»Kon­tro­ver­sen, Kol­li­sio­nen, Sie­ger – das ist po­pu­lär«

Die For­mel 1 sucht Eccles­to­nes Nach­fol­ger: To­to Wolff lehnt ab, Mer­ce­des, die drit­te Team-WM und der drit­te Fah­rer­ti­tel ha­ben Vor­rang. Über das Aus­ster­ben man­cher Au­to­händ­ler, Rohr­spat­zen, Te­enager­pi­lo­ten, und war­um sei­ne Kin­dern nie Renn­fah­rer wer­den.

Die Presse am Sonntag - - Sport - VON MARKKU DATLER

Sie sind ir­gend­wie ein Welt­rei­sen­der. Me­xi­ko, Austin, Wi­en, jetzt sind Sie wie­der in Brack­ley, im F1-Werk in En­g­land. Ru­he ist für Sie al­so tat­säch­lich ein Fremd­wort. To­to Wolff: Ich bin wie­der ein­mal in En­g­land, in der Fir­ma, ja. Hier bin ich die gan­ze Zeit, es ist ein 0-bis-24-UhrJob. Ir­gend­wann wer­de ich auf die­se Zeit zu­rück­bli­cken und mir den­ken, was war das bloß für ein Blöd­sinn . . . Aber Ihr Ein­satz ren­tiert sich, Mer­ce­des ist in der For­mel 1 wie­der al­len da­von­ge­fah­ren, lie­fert Mo­to­ren an vier Teams und selbst Ber­nie Eccles­to­ne lobt Sie als den „bes­ten Se­cond-Hand-Car­dea­ler“. Ich neh­me es na­tür­lich als Kom­pli­ment, wenn es von ihm, ei­nem ehe­ma­li­gen Ge­braucht­wa­gen­händ­ler, kommt. Aber er wur­de ge­fragt, ob ich für ihn ein po­ten­zi­ell gu­ter Nach­fol­ger wä­re und er sag­te: „Ja!“Um dann gleich hin­zu­zu­fü­gen, dass ich ein eben­so­gu­ter Ge­braucht­wa­gen­händ­ler wä­re wie er. In Sum­me ha­be ich aber durch­aus ge­misch­te Ge­füh­le über die­se Aus­sa­ge. Wird Ross Brawn, Schu­ma­chers ehe­ma­li­ger Te­am­chef, der sein gleich­na­mi­ges Team 2009 mit Jen­son But­ton zu WM-Eh­ren führ­te, der Eccles­to­ne-Nach­fol­ger? Der Bri­te hat es zwar mehr­fach de­men­tiert, er wol­le doch lie­ber Fo­rel­len fi­schen und nur als Be­ra­ter ab und zu vor­bei­schau­en, aber je öf­ter ein De­men­ti, des­to . . . . . . Nein. Al­so ich glau­be nicht, dass Ross Brawn für die Nach­fol­ge­rol­le in­fra­ge kommt. Ich üb­ri­gens auch nicht. Ir­gend­wann in der Zu­kunft wird es ein Ma­nage­ment-Bo­ard ge­ben, mit ver­schie­den Rol­len für Mar­ke­ting, Sport, Events oder Tech­nik, Ver­mark­tung. Die­ses mo­der­ne Bo­ard wird ir­gend­wann auf­ge­setzt wer­den. Aber bis da­hin bleibt Ber­nie Eccles­to­ne Chief Exe­cu­ti­ve Of­fi­cer, und bis da­hin kommt al­les, was da so kol­por­tiert wird, aus­schließ­lich aus der Ge­rüch­te­kü­che. Die In­stal­la­ti­on solch ei­nes Bo­ards be­deu­tet aber, dass ge­wief­te Au­to­händ­ler in die­ser Bran­che vom Aus­ster­ben be­droht sind. Na ja. Der­je­ni­ge, der dann für das Kom­mer­zi­el­le zu­stän­dig sein wird, könn­te schon aus die­sem Feld kom­men . . . Wel­che Rol­le will die Li­ber­ty Group, der neue Be­sit­zer der For­mel 1, über­neh­men? In wel­che Rich­tung wird in­ves­tiert? Die For­mel 1 ist ei­ner der ganz we­ni­gen glo­ba­len Sport­ar­ten, die ei­ne glo­ba­le TV-Ver­mark­tung ha­ben, welt­weit ein Zu­schau­er­ma­gnet ist – das war ganz be­son­ders zu­letzt in Me­xi­ko oder in Austin zu se­hen. Die­se Grand Prix wa­ren rest­los aus­ver­kauft. Dort ist die For­mel 1 un­ge­heu­er er­folg­reich, es gibt frei­lich an­dern­orts auch Schwach­stel­len; un­be­strit­ten. Und, wo es si­cher­lich Ver­bes­se­rungs­po­ten­zi­al gibt, ist der di­gi­ta­le Be­reich und des­sen Ver­mark­tung. Es ist zu­gleich ei­ne Grat­wan­de­rung, weil du ja nicht dei­ne Part­ner ver­är­gern willst, oder dass sich die ei­ge­nen Ein­nah­men­quel­len kan­ni­ba­li­sie­ren. Tra­di­ti­on mit Print und TV da, Zu­kunft