Bra­ve Mäd­chen fra­gen erst, be­vor sie re­vol­tie­ren

Die neue AmŻzon-Se­rie »Good Girls Re­volt« ©rŻmŻ­ti­siert ei­ne wŻh­re Be­geãen­heit: 1970 ver­klŻg­ten MitŻrãei­te­rin­nen »News­week« we­gen Dis­kri­mi­nie­rung. Ei­ne chŻr­mŻn­te Fe­mi­nis­mus-Sto­ry mit coo­len Soun©s un© tol­len ChŻrŻk­te­ren.

Die Presse am Sonntag - - Medien - VON ISA­BEL­LA WALLNÖFER

Am 23. März 1970 er­schien das US-Ma­ga­zin „News­week“mit ei­ner Co­ver-Sto­ry über die Frau­en­rechts­be­we­gung: Das Ti­tel­bild zeig­te ei­ne nack­te Frau, die das Ve­nus­sym­bol durch­bricht. Die Schlag­zei­le: „Wo­men in Re­volt“. Wie recht sie doch hat­ten, die Män­ner, die die­sen Ti­tel ge­stal­tet und ge­schrie­ben hat­ten. Denn am sel­ben Mor­gen brach ei­ne an­de­re Re­vol­te aus, mit der kei­ner von ih­nen ge­rech­net hat­te: 46 Mit­ar­bei­te­rin­nen von „News­week“hiel­ten am Er­schei­nungs­tag die­ser Aus­ga­be ei­ne bis zu­letzt ge­heim ge­hal­te­ne Pres­se­kon­fe­renz ab. Dort ver­kün­de­ten sie, dass sie das Ma­ga­zin mit Un­ter­stüt­zung der Equal Em­ploy­ment Op­por­tu­ni­ty Com­mis­si­on we­gen Dis­kri­mi­nie­rung ver­kla­gen wür­den. Da blieb den Män­nern der Mund of­fen – so wie den Frau­en Mo­na­te zu­vor, als sie her­aus­fan­den, dass die Män­ner nicht nur als Au­to­ren vor­ge­zo­gen wur­den, son­dern dass sie selbst bei ge­rin­ge­rer Aus­bil­dung das Drei­fa­che ver­dien­ten . . .

Die Frau­en durf­ten zwar re­cher­chie­ren und Tex­te vor­fer­ti­gen – aber ih­re Na­men wur­den nicht ge­druckt, die Män­ner wa­ren nach au­ßen die Re­dak­teu­re, nur sie schie­nen als Au­to­ren auf. Die neue zehn­tei­li­ge Ama­zon-Se­rie, die den Vor­fall dra­ma­ti­siert, er­zählt vom Er­wa­chen des weib­li­chen Selbst­be­wusst­seins, von So­li­da­ri­tät und Loya­li­täts­kon­flik­ten – und sie ver­schleißt sich nicht im klein­geis­ti­gen Gr­a­ben­kampf der Ge­schlech­ter. Im Ge­gen­teil: Hier sind (fast) al­le auf ih­re Wei­se sym­pa­thisch, auch die meis­ten männ­li­chen Kol­le­gen und Vor­ge­setz­ten. Arche­ty­pen ih­rer Zeit. „Good Girls Re­volt“(im eng­li­schen Ori­gi­nal be­reits auf Ama­zon, ab 2. De­zem­ber auch auf Deutsch) schil­dert die lang­sa­me in­ne­re Wand­lung der Frau­en, die sich nach Jah­ren der De­mü­ti­gung zu ei­nem mu­ti­gen Schritt durch­rin­gen. Je­de von ih­nen ist, wie der Ti­tel schon sagt, ein „gu­tes Mäd­chen“– und ein Arche­typ in die­sem Zeit­bio­top, das den be­gin­nen­den „Goo© Girls“: PŻt­ti (G. An­gel­son, vorn), JŻ­ne (A. CŻmp in RosŻ) un© Cin©y (E. DrŻke Żuf ©em Ses­sel) mit Anw´ltin (J. BryŻnt, 2. v. re.) Über­gang vom tra­di­tio­nel­len Frau­en­und Fa­mi­li­en­bild hin zu mehr Gleich­be­rech­ti­gung und Selbst­be­stim­mung mar­kiert. Die streit­ba­re Pat­ti (Ge­ne­vie­ve An­gel­son) trägt Schlapp­hut und Mi­ni­rock, raucht Jo­ints und ver­sucht, als ei­ne Art Ro­le­model der un­ab­hän­gi­gen Frau zu le­ben. Ja­ne (An­na Camp) trip­pelt mit Hoch­fri­sur und Bleistiftrock ins Bü­ro und hat für den Ernst­fall ei­ner Lauf­ma­sche stets ei­ne Er­satz­strumpf­ho­se in der La­de. Sie war­tet nach zwei Jah­ren Be­zie­hung auf den über­fäl­li­gen An­trag (und wür­de dann so­fort den Job kün­di­gen, wie man es von ihr er­war­tet). Cin­dy hin­ge­gen ist schon im Ha­fen der Ehe. Aber si­cher ist die­ser nicht. Sie spült ih­re Pro­ble­me mit Hoch­pro­zen­ti-

