Macht und Ohn­macht im Oval Of­fice

Die Be­fug­nis­se des US-Prä­si­den­ten wer­den im Wes­ten bis­wei­len über­schätzt. Die Grün­der­vä­ter zwäng­ten ihn in ein en­ges Kor­sett. Was der Chef im Wei­ßen Haus (nicht) darf.

Die Presse am Sonntag - - Ausland - VON JÜRGEN ST­REIH­AM­MER

Ja­mes Mann in „The Ob­a­mi­ans“. Sprich lei­se, aber tra­ge ei­nen gro­ßen Prü­gel, dann kommst du weit: Die­se al­te ame­ri­ka­ni­sche Volks­weis­heit war schon Theo­do­re Roo­se­velts au­ßen­po­li­ti­sche Ma­xi­me. Ein Jahr­hun­dert spä­ter könn­te sie das Den­ken der ers­ten US-Prä­si­den­tin prä­gen. Und dann gin­gen buch­stäb­lich die Lich­ter aus. Die Bun­des­ver­wal­tung stand teil­wei­se still. 800.000 Mit­ar­bei­ter der Re­gie­rung von Ba­rack Oba­ma wur­den in den Zwangs­ur­laub ge­schickt. Der „Go­vern­ment Shut­down“2013 leg­te vor al­ler Welt dar, dass der Kon­gress über die al­lei­ni­ge Bud­get­ho­heit ver­fügt – und dass er auch der Re­gie­rung den Geld­hahn zu­dre­hen kann, wenn er das will. Die Epi­so­de zeig­te zu­gleich ei­ne der schärfs­ten Waf­fen ei­nes Prä­si­den­ten: das Schein­wer­fer­licht. Oba­ma gei­ßel­te die Blo­cka­de als „Far­ce“der Re­pu­bli­ka­ner. Am En­de des 16-tä­gi­gen Still­stands wa­ren sie bla­miert.

Die Öf­fent­lich­keit neigt da­zu, den US-Prä­si­den­ten mit Su­per­la­ti­ven zu über­häu­fen, vom „mäch­tigs­ten Men­schen“bis zum „An­füh­rer der frei­en Welt“. Die Ti­te­lei über­deckt, dass der Spiel­raum ei­nes Prä­si­den­ten be­grenzt ist. Macht­los ist er frei­lich nicht. Als Com­man­der in Chief be­feh­ligt er die stärks­te Streit­kraft der Welt und 1,3 Mil­lio­nen Sol­da­ten. Sein Wort ent­schei­det über Le­ben oder Tod: Er hat den Fin­ger auf dem Ab­zug der Atom­waf­fen, ord­net Droh­nen­an­grif­fe an und be­gna­digt Ver­ur­teil­te. Der US-Prä­si­dent hat mehr Macht als al­le eu­ro­päi­schen Pen­dants, auch, weil er Re­gie­rungs­chef in Per­so­nal­uni­on ist. Doch schon die­se Dop­pel­funk­ti­on birgt Ris­ken, im­mer muss er zwi­schen den wi­der­sprüch­li­chen Rol­len des kon­sen­sua­len Staats­ober­haupts und des Re­gie­rungs­po­li­ti­kers chan­gie­ren, der ge­gen Wi­der­stän­de kämpft.

Vor al­lem aber ha­ben die Grün­der­vä­ter den Prä­si­den­ten in ein en­ges Kor­sett ge­zwängt. Ei­ni­ge fürch­te­ten, mit dem Amt den „Fö­tus“der ver­hass­ten „Mon­ar­chie“zu schaf­fen, wie­wohl schon der ers­te Prä­si­dent, Ge­or­ge Wa- shing­ton, die­se Ängs­te ab­bau­te, in­dem er die un­roya­le An­re­de „Herr Prä­si­dent“eta­blier­te und sei­ne Amts­zeit frei­wil­lig auf zwei Pe­ri­oden be­schränk­te.

