Der Koh­len­händ­ler von Neu­bau

Es ist ein aus­ster­ben­des Ge­schäft – we­gen war­mer Win­ter, be­que­mer Zen­tral­hei­zun­gen und stren­ger Um­welt­stan­dards. Doch noch hält Pe­ter Hin­ter­ho­ger mit sei­ner Koh­len­hand­lung durch.

Die Presse am Sonntag - - Mein Geld - VON ERICH KOCINA

Es ist nicht un­be­dingt die ers­te As­so­zia­ti­on, die beim The­ma Ge­schäf­te im hip­pen Neu­bau auf­taucht. Und tat­säch­lich wirkt der klei­ne La­den in der Kandlgas­se aus der Zeit ge­fal­len. „Holz, Bri­ketts, An­thra­zit, Koks“steht auf ei­nem Schild ne­ben der Tür – und dar­über schwarz auf gelb „Koh­len We­ber“. Ei­nen Herrn We­ber gibt es hier zwar schon lang nicht mehr, doch Koh­le wird hier nach wie vor ver­kauft. „We­ber hat mein On­kel ge­hei­ßen“, er­zählt Pe­ter Hin­ter­ho­ger. „Von ihm ha­be ich das Ge­schäft über­nom­men.“An die 20 Jah­re muss das schon her sein. Vor­her hat der ge­lern­te Buch­bin­der bei der Ge­mein­de Wi­en Bus­se re­pa­riert – und ge­le­gent­lich dem On­kel bei der Ar­beit ge­hol­fen. Und ir­gend­wann war er dann eben auf ein­mal selbst Koh­len­händ­ler.

Da­mals, vor 20 Jah­ren, da sei das noch ein ech­tes Ge­schäft ge­we­sen. Da ha­be er vier Mit­ar­bei­ter be­schäf­tigt – und die muss­ten an man­chen Ta­gen bis um acht, neun, manch­mal so­gar zehn Uhr abends Koh­le lie­fern. Heu­te be­schäf­tigt er nur noch ei­nen Mit­ar­bei­ter – und selbst der ist am Nach­mit­tag oft schon wie­der da­heim. „Es gibt ja kei­nen Win­ter mehr heu­te“, er­zählt der 53-Jäh­ri­ge. Kei­ne Käl­te, kein Schnee, da in­ter­es­siert sich auch nie­mand fürs Hei­zen. Erst dann, wenn es drau­ßen wirk­lich un­ge­müt­lich wird, wür­den die Men­schen dar­an den­ken, dass sie ja Ma­te­ri­al zum Hei­zen brau­chen. Bau­märk­te als Kon­kur­renz. Ja, es gibt sie noch. Men­schen, die ih­re Woh­nun­gen mit Öfen be­hei­zen, in de­nen sie Koh­le, Koks, Bri­ketts oder Holz in ver­schie­de­nen For­men ver­bren­nen. An die 600 bis 800 Kun­den hat al­lein er in ganz Wi­en, schätzt Hin­ter­ho­ger. Vie­le in al­ten Zins­häu­sern, vor al­lem al­te Men­schen, die noch mit al­ten Öfen auf­ge­wach­sen sind. Aber auch Jun­ge, die aus eher ro­man­ti­schen Grün­den ei­ne Wär­me­quel­le mit fos­si­len Brenn­stof­fen di­rekt in der Woh­nung be­fül­len. Koh­len­ge­schäf­te sind da­ge­gen mitt­ler­wei­le sel­ten ge­wor­den. Auch, weil es in Bau­märk­ten eben­so Brenn­ma­te­ri­al gibt – und so­gar in man­chen Su­per­märk­ten gibt es Holz­bri­ketts oder Koh­le zu kau­fen. Holz, Koh­le, Koks – al­les im La­ger. Und bei Be­darf gibt es auch Be­ra­tung, wann wel­ches Brenn­ma­te­ri­al bes­ser ist. Und was man auf kei­nen Fall mi­schen darf.

