Beim Par­fu­meur auf der Couch

Yo­gesh Ku­mar hat das, was man wohl ei­nen ab­so­lu­ten Ge­ruchs­sinn nennt. Er kann das Zwi­schen­mensch­li­che und das Un­aus­ge­spro­che­ne rie­chen – und nützt die­se Ga­be, um per­so­na­li­sier­te Düf­te für sei­ne Kund­schaft zu ent­wi­ckeln.

Die Presse am Sonntag - - Werkstatt - VON AN­TO­NIA LÖFF­LER

Als Sie­ben­jäh­ri­ger wuss­te Yo­gesh Ku­mar, das er Par­fu­meur wer­den will. Ku­mar, der in der in­di­schen Me­tro­po­le Neu De­lhi ge­bo­ren wur­de, wuss­te zwar nicht, wo­her er das Wort kann­te oder ob es die­sen Be­ruf gibt. Nur dass er mit Düf­ten ar­bei­ten woll­te, war ihm klar. „Wenn ich stu­diert hät­te, wä­re ich Che­mi­ker ge­wor­den. Was ist nicht Che­mie?“, fragt der heu­te 47-Jäh­ri­ge. Doch da­zu kam es nicht. Noch be­vor er die Schu­le ab­schlie­ßen konn­te, muss­te er in den vä­ter­li­chen Be­trieb für Fri­seur­be­darf ein­tre­ten. Un­glück­lich sei er dort ge­we­sen. Aber im streng hier­ar­chi­schen Kas­ten­sys­tem In­di­ens hebt ei­nen ein ab­so­lu­ter Ge­ruchs­sinn nicht zwangs­läu­fig her­vor.

Die­se un­aus­weich­lich vor­ge­zeich­ne­te Rol­le woll­te Yo­gesh Ku­mar nicht hin­neh­men. „Ich bin nicht, wo­her ich kom­me, son­dern wo­hin ich will“, sagt der Mann mit den kla­ren ru­hi­gen Au­gen. Mit 17 ent­warf er ne­ben der Ar­beit bei sei­nem Va­ter sei­ne ers­ten per­so­na­li­sier­ten Düf­te für Lu­xus­ho­tels. Mit An­fang 20 zog er nach Eu­ro­pa, um sich auf dem al­ten Kon­ti­nent ei­nen Na­men als Par­fu­meur zu ma­chen. An­fangs in Dä­ne­mark, doch das nor­di­sche Pu­bli­kum ent­pupp­te sich trotz al­ler an­fäng­li­chen Be­geis­te­rung für sei­ne Duft­krea­tio­nen nicht als das kauf­freu­digs­te. Freun­de rie­ten ihm zu Ös­ter­reich. In Wi­en mit sei­nen Thea­tern, Mu­se­en, Ga­le­ri­en und Opern wür­den Küns­te wie die sei­ne noch viel hö­her ge­schätzt. „Sie ha­ben den rich­ti­gen Ge­ruchs­sinn ge­habt.“ Wie­der ein An­fang. 1997 kam Ku­mar in Wi­en an. Aber es wur­de 2003, be­vor er sein ei­ge­nes klei­nes Ge­schäft in der Kir­chen­gas­se na­he dem Spit­tel­berg er­öff­nen konn­te. Hier re­si­diert er nun – der ein­zi­ge Par­fu­meur Ös­ter­reichs und ei­ner von rund 2000 welt­weit, wie er selbst sagt. An­fangs dau­er­te es trotz al­ler Kul­tu­raf­fi­ni­tät der Wie­ner, trotz ei­nes gül­ti­gen Ge­wer­be­scheins und sei­ner schnell er­lern­ten Deutsch­kennt­nis­se, bis er die rich­ti­gen Leu­te traf, die sei­ne Vi­si­on vom per­so­na­li­sier­ten Duft ver­stan­den – und ihm auch die nö­ti­ge Platt­form bie­ten konn­ten. Der Er­folg kam mit ei­ner Zu­falls­be­kannt­schaft auf ei­ner Weih­nachts­fei­er. Dort traf er den Chef von Duft und Kul­tur in den no­blen Tuch­lau­ben, der ihn in den fol­gen­den Jah­ren als Ar­tist in Re­si­dence zwei­mal pro Wo­che sei­ne Düf­te kre­ieren ließ. „Das Ge­schäft und ich sind zu­sam­men be­kannt ge­wor­den.“

