Als Krö­ten sich pan­zer­ten

Die Scha­le der Schild­krö­ten war ei­ne auf­wen­di­ge Er­fin­dung, sie zwang zum Um­stel­len der At­mung. Wo­zu kam sie? Zum Schutz? Nein – zum Gr­a­ben!

Die Presse am Sonntag - - Wissen - VON JÜRGEN LANGENBACH

Wenn ihr die Last auf dem Rü­cken doch ein­mal zu groß wird, dann ru­ckelt sie kurz. Und dann bebt die Er­de. Denn sie ist die Last, in ei­nem Schöp­fungs­my­thos der Che­yenne, in dem der Rü­cken ei­ner Schild­krö­te al­les trägt, die Er­de und den Him­mel. Auch in Er­zäh­lun­gen an­de­rer Kul­tu­ren sind die schier un­zer­stör­ba­re Scha­le und das schier ewi­ge Le­ben ih­rer Trä­ge­rin ein­ge­gan­gen, und spä­ter hat An­to­nio Gau­di ihr Re­ve­renz er­wie­sen bzw. Hoff­nung auf ih­re Ge­duld ge­setzt: Man­che Säu­len sei­ner Ka­the­dra­le Sa­gra­da Fa­mi­lia in Bar­ce­lo­na, die al­lein zum Fer­tig­wer­den noch Jahr­hun­der­te braucht, wer­den von stei­ner­nen Schild­krö­ten ge­tra­gen.

Aber wer­den sie wirk­lich so alt, und wie sind sie zu dem Pan­zer ge­kom­men, der beim Alt­wer­den hilft, weil er vor Atta­cken schützt? Ewig le­ben sie nicht, sie ha­ben Fein­de, in den Mee­ren et­wa Haie – die grei­fen an der schwächs­ten Stel­le an, un­ten –, und auf dem Land sind auch man­che hin­ter ih­nen her, so­gar ge­flü­gel­te: Der grie­chi­sche Dra­ma­ti­ker Ai­s­chy­los soll 456 v. Chr. durch ei­ne Schild­krö­te zu To­de ge­kom­men sein: Sie fiel ihm auf den Kopf, aus gro­ßer Hö­he und dem Schna­bel ei­nes Ad­lers, der die Beu­te durch die Wucht des Auf­schlags auf dem Bo­den kna­cken woll­te.

Aber alt wer­den sie schon, vor al­lem die größ­ten und be­rühm­tes­ten, die, de­ren Form ih­rem In­sel­reich den Na­men ge­ge­ben hat: Bei man­chen ist der Pan­zer im Na­cken zu ei­nem Sat­tel ge­wölbt, er heißt auf Spa­nisch „ga­la­pa­gos“und reg­te Be­su­cher zu Spä­ßen an: „Ich setz­te mich oft auf ih­ren Rü­cken, und nach ein paar Klap­sen auf den hin­te­ren Teil des Kör­pers lie­fen sie los; aber ich fand es sehr schwie­rig, mei­ne Ba­lan­ce zu hal­ten.“Das no­tier­te Darwin 1835. Den Rie­sen­schild­krö­ten wird der Rei­ter eher gleich­gül­tig ge­we­sen sein, sie ha­ben Schlim­me­res er­lebt, wa­ren Wal­fän­gern als le­ben­de Vor­rä­te will­kom­men, Darwin no­tier­te auch das: „Man er­zählt, dass ein­zel­ne Schif­fe bis zu 700 Tie­re mit­ge­nom­men ha­ben.“

Den Ader­lass steck­ten sie weg, ei­ne um­we­gi­ge Be­dro­hung setz­te ih­nen spä- ter är­ger zu: Zie­gen. Die wa­ren Bau­ern ent­lau­fen oder frei­ge­setzt wor­den, sie mach­ten sich der­art über die Ve­ge­ta­ti­on man­cher In­seln her, dass für die Schild­krö­ten nichts blieb. So war das et­wa auf Pin­ta, dort fand man 1971 ein Ex­em­plar ei­ner Un­ter­art, die man seit 1912 für aus­ge­stor­ben hielt, Che­lono­idis ni­gra abing­do­ni. Es war ein er, ei­nen Me­ter lang, 88 Ki­lo schwer, um die 60 Jah­re alt, man nann­te ihn Lo­ne­so­me Ge­or­ge: Er war der Letz­te der Sei­nen, 2012 ver­schied er mit kaum 100 Jah­ren. An­de­re wur­den äl­ter, die Re­kord­hal­te­rin – Ad­wai­ta, im San­s­krit: Ein­zig­ar­ti­ge – soll 256 ge­we­sen sein, als sie 2006 in ei­nem Zoo in In­di­en starb. Von Se­nes­zenz nicht ver­schont. Das mag über­trie­ben ge­we­sen sein, zu Wer­be­zwe­cken, aber Rie­sen­schild­krö­ten zäh­len zu den Me­thu­sa­lems im Tier­reich. Und in ei­nem gal­ten al­le Schild­krö­ten als ein­zig­ar­tig: Ih­re Fit­ness steigt mit dem Al­ter, sie re­pro­du­zie­ren sich von Jahr zu Jahr stär­ker, vor al­lem die Weib­chen. Das schloss man aus Anec­do­tal Evi­dence – nicht sehr si­che­ren Ein­zel­be­ob­ach­tun­gen –, sys­te­ma­tisch ist es schwer zu prü­fen. Aber Fre­de­ric Jan­zen (Io­wa Sta­te Uni­ver­si­ty) ist es ge­lun­gen: Er hat mit sei­nen Stu­den­ten 30 Jah­re lang je­den Sommer je­des ein­zel­ne Tier ei­ner Ko­lo­nie von Zier­schild­krö­ten am Mis­sis­sip­pi über­wacht: Sie blei­ben von Se­nes­zenz nicht ver­schont. Zwar le­gen die Weib­chen mit stei­gen­dem Al­ter im­mer mehr Eier, aber die Qua­li­tät sinkt (Pnas 113, S. 6502).

