Ei­ne »lu­pen­rei­ne« Markt­wirt­schaft

Chi­na kauft sich nach oben. Das Land gibt Mil­li­ar­den aus, um Eu­ro­pas High­tech-Fir­men zu über­neh­men. Gleich­zei­tig über­schwemmt es die Märk­te mit Wa­ren zu Dum­ping­prei­sen. Der Wes­ten tut sich schwer mit Chi­nas Dop­pel­stra­te­gie. Wird der Volks­re­pu­blik im De­zem

Die Presse am Sonntag - - Eco - VON MAT­THI­AS AU­ER

Eu­ro­pa hat Angst. Angst von „Schlitz­oh­ren und Schlitz­au­gen“auf­ge­kauft zu wer­den, wie der EU-Di­gi­tal­kom­mis­sar Gün­ther Oet­tin­ger ver­gan­ge­ne Wo­che in Ham­burg vor Un­ter­neh­mern pol­ter­te. „Vo­ri­ge Wo­che wa­ren die chi­ne­si­schen Mi­nis­ter bei uns, zum Jah­res­gip­fel Chi­na/EU“, er­zähl­te er. „Neun Män­ner, ei­ne Par­tei. Al­le: An­zug, Ein­rei­her dun­kel­blau, al­le Haa­re von links nach rechts mit schwar­zer Schuh­creme ge­kämmt.“Ta­ge­lang wur­de der deut­sche Po­li­ti­ker – zu Recht – für sei­ne be­rüch­tig­te Re­de me­di­al ge­ohr­feigt. Pe­kings Au­ßen­mi­nis­te­ri­um ver­ur­teil­te das „ir­ri­tie­ren­de Ge­fühl der Über­le­gen­heit“bei man­chen west­li­chen Po­li­ti­kern.

Aber so da­ne­ben Oet­tin­gers Auf­tritt auch war, er passt gut ins Bild ei­ner zu­neh­mend ver­korks­ten Be­zie­hung zwi­schen Chi­na und Eu­ro­pa. Es knirscht gewaltig zwi­schen den bei­den Han­dels­part­nern – und das hat ei­nen ein­fa­chen Grund: Chi­na ist vom boo­men­den Aus­lands­markt mit bil­li­ger Werk­bank zu ei­nem öko­no­misch eben­bür­ti­gen Ri­va­len ge­wach­sen. Und Eu­ro­pa tut sich schwer, das zu ak­zep­tie­ren.

We­nig il­lus­triert die sich än­dern­den Macht­ver­hält­nis­se bes­ser als das In­vest­ment­ver­hal­ten der bei­den Wirt­schafts­räu­me. Chi­na hat im ver­gan­ge­nen Jahr über 22 Mil­li­ar­den Eu­ro in­ves­tiert, um eu­ro­päi­sche Fir­men auf­zu­kau­fen. Um­ge­kehrt war es nicht ein­mal die Hälf­te. Der Groß­teil der chi­ne­si­schen Zu­käu­fe wur­de ent­we­der von staat­li­chen Un­ter­neh­men vor­an­ge­trie­ben oder über staat­li­che Kre­di­te ge­stützt, schreibt das Ana­ly­sehaus Aca­pi­tal. Mit die­sem Geld­re­gen ver­folgt Pe­king ei­nen kla­ren Plan: Bis 2025 will das Land den Groß­teil der Schlüs­sel­tech­no­lo­gi­en lo­kal fer­ti­gen, heißt es im Pro­gramm „Ma­de in Chi­na 2025“. Ganz oben auf der Ein­kaufs­lis­te ste­hen in­no­va­ti­ve deut­sche In­dus­trie­be­trie­be. Fast zehn Mil­li­ar­den Eu­ro flos­sen heu­er aus Chi­na in die Bun­des­re­pu­blik. Nach An­ga­ben von Dea­lo­gic wur­de im Schnitt je­de Wo­che ein deut­sches Un­ter­neh­men von Chi­ne­sen über­nom­men. Berlin fürch­tet den Aus­ver­kauf sei­ner High­tech-In­dus­trie und be­ginnt, sich zu weh­ren. Schon die Über­nah­me des deut­schen Ro­bo­ter­bau­ers Ku­ka woll­te die Bun­des­re­gie­rung im Sommer ver- hin­dern, schei­ter­te letzt­lich aber. Nun zog Wirt­schafts­mi­nis­ter Sig­mar Ga­b­ri­el (SPD) die Ge­neh­mi­gung für den Kauf des Chipan­la­gen­bau­ers Aix­tron wie­der zu­rück. Die neu­er­li­che Über­prü­fung wer­de Mo­na­te brau­chen, heißt es.

Chi­na zeig­te sich so ver­är­gert über die „in­ves­to­ren­feind­li­che Stim­mung“, dass sie Ga­b­ri­els Staats­be­such in der Staats­pres­se kur­zer­hand ver­schwei­gen ließ. Ös­ter­reich ist noch ein Ne­ben­schau­platz. Nur we­ni­ge klin­gen­de Na­men wie der Flug­zeug­bau­er Facc ha­ben chi­ne­si­sche Ei­gen­tü­mer. Am In­ter- es­se man­gelt es nicht, sagt Ös­ter­reichs Wirtschaftsdelegierter Mar­tin Glatz. „Oft kom­men Chi­ne­sen zu mir und fra­gen, ob ich ein Un­ter­neh­men ken­ne, das sie kau­fen könn­ten. Egal, wel­ches. Sie sind an al­lem in­ter­es­siert.“ Zu­rück zum Pro­tek­tio­nis­mus? Höchs­te Zeit, die Schot­ten dicht zu ma­chen, sa­gen die Deut­schen. Sie for­dern, dass sich Eu­ro­pa bes­se­re Werk­zeu­ge zu­le­ge, um die ei­ge­ne In­dus­trie zu schüt­zen. In den USA ist das längst üb­lich. Dort ent­schei­det ein Prüf­aus­schuss im Fi­nanz­mi­nis­te­ri­um über al­le In­ves­ti­tio­nen aus dem Aus­land. Of­fi­zi­ell geht es um Fra­gen der na­tio­na­len Si­cher­heit. Aber der Aus­schuss ist be­rühmt für die wei­te Aus­le­gung sei­nes Man­dats. So darf et­wa kri­ti­sche In­fra­struk­tur

Chi­na hat im Vor­jahr mehr als dop­pelt so viel Geld in der EU in­ves­tiert als um­ge­kehrt.

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