Wie eng kann Freund­schaft sein?

Wür­de man zehn Jah­re ins Ge­fäng­nis ge­hen, um das Le­ben ei­nes Freun­des zu ret­ten? Au­tor Andre­as Salcher hat sich auf Spu­ren­su­che nach We­sen und Gren­zen der Freund­schaft be­ge­ben.

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON ERICH KOCINA

Drei Freun­de sind in Sin­ga­pur. Sie al­le kon­su­mie­ren dort Can­na­bis. Zwei fah­ren wei­ter, ei­ner bleibt – und wird von der Po­li­zei mit ei­ner Men­ge der Dro­ge ent­deckt, die nach den Ge­set­zen des Lan­des mit der To­des­stra­fe ge­ahn­det wird. Wür­den die an­de­ren Freun­de zu­rück­keh­ren und sich stel­len, wür­de die ge­fun­de­ne Dro­gen­men­ge durch drei ge­teilt – das hie­ße kei­ne To­des­stra­fe für ei­nen, da­für zehn Jah­re Haft für je­den der drei. Al­so, ist die Freund­schaft so groß, dass zwei die zehn Jah­re im Ge­fäng­nis auf sich neh­men wür­den, um das Le­ben des drit­ten zu ret­ten? Es ist ein recht weit her­ge­hol­tes Sze­na­rio – ähn­lich dem aus dem US–Film „Für das Le­ben ei­nes Freun­des“aus dem Jahr 1998 –, das Andre­as Salcher in sei­nem Buch „Ich bin für dich da“an­bringt, um die In­ten­si­tät von Freund­schaft zu be­schrei­ben. Und um die Le­ser her­aus­fin­den zu las­sen, wer ih­re wah­ren Freun­de sind.

Ganz neu ist die fik­ti­ve Si­tua­ti­on nicht – schon Fried­rich Schil­ler hat ein ähn­li­ches mo­ra­li­sches Di­lem­ma be­schrie­ben: „Es ist die Über­tra­gung des Bürg­schafts­di­lem­mas in die neue Zeit“, sagt Salcher. „Das soll zei­gen, wo die Gren­zen sind.“Und die lie­gen in der Rea­li­tät doch weit ent­fernt vom idea­lis­ti­schen Bild, das Schil­ler in der Bürg­schaft ent­wor­fen hat. „Für die ei­ge­nen Kin­der wä­ren Leu­te so­fort be­reit, ihr Le­ben zu ge­ben“, meint Salcher. „Beim Part­ner und erst recht bei Freun­den ist das schon dif­fe­ren­zier­ter.“

Das Markt­for­schungs­in­sti­tut GFK SE hat in ei­ner Stu­die her­aus­ge­fun­den, dass 93,5 Pro­zent der Deut­schen sich Zeit für ih­re Freun­de neh­men wür­den, auch wenn sie selbst ge­ra­de kei­ne hät­ten. Und, ein über­ra­schen­des Er­geb­nis, 86,1 Pro­zent der Be­frag­ten ga­ben an, sie wä­ren be­reit, ih­re wah­ren Freun­de in den letz­ten Mo­na­ten vor ih­rem Tod in­ten­siv zu be­glei­ten. Klingt gut, doch die Ant­wort auf ei­ne Fra­ge ist in der Re­gel nur Theo­rie. „In der Rea­li­tät ver­lie­ren wir 80 Pro­zent un­se­rer Freun­de, wenn wir ei­ne tod­brin­gen­de Krank­heit ha­ben.“So wie man­cher Freund auch schon bei weit­aus ge­rin­ge­ren An­läs­sen plötz­lich nicht mehr da ist.

Schon Aris­to­te­les mach­te ei­ne Tren­nung zwi­schen Nut­zen­freund­schaf­ten, Lust­freund­schaf­ten und Tu­gend­freund­schaf­ten. Letz­te­re ist die, die wir heu­te als „wah­re Freund­schaft“de­fi­nie­ren wür­den, al­so ei­ne, die auf ab­so­lu­tem Ver­trau­en auf­ge­baut ist. Von de­nen hat man nicht all­zu vie­le. 50 lo­se, 15 gu­te und drei ech­te Freun­de hat man im Le­ben, sa­ge die Sta­tis­tik. Salcher macht in sei­nem Buch gar ein Ge­bot dar­aus, dass man nicht mehr als drei wah­re Freun­de ha­ben soll. Wer mehr ha­be, mö­ge sich reich be­schenkt füh­len – oder aber über­le­gen, ob sei­ne De­fi­ni­ti­on von Freund­schaft stimmt. Das Mo­tiv da­hin­ter. Die an­de­ren Ar­ten von Freund­schaft sind na­tür­lich nicht we­ni­ger wert – Men­schen, mit de­nen man ei­ne Lei­den­schaft teilt, oder Kol­le­gen, mit de­nen man ne­ben dem be­ruf­li­chen Kon­takt auch pri­vat ein gu­tes Ver­hält­nis hat, ge­hö­ren genau­so zum Le­ben. Nur muss man sich be­wusst sein, dass ein an­de­res Mo­tiv da­hin­ter­steckt, das bald wie­der ver­schwin­den kann, wenn sich die Aus­gangs­la­ge än­dert. Ei­ne Ver­let­zung – und man ist für den Ten­nis­part­ner nicht mehr in­ter­es­sant. Man ver­liert den Job – und vie­le, mit de­nen man öf­ter auf ein Bier ging, mel­den sich auf ein­mal nicht mehr.

