Der gro­ße Gr­a­ben

Kön­nen sich rhe­to­ri­sche Ra­bau­ken und po­li­tisch Kor­rek­te über­haupt noch un­ter­hal­ten? Der­zeit wird nach neu­en Re­geln für die De­bat­ten­kul­tur ge­sucht.

Die Presse am Sonntag - - Seit - LEIT­AR­TI­KEL VON UL­RI­KE WEI­SER

Wie im­mer der US-Wahl­kampf aus­geht, ein Er­geb­nis steht fest: Die Gren­zen des Sag­ba­ren ha­ben sich ver­scho­ben. Nun ist so ein Prä­si­dent­schafts­du­ell kei­ne Kin­der­jau­se, aber eben auch kein Ein­zel­fall. Die neue Lust am Ver­bal­ra­di­ka­len steht auch hier­zu­lan­de der po­li­ti­schen Kor­rekt­heit ge­gen­über – und dort, wo das, was man alt­mo­disch öf­fent­li­che De­bat­te nennt, statt­fin­den soll­te, klafft ei­ne Lü­cke. Wie man die schließt, ist ak­tu­ell The­ma meh­re­rer klu­ger Bü­cher. Fünf Ge­dan­ken zum neu­en Re­de­re­gel­werk: 1.) Zi­vil statt kor­rekt. Weil erst Re­geln ihr Über­schrei­ten in­ter­es­sant ma­chen, gilt die Po­li­ti­cal Cor­rect­ness (PC) als Haupt­ver­däch­ti­ge, wenn es um die Ver­bal­ra­di­ka­li­sie­rung geht. Da­bei ist PC so neu nicht. Die Ge­sell­schaft hat im­mer schon nor­miert, was man sa­gen darf und was nicht, die The­men wa­ren nur an­de­re und die Sank­tio­nen schlim­mer. Wo­bei, zu­ge­ge­ben, das PC-Stütz­kor­sett ei­nem bis­wei­len die Luft zum ge­dank­li­chen Durch­at­men nimmt. Mi­cro­ag­gres­si­ons – dass man et­wa asia­ti­sche Schü­ler nicht fra­gen darf, ob sie gut in Ma­the sind – sind lä­cher­lich. Dass Leu­te das Ge­fühl ha­ben, stän­dig auf­pas­sen zu müs­sen, was sie sa­gen, ist ei­ne Fol­ge des Miss­brauchs der po­li­ti­schen Kor­rekt­heit von rechts und links. Ech­te Krän­kung spielt da­bei kaum ei­ne Rol­le, viel­mehr ist das Op­fer­sein ei­ne be­que­me Art, den Geg­ner wehr­los an den Pran­ger stel­len zu kön­nen. Au­to­ren wie Timothy Gar­ten Ash plä­die­ren des­halb da­für, die Kor­rekt­heit durch „ro­bus­te Zi­vi­li­tät“zu er­set­zen. Das heißt, dass man Hass und Be­lei­di­gung bis zu ei­nem ge­wis­sen Maß aus­hal­ten muss – aber gleich­zei­tig da­ge­gen­hal­ten soll. Wie, das kann man in Car­lo Stren­gers Es­say „Zi­vi­le Ver­ach­tung“nach­le­sen. Stren­ger pro­pa­giert den ab­so­lu­ten Vor­rang der Fak­ten vor Emp­find­lich­kei­ten. 2) Po­pu­lis­mus als Dis­kurs-Sack­gas­se. Bei Po­pu­lis­mus hilft nichts, er tö­tet je­de De­bat­te. Zu­min­dest wenn man ihn so wie der Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler Jan-Wer­ner Mül­ler ver­steht – näm­lich nicht als volks­na­he Po­li­tik, son­dern als an­ti­plu­ra­lis­tisch. Wenn man glaubt, als Ein­zi­ger zu wis­sen, was das Volk wirk­lich will, – wor­über soll man dis­ku­tie­ren? 3.) Stim­mun­gen sind re­al. Emo­tio­nen sind nicht schlecht, auch Wut ist gut, sie macht aus ei­nem Ta­ges­ord­nungs­punkt ein An­lie­gen. Aber ge­ra­de wer Macht hat, muss mit Emo­tio­nen ver­ant­wor­tungs­voll um­ge­hen. Denn folgt man dem So­zio­lo­gen Heinz Bu­de, er­zeugt Stim­mung Rea­li­tät. Da wir heu­te nicht mehr in Groß­grup­pen ge­bun­den sind (Bür­ger, Ar­bei­ter etc.), wech­selt die Stim­mung zwar schnell, trotz­dem lässt sie sich nicht leicht wie­der ein­fan­gen. Was brennt, das brennt ei­ne Wei­le. Und wer ge­hol­fen hat, das Feu­er an­zu­fa­chen, ist kein un­schul­di­ger Zu­schau­er. 4.) Die Bla­se plat­zen las­sen. „Für mein Le­ben gern zu Hau­se“, lau­tet ein Ikea-Wer­be­spot. Das gilt auch für un­se­re Ge­dan­ken. Men­schen ver­las­sen un­gern ihr Bio­top oder ih­re di­gi­ta­len Fil­ter­bla­sen. Wür­de man mehr dar­über nach­den­ken, wie Wahr­neh­mung funk­tio­niert, er­schie­ne ei­nem das ku­sche­li­ge Heim je­doch als Zel­le: Men­schen re­gis­trie­ren se­lek­tiv je­ne Fak­ten, die sie be­stär­ken, wäh­rend sie ge­gen­läu­fi­ge aus­klam­mern, und die Gleich­ge­sinn­ten im Netz sind teil­wei­se bloß So­ci­al Bots – Soft­ware, die ge­wünsch­ten In­halt ge­ne­riert. Kurz: Un­se­re Wirk­lich­keit ist ei­ne Hy­po­the­se. Der ein Ge­gen­check gut­tä­te. Am ein­fachs­ten: Man re­de mit Men­schen, die ganz an­ders sind als man selbst. 5.) Ei­ne De­bat­te ist kei­ne The­ra­pie­sit­zung. Es gibt vie­le Theo­ri­en da­zu, wo­her die Lust am Ver­bal­ra­di­ka­len kommt. Im An­ge­bot sind: so­zia­le Pro­ble­me, ein „Kul­tur­krieg“ge­gen den Wer­te­wan­del oder eben PC samt mo­ra­li­scher Eli­ten­ar­ro­ganz. An al­lem ist et­was dran. Trotz­dem muss man nicht je­den Aus­ritt ver­ste­hen. Men­schen pö­beln auch, weil es sich gut an­fühlt, Ag­gres­sio­nen raus­zu­las­sen. Aber ei­ne öf­fent­li­che De­bat­te ist kei­ne The­ra­pie­sit­zung. Da­her darf man den Ver­bal­ra­di­ka­len ru­hig zu­ru­fen: Reißt euch zu­sam­men. Der Rest macht es ja auch.

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