Ih­re Kräf­te schwin­den al­so wie die al­ler an­de­ren Tie­re auch, aber Ei­gen­hei­ten ha­ben sie schon, höchst be­fremd­li­che, Schnä­bel wie Vö­gel et­wa, und na­tür­lich: die Scha­le. Wie ist sie ge­kom­men? Sie muss ei­nen gu­ten Grund ge­habt ha­ben, sie mach­te nicht nur den Kör­per schwer – 30 Pro­zent sei­nes Ge­wichts sind von ihr –, son­dern auch das At­men (und den Gang, der wird schlep­pend): Al­le an­de­ren Wir­bel­tie­re kön­nen da­zu die Rip­pen wei­ten, bei den Schild­krö­ten sind sie mit­ein­an­der ver­wach­sen, sie muss­ten auf ei­ne an­de­re Atem­tech­nik um­stel­len, der Bauch­mus­kel wur­de ihr Blas­balg (Na­tu­re Com­mu­ni­ca­ti­ons 5:5211).

Und wo kam der Pan­zer, auf dem Land oder im Was­ser? Das war lang um­strit­ten, man­che Fos­si­li­en deu­te­ten auf aqua­ti­schen Ur­sprung – auch der Pan­zer am Un­ter­leib tut es, die­se Re- gi­on müss­te an Land nicht ge­schützt wer­den (Na­tu­re 456, S. 497) –, an­de­re auf ter­res­tri­schen. Für den spricht mehr, erst spä­ter stie­gen man­che ins Was­ser, gar ins Meer. In des­sen Käl­te schlu­gen sie neu­er­lich ei­nen Son­der­weg ein: An­de­re Mee­res­be­woh­ner, Rob­ben et­wa, ver­tei­len die Wär­me im Kör­per so, dass der Kern warm bleibt, die Glied­ma­ßen küh­len aus. Mee­res­schild­krö­ten ha­ben ein ge­gen­läu­fi­ges Wär­me­tausch­sys­tem: Die Ve­nen, die das von den Mus­kel­be­we­gun­gen war­me Blut zu­rück zum Her­zen füh­ren, sind in den Flos­sen so ne­ben die Ar­te­ri­en ge­legt, dass sie de­ren hin­aus­strö­men­des Blut wär­men. Und das ih­re ab­küh­len. So bleibt auch der Kör­per­kern kühl, John Da­ven­port (Cork) hat es be­merkt, er er­klärt es so: Die Flos­sen wer­den nicht nur im Was­ser ge­braucht, son­dern auch an Land, am Strand. Dort­hin stei­gen die Weib­chen zur Eiab­la­ge, dort müs­sen sie Lö­cher gr­a­ben, dort ist es wär­mer als im Was­ser, und die Mus­keln müs­sen mehr leis­ten.

Das bringt mehr Wär­me, die darf nicht in den Kör­per­kern, er wür­de zu heiß (Bio­lo­gy Let­ters 11:20150592). Aber auch Land­schild­krö­ten gr­a­ben, und bei ih­nen fin­det Tors­ten Sche­yer (Zü­rich) den Schlüs­sel zur Lö­sung des größ­ten Rät­sels: Wo­zu kam der Pan­zer? Ge­schützt ha­ben kann er nicht (gleich), er muss­te sich ent­wi­ckeln, das tat er erst un­ten am Kör­per, dort muss er ei­ne an­de­re Funk­ti­on ge­habt ha­ben. Die zeigt sich an ei­ner der äl­tes­ten Pro­to-Schil­krö­ten, Eu­no­to­sau­rus af­ri­ca­nus, sie war 15 Zen­ti­me­ter groß und leb­te vor 260 Mil­lio­nen Jah­ren in Süd­afri­ka. Von ihr gibt es fast voll­stän­di­ge Fos­si­li­en, auch Fü­ße und Hän­de sind er­hal­ten.

De­ren End­fin­ger­glie­der ha­ben die Spa­ten­form von Tie­ren, die gr­a­ben. Of­fen­bar ta­ten das die ers­ten Schild­krö­ten auch – und nutz­ten die mit­ein­an­der ver­wach­sen­den Rip­pen zum Ab­stüt­zen bzw. als Wi­der­la­ger (Cur­rent Bio­lo­gy 26, S. 1887): „Die Pro­to-Scha­le er­laub­te es den Tie­ren, sich in den Bo­den ein­zu­gra­ben und in un­ter­ir­di­schen Be­hau­sun­gen den un­wirt­li­chen Um­welt­be­din­gun­gen Süd­afri­kas zu trot­zen.“

Ihr schier ewi­ges Le­ben hat Schöp­fungs­my­then ge­stif­tet. Aber sie al­tern schon auch. In den My­then tru­gen sie die Er­de, in der Rea­li­tät gru­ben sie sich in sie ein.

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