Wenn die Flut kommt

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Si­mo­ne Hirth ent­wirft im »Lied über die ge­eig­ne­te Stel­le für ei­ne Not­un­ter­kunft« ei­nen Ge­gen­ent­wurf zur Kon­sum­ge­sell­schaft.

Es ist ei­ne bud­dhis­ti­sche Hal­tung, die die Icher­zäh­le­rin in Si­mo­ne Hirths De­büt ver­tritt: Wenn die Flut kommt, wer­de ich nur we­nig mit­neh­men kön­nen, und ich wer­de trau­rig sein über den Ver­lust der Din­ge, die ich zu­rück­las­sen muss­te. Auch Bud­dha sag­te, das Le­ben sei Lei­den, weil es von stän­di­gem Ver­lust be­glei­tet ist. Nur wer sich al­ler Bin­dun­gen ent­le­digt, kann ins Nir­wa­na ein­keh­ren.

Das Bild der Flut in Hirths Ro­man kann als das ge­le­sen wer­den, was es ist: Je­den Tag kön­nen uns Ka­ta­stro­phen al­les neh­men. Deu­tet man es po­li­tisch, hie­ße es, dass uns der Wohl­stand zu Ego­zen­tri­kern ge­macht hat, die nicht be­reit sind zu tei­len.

Die Icher­zäh­le­rin des Bu­ches geht den Weg des Si­chent­le­di­gens kon­se­quent. Sie gibt ih­ren Be­ruf auf, ver­liert je­de so­zia­le Ab­si­che­rung, ihr El­tern­haus. Trotz­dem ist sie kein So­zi­al­fall. Nein, die­se jun­ge Frau be­darf un­se­res Mit­leids nicht. Sie sucht ei­ne Stel­le für ei­ne Not­un­ter­kunft. Die er­rich­tet sie selbst, aus al­ten Zie­geln, Tü­ren, Bret­tern. Sie tut, was aus wirt­schaft­li­cher Sicht not­wen­dig ist. Der öko­no­mi­sche Um­gang be­trifft nicht nur die Din­ge. Auch die Spra­che ist aufs Äu­ßers­te re­du­ziert. Kur­ze Sät­ze al­lein ma­chen noch kei­ne Li­te­ra­tur. Hirth be­dient sich ei­nes Kunst­griffs: Sie löst Be­grif­fe und Wör­ter – et­wa je­ne aus der Be­triebs­wirt­schafts­leh­re – aus ih­rem Kon­text und ver­pflanzt sie in ih­re Er­zäh­lung, so als schnit­te man Se­quen­zen aus ei­nem Schwarz-Weiß-Film und füg­te die­se in ei­nen Farb­film ein. Bei­des er­hält ei­ne ganz neue, an­de­re, poe­ti­sche To­na­li­tät. cle S. Hirth: „Lied über die ge­eig­ne­te Stel­le für ei­ne Not­un­ter­kunft“, Kre­mayr & Sche­ri­au, 192 S., 19,90 Eu­ro.

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