Ei­ne Kind­heit un­ter dem el­ter­li­chen Schutz­schirm

Die Presse am Sonntag - - Leben -

Für die ei­nen ist es ein Ver­kehrs­pro­blem, dass es vor der Zen­tral­schu­le in Am­stet­ten tag­täg­lich zu ei­nem Stau kommt. Dis­ku­tiert wird über Ein­bahn­lö­sun­gen und Hal­te­ver­bo­te. Nicht ge­spro­chen wird dar­über, was da­hin­ter­steckt – dass der Stau aus­ge­löst wird durch die un­zäh­li­gen El­tern, die ih­re Kin­der zur Schu­le brin­gen oder von dort ab­ho­len. Aus die­sem Blick­win­kel lan­det man schnell bei ei­nem an­de­ren The­ma, der Er­zie­hung. Und da­bei, dass Kin­der zu­neh­mend um­sorgt, ge­hegt und be­treut wer­den – und, ne­ga­ti­ver aus­ge­drückt, El­tern ih­re Kin­der am liebs­ten in ei­nen Ko­kon pack­ten, aus Angst, sie könn­ten zwi­schen dem Zu­hau­se und ver­trau­ens­wür­di­gen In­sti­tu­tio­nen wie der Schu­le in Ge­fahr kom­men.

„Die un­be­auf­sich­tig­te Frei­zeit“, wie es Psy­cho­lo­gin Hed­wig Wölfl nennt (s. In­ter­view rechts), ist we­ni­ger ge­wor­den. Das Mo­dell, dass Kin­der sich mit Freun­den auf der Stra­ße tref­fen und zum Abend­es­sen wie­der da­heim sein müs­sen, ist fast aus­ge­stor­ben. Be­grif­fe für das Phä­no­men gibt es ei­ni­ge in un­ter­schied­li­cher In­ten­si­tät: von den Pa­nik-El­tern über die Soc­cer Mum. Egal, wie man sie be­zeich­nen mag: Was die­se El­tern eint, ist der Wunsch, stän­dig in der Nä­he ih­rer Kin­der zu sein und sie zu über­wa­chen.

Pas­cal Kel­ler­mayr kennt die­ses Ver­hal­ten auch von sich selbst – in ge­wis­sen Be­rei­chen. Der 42-Jäh­ri­ge hat im Um­gang mit sei­ner zehn­jäh­ri­gen Toch­ter Em­ma sehr in­di­vi­du­el­le „Für­sorg­lich­keits­ni­schen“, wie er sagt. Er sei „sehr miss­trau­isch ge­gen­über dem Ver­ant­wor­tungs­ge­fühl an­de­rer“– spe­zi­ell et­wa bei Au­to­fah­rern. So be­rei­tet ihm der Ge­dan­ke gro­ße Sor­gen, dass sei­ne Toch­ter al­lein mit dem Fahr­rad un­ter­wegs in Schwie­rig­kei­ten kom­men könn­te. „Und über­all, wo tech­nisch et­was ver­sa­gen könn­te“, nagt rasch die Ner­vo­si­tät an ihm. An­de­re El­tern, er­zählt er, hät­ten ganz an­de­re „Für­sorg­lich­keits­ni­schen“: „Ich ken­ne wel­che, die fah­ren mit 160 auf der Au­to­bahn, wür­den aber ihr Kind nie al­lein in ei­ne U-Bahn set­zen. Das ist al­les sehr ir­ra­tio­nal und hat wohl viel mit ei­ge­nen Er­fah­run­gen und Grund­ängs­ten zu tun.“ Sor­gen als Lu­xus­pro­blem. Über den Wunsch, als El­tern­teil ei­ne Schutz­mau­er um das Kind zu er­rich­ten, hat Kel­ler­mayr selbst nach­ge­dacht. Ihm ist auf­ge­fal­len, dass die Vor­sicht bei ihm nicht so sehr in in­ten­si­ven Ar­beits­wo­chen auf­taucht, son­dern vor al­lem, so­bald er ei­nen frei­en Tag hat. „Mei­ne El­tern hat­ten gar nicht die Zeit, sich den Kopf zu zer­bre­chen, was al­les pas­sie­ren könn­te“, sagt er. In­so­fern sei die­ses Ver­hal­ten schon so et­was wie ein „Lu­xus­pro­blem“der jet­zi­gen El­tern­ge­ne­ra­ti­on.

