»Ich bin eher re­de­faul«

Da­ni­el Brühl. »Ach ne, nicht schon wie­der«: Da­ni­el Brühl er­klärt, war­um man sich mit Fil­men über die Na­zi-Zeit an­greif­bar macht und teilt auch sonst Me­dien­schel­te aus. Nächs­te Wo­che kommt der deut­sche Schau­spie­ler mit »Je­der stirbt für sich al­lein« ins Ki

Die Presse am Sonntag - - Menschen - VON UL­RI­KE WEI­SER

Wann hat­ten Sie das ers­te Mal das Buch „Je­der stirbt für sich al­lein“in der Hand? Schon in der Schu­le oder erst vor den Dreh­ar­bei­ten? Da­ni­el Brühl: Ich ha­be es schon vor Jah­ren ge­le­sen. Die Spra­che Hans Fal­la­das ist ein­fach fas­zi­nie­rend in ih­rer Fri­sche, ih­rer Här­te, ih­rem Hu­mor. Es ist ei­ne wun­der­ba­re Be­schrei­bung von Ber­lin und den Ber­li­nern. Ich bin ja 2001 hier­her ge­zo­gen – und gleich in das Vier­tel, in dem die Ro­man­hand­lung spielt. Im ech­ten Le­ben war es ein Paar aus dem Wed­ding, aber Fal­la­da sie­del­te die Hand­lung bei der Ja­blons­ki­stra­ße an. Und ganz in der Nä­he le­be ich noch im­mer. Ha­ben Sie sich schon da­mals beim Le­sen ge­dacht, dass es Sie rei­zen wür­de, bei der Ver­fil­mung mit­zu­spie­len? Nein, gar nicht. Aber als ich von dem Pro­jekt wuss­te, ha­be ich den Ro­man noch ein­mal ge­le­sen und mir fast ge­wünscht, dass es der Esche­rich wird. Das ist ei­ne span­nen­de Fi­gur. Der Kri­mi­nal­kom­mis­sar Esche­rich jagt die Haupt­fi­gu­ren, das Ehe­paar Quan­gel, das in Ber­lin ge­heim Post­kar­ten mit An­ti-Hit­lerBot­schaf­ten ver­teilt. Esche­rich ist Teil des Na­zi-Sys­tems, lei­det aber auch dar­un­ter. Emp­fin­den Sie Sym­pa­thie für ihn? Ja. Er ist nicht stark ge­nug, sich dem Sys­tem zu wi­der­zu­set­zen, und wird rein­ge­zo­gen. Ich glau­be, das war bei den al­ler­meis­ten Deut­schen der Fall. Ich kann auch nicht be­ant­wor­ten, wie ich mich da­mals ver­hal­ten hät­te. Wahr­schein­lich ähn­lich. In­so­fern ver­ste­he ich ihn. Wie in­ter­pre­tie­ren Sie Esche­richs Ab­nei­gung ge­gen­über den Na­zis? Rührt sie da­her, dass er doch ir­gend­wie ein gu­ter Mensch ist? Oder geht es ihm um sei­nen Be­rufs­ethos? Er, der schlaue Er­mitt­ler, der die Dumm­heit der SS-Funk­tio­nä­re ver­ach­tet. Er hat ei­ne mensch­li­che Sei­te, aber er ist kein über­mä­ßig gu­ter Mensch. Er ist ein­fach ein kor­rek­ter Kom­mis­sar der al­ten Schu­le, der bei der Su­che nach dem Schul­di­gen sehr ehr­gei­zig und ziel­stre­big ist. Aber die Tumb­heit und Bru­ta­li­tät der Na­zis scho­ckie­ren ihn. Zur Vor­be­rei­tung las ich ein ganz tol­les Buch, „Ge­schich­te ei­nes Deut­schen“von Se­bas­ti­an Haff­ner. Das er­klärt sehr gut, was für ei­ne Ge­ne­ra­ti­on von Män­nern das da­mals war – ge­de­mü­tigt vom Ers­ten Welt­krieg, aber noch be­seelt vom Mi­li­ta­ris­mus und dem neu­en Auf­schwung in Deutsch­land. De­nen ge­gen­über steht ei­ne jun­ge Ge­ne­ra­ti­on, Män­ner, die den Ers­ten Welt­krieg als Kin­der er­lebt ha­ben und für die Krieg et­was Span­nen­des war – ganz an­ders als für die Leu­te, die an der Front wa­ren. Die­se jun­gen Män­ner ka­men dann plötz­lich an die Macht und die äl­te­ren wie der Esche­rich muss­ten sich von sol­chen dum­men Bürsch­chen Be­feh­le er­tei­len las­sen. Im Buch ist der Esche­rich ja äl­ter als im Film, das war mein ein­zi­ges Pro­blem. Sie sind da­für be­kannt, sich ge­nau auf Rol­len vor­zu­be­rei­ten. Ih­re Frau ist Psy­cho­lo­gin. Gibt sie Ih­nen Tipps? Das kommt vor. Schau­spie­ler und Psy­cho­lo­gin, das ist ei­ne gu­te Kom­bi­na­ti­on. Ich pro­fi­tie­re to­tal von den Er­fah­run­gen, die sie mit ver­schie­de­nen Per­sön­lich­keits­stö­run­gen ge­sam­melt hat. Bei ei­nem Stoff über die Na­zi-Zeit hat man als Deut­scher oder Ös­ter­rei­cher im­mer auch die ei­ge­ne Fa­mi­li­en­ge­schich­te im Kopf. Sie sind zur Hälf­te Ka­ta­la­ne. Glau­ben Sie, dass das den Blick auf die deut­sche Ver­gan­gen­heit et­was än­dert? Hm, Spa­ni­en ist letzt­lich durch ei­ne ähn­li­che Ge­schich­te ge­gan­gen und hat jahr­zehn­te­lang un­ter ei­nem fa­schis­ti­schen Re­gime ge­lit­ten. Das hat je­de spa­ni­sche Fa­mi­lie be­trof­fen. Auch mei-

