»Der At­ten­tä­ter sag­te, er will heim. Das hat sonst nie­mand ge­sagt«

Ge­nau vor ei­nem Jahr, am 13. No­vem­ber 2015, hin­der­te To­or­a­bal­ly Salim ei­nen At­ten­tä­ter dar­an, sich im Sta­de de Fran­ce in die Luft zu spren­gen: Der »Pres­se am Sonn­tag« er­zählt er von die­sem Tag und sei­nem Le­ben »da­nach« – et­wa, war­um er aus sei­ner Woh­nung

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON AN­NE-CA­THE­RI­NE SI­MON

Er ist klein, trägt Bril­le und wirkt nicht son­der­lich stark. Aber in Frank­reich gilt To­or­a­bal­ly Salim als Held. Der 13. No­vem­ber 2015 hat sein Le­ben ver­än­dert. Salim tritt in An­zug und Kra­wat­te auf (und kommt so auch zu In­ter­views), wur­de jüngst auf ei­ne hoch­ka­rä­ti­ge Si­cher­heits­kon­fe­renz nach Flo­ri­da ein­ge­la­den, der fran­zö­si­sche Staats­prä­si­dent und die Na­tio­nal­mann­schaft ha­ben ihm gra­tu­liert. To­or­a­bal­ly Salim ge­hört zu den Men­schen, de­ren Le­ben der 13. No­vem­ber am meis­ten ver­än­dert hat – aber in sei­nem Fall nicht nur auf schreck­li­che Wei­se. Der heu­te 53-jäh­ri­ge kam als Ju­gend­li­cher aus Mau­ri­ti­us ge­mein­sam mit sei­nen Eltern ins Land und hät­te nie ge­dacht, dass er, der „klei­ne Mann“in der Se­cu­ri­ty, ein­mal über die Lan­des­gren­zen hin­weg be­kannt sein wür­de: Weil er ei­nen Selbst­mord­at­ten­tä­ter dar­an ge­hin­dert hat, sich im Sta­de de Fran­ce in die Luft zu spren­gen.

„Ich le­be nur ein paar Ki­lo­me­ter vom Sta­de de Fran­ce ent­fernt“, er­zählt er im Ge­spräch mit der „Pres­se am Sonn­tag“. „Am 13. No­vem­ber 2015 hat­te ich dort das ers­te Mal Di­enst, da­vor war ich zwar schon auch in Sta­di­en, aber nicht in die­sem. Für mich war es ein Aus­nah­me­tag, ich war sehr stolz. Ich weiß aber auch noch ge­nau, wie mei­ne Toch­ter Yza an dem Tag um halb fünf von der Schu­le ge­kom­men ist und be­sorgt ge­sagt hat, dass ich auf­pas­sen soll. Sie hat­te er­fah­ren, dass ein deut­sches Sta­di­on eva­ku­iert wer­den muss­te.“

Spä­ter an die­sem Abend dach­te Salim kurz, er wür­de sei­ne 15-jäh­ri­ge Toch­ter nie wie­der­se­hen. Das war, als un­mit­tel­bar ne­ben dem Sta­di­on in dem schon nächt­lich dunk­len Pa­ris ei­ne Ex­plo­si­on zu hö­ren war. Das Spiel lief, Salim hat­te ge­ra­de nichts zu tun und rann­te hin, zur Ecke der Ave­nue Ju­les Ri­met. Ein Mann hat­te sich in die Luft ge­sprengt und ei­nen Pas­san­ten mit in den Tod ge­ris­sen, drei wei­te­re schwer ver­letzt.

Salim ver­such­te zu hel­fen. „Das wa­ren scho­ckie­ren­de Mo­men­te, die Fleisch­fet­zen auf den Ho­sen des ers­ten Ver­letz­ten, das Zu­pa­cken oh­ne Hand­schu­he.“An ein Selbst­mord­at­ten­tat dach­te er da­bei noch nicht. „Ich glaub­te, dass ei­ne Bom­be im Mist­kü­bel ex­plo­diert sei.“ Ver­lo­ren in der Men­ge. To­or­a­bal­ly Salim hat­te da­nach auch fast ei­ne Wo­che lang kei­ne Ah­nung da­von, dass ein Mann, der ihm kurz vor der Ex­plo­si­on be­geg­net war, mit die­sen Er­eig­nis­sen zu tun hat­te. Dass die­ser Mann Bil­al Had­fi hieß und eben­so wie der Selbst­mord­at­ten­tä­ter von der Ave­nue Ju­les Ri­met ver­sucht hat­te, sich im Sta­di­on in die Luft zu spren­gen. Und dass er, To­or­a­bal­ly, ihn auf­ge­hal­ten hat­te.

