»Mei­ner Fan­ta­sie sind ein­fach kei­ne Gren­zen ge­setzt«

Mit dem Auf­takt des Ski­welt­cups in Söl­den be­ginnt für Mar­cel Hir­scher nicht nur der Pis­ten­all­tag, son­dern auch die neue Ma­te­ri­al­tüf­te­lei und das Fin­den des Set-ups. Ein Ge­spräch über Ri­tua­le, Bil­der, Skier, Bu­ckel­pis­ten, das Aus­lo­ten von Mil­li­me­ter­ab­ständ

Die Presse am Sonntag - - Sport - VON JO­SEF EB­NER

In die­sem Som­mer ha­ben Sie sich be­son­ders rar ge­macht, war das ei­ne be­wuss­te Ent­schei­dung? Mar­cel Hir­scher: Ja, das ge­hört auch da­zu, und ich glau­be, so ha­ben wir al­le mehr da­von. Ich ha­be jetzt wie­der mehr zu er­zäh­len, als wenn ich je­de Wo­che über­all mei­nen Senf da­zu­ge­be und mein Le­ben aus­schüt­te. Sie sag­ten, al­les sei „za­cher“ge­we­sen, Sie wür­den vor Ih­rer zehn­ten Welt­cup­sai­son „nicht mehr den letz­ten Wil­len spü­ren“. Jetzt ist die Vor­be­rei­tung vor­bei, das ers­te Ren­nen war­tet. Wie schlimm war es nun wirk­lich? Bis jetzt ist es im­mer ge­gan­gen. Aber ich mer­ke, dass ich nur über be­grenz­te Ener­gie ver­fü­ge. Die Ter­mi­ne wer­den ja nicht we­ni­ger, es wer­den im­mer mehr. Es ist manch­mal ein biss­chen mehr, als man möch­te. Ich ver­su­che eh schon, kein Schind­lu­der zu trei­ben, mich gut zu er­näh­ren, so gut wie nie Par­ty zu ma­chen und zei­tig ins Bett zu kom­men. Be­vor in Söl­den wie­der der Welt­cup-Tru­bel an­hebt, pfle­gen Sie da ein fi­na­les Ri­tu­al, um noch ein­mal durch­zu­at­men? Ri­tua­le ha­be ich ge­ne­rell kei­ne. Mein Ri­tu­al ist, kein Ri­tu­al zu ha­ben. Man stel­le sich vor, ich hät­te ein­mal kei­ne Zeit, die­ses Ri­tu­al durch­zu­füh­ren. Dann wür­de ja gar nichts mehr funk­tio­nie­ren. Und was ist mit dem Druck, Sie mes­sen dem Sai­son­auf­takt ja viel Be­deu­tung bei? Sie sag­ten, hier in Söl­den sei der Druck am größ­ten, Ja. Du weißt nicht, wo du stehst. Al­so man weiß na­tür­lich schon et­was, aber hat kei­nen Plan, wie das dann im Ren­nen aus­schau­en wird.

Po­dest­plät­ze

er­gat­ter­te Mar­cel Hir­scher in der ab­ge­lau­fe­nen Sai­son.

Punk­te

hat­te er ge­sam­melt für den Ge­winn des fünf­ten Ge­samt­welt­cups – nur Her­mann Mai­er war bes­ser mit 2000.

