In Ber­lin geht die Trump-Angst um

Mehr als Do­nald Trump fürch­tet An­ge­la Mer­kel die Fol­gen sei­ner Po­li­tik. Zie­hen sich die USA aus Eu­ro­pa zu­rück, muss sie die Füh­rung über­neh­men.

Die Presse am Sonntag - - Ausland - VON THO­MAS PRI­OR

An­ge­la Mer­kel hielt es nicht für nö­tig, in der Nacht auf Mitt­woch wach zu blei­ben. Sie bat ih­ren Stab, sie früh zu we­cken, soll­te Hil­la­ry Cl­in­ton wi­der Er­war­ten nicht die Prä­si­den­ten­wahl in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten ge­win­nen. Es war al­so ei­ne eher kur­ze Nacht für die deut­sche Kanz­le­rin. Wie die meis­ten Eu­ro­pä­er ging sie so­zu­sa­gen mit Cl­in­ton zu Bett und wach­te mit Do­nald Trump auf.

Ein Alb­traum für Mer­kel? Ih­re ers­te Re­ak­ti­on am Mitt­woch ließ zu­min­dest dar­auf schlie­ßen. Da be­kam der nächs­te US-Prä­si­dent Nach­hil­fe im Fach De­mo­kra­tie. Das Recht und die Wür­de des Men­schen, so die Kanz­le­rin, hät­ten „un­ab­hän­gig von Her­kunft, Haut­far­be, Re­li­gi­on, Ge­schlecht, se­xu­el­ler Ori­en­tie­rung und po­li­ti­scher Ein­stel­lung“zu gel­ten. Auf die­ser Ba­sis bie­te sie Do­nald Trump ei­ne en­ge Zu­sam­men­ar­beit an.

In die­sen Wor­ten schwang nicht nur An­ti­pa­thie mit, son­dern auch Angst. Al­ler­dings we­ni­ger vor Trump als vor den Fol­gen sei­ner (zu er­war­ten­den) Po­li­tik. Wenn sich die USA, wie Trump im Wahl­kampf an­ge­kün­digt hat, künf­tig we­ni­ger für Eu­ro­pas Si­cher­heit ein­set­zen, muss Mer­kel in der west­li­chen Welt die Füh­rungs­rol­le über­neh­men. Wer sonst könn­te dem rus­si­schen und dem tür­ki­schen Staats­prä­si­den­ten dann die Stirn bie­ten, wenn nicht die EU? Und wer sonst soll Eu­ro­pa füh­ren, wenn nicht Deutsch­land?

Bun­des­prä­si­dent Joa­chim Gauck hat es am Tag nach der US-Wahl an­ge­deu­tet: Eu­ro­pa und Deutsch­land müss­ten jetzt mehr Ver­ant­wor­tung über­neh­men, wenn sie ih­re Wer­te ver­tei­di­gen woll­ten. Das war durch­aus wört­lich ge­meint. Sei­ner est­ni­schen Kol­le­gin Ker­sti Kal­ju­laid ver­sprach Gauck am Mitt­woch nicht nur So­li­da­ri­tät, son­dern auch mi­li­tä­ri­schen Bei­stand. Denn im Bal­ti­kum und auch in Po­len macht man sich gro­ße Sor­gen. Wer soll im Os­ten Eu­ro­pas für Si­cher­heit sor­gen, wenn Trump sei­ne Na­to-Trup­pen ab­zieht? Sind die Staa­ten dann den Ver­su­chen Russ­lands, das eins­ti­ge Ge­biet der So­wjet­uni­on wie­der un­ter sei­ne Kon­trol­le zu brin­gen, schutz­los aus­ge­lie­fert? Ab­schied von Oba­ma in Ber­lin. Im Stab von Na­to-Ge­ne­ral­se­kre­tär Jens Stol­ten­berg rech­net man mit dem Schlimms­ten, wie ein ge­hei­mer Be­richt zeigt, aus dem der „Spie­gel“zi­tiert. Dem­nach ist es nicht un­wahr­schein­lich, dass Trump die Zu­sa­ge für die ro­tie­ren­den US-Trup­pen in Ost­eu­ro­pa zu­rück­zieht. Die größ­ten Pes­si­mis­ten hal­ten es so­gar für mög­lich, dass er die Krim als rus­si­sches Ter­ri­to­ri­um an­er­kennt. Und dann? Eu­ro­pa wür­de wohl nach An­ge­la Mer­kel ru­fen und Deutsch­land um Hil­fe bit­ten.

