Das Ver­bot der Ernst­haf­tig­keit

Die Bri­ten neh­men Fehl­trit­te, Br­ex­it, De­bat­ten im Par­la­ment und selbst ka­ta­stro­pha­le Fehl­schlä­ge mit Hu­mor. Aber der Hun­ger nach Scherz er­schwert die ernst­haf­te De­bat­te.

Die Presse am Sonntag - - Globus - VON GA­B­RI­EL RATH

Es gibt vie­le schö­ne Sei­ten des bri­ti­schen Le­bens. Aber es ist auch reich an Zu­mu­tun­gen. Um sie zu er­tra­gen, ha­ben die Bri­ten ih­re ei­ge­ne Form des Hu­mors ent­wi­ckelt. Wenn Bri­ten ein vor­teil­haf­tes Bild von sich ge­ben wol­len, dann at­tes­tie­ren sie sich ei­nen „good sen­se of hu­mour“. GSOH, die Ab­kür­zung da­für, ist mitt­ler­wei­le so ge­läu­fig ge­wor­den, dass sie so­gar Ein­gang in das Cam­bridge Eng­lish Dic­tio­na­ry ge­fun­den hat. Die So­zi­al­an­thro­po­lo­gin Ka­te Fox schreibt: „Ei­ne Grund­re­gel je­der eng­li­schen Kon­ver­sa­ti­on ist das Ver­bot der Ernst­haf­tig­keit (ear­nest­ness).“

Der bri­ti­sche Hu­mor wird ge­mein­hin als schwarz be­schrie­ben, weil er von ei­ner pes­si­mis­ti­schen An­nah­me aus­geht, die sich in der Po­in­te so­gar noch als über­trie­ben op­ti­mis­tisch er­weist. Wenn im Scherz al­les schief­geht, wer muss sich dann noch wun­dern oder auf­re­gen, dass es in Wirk­lich­keit nicht an­ders ist? Der bri­ti­sche Hu­mor ist der größ­te und wir­kungs­volls­te Selbst­schutz­me­cha­nis­mus die­ser Ge­sell­schaft.

Wenn et­was nicht klappt, muss es auch Schul­di­ge ge­ben, und das sind zu­al­ler­erst ein­mal die Bri­ten selbst. Die Fä­hig­keit, sich über sich selbst lus­tig zu ma­chen, ist ei­ne so­zia­le Fä­hig­keit, de­ren Wich­tig­keit im bri­ti­schen Ge­sell­schafts­kon­takt gar nicht hoch ge­nug ein­ge­schätzt wer­den kann. Für sie ern­tet man Wohl­wol­len und An­er­ken­nung, selbst im ver­häng­nis­volls­ten Schei­tern.

In sei­ner letz­ten Un­ter­haus­de­bat­te ver­ab­schie­de­te sich Da­vid Ca­me­ron am 13. Ju­li 2016 als Pre­mier­mi­nis­ter mit den Wor­ten: „Ich war ein­mal die Zu­kunft.“Das Par­la­ment dank­te ihm mit brül­len­dem Ge­läch­ter. Im De­zem­ber 2005 hat­te Ca­me­ron als neu­er Chef der Op­po­si­ti­on erst­mals auf­hor­chen las­sen, als er dem da­mals für die Op­po­si­ti­on noch un­an­tast­bar schei­nen­den Pre­mier To­ny Blair frech ent­ge­gen­ge­schleu­dert hat­te: „Er war ein­mal die Zu­kunft.“