Was steckt hin­ter den el­ter­li­chen Ängs­ten? Seit den An­fän­gen der Dis­kus­si­on rund um über­be­hü­ten­de El­tern (in den USA be­gann sie be­reits in den Neun­zi­ger­jah­ren!) ha­ben Psy­cho­lo­gen wie So­zio­lo­gen Er­klä­run­gen ge­sucht. Und kom­men da­bei im­mer wie­der auf ein paar wich­ti­ge Fak­to­ren.

Ers­tens: Auch wenn es ba­nal klingt: In den Me­di­en be­rich­te­te Un­fäl­le mö­gen noch so un­wahr­schein­lich sein, sie be­ein­flus­sen das Ri­si­ko­ge­fühl Ein­zel­ner – und er­hö­hen den Recht­fer­ti­gungs­druck der we­ni­ger Ängst­li­chen. „Je­de Gr­aus­lich­keit kommt in die Me­di­en“, sagt Kel­ler­mayr. „Die Leu­te schät­zen nicht das rea­le Ri­si­ko ein.“Da­mit hängt auch ein stark ge­stie­ge­nes Miss­trau­en in den öf­fent­li­chen Raum zu­sam­men – zum Teil zu Recht, zum Teil aber auch als dif­fu­se Gr­und­angst.

Zwei­tens: Burn-out-De­bat­ten hin oder her, Mit­tel­schich­t­el­tern ha­ben mehr Zeit, sich ih­rem „Pro­jekt“Kind (vor al­lem, wenn es ein Ein­zel­kind ist) zu wid­men als frü­her. Ma­xi­ma­le Be­hü­tung ist nicht erst jetzt ein Wohl­stand­sphä­no­men. Ver­g­li­chen mit Kin­dern von Ade­li­gen und rei­chen Bür­gern, die mit Gou­ver­nan­te auf­wuch­sen, le­ben selbst Kin­der ängst­li­cher El­tern heu­te sehr frei. Was mach­bar ist, wird ten­den­zi­ell ge­macht; und er­zeugt un­merk­lich so­zia­len Druck bei „sorg­lo­se­ren“El­tern („Was, du lässt dein Kind al­lein im Bus fah­ren?“). So ver­än­dern sich Nor­men.

Drit­tens: Die­ser Druck rührt von der Vor­stel­lung, größ­te Be­hü­tung be­deu­te bes­te El­tern­schaft. Auch el­ter­li­cher Per­fek­tio­nis­mus ist ein Wohl­stand­sphä­no­men; zu­gleich steckt da­hin­ter viel­leicht da­hin­ter die Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit ei­ner gan­zen er­wach­sen ge­wor­de­nen Ge­ne­ra­ti­on. Kin­der wer­den buch­stäb­lich wich­tigs­ter Le­bens„In­halt“, sol­len ei­ne Lee­re fül­len, müs­sen per­fekt ge­si­chert wer­den, um die tie­fe el­ter­li­che Un­si­cher­heit zu ver­trei­ben. Der el­ter­li­che Schutz­schild, ein Schutz­schild vor sich selbst? Viel­leicht ist ja die größ­te Angst ängst­li­cher El­tern die, sich selbst in der Welt zu füh­len wie ein ver­lo­re­nes Kind. Ein Re­zept da­ge­gen ist nicht so leicht zu fin­den.

»Bin miss­trau­isch ge­gen­über dem Ver­ant­wor­tungs­ge­fühl an­de­rer.«

Im­mer in Be­glei­tung: In den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten ha­ben die Frei­räu­me für Kin­der ab­ge­nom­men, weil E

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