Die Edel­ta­sche aus dem Wäh­rin­ger Alt­bau

Wo frü­her das Bett stand, thront nun die Näh­ma­schi­ne. Die jun­ge Le­der­de­si­gne­rin Ni­co­le Lech­ner mein­te es ernst mit der Wie­der­be­le­bung des Ta­sch­ner­hand­werks und er­öff­ne­te in ih­rem Schlaf­zim­mer ei­ne pro­vi­so­ri­sche Werk­statt.

Die Presse am Sonntag - - Werkstatt - VON AN­TO­NIA LÖFF­LER

Es sei ein Kom­pro­miss, den man ein­ge­hen müs­se, sagt Ni­co­le Lech­ner. Man kann ih­ren per­sön­li­chen Ein­satz nur be­wun­dern, wenn man weiß, wo­rin der Kom­pro­miss be­steht. Der Tausch lau­te­te Ate­lier ge­gen Schlaf­zim­mer. Da­für ha­ben ih­re hand­ge­fer­tig­ten Le­der­ta­schen nun so­gar an ei­nem ver­reg­ne­ten Herbst­vor­mit­tag viel Licht, das durch die ho­hen Alt­bauflü­gel­fens­ter her­ein­strömt, und dür­fen auf dem Klei­der­stän­der über ech­tem Fisch­grät­par­kett hän­gen.

„Ich bin fle­xi­bel, was mei­ne Zie­le be­trifft“, sagt die 29-jäh­ri­ge De­si­gne­rin. Ei­nes ste­he aber fest: So­bald ih­re Mar­ke, Mai­son NYCA, an Fahrt ge­winnt und sie es sich leis­ten kann, hät­te sie gern ei­nen klei­nen La­den am Spit­tel­berg. Am liebs­ten ei­nen wie ihr Vor­bild und Leh­rer A´rpa´d Me´sza´ros. Der ge­bür­ti­ge Un­gar ist ei­ner der letz­ten Wie­ner Meis­ter für Le­der­ga­lan­te­rie­wa­ren­er­zeu­gung. Nach sei­ner Pen­sio­nie­rung ver­pach­te­te er sein Ate­lier an die Wie­ner Uni­ver­si­tät für an­ge­wand­te Kunst. So lern­ten er und Ni­co­le Lech­ner, die dort Kur­se be­such­te, ein­an­der ken­nen. Zu­rück aus dem Him­mel. Das Zu­sam­men­tref­fen hät­te so nie statt­fin­den müs­sen. Vor al­lem, da Lech­ner der klas­si­sche Lehr­lings­weg ver­sperrt war. Und auch, weil ih­re Be­rufs­wahl erst im zwei­ten An­lauf auf Le­der­de­si­gne­rin fiel. Ur­sprüng­lich hat­te sie als Flug­be­glei­te­rin be­gon­nen. Als sie schwan­ger wur­de, sah sie sich nach et­was Bo­den­stän­di­ge­rem, Ge­setz­te­rem um. Schon wäh­rend sie um die Welt ge­flo­gen war, hat­te Lech­ner klei­ne Le­der­porte­mon­naies für ih­re Kol­le­gin­nen an­ge­fer­tigt. „Ich ha­be das Le­der mas­sa­kriert“, er­in­nert sie sich mit ei­nem La­chen. Sie hat­te we­der die rich­ti­ge Näh­ma­schi­ne noch das hand­werk­li­che Wis­sen. Aber die Stü­cke ge­fie­len. So klopf­te sie nach dem En­de ih­rer luf­ti­gen Kar­rie­re bei den et­wa zehn ver­blie­be­nen Ta­sch­ner­meis­tern Wi­ens an. Der Te­nor sei im­mer in et­wa ge­we­sen: „Das ist sehr lieb, dass du dich in­ter­es­sierst. Aber wir neh­men kei­ne Lehr­lin­ge.“

Ei­ne Al­ter­na­ti­ve tat sich mit der Fach­schu­le für Le­der­de­sign auf. Dort sei­en ih­re Mit­schü­ler zwar durch­schnitt­lich 15 Jah­re alt – sie war zu Schul­be­ginn 26 –, und auch die Theo­rie­klas­sen wür­de sie kei­nem un­be­dingt ans Herz le­gen. Aber die 32 Wo­chen­stun­den, die sie in der Werk­stät­te stand, hät­ten die ihr ver­wehr­te Lehr­lings­zeit voll­kom­men auf­ge­wo­gen.