„Da schaut halt kei­ner auf die Qua­li­tät“, sagt Hin­ter­ho­ger. Bei sei­nen Pro­duk­ten sei nichts bei­ge­mengt, sie bren­nen län­ger, und bei ihm kom­me es auch nicht vor, dass feuch­tes Holz ver­kauft wird. Wo­bei von der schmut­zig­v­er­klär­ten Ro­man­tik des Koh­len­kel­lers bei ihm auch nicht mehr viel üb­rig ist. Die Wa­re wird ge­lie­fert, groß­teils aus Po­len und in Sä­cken ab­ge­packt. Of­fen dür­fe man Koh­le zum Bei­spiel gar nicht mehr ver­kau­fen. „We­gen der Um­welt.“

Auf et­wa 120 Qua­drat­me­tern hat er rund 15 Ton­nen Brenn­ma­te­ri­al ein­ge­la­gert. Eng ge­sta­pelt und ge­schlich­tet rei­hen sich die Sä­cke an den Wän­den. „Wenn man gut schlich­tet, geht es sich aus.“Und wenn es end­lich käl­ter wird, läuft auch das Ge­schäft da­mit wie­der an. „Es la­gert sich ja kei­ner mehr et­was ein“, meint Hin­ter­ho­ger. Und dar­um bre­che dann mit dem Käl­te­ein­bruch bei vie­len die Pa­nik aus – und für ihn wird es dann stres­sig.

Ge­gen 6.30 Uhr in der Früh macht er sei­ne ers­te Lie­fe­rung. Trägt je­weils zwei Sä­cke zu 25 Ki­lo vor al­lem die ge­schwun­ge­nen Alt­bau­trep­pen hoch. Hin­auf über die Stie­gen – denn in vie­len Häu­sern ge­be es kei­ne Auf­zü­ge. Und selbst wenn, dürf­ten sie die oft nicht ver­wen­den. „Da sa­gen die Be­woh­ner, das ist kein Las­ten­auf­zug.“Ge­lie­fert wird trotz­dem – bis in die Woh­nung und oh­ne Ex­tra­geld da­für, wenn die­se im Haus ganz oben ist. Trink­geld ge­be es kaum. Und die Zei­ten, in de­nen man noch auf ei­nen Kaf­fee oder ei­nen Schnaps ge­blie­ben sei, die sei­en auch längst vor­bei. „Da­für hät­te ich doch gar kei­ne Zeit.“Es ist ei­ne schwe­re, ei­ne kör­per­li­che Ar­beit. Und ei­ne, die nur in der kal­ten Sai­son läuft. Ju­li und Au­gust ist das Ge­schäft über­haupt ge­schlos­sen. Wirk­li­chen Nach­wuchs kann er al­so kaum brau­chen – er wür­de ab­ge­se­hen da­von aber oh­ne­hin kei­nen fin­den: „So ei­ne Ar­beit macht heu­te kei­ner mehr.“

Weil kaum je­mand et­was ein­la­gert, wol­len bei Käl­te al­le ih­ren Brenn­stoff so­fort.

Bald ist es vor­bei. Dass der Ein­zel­han­del mit Koh­le und Brenn­stof­fen nicht mehr das gro­ße Ge­schäft ist, das ist Hin­ter­ho­ger klar. „So wirk­lich Spaß macht das nicht mehr“, meint er. Nicht nur, weil der Ver­kauf nicht flo­riert, son­dern auch we­gen vie­ler Auf­la­gen. „Die Re­gis­trier­kas­sa, vie­le Um­welt­vor­schrif­ten, es gibt kei­ne Park­plät­ze. . .“Zwei Mal hat er sich schon bei an­de­ren Fir­men be­wor­ben, bis jetzt oh­ne Er­folg. Und so be­treibt er sein Ge­schäft noch wei­ter – die klei­ne Koh­len­hand­lung im Hips­ter­be­zirk. „Aber frü­her oder spä­ter wird es ganz vor­bei sein“, meint er. „Ich glau­be nicht, dass es das Ge­schäft noch zehn Jah­re ge­ben wird.“

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