Von der Uto­pie zur Hoff­nungs­ar­mut

Am An­fang stand ei­ne kur­ze, nur hun­dert­sei­ti­ge Schrift. Vor 500 Jah­ren, im Herbst 1516, ein Jahr vor der Re­for­ma­ti­on, er­schien in der Uni­ver­si­täts­stadt Leu­wen die Er­zäh­lung »Uto­pia« des Re­nais­sance-Ge­lehr­ten Tho­mas Mo­re. Der Ti­tel des Bu­ches mach­te ei­ne e

Die Presse am Sonntag - - Kunstmarkt - VON GÜN­THER HAL­LER

Wie kön­nen wir Ver­nunft, To­le­ranz und Men­sch­lich­keit in dem Staat, in dem wir le­ben, ver­wirk­li­chen? Das ist die ent­schei­den­de po­li­ti­sche Fra­ge, sie wird heu­te, im­mer öf­ter mit Ver­zweif­lung, ge­stellt, genau­so wie in der An­ti­ke bei Pla­ton und vor 500 Jah­ren in dem Buch des ge­lehr­ten Hu­ma­nis­ten Tho­mas Mo­re, das in sei­nem la­tei­ni­schen Ti­tel „Von der bes­ten Staats­ver­fas­sung und von der neu­en In­sel Uto­pia“spricht. Pla­tons Werk „Po­li­teia“lebt bei uns fort in „Po­li­tik“, das aus dem Grie­chi­schen ge­bil­de­te Kunst­wort Mo­res über den „Nich­t­ort“be­rei­cher­te zahl­lo­se Spra­chen die­ser Welt, wur­de die Be­zeich­nung für ein gan­zes Li­te­ra­tur­gen­re und ein po­pu­lä­res Schlag­wort für un­rea­lis­tisch-träu­me­ri­sche Zu­kunfts­vi­sio­nen al­ler Art.

Was Tho­mas Mo­res Bio­gra­fen nicht ru­hen ließ: War­um hat der from­me Ka­tho­lik Mo­re, der die Re­for­ma­ti­on be­kämpf­te und spä­ter von der Kir­che hei­lig­ge­spro­chen wur­de, ei­ne Schrift ver­fasst über ein Ge­mein­we­sen, das nach heid­nisch-ra­tio­na­lis­ti­schen und so­zia­lis­ti­schen Ide­en ver­wal­tet und ge­lenkt wur­de? War er ein an­ti­kle­ri­ka­ler Wolf im ka­tho­li­schen Schafs­pelz? Ein Kom­mu­nist im 16. Jahr­hun­dert?

Tho­mas Mo­re, der sich la­ti­ni­siert auch Mo­rus nann­te, war vie­les zu­gleich: 1478 in London ge­bo­ren war er be­reits mit 25 Par­la­men­ta­ri­er und an­ge­se­he­ner Ju­rist mit um­fas­sen­der, auch theo­lo­gi­scher Bil­dung. Ei­ner Da­me na­mens Ja­ne Colt ist es zu ver­dan­ken, dass er nicht in ei­nem Klos­ter lan­de­te, son­dern an sei­ner po­li­ti­schen Kar­rie­re ar­bei­te­te, vor al­lem im Di­ens­te sei­nes Kö­nigs, Hein­richs VIII. Es ist denk­bar, dass er den an­ge­se­he­nen Hu­ma­nis­ten Eras­mus von Rot­ter­dam, dem er sich geis­tig ver­bun­den fühl­te, be­ein­dru­cken woll­te, als er ihm En­de 1516 sei­nen in Latein ge­schrie­be­nen phi­lo­so­phi­schen Dia­log „Uto­pia“über­sand­te. Sei­ne stei­le po­li­ti­sche Kar­rie­re be­gann 1529, er wur­de zum Lord­kanz­ler, ei­ner Art Pre- mier­mi­nis­ter der Re­nais­sance­zeit. Hein­rich VIII. hielt viel von Mo­re, er hat­te ihm ge­hol­fen, ei­ne Schrift ge­gen die Lu­the­ra­ner zu ver­fas­sen, was den Papst er­freu­te und dem eng­li­schen Kö­nig den Eh­ren­ti­tel Ver­tei­di­ger des Glau­bens ein­trug. Als Hein­rich aber die eng­li­sche Kir­che vom rö­mi­schen Papst, der ihm die Auf­lö­sung sei­ner ers­ten Ehe ver­bot, los­trenn­te, ver­lo­ren vie­le, die die­sen Weg nicht mit­ge­hen woll­ten, den Kopf. Dar­un­ter auch Tho­mas Mo­re. Er ver­wei­ger­te den Schwur auf die neue Kir­che und wur­de 1535 ent­haup­tet. „Ich ster­be als des Kö­nigs treu­er Die­ner, doch Got­tes zu­erst“, soll er zu­letzt ge­sagt ha­ben. 1935 wur­de er da­her hei­lig­ge­spro­chen.