Da­ni­el Brühl.

Der deut­sche Schau­spie­ler, Jahr­gang 1978, wur­de mit „Good Bye, Le­nin!“im Jahr 2003 be­kannt. In Ös­ter­reich be­ein­druck­te er vor al­lem in der Rol­le von Ni­ki Lau­da im Film „Rush“(2013).

Der Film.

Die Ver­fil­mung von Hans Fal­la­das (ei­gent­lich Ru­dolf Wil­helm Fried­rich Dit­zens) Ro­man „Je­der stirbt für sich al­lein“, star­tet am 18. 11. in den hei­mi­schen Ki­nos. Die Haupt­rol­len spie­len Bren­dan Glee­son und Em­ma Thomp­son. ne. Ge­nau wie dann der Bür­ger­krieg. Das heißt, das war al­les so un­ter­schied­lich nicht – zu­min­dest was mei­ne Fa­mi­lie be­trifft. Sie ha­ben es schon er­wähnt: Fal­la­das Haupt­fi­gu­ren, die Quan­gels, hat­ten ein rea­les Vor­bild, die Ham­pels. Im Buch blei­ben die Quan­gels nach dem To­des­ur­teil stand­haft. Tat­säch­lich ha­ben sich die Ehe­leu­te aber zum Schluss ge­gen­sei­tig de­nun­ziert. Än­dert das et­was für Sie an der Ge­schich­te? In­wie­weit das in der Rea­li­tät an­ders ge­lau­fen ist, muss ich bei der Ar­beit aus­klam­mern. Es ist aber ver­ständ­lich, dass der Ro­man das Au­gen­merk auf den mu­ti­gen und sub­ver­si­ven Akt des Post­kar­ten-Ver­tei­lens rich­tet, auf den Kampf Ar­bei­ter­paar ge­gen das Sys­tem. Sie ha­ben schon öf­ter ge­sagt, dass Film­pro­jek­te, die Sie in­ter­es­sie­ren, häu­fig kaum Echo fin­den. Wie ist Ihr Ge­fühl dies­mal? Ehr­lich ge­sagt, ma­che ich mir da kei­ne Ge­dan­ken mehr. Wenn ich et­was wich­tig und span­nend fin­de, ma­che ich das und ich weiß, dass es die Leu­te in mei­nem Um­feld in­ter­es­sie­ren wird. Aber die gro­ße Mas­se kann ich schon lang nicht mehr be­ur­tei­len. Ich fra­ge, weil die ers­ten Kri­ti­ken zum Film nicht ge­ra­de eu­pho­risch wa­ren: zu kühl, zu brav, Schau­spie­ler-Res­sour­cen­ver­schwen­dung nann­te es ei­ner. Kränkt Sie das? Mich be­rührt das er­staun­li­cher­wei­se gar nicht, ver­mut­lich, weil ich das schon so lang ma­che. Die Pres­se hat ei­nen gro­ßen Hun­ger dar­auf, Sa­chen ka­putt­zu­schrei­ben – ge­ra­de bei Fes­ti­vals (Anm.: Der Film lief bei der Ber­li­na­le). Das ha­be ich schon ein paar Mal er­lebt. Mit „Good Bye, Le­nin!“wa­ren wir im Bä­ren­spie­gel (Anm.: Ran­king bei der Ber­li­na­le) ganz un­ten: Wir wa­ren der schlech­tes­te Film. Die Leu­te ha­ben uns ka­putt­ge­schrie­ben, Mo­na­te spä­ter ist der Film dann ein Rie­sen­er­folg ge­wor­den und in den­sel­ben Zei­tun­gen gab es Hym­nen. Das heißt: Ich neh­me mich selbst in mei­ner Ar­beit, aber auch die Pres­se nicht all­zu ernst. Ich le­se auch kei­ne Kri­ti­ken mehr. Dass man sich mit ei­nem Na­zi-ZeitS­toff im Wett­be­werb ei­nes Fes­ti­vals per se an­greif­bar macht, ge­ra­de