mit In­ter­net und So­ci­al Me­dia dort. Der di­gi­ta­le Be­reich ge­ne­riert auch noch kei­ne nen­nens­wer­ten Um­sät­ze. Da­mit steht die For­mel 1 je- doch nicht al­lein da. Die Na­tio­nal Foot­ball Le­ague ver­sucht et­wa ge­ra­de, di­gi­ta­len Con­tent zu ver­mark­ten und tut sich un­heim­lich schwer da­mit, weil die Um­sät­ze nur ei­nen Bruch­teil des­sen ab­wer­fen, was mit TV-Rech­ten ge­schafft wird. Aber die Li­ber­ty Group wird sich da­zu et­was über­legt ha­ben beim Kauf der For­mel 1. Al­so gibt es For­mel 1 bald nur noch on­li­ne via Li­vestream statt über Pay-TV? Das weiß ich nicht, aber wenn ei­ne TV-An­stalt die TV-Rech­te kauft, be­zahlt sie das X-fa­che von dem, was sie vom ein­zel­nen Kon­su­men­ten zu­rück­be­kommt. Und, selbst Pay-TV hat wei­ter­hin nur ei­nen Bruch­teil der Reich­wei­te, die das Free-TV er­reicht. Es sind viel­leicht zehn Pro­zent, die von der Pay-Hür­de er­füllt wer­den. Es ist schwer, die rich­ti­ge Ba­lan­ce zu fin­den. Ba­lan­ce ist ein gu­tes Stich­wort: VW zog sich die­se Wo­che aus der Ral­lye-WM zu­rück, Au­di kehrt der Langstre­cke und Le Mans den Rü­cken. Ist das ein Trend oder nur ei­ne Re­ak­ti­on auf Kri­sen­zei­ten? Sie spre­chen da den Volks­wa­genkon­zern an, der in ei­ner pre­kä­ren La­ge ist. Es war – mei­ner Mei­nung nach –, nicht sinn­voll, das dop­pel­te Langstre­cken-En­ga­ge­ment so fort­zu­set­zen mit zwei Mar­ken, Au­di und Por­sche. Jetzt bleibt die his­to­risch re­le­van­te Mar­ke im Ren­nen, das ist ab­so­lut schlüs­sig. Und der VW-Ab­schied aus der Ral­ly­eWM steht si­cher un­ter dem Aspekt der Die­selthe­ma­tik. In schwie­ri­gen Zei­ten hin­ter­fragt je­der das ei­ne oder an­de­re Mo­tor­spor­t­en­ga­ge­ment. Aber ich spre­che nicht für VW. Au­di wird in die For­mel E wech­seln, ist das auch für Mer­ce­des ei­ne Op­ti­on? Ja, wir ha­ben ei­ne Op­ti­on für die For­mel E un­ter­schrie­ben, ab der Sai­son fünf, al­so in zwei Jah­ren, teil­zu­neh­men. Ich will mich mit die­ser The­ma­tik be­schäf­ti­gen, ich will sie ver­ste­hen ler­nen. Jetzt ha­ben wir den Fuß in der Tür, aber im Mo­ment sind die Baustei­ne DTM und For­mel 1, Kun­den­sport und For­mel 3. De­nen blei­ben wir treu. Mer­ce­des do­mi­nier­te auch in die­ser Sai­son die For­mel 1 nach Be­lie­ben, nur nach Aus­fäl­len konn­te die Kon­kur­renz Sie­ge fei­ern. Wie geht das, war­um? Mit dem drit­ten Ti­tel­ge­winn in Se­rie und 17 Sie­gen ha­ben wir ei­nen neu­en Re­kord auf­ge­stellt. Die­se Best­mar­ken ma­chen Spaß, aber 2017 gibt es ein neu­es Re­gle­ment, mit an­de­ren Rei­fen und ei­ner neu­er Ae­ro­dy­na­mik. Wir sind al­so schon lang, emo­tio­nal, im nächs­ten Jahr un­ter­wegs. Die Grün­de für un­se­re Per­for­mance sind 1500 Men­schen, die für un­se­re For­mel-1-Ab­tei­lung ar­bei­ten. Da fängt al­les an, und auf den Renn­stre­cken wird es um­ge­setzt. Der Zu­sam­men­halt im Team, mit den bes­ten Leu­ten, ist aus­schlag­ge­bend für den Er­folg. Mer­ce­des ge­wann die Kon­struk­teurs-WM, der neue Fah­rer-Cham­pi­on, egal ob Ros­berg oder Ha­mil­ton, fährt für Ihr Team. Sie be­lie­fern Ma­nor, Force In­dia oder Wil­li­ams mit Mo­to­ren. War­um hält Niki Lau­da dann die neue For­mel 1 für pein­lich? Ich weiß nicht, wo­her die­se Aus­sa­ge kommt. Die For­mel 1 ist die stärks­te

1972

wird To­to Wolff in Wi­en ge­bo­ren. Er wird In­ves­tor, Renn­fah­rer, und ist seit 2011, zu­erst bei Wil­li­ams, seit 2013 bei Mer­ceds, in der For­mel 1 un­ter­wegs.