Wer sich über sich selbst lus­tig macht, braucht sich auch nicht mehr zu recht­fer­ti­gen. Ein gut plat­zier­ter Scherz er­laub­te es Ca­me­ron, mit je­der Men­ge gu­ten Wün­schen und Sym­pa­thie in den vor­zei­ti­gen Po­li­tru­he­stand zu se­geln. Der Co­me­di­an Alex Kea­ly sag­te über den Ab­schied des Pre­miers: „Es war, als ob je­mand bei der Ein­zugs­fei­er ge­stor­ben war, aber man end­los dar­über re­de­te, wie groß­ar­tig die Gua­ca­mo­le ist.“Wer dar­auf ver­wies, wel­chen Trüm­mer­hau­fen der schei­den­de Pre­mier an­ge­rich­tet und hin­ter­las­sen hat­te, wur­de gleich­sam nicht nur der Pie­tät­lo­sig­keit, son­dern – viel schlim­mer – auch noch der Hu­mor­lo­sig­keit ge­zie­hen. Die Bri­ten wür­den sich we­sent­lich leich­ter mit dem Er­be To­ny Blairs tun, wür­de er nicht bis heu­te mit grim­mi­gem Ernst auf der völ­li­gen Rich­tig­keit des Irak-Kriegs be­har­ren. Ge­gen al­le. Wer sich über sich selbst lus­tig ma­chen kann, er­wirbt aber auch ei­nen Frei­brief, sich über an­de­re lus­tig zu ma­chen. Kaum ein frem­des Volk, das von den Bri­ten nicht sein Fett ab­be­kommt. Nach­dem die zu­grun­de lie­gen­de Frem­den­feind­lich­keit im Grund aber beim Woh­nungs­nach­barn be­ginnt und bei den Klin­go­nen noch lang nicht en­det, kann ei­gent­lich nie­mand des Ras­sis­mus be­schul­digt wer­den. Wer ge­gen al­le ist, dis­kri­mi­niert nie­man­den.

Im bri­ti­schen Hu­mor ver­eint sich ein voll­ende­tes Zu­sam­men­spiel von Min­der­wer­tig­keits­kom­plex („Na­tür­lich sind nur wir so blöd, nicht ein­mal den Zugs­ver­kehr or­ga­ni­sie­ren zu kön­nen“) und Über­heb­lich­keits­syn­drom („Wir sind das Mut­ter­land des Ei­sen­bahn­ver­kehrs“). Der Witz ist da­mit der per­fek­te Aus­druck der bri­ti­schen See­le.

Egal, ob ein wich­ti­ges Vor­ha­ben sich als ka­ta­stro­pha­ler Fehl­schlag her­aus­stellt, Haupt­sa­che ist, „we are ha­ving a laugh“, wir ha­ben Spaß ge­habt, oder „we are ha­ving a good ti­me“. Die am meis­ten ver­ehr­ten Per­sön­lich­kei­ten der Ge­schich­te sind nicht schnei­di­ge Tri­um­pha­to­ren, son­dern eh­ren­haf­te Ver­lie­rer, so­lan­ge sie sich mit Wür­de und Hu­mor ge­schla­gen ge­ge­ben ha­ben. Der His­to­ri­ker Paul Ward meint: „Hel­den­haf­tes Schei­tern pfleg­te Sie­gen vor­an­zu­ge­hen oder zu fol­gen, be­vor es im 20. Jh. im­mer häu­fi­ger vor und nach Nie­der­la­gen gleich­zei­tig stand.“

Der Hu­mor als Über­le­bens­me­cha­nis­mus ist über Jahr­hun­der­te ver­fei­nert wor­den und wird von Ge­ne­ra­ti­on zu Ge­ne­ra­ti­on schon mit der Spra­che wei­ter­ge­ge­ben. Das Werk­zeug des bri­ti­schen Hu­mors ist die Spra­che. Es gibt un­end­li­che Va­ria­tio­nen der Iro­nie, des Sar­kas­mus und des Zy­nis­mus. Es gibt die fei­ne Klin­ge eben­so wie den Holz­ham­mer. Nichts ist hei­lig, aber zu-

Ga­b­ri­el Rath

ist Kor­re­spon­dent der „Presse“und be­rich­tet aus der bri­ti­schen Haupt­stadt Lon­don. Der Text ist ein Aus­zug aus Raths neu­em Buch über Groß­bri­tan­ni­en und den Br­ex­it.