Im Herbst 2015 mach­te die ge­bür­ti­ge Stei­re­rin die Meis­ter­prü­fung. „Job hät­te ich da­mit kei­nen ge­fun­den.“In der Ju­ry sa­ßen zwei der Wie­ner Tasch- ner­meis­ter. Sie ga­ben ihr we­nig auf­bau­en­de Wor­te mit: „Du weißt, dass es schwer wird und du kei­ne Stel­le kriegst?“Al­so dach­te sich Lech­ner, war­um bei der über­schau­ba­ren Zahl an Mög­lich­kei­ten nicht gleich al­les auf die ver­blie­be­ne Kar­te set­zen und ein ei­ge­nes Un­ter­neh­men grün­den?

Was sie mit et­was Vor­lauf­zeit und ei­nem gu­ten, be­triebs­wirt­schaft­lich ge­schul­ten Geist an ih­rer Sei­te im Som­mer auch tat. In die­ser Wo­che kommt ih­re ers­te Ta­schen­kol­lek­ti­on auf den Markt. „Mitt­ler­wei­le weiß ich, war­um Pra­da so teu­er ver­kauft“, sagt Lech­ner, die es sich nicht neh­men lässt, je­des Le­der, je­den Fa­den, je­den ver­gol­de­ten Be­schlag selbst aus­zu­wäh­len und ih­re Ta­schen im Al­lein­gang per Hand zu nä­hen. In Wien. Das kos­tet. Zur­zeit ver­an­schlagt sie pro Ta­sche rund 900 Eu­ro. Fünf Ta­schen pro­du­ziert sie pro Wo­che an ih­rer Näh­ma­schi­ne im um­funk­tio­nier­ten Wäh­rin­ger Schlaf­zim­mer. Ih­re Mar­ke, Mai­son NYCA, steht so nicht nur für ei­ne Mi­schung aus ih­rem Vor­na­men und der Me­tro­po­le New York – son­dern bil­det auch die Tat­sa­che ab, dass die Stü­cke tat­säch­lich da­heim ge­fer­tigt wer­den. Eben a` la mai­son. Sie sei noch nicht die Schnells­te an der Näh­ma­schi­ne, gibt Lech­ner zu, aber schließ­lich ste­he sie auch ganz am Be­ginn ih­rer hand­werk­li­chen Lauf­bahn. Sich wie an­de­re Ta­sch­ner mit zu­neh­men­der Grö­ße nicht mehr selbst um die Pro­duk­ti­on zu küm­mern, son­dern nur mehr als krea­ti­ves Mas­ter­mind im Hin­ter­grund zu wir­ken, will sie sich nicht vor­stel­len. „Sonst friert das hand­werk­li­che Kön­nen ein.“

Vor­erst muss sie sich als Ein-FrauBe­trieb aber noch nicht um Din­ge wie die Auf­ga­ben­de­le­gie­rung an po­ten­zi­el­le Mit­ar­bei­ter küm­mern. „Und so­lan­ge A´rpa´d Me´sza´ros da ist, ist al­les o. k.“, sagt die jun­ge De­si­gne­rin. Mag sein, dass sie ih­re Aus­bil­dung an der Fach­schu­le für Le­der­de­sign ab­sol­viert hat. Die wich­ti­ge Be­zugs- und An­sprech­per­son ist ein­deu­tig der pen­sio­nier­te Ta­sch­ner­meis­ter vom Spit­tel­berg, der sie auch ein­mal beim Fal­ten ei­ner Le­der­naht be­rät oder ihr qua­si um­sonst Ösen und Be­schlä­ge aus sei­nem Fun­dus über­lässt.