km/h

Auf ei­ner KTM 1290 Su­per Du­ke dreh­te Hir­scher ein paar Run­den auf dem Salz­burg­ring. Frei­lich mit High­speed: 260. Auch beim Auf­takt­ren­nen wird der TV-Zu­schau­er im Schnitt 45 Jah­re alt sein, Fern­seh­über­tra­gun­gen von Ski­ren­nen sind seit Jah­ren prak­tisch un­ver­än­dert. Braucht es nicht schleu­nigst In­no­va­tio­nen? Ich bin der Mei­nung, dass es wäh­rend der WM in Schlad­ming mit dem ent­spre­chen­den Mehr­auf­wand auch mehr Qua­li­tät und hoch­wer­ti­ge­re Bil­der ge­ge­ben hat. Aber das wirk­lich schwie­ri­ge ist, die Ge­schwin­dig­keit, die Steil­heit, die Be­din­gun­gen ein­zu­fan­gen. Um mehr Un­ter­schie­de wahr­zu­neh­men, braucht es auch mehr Zwi­schen­zei­ten. Ich muss ge­ste­hen, für uns Ex­per­ten ist es manch­mal schwie­rig zu er­ken­nen, ob je­mand wirk­lich schnell ist, spe­zi­ell bei ver­meint­lich leich­ten Ren­nen. Das fin­de ich scha­de. Dar­um ist mei­ne Idee, die Kurs­set­zung so schwer wie mög­lich zu ma­chen und das Ge­län­de dem­ent­spre­chend zu wäh­len. Von der Kurs­set­zung her ten­diert der Rie­sen­tor­lauf in Rich­tung Sla­lom, die Sie­ger­lis­ten über­schnei­den sich zu­neh­mend, im Sla­lom wer­den die Tor­ab­stän­de im­mer ge­rin­ger. Ei­ne Ent­wick­lung in Ih­rem Sin­ne? Wir ha­ben schwe­re, span­nen­de Kurs­set­zun­gen, bei de­nen es nicht al­len 60 Fah­rern im Feld ge­lingt, al­le Kur­ven am Ra­di­us durch­zu­fah­ren. Des­we­gen fin­de ich es at­trak­tiv, aber das ist auch per­sön­li­cher Ge­schmack und per­sön­li­ches In­ter­es­se. Ich muss sa­gen: Für mich ist die Ent­wick­lung sehr gut. Na­tür­lich liegt mir auch der Sla­lom mit neun Me­tern Tor­ab­stand bes­ser im Ver­gleich zu ei­nem Sla­lom vor zehn Jah­ren mit 15 Me­tern Tor­ab­stand. Im Vor­jahr hat­ten Sie in der Vor­be­rei­tung kaum Sla­lom­ta­ge, wie vie­le sind sich heu­er aus­ge­gan­gen? Drei bis jetzt. Al­so nichts. Von Söl­den bis Le­vi sind drei Wo­chen Zeit, die ge­hö­ren kom­plett dem Sla­lom. Es ist oft ge­schei­ter, sich nur ei­ner Sa­che zu wid­men und zu sa­gen: Halt! Und jetzt fah­ren wir Sla­lom. In Bea­ver Creek star­ten Sie er­neut im Su­per G, ha­ben Sie end­gül­tig Ge­fal­len am Speed ge­fun­den? Auch für Ab­fahr­ten? Der Su­per G wur­de als Mit­tel­ding zwi­schen Rie­sen­tor­lauf und Ab­fahrt ein­ge­führt. Und das soll es schluss­end­lich auch blei­ben. Mei­ne Mei­nung ist klipp und klar: Gleit­pas­sa­gen im Su­per G, da sa­ge ich: Fehl­an­zei­ge. Nach­dem Renn­läu­fer über die star­ke Be­las­tung und Rü­cken­be­schwer­den ge­klagt ha­ben, nimmt die FIS die Ma­te­ri­al­re­form zu­rück, ab 2017/18 wird der Ra­di­us der Rie­sen­tor­lauf­skier wie­der auf 30 Me­ter ver­rin­gert. Freut sich auch Ihr Kör­per dar­über? Ich hat­te kei­ne Pro­ble­me. Ich bin kör­per­lich sehr ge­seg­net, ha­be sehr gu­te Pro­por­tio­nen, die ge­wis­se Punk­te schüt­zen, und ver­su­che, durch mein Trai­ning Fol­ge­schä­den zu ver­hin­dern. Aber was viel Ar­beit war, war die gan­ze Tes­te­rei, um mit dem neu­en Re­gle­ment zu­recht­zu­kom­men. Und dann ist das al­les wie­der für nichts mehr gut. Nach der Sai­son geht die Tüf­te­lei wie­der von vorn los. Den­ken Sie be­reits dar­an? Wenn man die Wahr­heit sagt: schon. Aber das ist für al­le gleich. Dar­um: Ta­ke it. Beim Set-up wird be­reits im Zehn­tel­mil­li­me­ter­be­reich ge­ar­bei­tet. Ist das Ma­te­ri­al nicht bald aus­ge­reizt? Über­haupt nicht, da geht noch irr­sin­nig viel. Die Skier sind vom Grund­prin­zip seit ih­rer Ent­ste­hung re­la­tiv gleich. Grund­sätz­lich ist von den Tech­no­lo­gi­en noch sehr, sehr viel mög­lich. Al­so ich glau­be, da sind mei­ner per­sön­li­chen Fan­ta­sie über­haupt kei­ne Gren­zen ge­setzt. La­ra Gut, An­na Veith, Lind­sey Vonn, Mi­kae­la Shif­frin, Ti­na Ma­ze, Hen­rik Kristof­fer­sen, Mar­cel

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