Die Kö­ni­gin der Lo­wer East Si­de

Ja­mi At­ten­berg setzt mit »Saint Ma­zie« ei­ner New Yor­ker Le­gen­de ein Denk­mal: Ma­zie half wäh­rend der Gro­ßen De­pres­si­on den Ar­men. Und sie wuss­te ihr Le­ben zu ge­nie­ßen.

Die Presse am Sonntag - - Lesenhören - VON JUT­TA SOMMERBAUER

Mei­ne Lie­be gilt den Stra­ßen die­ser Stadt.“Das weiß Ma­zie Phil­lips schon als 19-Jäh­ri­ge, und die­se Wor­te sind es auch, die sie in ihr Ta­ge­buch schreibt. Ma­zie, ein Mäd­chen, das im New Yor­ker Stadt­teil Lo­wer East Si­de auf­wächst, ist kein Te­enager, der gern zu Hau­se her­um­sitzt oder hin­ter der The­ke im Bon­bon­la­den, wo sie kleb­ri­ge Naschs­a­chen an Kin­der ver­kau­fen muss. „Lang­wei­lig. Da kom­men den gan­zen Tag nur klei­ne Kin­der rein, dre­cki­ges Münz­geld, kleb­ri­ge Pfoten.“Die Ma­zie, wie sie uns von Ja­mi At­ten­berg prä­sen­tiert wird, ver­eint Groß­her­zig­keit mit ei­ner gro­ßen Klap­pe, Lie­be und Ab­ge­brüht­heit, Ru­he­lo­sig­keit und Pflicht­be­wusst­sein, Sex und Moral.

Mit „Saint Ma­zie“hat At­ten­berg ei­ner Man­hat­ta­ner Le­gen­de ein Denk­mal ge­setzt. Denn Ma­zie Phil­lips gab es wirk­lich: Sie saß tags­über ein­ge­sperrt in ei­nem Kas­sen­häus­chen des „Ve­nice“-Ki­no und half in ih­rer Frei­zeit den Ob­dach­lo­sen und Streu­nern. Sie sam­mel­te die Bur­schen sprich­wört­lich von der Gos­se auf. Sie lieb­te nicht nur die Stra­ßen, son­dern auch de­ren Be­woh­ner.

Schon zu Leb­zei­ten war die 1897 Ge­bo­re­ne ei­ne lo­ka­le Be­rühmt­heit. Im New Yor­ker des Jah­res 1940 er­schien ein Por­trät von ihr, in dem sie als „Star der Bo­wery“, ei­ner be­rüch­tig­ten Mei­le im Süd­os­ten Man­hat­tans, be­schrie­ben wird. Ma­zie, heißt es da­rin, füh­le sich zu Stadt­strei­chern hin­ge­zo­gen und „un­doub­ted­ly knows mo­re bums than any ot­her per­son in the ci­ty“. Aus­ge­rech­net im Brook­ly­ner Stadt­teil Wil­li­ams­burg, am an­de­ren Ufer des East Ri­ver, gibt es heu­te ei­ne nach Ma­zie be­nann­te Bar mit Vin­ta­ge-Holz­mö­bla­ge, die frei­lich nur von gut si­tu­ier­ten Stadt­strei­chern fre­quen­tiert wird. Pa­ra­dies­vo­gel und Schnaps­dros­sel. Auf ei­nem al­ten Schwarz-Weiß-Fo­to, das Ma­zie um­ringt von Män­nern in ab­ge­tra­ge­nen Ja­ckets zeigt, ist sie als la­chen­de Frau zu se­hen, ge­hüllt in ei­ne vo­lu­mi­nö­se Pelz­ja­cke, um den Hals ei­ne di­cke Ket­te, auf dem Kopf ein Turm von ei­nem Hut. „Zwi­schen Pa­ra­dies­vo­gel und Schnaps­dros­sel“, wie es an ei­ner Stel­le im Ro­man heißt.

At­ten­berg, die dem deutsch­spra­chi­gen Pu­bli­kum seit ih­rem Vor­gän- Ja­mi At­ten­berg „Saint Ma­zie“, über­setzt von Bar­ba­ra Christ Schöff­ling und Co., 376 Sei­ten, 24,70 Eu­ro

Micha­el Shar­key

Ja­mi At­ten­berg: nach den schrul­li­gen „Midd­leste­ins“ei­ne Rom­an­bio­gra­fie über ei­ne un­ge­wöhn­li­che Frau.

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