Am Herd

BRANDHEISS UND HÖCHST PER­SÖN­LICH

Die Presse am Sonntag - - Leben - VO N BET­TI­NA ST­EI­NER

Gut, Welt, ge­schafft. Jetzt ha­be ich auch Angst. Jetzt bin ich auch wü­tend. Ich bin ei­ne zor­ni­ge wei­ße Frau.

Man hat mir ge­sagt, ich müs­se das ver­ste­hen. Man hat mir ge­sagt, das sei al­les nicht so ein­fach. Den Leu­ten ge­he es halt schlecht. Die Glo­ba­li­sie­rung. Die Leu­te hät­ten eben Angst. Vor dem Ab­stieg. Da­vor, nicht mehr zu zäh­len. Vor ei­ner sich im­mer ra­scher ver­än­dern­den Welt, frem­den Ge­sich­tern, frem­den Kul­tu­ren. Die Me­di­en, er­klä­ren sie, ha­ben ver­sagt, sie ver­ste­hen die Men­schen nicht mehr, und die Po­li­tik ha­be ver­sagt, die hät­te ja noch nie et­was ka­piert. Wer schuld ist? Die Eli­ten mit ih­rer Über­heb­lich­keit. Der Main­stream mit sei­ner Po­li­ti­cal Cor­rect­ness. Die Leu­te? Nie! Man hat mir ge­sagt, es wür­de schon nicht so schlimm kom­men. Er­do­gan?˘ Pu­tin? Mit de­nen wird man ver­han­deln. Br­ex­it? Kein The­ma. Trump? Hat kei­ne Chan­ce. Jetzt sa­gen sie es wie­der, al­les nicht so dra­ma­tisch, und wenn ich ant­wor­te, dass ich ih­nen jetzt aber nicht mehr glau­be, dass es näm­lich ganz im Ge­gen­teil im­mer noch schlim­mer kommt, so war das die ver­gan­ge­nen Jah­re und so wird es ei­ne un­ab­seh­ba­re Wei­le wei­ter­ge­hen; wenn ich ih­nen sa­ge, dass mich das ver­stört, dass mich das wü­tend macht und ich mich hilf­los füh­le, dann sind sie ir­ri­tiert. Sie schau­en pein­lich be­rührt bei­sei­te oder schüt­teln den Kopf, als sei ich ein Kind, das sich im Su­per­markt auf den Bo­den ge­schmis­sen hat und mit den Bei­nen stram­pelt. Man­che le­gen mir be­gü­ti­gend ei­ne Hand auf die Schul­ter. Schlaf ei­ne Nacht dar­über! Am nächs­ten Mor­gen sieht die Welt schon wie­der ganz an­ders aus.

Aber sie sieht nicht an­ders aus, und ich weiß nicht, wie lang ich dar­auf war­ten muss, bis es wie­der so ist wie frü­her. Nost­al­gie. Ja, frü­her war es bes­ser. Nur ist mein Frü­her nicht 50 Jah­re her, son­dern fünf. Vor fünf Jah­ren war ich Op­ti­mis­tin. Au­to­ri­tä­re Ty­pen. Gut, Welt, sa­ge ich: Du hast es ge­schafft. Jetzt ha­be ein­mal zur Ab­wechs­lung ich Angst. Vor ei­ner Mensch­heit, die in Ost und West von au­to­ri­tä­ren Ty­pen re­giert wird, und die Mensch­heit fin­det das noch toll, al­so je­den­falls der Teil, der in der ers­ten Klas­se sitzt. Ich ha­be Angst vor Män­nern, die brül­len und grap­schen, Frau­en als Be­sitz be­trach­ten und Ab­trei­bung un­ter Stra­fe stel­len wol­len. Ich fürch­te mich da­vor, dass mei­ne Töch­ter nicht so un­ge­zwun­gen auf­wach­sen dür­fen, wie ich es konn­te. Da­vor, dass je­mand Mar­le­nes Ban­knach­ba­rin das Kopf­tuch her­un­ter­reißt oder Han­nahs Freun­din sagt, sie soll ge­fäl­ligst ver­schwin­den, wo sie her­ge­kom­men ist.

Ich ha­be Angst und des­halb bin ich wü­tend, fast wie die­se zor­ni­gen wei­ßen Män­ner, von de­nen al­le im­mer spre­chen, nur dass ich ei­ne zor­ni­ge wei­ße Frau bin und nie­man­dem je­mals ein Mail schrei­ben wer­de, in dem steht, dass man ihn an­zün­den soll­te.

Aber wü­tend bin ich, oh ja.

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