Für krea­ti­ven Aus­tausch war dank ihm stets ge­sorgt. Die wirt­schaft­li­che Kom­po­nen­te lag bis zum Früh­ling aber On­li­ne fin­det man Jung­de­si­gne­rin Ni­co­le Lech­ner und ih­re ers­te Kol­lek­ti­on The One Show un­ter www.mai­son­ny­ca.at. Of­f­line, im klas­si­schen Han­del ist Lech­ner mit Aus­stel­lungs­stü­cken un­ter an­de­rem in der Da­men­mo­den­bou­tique 4 Jah­res­zei­ten ver­tre­ten. Te­le­fo­nisch kann man sie auch ein­fach un­ter 0664 4337 007 er­rei­chen und nach Vor­an­mel­dung in ih­rem Ate­lier in der Gent­zgas­se 144 vor­bei­schau­en. brach. „Ich muss­te schau­en, wie ich je­man­den fin­de, der sich gut mit Zah­len aus­kennt – mei­ner ab­so­lu­ten Schwach­stel­le“, er­zählt Lech­ner von ih­rer Su­che. Fün­dig wur­de sie in der Un­ter­neh­mens­be­ra­te­rin Clau­dia Mel­cher­tS­troh­mai­er. Die­se mach­te sich dar­an, Lech­ners Ge­schäfts­idee auf den Bo­den zu brin­gen – mit hand­fes­ten Zah­len. Zwi­schen Li­qui­di­täts­plä­nen, Preis­kal­ku­la­tio­nen und der Er­stel­lung ei­nes Bu­si­ness-Plans konn­te sie der Jung­de­si­gne­rin die fro­he Nach­richt ver­kün­den. „Du kannst es wirk­lich ma­chen, da steckt Po­ten­zi­al drin“, teil­te sie ihr nach An­hö­rung ih­rer Ide­en mit. Ge­mein­sam er­stell­ten sie ei­nen Ge­schäfts­plan, der die kom­men­den drei Jah­re ab­bil­det, steck­ten das Best-Ca­se­wie auch das Worst-Ca­se-Sze­na­rio ab und for­mu­lier­ten die An­trä­ge an die Fi­nan­zie­rungs­quel­len, sprich die Bank und die Start-up-För­der­stel­le. Wei­che Ide­en, har­te Zah­len. Mel­cher­tS­troh­mai­er, die seit 15 Jah­ren in der Un­ter­neh­mens­be­ra­tung und hier be­son­ders gern im krea­ti­ven Be­reich un­ter­stüt­zend tä­tig ist, wo man den En­thu­si­as­mus für das Hand­werk spü­re, kennt die an­fäng­li­chen Klip­pen, die es zu um­schif­fen gilt. Vie­le Hand­werks­be­trie­be mit fan­tas­ti­schen Ide­en wür­den an der Start­ka­pi­ta­li­sie­rung schei­tern, weil sie bei der Bank oh­ne hand­fes­te Zah­len, Gra­fi­ken und ver­trau­ens­er­we­cken­de Re­chen­mo­del­le ein­rit­ten. Für ei­ne schö­ne Idee al­lein be­kä­me man heu­te kei­nen Bank­kre­dit mehr, sagt die Un­ter­neh­mens­be­ra­te­rin.

Ni­co­le Lech­ner be­kam ei­nen. Ih­re Start-up-För­de­rung wird der­zeit ge­prüft. Mel­chert-Strohmaier ist sicht­lich stolz auf ih­re Kli­en­tin. So­bald die fi­nan­zi­el­len und or­ga­ni­sa­to­ri­schen An­fangs­hür­den in tro­cke­nen Tü­chern sind, will sie sich aber wie­der zu­rück­zie­hen – zu­min­dest bis der nächs­te gro­ße Schritt für Lech­ners La­bel an- steht. „Ich bin ihr Spar­rings­part­ner, aber schaf­fen muss sie es spä­ter al­lein. Ich füh­re ja nicht das Un­ter­neh­men.“

Schaf­fen will Lech­ner es mit un­ver­stell­ter Au­then­ti­zi­tät und In­di­vi­dua­li­tät – „Mo­del­le, die es so nicht gibt“, soll es bei ihr zu kau­fen ge­ben. Um das Ge­fühl des Ori­gi­nals noch zu ver­stär­ken, prägt sie je­der ein­zel­nen Ta­sche beim Kauf ei­ne Pla­ket­te mit der Kol­lek­ti­ons­num­mer und dem Na­men der Kun­din ins In­nen­fut­ter ein. Sie will, dass die Leu­te bei ih­ren Ta­schen die­ses ein­ma­li­ge Ge­fühl über­mannt, das sie im­mer bei Be-

»Mitt­ler­wei­le weiß ich, war­um Pra­da so teu­er ver­kauft.« Ih­re Mit­schü­ler in der De­si­gn­fach­schu­le wa­ren 15 Jah­re alt, Ni­co­le Lech­ner 26. »Für ei­ne schö­ne Idee al­lein be­kommt man heu­te kei­nen Bank­kre­dit mehr.«

trach­tung der Wer­ke ih­res gro­ßen Vor­bilds, des für sei­ne ex­zen­tri­schen Ent­wür­fe be­kann­ten Mo­schi­no-De­si­gners Je­re­my Scott, über­kommt: das Ver­lan­gen, die­ses schö­ne, ein­zig­ar­ti­ge Ding so­fort zu be­sit­zen – viel­leicht auch nur, um es lang und aus­führ­lich zu be­trach­ten.

Ni­co­le Lech­ner ist zu be­schei­den, um bei ih­rer ei­ge­nen Kol­lek­ti­on ei­nen so­for­ti­gen Ef­fekt die­ser Art zu er­war­ten. Aber das Bett, das hät­te sie schon gern zu­rück – und zwar, wenn mög­lich, bald.

Sta­nis­lav Je­nis

Lech­ner schlug in Wäh­ring ihr krea­ti­ves Zelt auf.

Sta­nis­lav Je­nis

Ein klei­ner Ein­blick in Lech­ners Le­der­werk­zeug­samm­lung.

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