Bald wur­den die Me­di­en auf das au­ßer­ge­wöhn­li­che An­ge­bot auf­merk­sam. So konn­te sich Ku­mar sei­ne ei­ge­ne Wirk­stät­te in Neu­bau leis­ten. Die­se öff­net er sei­ner Kund­schaft nur nach Vor­an­mel­dung – die Com­mu­ni­ty, die in die­ser stark au­di­tiv und vi­su­ell ge­präg­ten Zeit sei­ne Pro­duk­te nach­fragt, sei aber auch sehr klein. „Was ich an­bie­te, ist kein Pro­dukt von der Stan­ge.“

Und vor al­lem sei­en sei­ne Düf­te nie­mals Ca­mou­fla­ge für ih­re Trä­ger. „Düf­te, die man ver­wen­det, um sich zu ver­ste­cken, gibt es bei mir nicht.“Genau­so schwer wie der Kör­per­duft müss­ten sie sein, um wie ein maß­ge­schnei­der­tes Kleid an­zu­lie­gen und ih­ren Be­sit­zer ein­ma­lig zu ma­chen. Wer leis­tet sich die­se doch recht kost­spie­li­gen Maß­ar­beit? „Men­schen, die sich mit sich selbst aus­ein­an­der­set­zen, in­ter­es­siert ihr Kör­per­duft.“Man kön­ne ihn als Vi­si­ten­kar­te be­trach­ten, die über Sym­pa­thie oder An­ti­pa­thie ent­schei­det, be­vor man noch das ers­te Wort wech­selt. „Es gibt kei­ne stär­ke­re Be­lei­di­gung als zu sa­gen, dass ich je­man­den nicht rie­chen kann.“ Der Ge­ruch der Lü­ge. Ku­mar konn­te Men­schen von frü­hes­ter Kind­heit an rie­chen – so­wie auch zwi­schen­mensch­li­che Si­tua­tio­nen, Span­nun- gen, ja so­gar die Lü­ge. Al­les Un­aus­ge­spro­che­ne, das über Ge­rü­che trans­por­tiert wird. „Das fin­de ich hier“, sagt er und deu­tet auf den Na­cken. Je­der Men­schen ha­be zwei Sei­ten. Aber, fragt er schmun­zelnd, wer schaue sich in der Früh schon sei­nen Rü­cken im Spie­gel an?

Will man die­se zwei­te Sei­te ken­nen­ler­nen und sei­nem Kör­per­duft ein ent­spre­chen­des Män­tel­chen an­pas­sen, sucht man bei Yo­gesh Ku­mar um ei­ne Pri­vat­au­di­enz an. Er, der sei­nen Ge­ruchs­sinn bei ei­nem tra­di­tio­nel­len in­di­schen Ayur­ve­da­me­di­zi­ner schu­len ließ, er­stellt mit­tels des Ge­ruchs am Na­cken oder an ei­nem ge­tra­ge­nen Stück Stoff ei­nen mehr­sei­ti­gen Duft­re­port. „Bei Paa­ren ver­lässt an die­ser Stel­le meis­tens ei­ner das Ge­schäft, um ei­nen Kaf­fee zu trin­ken.“

Wenn man Ku­mar bei der Ar­beit er­lebt, ver­steht man, war­um: Der Ein­blick ins wei­te See­len­land sei­ner Kun­den, den er mit ei­nem ein­zi­gen Rie­cher ge­winnt, ist ver­blüf­fend. Man fühlt sich mehr auf der Freud’schen Couch als beim Par­fu­meur. „Man sieht nur mit der Na­se gut“, sagt Ku­mar und lä­chelt sein un­er­gründ­li­ches Lä­cheln.

