Steu­er­wun­der durch Plas­tik­geld

In Grie­chen­land ist das Spar­pro­gramm auf Kurs – je­doch auf Kos­ten von Wachs­tum und So­zi­al­staat.

Die Presse am Sonntag - - Eco - VON CHRISTIAN GONSA

Nicht ein­mal Eu­klid Tsaka­lo­tos, der grie­chi­sche Fi­nanz­mi­nis­ter, konn­te es an­fangs glau­ben: Die grie­chi­schen Steu­er­ein­nah­men wa­ren im Sep­tem­ber um 800 Mil­lio­nen Eu­ro hö­her als er­war­tet. Im Ok­to­ber stand fest: Der Trend hält, denn auch im Ok­to­ber la­gen die Ein­nah­men 835 Mil­lio­nen Eu­ro über dem Bud­get­ziel – in den ers­ten zehn Mo­na­ten nahm der grie­chi­sche Fis­kus da­mit ins­ge­samt 2,3 Mil­li­ar­den Eu­ro mehr ein als er­war­tet.

Vor­aus­ge­sagt ha­ben vie­le das Ge­gen­teil. Sie ha­ben ge­meint, dass die ho­he Steu­er­last und die schlech­te Zah­lungs­mo­ral zum völ­li­gen Zu­sam­men­bruch der Staats­ein­nah­men füh­ren wür­den.

Doch wie sich zeigt, sind die grie­chi­schen Steu­er­zah­ler trotz al­ler Ent­beh­run­gen der sie­ben Kri­sen­jah­re im­mer noch in der La­ge, in den Geld­beu­tel zu grei­fen. Kon­su­men­ten wer­den über die Mehr­wert­steu­er von 24 Pro­zent ge­schröpft, An­ge­stell­te, Haus­be­sit­zer und Un­ter­neh­mer über die Im­mo­bi­li­en- und die Ein­kom­men­steu­er. Der grie­chi­sche Staat hat in den Kri­sen­jah­ren die Ab­ga­ben­quo­te, das heißt die Sum­me der Ein­nah­men aus Steu­ern und Kas­sen­bei­trä­gen, um sie­ben Pro­zent ge­stei­gert. 2016 wird die Quo­te mit et­wa 40 Pro­zent der Wirt­schafts­leis­tung den eu­ro­päi­schen Durch­schnitt er­rei­chen; das ist, an­ge­sichts der chro­ni­schen In­ef­fi­zi­enz der Fi­nanz­be­hör­den in frü­he­ren Jah­ren, be­ein­dru­ckend. Ka­pi­tal­kon­trol­len wir­ken. Haupt­ur­sa­che für die ge­stei­ger­te Steu­er­leis­tung sind pa­ra­do­xer­wei­se die Ka­pi­tal­kon­trol­len, die 2015 in Grie­chen­land ein­ge­führt wer­den muss­ten. Die Bür­ger, die nach wie vor auf 420 Eu­ro Bar­geld pro Wo­che be­schränkt sind, muss­ten sich plötz­lich mit Net-Ban­king und Ban­ko­mat­kar­ten ver­traut ma­chen. 2015 nah­men elek­tro­ni­sche Zah­lun­gen um über 60 Pro­zent zu, 2016 bis­lang um die 50 Pro­zent. Das mach­te es Ver­käu­fern al­ler Art un­mög­lich, ih­re Ein­künf­te zu ver­schlei­ern und Steu­ern zu hin­ter­zie­hen – vor al­lem die Ein­nah­men aus der Mehr­wert­steu­er sind seit­her ge­stie­gen.

Der Staat half wei­ter nach bei der Um­stel­lung auf elek­tro­ni­sche Zah­lungs­mit­tel: Steu­er­frei­be­trä­ge für 2016 wer­den nur auf Sum­men ge­währt, die elek­tro­nisch ge­zahlt wer­den. Au­ßer- dem sind nun Kon­su­men­ten bei Käu­fen über 500 Eu­ro zur Zah­lung mit Kar­ten ver­pflich­tet.

Letzt­lich al­so dürf­ten je­ne recht be­hal­ten ha­ben, für die die For­cie­rung der In­for­ma­ti­ons­tech­no­lo­gie das bes­te Mit­tel zur Be­kämp­fung von Kor­rup­ti­on und Steu­er­flucht ist. Das Ver­bes­se­rungs­po­ten­zi­al ist üb­ri­gens im­mer noch be­acht­lich: Grie­chen­land liegt im eu­ro­päi­schen Ver­gleich auch heu­te noch an vor­letz­ter Stel­le beim Ein­satz von Plas­tik­geld. Fa­zit: Das grie­chi­sche Spar­pro­gramm, das im Sommer 2015 im Ge­gen­zug zum drit­ten Ret­tungs­pa­ket von über 80 Mil­li­ar­den Eu­ro ge­währt wur­de, ist auf Kurs. Zu­min­dest heu­er.

Bei Zwangs­ver­stei­ge­run­gen von Erst­wohn­sit­zen gibt es täg­lich Prü­gel­sze­nen.

Auch das an­ge­peil­te pri­mä­re Bud­get­p­lus, al­so die Staats­ein­na­men oh­ne Ab­zug der Schul­den­til­gung, wird er­reicht wer­den. Ziel ist ein Über­schuss in Hö­he ei­nes hal­ben Pro­zents der Wirt­schafts­leis­tung.

Doch die Er­fol­ge des Spar­pro­gramms ha­ben po­li­ti­sche Kon­se­quen­zen für die Re­gie­rung Tsi­pras. In Mei­nungs­um­fra­gen liegt sie zwi­schen zehn und zwan­zig Pro­zent hin­ter der kon­ser­va­ti­ven Op­po­si­ti­on, und im­mer wie­der kommt es zu teils ra­bia­tem Wi­der-

AFP

Ein Stra­ßen­ver­käu­fer am Fuß des Akro­po­lis-Hü­gels in At­hen. Für die Men­schen im Land brach­te das Spar­pro­gramm schwe­re Ein­schnit­te.

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