Ge­ne­rell, meint Salcher, soll­te man sich von der Vor­stel­lung ver­ab­schie­den, dass ei­ne Freund­schaft für ein gan­zes Le­ben lang Be­stand hat. Selbst oh­ne schwe­re Krank­hei­ten hal­te die bes­te Freund­schaft im Schnitt nur 24 Jah­re. Weil sich die Le­bens­si­tua­ti­on än­dert, weil an­de­re In­ter­es­sen da­zu­kom­men, weil sich Kon­flik­te auf­stau­en. Grün­de gibt es vie­le. Und manch-

Andre­as Salcher

hat Sach­bü­cher zu ver­schie­de­nen The­men ge­schrie­ben, un­ter an­de­rem zu Bil­dung („Der ta­len­tier­te Schü­ler und sei­ne Fein­de“), zwi­schen­mensch­li­che Be­zie­hun­gen („Der ver­letz­te Mensch“) und über den Tod („Mei­ne letz­te St­un­de“). Ne­ben sei­ner Au­to­ren­tä­tig­keit ar­bei­tet der ehe­ma­li­ge ÖVPPo­li­ti­ker auch als Be­ra­ter.

Andre­as Salcher:

„Ich bin für Dich da. Die Kunst der Freund­schaft.“Eco­win Ver­lag, 24 Eu­ro mal liegt der Grund gar nicht beim an­de­ren, son­dern bei ei­nem selbst. Salcher spricht von in­ne­ren Ver­let­zun­gen, be­zeich­net sie als „den ei­ge­nen Schat­ten“, mit dem man um­ge­hen und den man vor al­lem auch an­neh­men müs­se.

Das kön­ne un­ter an­de­rem das an sich ed­le Ver­hal­ten sein, im­mer auf die Wün­sche und Ge­füh­le der an­de­ren ein­zu­ge­hen. Nur, dass das eben auf Kos­ten der ei­ge­nen Be­dürf­nis­se ge­he. Da­durch kön­ne sich Är­ger auf­stau­en, an dem ei­ne Freund­schaft schei­tern kann. Genau­so gut kann es dar­an schei­tern, dass man nicht auf der glei­chen Au­gen­hö­he wie der Freund ist – Do­mi­nanz in Freund­schaf­ten kann sich mit der Zeit rä­chen, so dass der­je­ni­ge, auf den der an­de­re her­ab­sieht, ir­gend­wann ge­nug hat. Und auch so­zia­le Klüf­te kön­nen ein Hin­der­nis für ei­ne Freund­schaft sein. Es ge­he je­den­falls sel­ten so gut aus wie im fran­zö­si­schen Film „Ziem­lich bes­te Freun­de“, in dem ein schwar­zer Klein­kri­mi­nel­ler Pfle­ger ei­nes rei­chen lau­ni­schen Roll­stuhl­fah­rers wird – und sich zwi­schen den bei­den über sämt­li­che so­zia­len und per­sön­li­chen Gren­zen hin­weg ei­ne in­ten­si­ve Freund­schaft ent­wi­ckelt.

Für die ei­ge­nen Kin­der wür­de man sein Le­ben ge­ben – wie sieht das bei Freun­den aus? Ein Freund wird die in­ne­ren Ver­let­zun­gen nicht hei­len, Pro­ble­me nicht lö­sen kön­nen.

Im End­ef­fekt müs­se man sich je­den­falls et­was ein­ge­ste­hen – dass näm­lich ein Freund kei­ne Lö­sung für die ei­ge­nen Pro­ble­me ha­be. „Es gibt in je­der in­ti­me­ren mensch­li­chen Be­zie­hung die­sen Au­gen­blick der ers­ten gro­ßen Ent­täu­schung“, meint Salcher. „Auch die­ser Freund, die­se Lie­be, wird mei­ne in­ne­re Ver­let­zung nicht hei­len.“Man müs­se er­ken­nen, dass das ei­ne Er­war­tungs­hal­tung sei, die kein Mensch er­fül­len kön­ne. „Das ist mein Pro­blem. Das muss ich lö­sen.“Letzt­lich sei das so wie bei ei­ner Be­zie­hung. Wenn man nicht mit sich selbst im Rei­nen ist, wird es auch für den Freund schwie­rig.

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