Nach der Be­ra­tungs- und Ana­ly­se­run­de sucht er aus rund 230 Kom­po­nen­ten Ba­sis­no­ten für vier Test­kom­po­si­tio­nen aus, die der Trä­ger nach­ein­an­der aus­pro­bie­ren soll. An­schlie­ßend wer­den je nach Wahl Herz­no­te und Kopf­no­te an­ge­passt. Am En­de be­kommt der Kun­de für knapp 600 Eu­ro ei­nen 100-Mil­li­li­ter-Fla­kon sei­nes höchst­per­sön­li­chen Dufts, ei­ne olfak­to­ri­sche In­nen­schau – und im bes­ten Fall durch das Zu­sam­men­spiel von Kör­per und Par­fum mehr In­spi­ra­ti­on, Freu­de oder Aus­ge­gli­chen­heit. Er kön­ne kei­ne Wun­der wir­ken, be­tont Ku­mar. Aber er ha­be doch schon ei­ni­ge wun­der­ba­re Re­ak­tio­nen er­lebt, wenn die Ma­trix des Kör­pers durch sein Par­fum ins Gleich­ge­wicht ge­bracht wur­de. Den ein­mal kom­po­nier­ten Duft no­tiert er in ei­nem di­cken Band. Vier die­ser Bän­de hat er mitt­ler­wei­le. So kön­nen Kun­den im­mer wie­der ein neu­es Fläsch­chen be­zie­hen – au­ßer ihr Ge­ruch ver­än­dert sich. Was ge­sche­hen kön­ne, nie­mand blei­be schließ­lich sein Le­ben lang der­sel­be Mensch, sagt Ku­mar. In dem Fall muss das Duft­män­tel­chen frisch ad­jus­tiert wer­den.

»Düf­te, die man ver­wen­det, um sich zu ver­ste­cken, gibt es bei mir nicht.« »Es gibt kei­ne stär­ke­re Be­lei­di­gung als zu sa­gen, ich kann je­man­den nicht rie­chen.«

Sein Ur­sprungs­ge­schäft mit den Ho­tel­düf­ten gibt es da­ne­ben nach wie vor – in In­di­en, wo es heu­te sei­ne Schwes­ter lei­tet, aber auch in Ös­ter­reich. Hier­zu­lan­de hat Yo­gesh Ku­mar für so un­ter­schied­li­che Un­ter­neh­men per­sön­li­che No­ten kre­iert wie für das Bel­ve­de­re, die Bank Aus­tria oder die Ös­ter­reich Wer­bung. Er sei sehr ex­pe­ri­men­tier­freu­dig und im­mer of­fen für neue Pro­jek­te – so ha­be er bei­spiels­wei­se auch schon Es­sen­zen mit dem Duft von Wein­blät­tern, Trau­ben oder Ta­bak­scho­ko­la­de her­ge­stellt. „Aber ich wür­de nicht sa­gen, dass ich al­les er­reicht ha­be“, be­tont er. Ne­ben sei­nen Duft­semi­na­ren und Duft­vor­trä­gen wür­de er gern Pro­jek­te mit Kin­dern ma­chen, um ih­nen das olfak­to­ri­sche Er­leb­nis nä­her­zu­brin­gen, das heu­te viel zu sehr in den Hin­ter­grund ge­rückt sei. Auch die Er­öff­nung ei­nes Duft­mu­se­ums schwebt ihm vor Au­gen. Selbst und stän­dig. „Ein Selbst­stän­di­ger ar­bei­tet selbst und stän­dig“, sagt Ku­mar, wenn man ihn an­ge­sichts der per­sön­lich ver­ein­bar­ten Öff­nungs­zei­ten nach sei­nem Ar­beits­tag fragt. Manch­mal be­schäf­ti­ge er sich 24 St­un­den am Tag mit Ge­rü­chen. „Das ist für mich kein Be­ruf. Das ist mein Le­ben.“In sei­ner Tä­tig­keit als Par­fu­meur ha­be er noch in kei­ner Se­kun­de das Ge­fühl ge­habt, zu ar­bei­ten. „Was ich wirk­lich furcht­bar fin­de, ist Ur­laub“, sagt Yo­gesh Ku­mar und lacht noch ein­mal sein un­er­gründ­li­ches La­chen.

Cle­mens Fa­b­ry

Yo­gesh Ku­mar ver­schlug es vor 19 Jah­ren von Neu De­lhi über Dä­ne­mark nach Wi­en.

Cle­mens Fa­b­ry

In Ku­mars La­den in der Kir­chen­gas­se Nr. 24, den er ge­wöhn­lich nur nach Ver­ein­ba­rung öff­net, rei­hen sich die Düf­te der ab­ge­schlos­se­nen Auf­trä­ge an­ein­an­der.

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