Ver­stopf­ter Him­mel über Lon­don

Die Vor­ent­schei­dung für ei­ne drit­te Pis­te ist ge­fal­len. End­gül­tig fest­le­gen möch­te sich die bri­ti­sche Re­gie­rung aber noch nicht.

Die Presse am Sonntag - - Eco - VON GA­B­RI­EL RATH (LON­DON)

Der Him­mel über Lon­don ge­hört seit Jah­ren zu den ver­stopf­tes­ten der Welt. He­a­throw, Eu­ro­pas größ­ter Flug­ha­fen, platzt aus al­len Näh­ten. Schon lang gibt es Plä­ne, ihn aus­zu­wei­ten. Und eben­so lang wer­den die­se Plä­ne von An­rai­nern be­kämpft.

Ein an­de­res The­ma, das zur­zeit für Tur­bu­len­zen sorgt, spielt nun aber den Be­für­wor­tern des Flug­ha­fen­aus­baus in die Hän­de: der Br­ex­it. Denn Groß­bri­tan­ni­en braucht jetzt drin­gend ein Zei­chen, dass es „open for bu­si­ness“bleibt. Un­ge­ach­tet des­sen, ob das Land in ei­ni­gen Jah­ren Voll-, Teil- oder ExMit­glied im EU-Bin­nen­markt sein wird – für den Er­folg im in­ter­na­tio­na­len Han­del wird es kom­pe­ti­ti­ve Ver­kehrs­an­bin­dun­gen brau­chen. Vor die­sem Hin­ter­grund hat sich die Re­gie­rung un­ter Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May nun für den Aus­bau des Flug­ha­fens im Wes­ten von Lon­don aus­ge­spro­chen. Ob­wohl die end­gül­ti­ge Ent­schei­dung erst in ei­nem Jahr durch das Par­la­ment er­fol­gen wird, ist da­mit die wich­tigs­te Wei­chen­stel­lung er­folgt.

Der Be­darf steht au­ßer Fra­ge. „Ei­ne Aus­wei­tung der Ka­pa­zi­tä­ten bis 2030 ist drin­gend not­wen­dig“, schrieb im Ju­li 2015 die von der Re­gie­rung ein­ge­setz­te Air­port Com­mis­si­on. Sie prüf­te drei Op­tio­nen: ei­ne zwei­te Lan­de­bahn in Gat­wick, ei­ne drit­te Pis­te in He­a­throw oder die Ver­län­ge­rung der nörd­li­chen Run­way eben­da. Ob­wohl mit 16 Mil­li­ar­den Pfund die teu­ers­te Op­ti­on, emp­fahl die Kom­mis­si­on die Er- rich­tung ei­ner neu­en Lan­de­bahn in He­a­throw.

Der größ­te Lon­do­ner Flug­ha­fen – her­vor­ge­gan­gen aus ei­nem Stütz­punkt der Roy­al Air Force im Zwei­ten Welt­krieg und seit je ei­ne Art Dau­er­pro­vi­so­ri­um – ope­riert seit Jah­ren an der Ka­pa­zi­täts­gren­ze. Im Vor­jahr wur­den 74.959.058 Pas­sa­gie­re auf 472.067 Flü­gen ver­zeich­net. We­gen der ma­xi­ma­len Aus­las­tung gibt es kei­ne Spiel­räu­me, kleins­te Stö­run­gen des Be­triebs ha­ben ma­xi­ma­le Aus­wir­kun­gen. Zu­dem ist He­a­throw ein rie­si­ger Trans­port­hub, 2015 wur­den 1.496.657 Ton­nen an Gü­tern be­för­dert. Kon­kur­rent Gat­wick mel­de­te für 2015 mit 40,3 Mil­lio­nen Pas­sa­gie­ren ei­nen neu­en Re­kord. Auch hier nä­hert man sich mit 85 Pro­zent Aus­las­tung den Ka­pa­zi­täts­gren­zen. Die Mehr­heit der Flü­ge wird von Bil­lig­flug­li­ni­en nach eu­ro­päi­schen Fe­ri­en­des­ti­na­tio­nen vor­ge­nom­men, der Flug­ha­fen im Sü­den Lon­dons hat ins­ge­samt nur ei­nen An­teil von elf Pro­zent an den Langstre­cken­flü­gen von und nach Groß­bri­tan­ni­en. He­a­throw hin­ge­gen hält hier bei 85 Pro­zent und do­mi­niert auch als Hub in neue über­see­ische Märk­te des Mitt­le­ren und Fer­nen Os­tens: „In dem Aus­maß, wie sich das Gra­vi­ta­ti­ons­zen­trum der Welt­wirt­schaft nach Os­ten ver­schiebt und welt­wei­te Zu­lie­fer­ket­ten im­mer kom­ple­xer wer­den, wer­den Luft­ver­bin­dun­gen für bri­ti­sche Fir­men für den Markt­zu­gang im­mer wich­ti­ger“, schreibt die Kom­mis­si­on in ih­rer Emp­feh­lung für He­a­throw.