bei der Ber­li­na­le, das war mir aber schon von vorn­her­ein klar. Wie­so? Weil die Leu­te bei his­to­ri­schem Stoff schon mit ei­ner Lau­er­hal­tung ran­ge­hen, be­son­ders, wenn der im Drit­ten Reich spielt: Da gibt es schon von vorn­her­ein die Hal­tung (Brühl wech­selt in ei­ne ge­nerv­te Ton­la­ge): Ach ne, nicht schon wie­der, nicht schon wie­der so ein Film, ach ne, ir­gend­wel­che En­g­län­der spie­len Deut­sche und ach ne, da er­kennt man die Ku­lis­se, und oh, das ha­ben sie schon wie­der in Gör­litz ge­dreht . . . (Ton­la­ge ab jetzt wie­der nor­mal). Nur wenn man bei die­sen The­men ei­nen ra­di­kal an­de­ren, viel künst­le­ri­sche­ren An­satz fin­det, nur dann geht es viel­leicht. So war der Film aber nicht an­ge­legt, und das wuss­te ich auch. Da­her war mir klar, dass man sich an­greif­bar macht. Ich ste­he trotz­dem zu dem Film. Herr Brühl, Sie wer­den bald Va­ter. In ei­nem In­ter­view in der „Welt“. . . . . . Das war ein grau­en­vol­les In­ter­view, von dem die Hälf­te nicht stimmt. Dann sa­gen Sie mir bit­te, zu wel­cher Hälf­te der fol­gen­de Satz ge­hört. Zum The­ma Win­del­wech­seln ha­ben Sie ge­sagt: „Da bin ich Spa­nier und für die klas­si­sche Auf­ga­ben­tei­lung.“Das ist ab­so­lu­ter Kä­se. Die Jour­na­lis­tin woll­te un­be­dingt ei­ne Aus­sa­ge zu Win­del­wech­seln in mei­ner Ta­pas-Bar. Mei­nem Kind dort die Win­deln zu wech­seln, das fän­de ich tat­säch­lich ab­so­lut ge­schmack­los mei­nen Gäs­ten ge­gen­über. Klas­si­sche Auf­ga­ben­ver­tei­lung wür­de ich auch so nie sa­gen. Es ist är­ger­lich, was manch­mal aus In­ter­views ge­macht wird. Des­we­gen bin ich auch eher re­de­faul. Wenn es nicht sein muss, so wie heu­te, wo ich über den Film re­de, ver­su­che ich, In­ter­views zu ver­mei­den. Sie sind, wie eben er­wähnt, Gas­tro­nom. War­um stei­gen so vie­le Schau­spie­ler in die Gas­tro­no­mie ein? Weiß ich auch nicht, weil das ja häu­fig in die Ho­se geht. Viel­leicht hat es da­mit zu tun, dass man un­ter­wegs ist und sich ei­nen Ort schaf­fen will, an dem man sich wohl­fühlt und trotz­dem un­ter Leu­ten sein kann. Bei mir war es tat­säch­lich ein lang ge­heg­ter Traum. Ich woll­te ei­nen Ort, an dem ich den Kram es­sen kann, den ich aus mei­ner Kind­heit ken­ne, Fuß­ball­spie­le gu­cken und Freun­de tref­fen. Die Näch­te, in de­nen ich mei­ne Filmwelt und be­freun­de­te Kol­le­gen ein­la­den durf­te, sind mein Lohn.

AFP

– wie Auf­ga­ben­tei­lung“sei Va­ter. Dass er für „klas­si­sche Da­ni­el Brühl wird dem­nächst stim­me aber nicht, sagt er. Zei­tung zu le­sen war –, un­längst in ei­ner deut­schen

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