30 Pro­zent

des Mer­ce­des-GPTeams ge­hö­ren Wolff, der auch als Mo­tor­sport­chef agiert.

Häk­ki­nen-Part­ner

Wolff ist KoEi­gen­tü­mer ei­ner Sport­ma­nage­ment­ge­sell­schaft mit Mi­ka Häk­ki­nen und Di­dier Co­ton, die das Ma­nage­ment von Renn­fah­rern wie Valt­te­ri Bot­tas über­nimmt.

Pri­vat

Der Wie­ner ist mit der ehe­ma­li­gen Renn­fah­re­rin Su­sie Stod­dart ver­hei­ra­tet, sie er­war­ten ihr ers­tes ge­mein­sa­mes Kind. Mo­tor­sport­platt­form der Welt, sie be­haup­tet sich bei al­len Kenn­zah­len im TV, bei Zu­schau­ern. Sie ist das The­ma, mit Kon­tro­ver­sen, Ri­va­li­tä­ten und Sie­gern. Ich fin­de sie nicht pein­lich. Sind Te­enager­pi­lo­ten wie Max Ver­stap­pen tat­säch­lich die Cha­rak­te­re, auf die die PSBran­che so sehn­süch­tig ge­war­tet hat? Dient er mit sei­nem rü­den Fahr­stil und den Är­ger­nis­sen, die er da­mit lie­fert, auch als Vor­bild im Stra­ßen­ver­kehr? Der Jun­ge ist er­fri­schend. Er ist bru­tal in sei­ner Fahr­wei­se, ja, er po­la­ri­siert. Wir wol­len al­les sein, nur nicht lang­wei­lig. Er kommt in ei­ner Zeit, in der es an Cha­rak­te­ren man­gelt. Sol­che Ty­pen ver­langt man doch! Oder Se­bas­ti­an Vet­tel, der plötz­lich wie ein Rohr­spatz schimpft. Da­zu Kon­tro­ver­sen, Kol­li­sio­nen. Das hat Un­ter­hal­tungs­wert und trägt zur Po­pu­la­ri­tät bei. En­det denn die Mer­ce­des-Kon­tro­ver­se schon am nächs­ten Sonn­tag in S˜ao Pau­lo? Von der Wahr­schein­lich­keit her spricht al­les für Ni­co Ros­berg, er hat in der WM 19 Punk­te Vor­sprung. Selbst bei ei­nem To­tal­aus­fall in Bra­si­li­en hät­te er noch die Mög­lich­keit, in Abu Dha­bi al­les klar­zu­ma­chen. In­so­fern spricht es der­zeit für ihn. Doch in der For­mel 1 ist das al­les wert­los, wenn du ei­nen Un­fall hast und aus­schei­dest, dann hast du null Punk­te. Ich traue mich da kei­ne Pro­gno­sen ab­zu­ge­ben. Wür­de Ni­co Ros­berg den Ti­tel ge­win­nen, er­wei­tert sich die Va­ter-Sohn-Epi­so­de um ein Ka­pi­tel. Ke­ke Ros­berg ge­wann 1982 die WM, da­vor ge­lang das nur Gra­ham (1962, 1968) und Da­mon Hill (1996). Er­füllt Sie so et­was auch mit Stolz? Zum ei­nen macht es mich stolz, Ros­bergs Ent­wick­lung als Mensch und Renn­fah­rer mit­ver­folgt zu ha­ben. Er hat mit Si­cher­heit den stärks­ten Team­kol­le­gen, den man ha­ben kann. Dar­an ha­be ich kei­nen Zwei­fel. Le­wis Ha­mil­ton ist ein Gro­ßer des Mo­tor­sports. Heu­er hat­te Ros­berg aber auch das Glück des Tüch­ti­gen, er hat sich sei­nen Er­folg red­lich er­ar­bei­tet. Die Va­ter-Sohn-Ge­schich­te wä­re na­tür­lich toll. Sie ha­ben doch auch Kin­der. Wür­den Sie bei ih­nen ei­ne Kar­rie­re als Renn­fah­rer be­grü­ßen und auch un­ter­stüt­zen? Als Va­ter ha­be ich ge­ne­rell kei­ne Freu­de da­mit, wenn mei­ne Kin­der ei­nen Ri­si­ko­sport be­trei­ben. Da­her stellt sich die Fra­ge für mich nicht. Es gibt vie­le an­de­re Sport­ar­ten, die auch Spaß ma­chen. Fuß­ball, Ten­nis – Renn­fah­ren hat da für mich nicht ers­te Prio­ri­tät.

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