf. Schließ­lich müs­se man in ei­ner De­mo­kra­tie sol­che Din­ge an­ders re­geln kön­nen, so der Te­nor. Nach­dem In­nen­mi­nis­ter Wolf­gang So­bot­ka ei­nen Ab­riss ins Spiel ge­bracht hat­te, zog er sich das Un­ver­ständ­nis der of­fi­zi­el­len Ex­per­ten­kom­mis­si­on zu. Ein Ab­riss wür­de „ei­ner Ver­leug­nung der NS-Ge­schich­te in Ös­ter­reich gleich­kom­men“, so zwei der Ex­per­ten.

Dem Brau­nau­er Bür­ger­meis­ter, Jo­han­nes Waid­ba­cher, selbst auch Teil der Kom­mis­si­on, ist an­zu­mer­ken, dass er die Schlag­zei­len als we­nig hilf­reich emp­fin­det. „Das Hit­ler-Haus be­glei­tet mich bei mei­ner täg­li­chen Ar­beit. Man lernt da­mit zu le­ben. Das hat die Stadt Brau­nau auch ge­lernt“, sagt er. Er for­mu­liert sehr vor­sich­tig, die Ent­schei­dung zur Ve­rän­de­rung des Hau­ses trägt er je­den­falls mit. Das Haus dür­fe kein Ge­denk- oder Ver­samm­lungs­ort für Neo­na­zis sein, auch in Zu­kunft nicht. Denn selbst wenn es der­zeit ru­hig sei: Man kön­ne eben für die Zu­kunft nichts aus­schlie­ßen, sagt er. Wie sich das „neue Haus“auf die knapp 17.000 Brau­nau­er aus­wirkt und wie die rechts­ex­tre­me Sze­ne re­agiert, wird sich ir­gend­wann zei­gen. Der­weil geht man in der Stadt dem täg­li­chen Le­ben nach. Mitt­wochs, am Markt­tag, wird viel ge­re­det.

Aber so span­nend fin­den vie­le das Hit­ler-Haus nun auch wie­der nicht. Der Bür­ger­meis­ter ver­sucht je­den­falls (auch) die Vor­tei­le von Brau­nau her­vor­zu­strei­chen: „Die Stadt ist über­schau­bar und hat al­les zu bie­ten. Die Men­schen sind irr­sin­nig freund­lich, wir ha­ben ei­ne sehr ho­he Le­bens­qua­li­tät“, schwärmt Waid­ba­cher. Und: „Im End­ef­fekt ist Brau­nau auch nur ei­ne Stadt wie je­de an­de­re.“

»Wie vie­le sich nŻchts ©ort mit er­hoãe­ner HŻn© fo­to­grŻ­fie­ren, weiß mŻn nicht.« »DŻs Hit­ler-HŻus ãe­glei­tet mich ãei mei­ner t´gli­chen Arãeit. MŻn lernt ©Żmit zu leãen.«

Her­mŻnn His­to­ricŻ/In­ter­fo­to/ pic­tu­re©esk.com

Zu dem Haus, das als Gast­haus ge­nutzt wur­de, ge­hör­ten auch Miet­woh­nun­gen.

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