Rot und Gelb auf den Bäu­men

Steck­höl­zer. Erst wer­den die Blät­ter gelb und rot – war­um ei­gent­lich? –, und dann schlägt die St­un­de der Steck­höl­zer, weil man nie ge­nug Ro­sen, Schnee­bee­ren und an­de­re Lieb­ha­ber­sträu­cher hat.

Die Presse am Sonntag - - Garten - VON UTE WOLTRON

Wel­che Be­rech­ti­gung ha­ben Be­trach­tun­gen über schein­ba­re Ne­ben­säch­lich­kei­ten wie den Gar­ten, den Um­gang mit der Na­tur, wäh­rend sich die Sor­gen der Men­schen um an­de­re, ge­wich­ti­ge Din­ge dreht? Bei­spiels­wei­se Krie­ge oh­ne En­de.

All des­sen un­ge­ach­tet hat in den ver­gan­ge­nen bei­den Wo­chen Ma­ler­meis­ter Herbst wie­der ein­mal den Pin­sel aus­ge­packt und die Wäl­der rot und gelb ge­tüp­felt, dass es ei­ne Pracht ist – was nur be­merkt, wer sich die Mu­ße da­für nimmt. Und ge­nau da­für sind wir da, die­se Sei­te und ich, um Sie freund­lich an der­lei Pe­ti­tes­sen zu er­in­nern, denn viel Zeit ist nicht mehr. Ge­hen Sie doch schnell noch ein­mal hin­aus, und bli­cken Sie sich um. Der heu­ri­ge Herbst ist be­son­ders schön, doch wenn jetzt bald die ers­ten Frös­te über die Lan­de kom­men, wird es schnell vor­bei sein mit dem Zau­ber. Schlag auf Schlag. So wie im Früh­ling folgt auch im Herbst al­les Schlag auf Schlag dem ei­ge­nen hur­ti­gen Takt der jah­res­zeit­lich an­ge­trie­be­nen Na­tur. Die Kür­ze der Ta­ge be­deu­tet den Bäu­men und Sträu­chern, dass es hoch an der Zeit ist, ih­re wich­tigs­ten Mit­ar­bei­ter, die Blät­ter, da­zu auf­zu­for­dern, die kost­ba­ren Res­sour­cen in Si­cher­heit zu brin­gen. Zu die­sem Zweck schi­cken sie be­stimm­te Bo­ten­stof­fe quer durch das Sys­tem.

Die­se er­tei­len den Be­fehl, die Blatt­spal­ten zu schlie­ßen und das in den Blät­tern be­find­li­che kost­ba­re Chlo­ro­phyll so­wie ein paar wei­te­re wich­ti­ge Sub­stan­zen im Stamm und in den Äs­ten ein­zu­la­gern, da­mit die­se Vor­rä­te im Früh­jahr nicht erst müh­sam raf­fi­niert und aus dem Bo­den ge­holt wer­den müs­sen, son­dern gleich wie­der zur Hand sind.

War­um aber ver­fär­ben sich die Blät­ter gelb und rot, be­vor sie schließ­lich ab­fal­len? Die Er­klä­rung ist ein­fach. Das Chlo­ro­phyll hat bis­her al­les grün über­la­gert, was gelb oder rot hät­te sein kön­nen. Nun, da es ab­ge­zo­gen ist, schim­mern die in den Blät­tern ent­hal­te­nen Ka­ro­ti­no­ide gelb, die Ant­ho­cya- ne rot. Letz­te­re, so neue­re wis­sen­schaft­li­che Er­kennt­nis­se, wer­den von den Pflan­zen mög­li­cher­wei­se über­haupt erst im Herbst ge­bil­det und un­ter­stüt­zen, in den we­ni­gen Wo­chen be­son­de­rer Licht-, Wär­me und Käl­te­ver­hält­nis­se die­ser kur­zen Ta­ge, die Fo­to­syn­the­se für ein letz­tes Kräf­te­schöp­fen, be­vor die Blät­ter fal­len.

So­bald sie das ge­tan ha­ben, schlägt die St­un­de der ex­pe­ri­men­tier­freu­di­gen Ro­sen­ver­meh­rer und Strauch­ver­viel­fäl­ti­ger. Denn nun wer­den in den Gär­ten die Steck­höl­zer ge­schnit­ten. Mit schar­fer Gar­ten­sche­re in der Hand be­gibt man sich zu je­nen Sträu­chern, die man gern ver­meh­ren will.

Ro­sen­sor­ten, de­ren Na­men in Ver­ges­sen­heit ge­rie­ten, die man aber un­be­dingt, aus wel­chen Grün­den auch im­mer, noch ein­mal oder vi­el­leicht gleich in un­ver­schäm­ter Stück­zahl ha­ben will. Schwie­rig auf­zu­trei­ben­de Wein­trau­ben­sor­ten. Oh­ne­hin wie Un­kraut wach­sen­der Ho­lun­der, zum Ver­schen­ken an Ho­lun­der­saft­lieb­ha­ber. Der hüb­sche Duft­schnee­ball von der Nach­ba­rin. Ei­ne be­son­ders dun­kel blü­hen­de Wei­ge­lie vom Bau­ern oben im Dorf. Die li­la Koral­len­bee­re aus dem Gar­ten vom On­kel, die man im­mer schon ha­ben woll­te und die heu­er end­lich groß ge­nug ist, um be­schnit­ten zu wer­den.

Von sol­chen Pflan­zen holt man in der Pha­se nach dem Laub­fall eben­die­se Steck­höl­zer von den heu­er ge­wach­se­nen Trie­ben, um sie, in die Er­de ge­steckt, zu be­wur­zeln. Das Steck­holz soll­te et­wa 20 Zen­ti­me­ter lang sein und aus dem aus­ge­reif­ten mitt­le­ren Teil des Trie­bes stam­men. Al­so wer­den die Spit­zen ent­fernt, dann wird das Hölz­chen an ei­ner schat­ti­gen Stel­le zu drei Vier­tel in die Er­de ge­steckt. Oben und un­ten ist zu be­ach­ten. Nicht zu nass oder zu tro­cken. Der Bo­den soll­te zwar nie zu nass wer­den, er darf aber auch nicht aus­trock­nen. Nicht al­le Steck­höl­zer be­wur­zeln, doch vie­le. Schnei­den Sie al­so si­cher­heits­hal­ber gleich ein paar. Die Steck­holz­ver­meh­rung funk­tio­niert üb­ri­gens na­tür­lich auch im stets feucht ge­hal­te-

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