„Br­ex­i­tan­nia. Die Ge­schich­te ei­ner Ent­frem­dung.

War­um Groß­bri­tan­ni­en für den Br­ex­it stimm­te“Brau­mül­ler-Ver­lag gleich ist man auch nicht wirk­lich voll­kom­men re­spekt­los. Die Meis­ter des Hu­mors sind die Co­me­di­ans, was we­der mit Ka­ba­ret­tist noch mit Ko­mi­ker völ­lig rich­tig über­setzt wer­den kann. Die bes­ten un­ter ih­nen sind bei­des.

Der Hun­ger der Bri­ten nach Ko­mö­di­en, Par­odi­en und Sa­ti­ren ist un­still­bar. Die bes­ten und be­lieb­tes­ten sind je­ne, in de­nen sie sich über sich selbst lus­tig ma­chen: ih­re Vor­ur­tei­le, ih­re Kom­ple­xe, ih­re Ängs­te, ih­re Un­zu­läng­lich­kei­ten und wie sie den­noch zu­recht­kom­men. Es kann kein Zu­fall sein, dass die bes­te und zu­tref­fends­te Ana­ly­se der bri­ti­schen Po­li­tik in Sa­ti­ren wie „Yes, Mi­nis­ter“, „Hou­se of Cards“oder „The Thick of It“zu fin­den ist. In der Sa­ti­re spie­geln sich die bri­ti­sche Po­li­tik und das bri­ti­sche Le­ben, um es in den Wor­ten von Karl Kraus zu sa­gen, „bis zur Kennt­lich­keit ent­stellt“.

Kaum ein frem­des Volk, das von den Bri­ten nicht sein Fett ab­be­kommt. Der Hun­ger der Bri­ten nach Ko­mö­di­en, Par­odi­en und Sa­ti­ren ist un­still­bar.

Dass al­les ein Scherz sein oder auf ei­nen Scherz re­du­zier­bar sein muss, er­spart ei­nem das Aus­spre­chen un­an­ge­neh­mer Wahr­hei­ten. Es be­darf enor­mer An­ti­zi­pa­ti­on, um aus all den Sät­zen mit „would“, „could“oder „might“zu ver­ste­hen, was der Ge­sprächs­part­ner ei­gent­lich will. Wenn aber al­les ein Scherz ist oder auf ei­nen Witz re­du­zier­bar sein muss, ist es schwer, ei­ne ernst­haf­te De­bat­te zu füh­ren. Es war nicht so, dass die Bri­ten kei­ne Ge­le­gen­heit ge­habt hat­ten, sich in der EU-Aus­ein­an­der­set­zung zu in­for­mie­ren und ei­ne Mei­nung zu bil­den. Un­end­lich viel In­for­ma­ti­on war ver­füg­bar. Fast 90 Pro­zent al­ler bri­ti­schen Haus­hal­te hat­ten 2016 Zu­gang zum In­ter­net. Die Re­gie­rung schrieb an je­den Bür­ger. Je­der, der es wis­sen woll­te, konn­te wis­sen, dass die EU-Geg­ner mit un­wah­ren Aus­sa­gen ar­bei­te­ten. Ihr füh­ren­der Prot­ago­nist, Bo­ris John­son, ge­wann den­noch die Her­zen der Wäh­ler, nicht zu­letzt, weil er ei­nen un­schlag­ba­ren „good sen­se of hu­mour“hat.

Es ist be­zeich­nend – aber kein Witz –, dass am Tag nach der Ent­schei­dung für den Aus­tritt aus der Eu­ro­päi­schen Uni­on der meist­ge­such­te Be­griff auf Goog­le in Groß­bri­tan­ni­en die Fra­ge war: „Was ist ei­gent­lich die EU?“

Die zweit­häu­figs­te Su­che war, wie man die iri­sche Staats­bür­ger­schaft er­wer­ben kann.

Reu­ters

Fish and Chips – bri­ti­scher geht es kaum.

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