War das ein Rou­ti­ne­akt? Hat­te sich der Mann so ver­hal­ten wie an­de­re, die sich ins Sta­di­um zu schmug­geln ver­su­chen? „Es kommt oft vor, dass Leu­te oh­ne Kar­te ver­su­chen hin­ein­zu­kom­men“, er­zählt Salim. „Sein Ver­hal­ten war aber an­ders. Ich ha­be ihm ge­sagt, Mon­sieur, zei­gen Sie mir Ih­re Kar­te – da sagt er, nein, ich hab sie nicht, die hat ein Freund, der viel­leicht schon im Sta­di­on ist. Und dass er heim­ge­hen müs­se. Das war völ­lig un­lo­gisch, das hat mir noch kei­ner ge­sagt, es wirk­te ver­wirrt. Die Wor­te ,Ich muss heim­ge­hen‘ ha­ben den Un­ter­schied ge­macht.“

Und mit be­wirkt, dass sich Salim fünf Ta­ge nach dem At­ten­tat, als er auf das Po­li­zei­kom­mis­sa­ri­at ge­ru­fen wur­de, noch ge­nau an den Mann er­in­ner­te und dar­an, was da­nach ge­sche­hen war. „Ge­hen Sie zu­rück, ha­be ich ihm ge­sagt, dar­auf­hin ist er zehn Mi­nu­ten vor mir ste­hen ge­blie­ben und hat mir zu­ge­schaut, wie ich die Leu­te kon­trol­lie­re. Ich ha­be ihn wei­ter­hin ne­ben­bei be­ob­ach­tet, er ist dann zu ei­nem an­de­ren Ein­gang ge­gan­gen. Da hab ich mei­nen dor­ti­gen Kol­le­gen an­ge­ru­fen. Dann hat er sich in der Men­ge ver­lo­ren.“ „Wuss­te nicht, was tun.“Am Mon­tag nach dem Spiel er­hielt Salim ei­nen An­ruf vom Po­li­zei­kom­mis­sa­ri­at, am Di­ens­tag wur­de er dort be­fragt. „Der Be­am­te schrieb ge­ra­de ins Pro­to­koll, dass ich nichts mehr hin­zu­zu­fü­gen ha­be, da ist mir ein­ge­fal­len, dass ja ein Mann hin­ein­woll­te und ich ihn ab­ge­wie­sen ha­be. Das hat ihn in­ter­es­siert, ich ha­be den Mann be­schrie­ben. Und dann zeig­te er mir ein Fo­to von ei­nem Mann nach ei­ner Bom­ben­ex­plo­si­on, Po­li­zis­ten hal­ten sei­nen Kopf. Das war ein furcht­ba­rer Au­gen­blick – mir schoss als Ers­tes durch den Kopf, er hät­te vor mir die Bom­be zün­den kön­nen.“Und da­nach? „Ich bin vier St­un­den, bis 23 Uhr, in mei­nem Au­to ge­ses­sen und ha­be nach­ge­dacht. Ich wuss­te nicht, was tun. Und all­mäh­lich bin ich mir erst be­wusst ge­wor­den, dass ich was Gu­tes ge­tan ha­be. Al­lein was es für die Welt des Sports be­deu­tet hät­te, wenn die­ser Mann es ge­schafft hät­te . . .“