Die­se Wo­che kommt es – un­ge­wollt – zu ei­ner Staf­fel­über­ga­be: Ba­rack Oba­ma lan­det am Mitt­woch­abend in Ber­lin. Mit ihm hat Mer­kel im­mer eng zu­sam­men­ge­ar­bei­tet. Und nicht sel­ten hat sie sich in heik­len Fra­gen der Welt­po­li­tik hin­ter ihm ver­steckt. Am Don­ners­tag ist ein Vier­au­gen­ge­spräch ge­plant, tags dar­auf sto­ßen dann Frank­reichs Staats­prä­si­dent Fran­cois¸ Hol­lan­de und die Mi­nis­ter­prä­si­den­ten von Ita­li­en und Spa­ni­en, Mat­teo Ren­zi und Ma­ria­no Ra­joy, da­zu. Es ist die Ab­schieds­tour­nee des schei­den­den US-Prä­si­den­ten.

In Deutsch­land ist Oba­ma ein Star, be­ju­belt und be­wun­dert – und da­mit so ziem­lich das Ge­gen­teil von Trump. Sein An­ge­la Mer­kel, die neue An­füh­re­rin des Wes­tens? Nach­fol­ger wird in den meis­ten eu­ro­päi­schen Me­di­en kri­tisch ge­se­hen, aber nir­gend­wo ist die Stim­mung so apo­ka­lyp­tisch wie in Deutsch­land. „Das En­de der Welt (wie wir sie ken­nen)“ti­tel­te der „Spie­gel“un­ter ei­ner Il­lus­tra­ti­on, die Trumps Kopf zeigt, im Be­griff, die Welt zu ver­schlu­cken. Die „Zeit“be­schwor si­cher­heits­hal­ber ei­ne hö­he­re Macht als Trump: „Oh my God“.

Da­hin­ter ver­birgt sich die Angst vor dem Un­ge­wis­sen: Wird der bald mäch-

Wer, wenn nicht Mer­kel, soll Pu­tin die Stirn bie­ten, wenn sich die USA zu­rück­zie­hen? Mer­kel woll­te Trump an­ru­fen, aber nie­mand in Deutsch­land hat­te sei­ne Te­le­fon­num­mer.

tigs­te Mann der Welt sei­ne Ver­spre­chen ein­lö­sen? Sei­ne Dro­hun­gen wahr ma­chen? Oder kommt doch al­les an­ders? War sein zum Teil un­ter­ir­di­scher Wahl­kampf nur Mit­tel zum Zweck?

Trump ist die gro­ße Un­be­kann­te der Welt­po­li­tik, wie auch ei­ne An­ek­do­te vom Mitt­woch zeigt. Mer­kel woll­te ihm per­sön­lich zum Wahl­sieg gra­tu­lie­ren. Bloß: Nie­mand in Deutsch­land hat­te sei­ne Te­le­fon­num­mer. Erst mit­hil­fe der Bot­schaft in Wa­shing­ton kam ein Kon­takt zu­stan­de. Am En­de des Ge­sprächs sag­te Mer­kel dann, dass sie Trump spä­tes­tens nächs­tes Jahr beim G20-Gip­fel in Ham­burg die Hand schüt­teln wol­le. Der fin­det al­ler­dings erst An­fang Ju­li statt. Von ei­nem en­gen Kon­takt geht Deutsch­land al­so eher nicht aus.

Auch auf der per­sön­li­chen Ebe­ne bleibt die­se US-Wahl nicht oh­ne Fol­gen für Mer­kel. Noch hat sie nicht kund­ge­tan, ob sie nach der Bun­des­tags­wahl im Herbst 2017 als Kanz­le­rin wei­ter­ma­chen will. Jetzt bleibt ihr wohl nichts an­de­res üb­rig. Man wür­de ihr vor­wer­fen, Eu­ro­pa im Stich zu las­sen.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.