1970.

„News­week“er­scheint mit ©ie­sem Co­ver – un© wir© Żm sel­ben TŻg vor ©er Gleich­behŻn©lungs­kom­mis­si­on ver­klŻgt. gem hin­un­ter (Er­in Dar­kes ver­un­si­cher­tes Mie­nen­spiel ist Schau­spiel vom Feins­ten) – und mu­tiert vom Duck­mäus­chen zur lei­sen Re­vo­luz­ze­rin, die sich traut, mit dem Spie­gel ei­nen keu­schen Blick auf ih­ren Scham­be­reich zu wer­fen (und er­schrickt). Lust auf ei­ne Re­tro­par­ty. Se­ri­en­schöp­fe­rin Da­na Cal­vo er­zählt die­se Sto­ry (sie ba­siert auf dem gleich­na­mi­gen Buch der ehe­ma­li­gen „News­week“Mit­ar­bei­te­rin und -Klä­ge­rin Lynn Po­vich) als kurz­wei­li­ges Re­dak­ti­ons-Dra­ma, das den Zu­schau­er in das Le­bens­ge­fühl der Zeit ein­tau­chen lässt: Hip­pie­par­tys, Da­men im Au­drey-Hep­burn-Look, rat­tern­de Te­lex­ma­schi­nen und ket­ten­rau­chen­de Jour­na­lis­ten – da­zu gibt es ei­ne Mu­sik­un­ter­ma­lung, die ein­fach Lust auf ei­ne Re­tro­par­ty weckt. „Good Girls Re­volt“ser­viert – durch­aus auch mit Hu­mor – The­men, die noch heu­te ak­tu­ell sind: ne­ben dem nach wie vor exis­tie­ren­den Ge­halts­un­ter­schied zwi­schen Män­nern und Frau­en wä­re das z. B. die Fra­ge, wie das Ma­ga­zin (in der Se­rie heißt es „News of the Week“) po­si­tio­niert wer­den soll, um ge­gen New­co­mer wie den „Rol­ling Sto­ne“zu re­üs­sie­ren.

Jim Be­lu­shi gibt als Wick McF­ad­den die kon­ser­va­ti­ve Li­nie vor, wäh­rend Finn Wood­hou­se (Chris Dia­man­to­pou­los) mit mu­ti­gen Sto­ries jun­ge Le­ser ge­win­nen will. Doch auch er kann oder will den Frau­en in der Re­dak­ti­on nicht wei­ter­hel­fen. Weil sie al­le „good girls“sind, ver­su­chen sie es erst mit Über­zeu­gungs­kraft und gu­ten Leis­tun­gen, sie fra­gen so­gar ar­tig, ob sie nicht viel­leicht auch mal ei­ne Sto­ry schrei­ben dür­fen (samt Na­mens­zei­le) – die Ant­wort ist im­mer die glei­che: Nein.

Am Mor­gen des 23. März 1970 steht Finn ver­dutzt in der Re­dak­ti­ons­kü­che und starrt in den lee­ren Kaf­fee­topf. „What the hell?“, fragt er den Kol­le­gen. Und: „Wo ist Pat­ti? Die kann das ma­chen.“Will sie aber nicht mehr, denn sie ist mit den an­de­ren da­bei, ei­ne Pres­se­kon­fe­renz zu ge­ben . . .

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