Aus­ge­rech­net die­ser Mann, der für die Ein­heit der Kir­che sein Le­ben op­fer­te, ent­warf mit sei­ner „Uto­pia“nach An­sicht der be­frem­de­ten In­ter­pre­ten ein Staats­kon­zept, das we­nig ge­nu­in Christ­li­ches hat. Vor­tra­gen lässt der Au­tor die­ses Kon­zept von ei­nem Er­zäh­ler. Er nennt ihn Ra­pha­el Hyth­lo­da­eus, der Ame­ri­go Ve­spuc­ci bei sei­nen Rei­sen in die Neue Welt be­glei­tet ha­be und dort das Staats­we­sen der Uto­pi­er auf ei­ner In­sel ken­nen­ler­nen durf­te. Die Iso­la­ti­on der Ört­lich­keit, der In­sel­cha­rak­ter, wur­de in der Fol­ge pro­to­ty­pisch für die Li­te­ra­tur­gat­tung: ei­ne Ver­suchs­an­ord­nung oh­ne stö­ren­de Fremd­ein­flüs­se. Kei­ne Bett­ler und Ta­ge­die­be. Al­les Geis­ti­ge wird auf der In­sel hoch ge­schätzt, Fau­len­ze­rei, Kar­ten­spie­le, gar Aus­schwei­fun­gen sind ver­pönt. He­do­nis­ten sind die Uto­pi­er nicht, aber die Lust ken­nen sie schon. Eit­ler Reich­tum, Adel, Schmuck, all das hat mit dem wah­ren Wert nichts zu tun. Un­be­greif­lich er­scheint hier, wes­halb „das von Na­tur aus so un­nüt­ze Gold heut­zu­ta­ge über­all in der Welt so hoch ge­schätzt wird“. Aus Gold wer­den hier die Nacht­ge­schir­re ver­fer­tigt, um die Ver­ach­tung zu de­mons­trie­ren.

Die ge­sam­te Wirt­schafts- und So­zi­al­ord­nung Uto­pi­ens dient der dem Ge­mein­wohl dien­li­chen Nut­zen­ma­xi­mie­rung bis hin­un­ter zu den Le­ge­bat­te­ri­en für Hüh­ner. Hier herrscht Ver­zicht auf Lu­xus, da­für all­ge­mei­ne Ar­beits­pflicht, Es­sen gibt es nur ge­gen Ar­beit, man trifft da­her kei­ne Ta­ge­die­be und Bett­ler. So reicht für je­den ei­ne täg­li­che Ar­beits­zeit von sechs St­un­den. Der Un­ter­schied zu den im ers­ten Ka­pi­tel des Bu­ches ge­schil­der­ten ak­tu­el­len Ver­hält­nis­sen im Eu­ro­pa des 16. Jahr­hun­derts wird über­deut­lich. In ei­ner har­schen So­zi­al­kri­tik wird hier mit dem Bett­ler- und Die­bes­we­sen in En­g­land ab­ge­rech­net, es wird zu­rück­ge­führt auf die Pra­xis der eng­li­schen Groß­grund­be­sit­zer, frü­he­res Ge­mein­de­land groß­flä­chig für Wei­de­land ein­zu­zäu­nen und da­mit den an­säs­si­gen Bau­ern die Le­bens­grund­la­ge zu rau­ben. Miss­stän­de, die als tie­fe Kri­sen der So­zi­al­ver­fas­sung an­ge­pran­gert wer­den, trotz al­ler Bis­sig­keit ana­ly­tisch-ra­tio­nal. Iro­nie darf in dem Buch na­tür­lich auch nicht feh­len, et­wa wenn Och­sen statt der Acker­gäu­le emp­foh­len wer­den: Man kön­ne Ers­te­re nach ge­ta­ner Ar­beit ver­spei­sen.

Die Uto­pi­er be­sit­zen ei­ne Re­li­gi­on, ei­nen rein ver­nunft­be­grün­de­ten Glau­ben, doch sie ist in vie­lem in­kom­pa­ti­bel mit dem Chris­ten­tum, et­wa we­gen des Frau­en­pries­ter­tums, der Mög­lich­keit zur Eut­ha­na­sie oder der Priest­er­hei­rat. Die In­sel­be­woh­ner sind al­so Hei­den, und den­noch schaf­fen sie es, bei vie­len staat­li­chen Ein­rich­tun­gen den Rest des Abend­lan­des zu über­tref­fen, und die Pries­ter sind frei ge­wählt, fromm und an­ge­se­hen. Stoff zum Nach­den­ken für die Zeit­ge­nos­sen.

Die Mar­xis­ten und So­zia­lis­ten des 19. und 20. Jahr­hun­derts hat­ten viel Freu­de mit Mo­res Kol­lek­ti­vis­mu­s­ide­en im Be­reich von Öko­no­mie und Ge­sell­schaft. Die Uto­pi­er wech­seln al­le zehn Jah­re ih­re Häu­ser, um die Un­ge­rech­tig­kei­ten des Pri­vat­be­sit­zes gar nicht erst auf­kom­men zu las­sen. Pro­duk­ti­on, Gü­ter­ver­tei­lung und Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on ba­sie­ren auf kol­lek­ti­ver Pla­nung: Kom­mu­nis­mus für al­le. Doch die Spre­cher in der Schrift sind Rol­len­trä­ger, es wird auch wi­der­spro­chen. An an­de­rer Stel­le heißt es: „Mir da­ge­gen er­scheint dort, wo al­les Ge­mein­gut ist, ein er­träg­li­ches Le­ben un­mög­lich. Denn wie soll die

Tho­mas Mo­re ge­lang ei­ne Wort­schöp­fung, die in den Sprach­ge­brauch ein­ging. Kein Pri­vat­ei­gen­tum: Die Mar­xis­ten hat­ten viel Freu­de mit Mo­res Ide­en.

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