Macht­lüs­ter­ne­ren Prä­si­den­ten set­zen die Checks and Ba­lan­ces Gren­zen, al­len vor­an der Kon­gress, das Herz der Le­gis­la­ti­ve. Der Prä­si­dent hat zwar ein Ve­to ge­gen des­sen Ge­set­zes­be­schlüs­se, Oba­ma nutz­te es zu­letzt ge­gen die Mög­lich­keit von 9/11-Kla­gen ge­gen Sau­dia­ra­bi­en. Aber sein ein zwölf­tes Ve­to war zu­gleich das ers­te, das Zwei­drit­tel­mehrhr­hei­ten in Se­nat und Re­prää- sen­tan­ten­haus über­stimm­ten. Auch ei­ne Fül­le von Hil­la­ry Cl­in­tons und Do­nald Trumps Ver­spre­chen ist oh­ne Zu­stim­mung der Ab­ge­ord­ne­ten auf dem Ca­pia­pi­tol Hill nicht durch­zu­bo­xen.n. Zu­dem schränkt der Fö­de­ra­lis­mus den prä­si­dia­len Ak­ti­ons­ra­di­us ein: Über Bil­dung, To­des­stra­fe und vie­le Steu­ern ent­schei­den die Bun­des­staa­ten.

Ei­ni­ge Staats­chefs wand­ten sich des­halb dem Aus­land zu. „Wo war Ge­or­ge?“, spot­te­ten De­mo­kra­ten einst über Bush se­ni­or. Nach­fol­ger Bill Cl­in­ton tausch­te nach dem Schei­tern sei­ner Ge­sund­heits­re­form aber selbst häu­fig die in­nen­po­li­ti­sche Are­na ge­gen die Welt­büh­ne. Und doch gibt es auch hier Gren­zen. Die Ge­schich­te wä­re an­ders ver­lau­fen, hät­te Woo­drow Wil­son sei­ne Er­fin­dung des Völ­ker­bunds im Se­nat durch­ge­bracht, der in­ter­na­tio­na­le Ver­trä­ge ra­ti­fi­zie­ren muss – und da­mals ab­lehn­te. Ame­ri­ka wand­te sich ab von der Welt. Auch Krie­ge kann nur der Kon­gress er­klä­ren. Was er üb­ri­gens seit 1941 nicht mehr ge­tan hat. Aber er au­to­ri­sier­te Mi­li­tär­schlä­ge. Der Com­man­der in Chief kann auch im Al­lein­gang Trup­pen ent­sen­den. Erst nach 60 Ta­gen muss der Kon­gress sein Pla­zet ge­ben. Cl­in­ton hat­te es im Ko­so­vo nicht, die Luft­schlä­ge gin­gen nach 60 Ta­gen trotz­dem wei­ter. Sei­ne Re­gie­rung mein­te, die Gel­der sei­en ja be­wil­ligt. La­me Duck? Auch Oba­ma nutzt Win­kel­zü­ge. Der 26-mo­na­ti­ge Luft­krieg ge­gen den IS stützt sich auf ei­ne Re­so­lu­ti­on des Kon­gres Kon­gres­ses vom 14. Sep­tem­ber 2001 2001, die es, et­was ver­ein­facht ges ge­sagt, er­laubt, Mi­li­tär ge­gen al­le­al ein­zu­set­zen, die mit dem 9/11-Ter­ror9 in Ver­bin­dung ste­hen.s

Auch in­nen­po­li­tisch hath Oba­ma ein Mit­tel ge­fun­den,d um aus sei­ner Rol­le als ge­gen­geg die Kon­gress­mehr­heit re­gie­ren­de­re­gie­re „La­me Duck“aus­zu­bre­chen: Exe­cu­ti­ve Or­ders. Mit die­sen Ver­ord­nun­gen er­höh­te er den Min­dest­lohn für sei­ne An­ge­stell­ten, ver­schärf­te die An­wen­dung des Waf­fen­rechts. 235 sol­cher De­kre­te er­ließ er bis­her. Nichts im Ver­gleich zu Fran­klin D. Roo­se­velt zwar (3522) und doch ein Draht­seil­akt, der Oba­ma den Vor­wurf ein­brach­te, am Kon­gress vor­bei­zu­re­gie­ren: Sei­ne Ein­wan­de­rungs­re­form stopp­te ein Ge­richt. Der Su­pre­me Court war da­nach ge­spal­ten – 4:4.

In die­sem Höchst­ge­richt bil­den sich wie in kei­ner zwei­ten In­sti­tu­ti­on Macht und Ohn­macht des Prä­si­den­ten ab. Der Su­pre­me Court hat das letz­te Wort bei al­len hei­ßen Ei­sen. Der­zeit ist der neun­te Sitz va­kant. Nur der Prä­si­dent kann ei­nen Nach­fol­ger er­nen­nen. Auf Le­bens­zeit. Aber der Se­nat muss zu­stim­men. Und so bleibt der Stuhl leer. Checks and Ba­lan­ces eben.

Reu­ters

Hil­la­ry Cl­in­ton auf dem West­ches­terCoun­ty-Flug­ha­fen von Whi­te Plains, Staat New York.

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