Kin­der sind Ra­ke­ten, de­nen H

Kin­der ha­ben heu­te kei­ne Gstättn mehr, wer­den von den El­tern über­wacht und um­fas­send vor Lan­ge­wei­le be­wahrt – ihr Drang, ei­ge­ne We­ge zu ge­hen, ist den­noch stär­ker.

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON TI­MO VÖL­KER

Ni­co­la ist acht Jah­re alt, ein auf­ge­weck­tes Mäd­chen, wie man so sagt – tat­säch­lich muss man sie nur sel­ten auf­we­cken in der Früh, weil sie den neu­en Tag oh­ne­hin nicht er­war­ten kann. An Schul­ta­gen ent­fal­tet sich die üb­li­che Rou­ti­ne: Schlaf­trun­ke­ne Er­wach­se­ne rich­ten ein Früh­stück, das zur Hälf­te üb­rig bleibt, und wer von den bei­den El­tern­tei­len ei­nen Schritt wei­ter ist, bringt Ni­co­la zur Schu­le. Das heißt: Die be­glei­te­te Dis­tanz wird im­mer kür­zer, ak­tu­ell geht es bis zur Stra­ßen­bahn, ab dort über­nimmt die Dritt­kläss­le­rin und soll­te bis fünf vor acht auf ei­ge­ne Faust in die Klas­se fin­den.

Na­tür­lich könn­te sie das auch schon von zu Hau­se aus, pro­blem­los, es sind die El­tern, die zau­dern. Es geht über ei­ne blö­de Stra­ße, auf der Au­to­fah­rer ver­trö­del­ten Mi­nu­ten hin­ter­her­ja­gen. Ni­co­las Groß­mut­ter pflegt bei die­sem The­ma gern ein­zu­wer­fen, dass sie als Volks­schul­kind im Mor­gen­grau­en ki­lo­me­ter­weit oh­ne El­tern zu Fuß un­ter­wegs war (in ih­ren Er­zäh­lun­gen stets in schlech­ten Schu­hen durch me­ter­ho­hen Schnee), im Schlepp­tau noch klei­ne­re Kin­der, ihr an­ver­traut. Aber im Kap­fen­berg der Fünf­zi­ger­jah­re gab es wohl Au­tos, aber kei­nen Ver­kehr. Das Le­ben spiel­te sich für Kin­der drau­ßen ab, ein dank­ba­res Kin­der­zim­mer (auch man­gels ei­nes ei­ge­nen zu Hau­se). Und Ohr­fei­gen gab es, sagt Oma, denn nach Haus ging es erst, wenn es dun­kel war und Hun­ger quäl­te, und das war den

Heu­te wird das In­ter­net zur Gstättn, in der Kin­der ih­re Aben­teu­er er­le­ben.

El­tern meist zu spät. Im Haus­halt lie­fen Kin­der eher so mit, als dass sie das Zen­trum bil­de­ten, das al­les be­herrscht. Was Kin­dern da­mals viel­leicht fehl­te: el­ter­li­che Auf­merk­sam­keit (hat auch Vor­tei­le). Zahn­pfle­ge. Schutz vor er­zie­he­ri­scher Grob­heit (Oma be­haup­tet, das hat uns nicht ge­scha­det. Sie kann­te es aber nicht an­ders). Was Kin­dern heu­te viel­leicht fehlt: Lan­ge­wei­le. Frei­raum. Es gibt so vie­le Auf­ga­ben, für die Schu­le und die Nei­gungs­grup­pen, und da­nach war­ten un­zäh­li­ge In-

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