War­um brül­len die denn al­le so?

Ja, auch Kom­po­nis­ten dür­fen sich et­was wün­schen. Et­wa dass Sän­ger ih­re An­ga­ben ernst neh­men. Was aber, wenn pia­nis­si­mo da­steht, doch ein For­tis­si­mo mehr Ef­fekt macht?

Die Presse am Sonntag - - Kultur - VON WIL­HELM SINKOVICZ

Ein schö­ner Ton, ei­ne herr­li­che Phra­se! Ist es nun Ver­dis Mu­sik, die uns hier be­rührt? Oder doch eher die herr­li­che Stim­me des Sän­gers? Was ist Mit­tel, was Zweck? Blei­ben wir bei Ver­di, er ist im Hin­blick auf die Fra­ge, wie ge­nau sei­ne Sach­wal­ter die An­ga­ben in den Par­ti­tu­ren und Kla­vier­aus­zü­gen neh­men, der meist­ge­plag­te Ein­woh­ner des Par­nass.

Kei­ne auch noch so ef­fekt­vol­le, auf­wüh­len­de Auf­füh­rung sei­nes Re­qui­ems, kein „Ri­go­let­to“, kei­ne „Tra­viata“kom­men oh­ne das no­to­ri­sche „Ja, aber“von des No­ten­le­sens kun­di­gen Kom­men­ta­to­ren aus. So bril­lant da viel­leicht ge­sun­gen wird, so weit ent­fernt sich die­ser Ge­sang oft von dem, was in den No­ten steht.

Kein Kom­po­nist schreibt bei­spiels­wei­se so häu­fig pia­no, pia­nis­si­mo, gar vier­fa­ches Pia­no un­ter die Ge­s­angs­stim­me, ver­langt nach Dol­cis­si­mo, Di­mi­nu­en­do und Mo­ren­do; bei kei­nem wer­den die­se Bit­ten um vo­ka­le Be­hut­sam­keit und Sen­si­bi­li­tät na­he­zu eben­so häu­fig igno­riert; und bei kei­nem ist dem Pu­bli­kum die­se Dis­kre­panz zwi­schen Kom­po­nis­ten­wunsch und klin­gen­der Rea­li­tät so herz­lich egal! Ho­hes Ein Mus­ter­bei­spiel? Der Schluss­ton der Roman­ze des Ra­da­mes („Aida“): Die­ses ho­he B mö­ge, so Ver­di, nach zwei An­läu­fen wäh­rend der Arie im strah­len­den For­te zum Ab­schluss im Pia­nis­si­mo er­klin­gen und, mo­ren­do, ins Nichts zu­rück­ge­nom­men wer­den. Das muss ein Te­nor zu­al­ler­erst ja ein­mal über­haupt kön­nen!

Die meis­ten kön­nen es nicht. In den be­lieb­tes­ten Auf­nah­men der „Ce­les­te Aida“– buch­stäb­lich von Ca­ru­so bis Do­m­in­go – be­ginnt der Ton gleich for­tis­si­mo; und bricht – nicht im­mer frik­ti­ons­frei – jäh ab (li­ve meist von fre­ne­ti­schem Ap­plaus ca­mou­fliert).

Die Gro­ßen der Zunft im 20. Jahr­hun­dert, ein Gig­li, ein Björ­ling, ein Ber­gon­zi, ja selbst der be­deu­ten­de Sti­list Ged­da (der frei­lich nicht nur weiß, wie man ei­nen sol­chen Ton an­setzt, son­dern auch, wie man ihn oh­ne akus­ti­sche Bles­su­ren wie­der en­den lässt) um­ge­hen Ver­dis Vor­schrift.

Selbst ein stren­ger Ma­e­s­tro wie Ar­turo To­sca­ni­ni, der es dem Meis­ter sonst auf Punkt und Kom­ma recht zu ma­chen sucht, ge­steht dem fa­bu­lö­sen Richard Tu­cker zu, das Pia­nis­si­mo zu igno­rie­ren, bringt ihn aber da­zu, im An­schluss an das ho­he B ei­nen Er­satz für das Mo­ren­do zu fin­den: Tu­cker de­kla­miert die letz­te Text­phra­se, „vici­no al sol“, ein­fach ei­ne Ok­ta­ve tie­fer noch ein­mal, über dem sanft aus­lau­fen­den Orches­ter­nach­spiel . . .

Erst die jün­ge­re Sän­ger­ge­ne­ra­ti­on scheint das schlech­te Ge­wis­sen zu pla­gen: Jo­nas Kauf­mann ver­sucht – viel­leicht nach dem ra­ren Vor­bild von Hel­ge Ros­va­en­ge, der sei­nen Ra­da­mes selbst­ver­ständ­lich noch auf Deutsch sang – mit kräf­ti­ger Bei­mi­schung der Kopf­stim­me ei­nen ge­hauch­ten Aus­klang der Arie. Ro­ber­to Alagna ge­lingt (un­ter Ab­ba­do) das Näm­li­che so­gar mit deut­lich brust­be­ton­te­rem Klang. Auf hal­bem Weg. Dann wa­ren da noch prä­gnan­te Er­schei­nun­gen, die ih­re Stim­me so be­herrsch­ten, dass sie ei­ge­ne Ver­sio­nen schu­fen, qua­si auf hal­bem Weg zwi­schen der Pu­bli­kums­lust am strah­lend mar­kier­ten Spit­zen­ton und dem de­zen­te­ren Schön­heits­ide­al des Kom­po­nis­ten. Fran­co Co­rel­li schafft (nicht li­ve, aber im Stu­dio un­ter Zu­bin Meh­ta) nach ei­nem wahr­lich tri­um­pha­len An­stieg auf das B ein atem- be­rau­ben­des Di­mi­nu­en­do. Wi­ens Opern­freun­de ha­ben Ver­gleich­ba­res aus der von Lo­rin Maa­zel di­ri­gier­ten „Aida“-Pre­mie­re von Lu­cia­no Pa­va­rot­ti in Er­in­ne­rung.

Das sind kost­ba­re Mo­men­te ma­kel­lo­ser Stimm­be­herr­schung, de­nen sich das in un­ver­gleich­lich männ­li­chem Brust-Pia­no an­ge­setz­te B von Jon Vi­ckers hin­zu­ge­sellt, der sich (qua­si im Um­kehr­schluss) ein sanf­tes Cre­scen­do gönnt, den Ton so recht aus­zu­kos­ten.

Nicht zu ver­ges­sen der im Sep­tem­ber tra­gisch jung ver­stor­be­ne Jo­han Bo­tha: Er war als ei­ner der ganz we­ni­gen Ver­tre­ter sei­ner Zunft im­stan­de, wirk­lich das zu sin­gen, was da steht! In sol­chen Au­gen­bli­cken kom­men Werk, Wie­der­ga­be und die Sehn­süch­te des Pu­bli­kums auf ma­gi­sche Wei­se zur De­ckung. Man singt und lauscht ge­treu Ver­dis gern ge­brauch­ter Vor­schrift: „con en­t­u­si­as­mo“.

Co­let­te Mas­son/Ro­ger Viol­let/ pic­tu­re­desk.com

Lu­cia­no Pa­va­rot­ti (hier in „To­s­ca“) sang nicht im­mer, was in den No­ten steht, aber er sang über­wäl­ti­gend.

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