Trotz der ein­deu­ti­gen Ex­per­ten­mei­nung traf die Re­gie­rung un­ter Da­vid Ca­me­ron kei­ne Ent­schei­dung, und auch Nach­fol­ge­rin May muss sehr vor­sich­tig agie­ren. Der Grund sind hef­ti­ge in­ner­par­tei­li­che Tur­bu­len­zen: He­a­throw liegt di­rekt im Ein­zugs­be­reich meh­re­rer von Kon­ser­va­ti­ven ge­hal­te­nen Par­la­ments­sit­ze, bis zu 60 Ab­ge­ord­ne­te könn­ten ge­gen die Aus­wei­tung des Air­ports stim­men, der für An­rai­ner schon heu­te ei­ne per­ma­nen­te Lär­mund Schad­stoff­be­las­tung dar­stellt. May hat aber nur ei­ne Mehr­heit von sechs Ab­ge­ord­ne­ten. Der kon­ser­va­ti­ve Ab­ge­ord­ne­te Zac Golds­mith leg­te nach dem Ka­bi­netts­be­schluss aus Pro­test sein Man­dat zu­rück und kämpft nun als Un­ab­hän­gi­ger um die Wie­der­wahl.

Ob­wohl die Op­po­si­ti­ons­par­tei­en La­bour und Scot­tish Na­tio­nal Par­ty für den Aus­bau von He­a­throw sind, will die Pre­mier­mi­nis­te­rin nichts ris­kie­ren. Sie wird nun er­neut ei­ne öf­fent­li­che An­hö­rung durch­füh­ren las­sen, ehe das Par­la­ment ei­ne end­gül­ti­ge Ent­schei­dung tref­fen soll. Der Lei­ter der Air­port Com­mis­si­on, Ho­ward Da­vies, kri­ti­sier­te dies eben­so wie der Lon­do­ner Bür­ger­meis­ter Sa­diq Khan, der May „Zau­dern und Zö­gern“vor­warf. Da­vies mein­te: „Al­le Ar­gu­men­te spre­chen für He­a­throw, nach Br­ex­it um­so mehr.“

Der größ­te Lon­do­ner Flug­ha­fen ope­riert seit Jah­ren an der Ka­pa­zi­täts­gren­ze. Die Pre­mier­mi­nis­te­rin will nichts ris­kie­ren. Es gibt er­neut ei­ne öf­fent­li­che An­hö­rung.

Über den Aus­bau der Flug­ha­fen­ka­pa­zi­tät in Lon­don wird laut Da­vies „seit min­des­tens 50 Jah­ren“de­bat­tiert. Der eins­ti­ge Bür­ger­meis­ter und heu­ti­ge Au­ßen­mi­nis­ter, Bo­ris John­son, droh­te einst so­gar, sich vor an­rol­len­de Bau­ma­schi­nen le­gen zu wol­len. Sein Traum ei­nes „Bo­ris Air­port“auf ei­ner künst­li­chen In­sel in der Them­se er­wies sich aber, wie vie­le sei­ner Ide­en, als teu­re Fan­ta­sie. Aus­ge­schlos­sen hat die Re­gie­rung, was man­che Ex­per­ten für die idea­le, weil letzt­lich un­aus­weich­li­che Lö­sung hal­ten: den Aus­bau bei­der Flug­hä­fen.

In He­a­throw, wo schon heu­te mehr als 100.000 Men­schen ar­bei­ten, müs­sen für den Bau der drit­ten Run­way Sied­lun­gen ab­ge­sie­delt, Tei­le der Au­to­bahn ver­legt, Bahn­ver­bin­dun­gen aus­ge­wei­tet und um­fang­rei­che Lärm­schutz­maß­nah­men vor­ge­nom­men wer­den. Die Air­port Com­mis­si­on ver­langt zu­dem ein strik­tes Nacht­flug­ver­bot und Ent­schä­di­gungs­zah­lun­gen an An­rai­ner. Den­noch will die Be­trei­ber­ge­sell­schaft in nur zehn Jah­ren start­klar sein.

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He­a­throw ist seit je ei­ne Art Dau­er­pro­vi­so­ri­um.

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