Wie ha­ben sich die­se Ta­ge auf Salims Le­ben aus­ge­wirkt? „In den ers­ten Mo­na­ten da­nach hat­te ich ein schlim­me­res Le­ben. Ich woll­te nicht an dem Ort sein, wo das pas­siert war, woll­te nicht mehr dort ar­bei­ten. Dass ein Be­reich wie der Sport be­trof­fen ist! Wir schrei­ben die Kin­der zum Sport ein, da­mit sie kei­ne Dumm­hei­ten ma­chen, und dann das. Im Früh­ling ist es bes­ser ge­wor­den. Ich hät­te lie­ber an­ders re­üs­siert, aber die po­si­ti­ven Er­leb­nis­se wa­ren schon über­wäl­ti­gend. Zum Bei­spiel dass mich Hol­lan­de beim ers­ten Spiel seit den An­schlä­gen, dem Test­spiel zwi­schen Frank­reich und Russ­land im März, in sei­ne Lo­ge ge­holt und mir ge­sagt hat: Sie sind ein Vor­bild, Sie ha­ben mehr ge­macht als ein nor­ma­ler Si­cher­heits­mann ge­macht hät­te!“Den ers­ten Di­enst im Sta­de de Fran­ce seit den An­schlä­gen ha­be er aber mit gro­ßer Angst ab­sol­viert. „Es war sehr selt­sam, ich hat­te stän­dig den Ge­ruch wie nach ei­ner Ex­plo­si­on in der Na­se.“Seit der Eu­ro­pa­meis­ter­schaft sei die Angst fort. Salims häus­li­cher Is­lam­kampf. Ein Mann mit Eltern aus Mau­ri­ti­us, ein Mann, den wohl vie­le Men­schen in Frank­reich beim ers­ten Blick in die Schub­la­de „im­mig­re“´ (Mi­grant), viel­leicht auch „Mus­lim“ste­cken – der er auch ist: Ein sol­cher Mann steht plötz­lich im Ram­pen­licht, als Held der Na­ti­on, wird von den Spit­zen der Re­pu­blik und des Sports ge­ehrt. To­or­a­bal­ly Salim kann gar nicht ge­nug da­von be­kom­men, von sei­nen Eh­run­gen zu er­zäh­len. Selbst sein Pri­vat­le­ben scheint vom Wunsch be­ein­flusst, vor der Welt als vor­bild­li­cher Fran­zo­se zu er­schei­nen. „Am An­fang war mei­ne Fa­mi­lie viel re­li­giö­ser als ich, mei­ne Frau trug ein Kopf­tuch, mei­ne Toch­ter dann auch“, er­zählt der Mann. „Zu­nächst ha­be ich das ak­zep­tiert, aber nach den An­schlä­gen hat sich das ge­än­dert, ich ha­be mei­ner Frau ge­sagt, ich will das nicht mehr – wenn du willst, dass wir zu­sam­men auf die Stra­ße ge­hen kön­nen, musst du das Tuch ab­le­gen. Das war ein har­ter Kampf. Ih­re Fa­mi­lie prak­ti­ziert ei­nen sehr stren­gen, fa­na­ti­schen Is­lam. Ich ha­be von mei­nen Eltern ei­ne ganz an­de­re Men­ta­li­tät mit­be­kom­men. Sie ha­ben den Ras­sen­krieg in Mau­ri­ti­us er­lebt, wur­den von Ka­tho­li­ken ver­steckt. Und sie ha­ben mir im­mer bei­ge­bracht, Salim, re­spek­tie­re al­le Re­li­gio­nen!“

Und wie ging der häus­li­che Kopf­tuch­kampf aus? Sei­ne Frau ha­be am En­de nach­ge­ge­ben. „Ich ha­be un­ser Haus ver­las­sen. Nach neun Ta­gen hat sie an­ge­ru­fen und ge­sagt, komm heim, ich werd das än­dern. Jetzt geht auch mei­ne Toch­ter zum Fri­seur, lässt sich ih­re Haa­re schön fär­ben. Un­ser Le­ben ist viel bes­ser ge­wor­den. Ich ha­be nicht nur das Sta­de de Fran­ce ge­ret­tet, son­dern auch mei­ne Fa­mi­lie.“

Wer­te durch­set­zen durch Zwang? To­or­a­bal­ly Salim ist fest über­zeugt, dass er sei­ne Stel­lung als pa­ter fa­mi­li­as nicht aus­ge­nutzt, son­dern ein­fach in sei­ner Fa­mi­lie fran­zö­si­schen Wer­ten zum Sieg ver­hol­fen hat. Er sei ein biss­chen „mi­li­ta­ris­tisch“im Kopf ge­wor­den, fügt er noch hin­zu. „Das The­ma Si­cher­heit ist mir seit dem 13. No­vem­ber noch viel wich­ti­ger ge­wor­den. Und ich wür­de gern mein Le­ben für an­de­re ge­ben.“Für To­or­a­bal­ly Salim ist der 13. No­vem­ber of­fen­bar nicht nur ein Trau­er­tag. Die­ser Tag hat ihn im­mer­hin zum Volks­hel­den, sei­nen Na­men be­kannt ge­macht – ei­nen Na­men, mit dem man in Frank­reich sonst nicht die al­ler­bes­ten Kar­rie­re-Vor­aus­set­zun­gen hat. Hier hat der is­la­mis­ti­sche Ter­ror ei­nen glü­hen­den Hei­mat­ver­tei­di­ger pro­du­ziert – ei­nen, den die selbst er­nann­ten Abend­land­schüt­zer Frank­reichs, die Iden­ti­tä­ren, wohl gar nicht in ih­re Rei­hen las­sen wür­den.

Leo No­vel / dpa / pic­tu­re­desk.com

Hielt ei­nen At­ten­tä­ter am 13. No­vem­ber 2015 auf: To­or­a­bal­ly Salim vor dem Sta­de de Fran­ce.

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