MAC­BETH

War­um schon wie­der »Mac­beth« ?, moch­ten man­che fra­gen. Bei die­sem Stück geht ja doch meist fast al­les schief. So auch dies­mal an der Wien, wo der Haus­herr selbst in­sze­nier­te.

Die Presse am Sonntag - - Kultur - VON WIL­HELM SINKOVICZ

Die Fra­ge konn­te nicht aus­blei­ben: Ist das die Vi­si­ten­kar­te Ro­land Gey­ers für sei­ne mög­li­che Be­wer­bung als nächs­ter Staats­opern­di­rek­tor? Zur Pau­se wur­de dar­über hef­tig dis­ku­tiert. Das ist für ei­ne Opern­stadt wie Wien an­ge­sichts der Aus­schrei­bung des wich­tigs­ten In­ten­dan­ten­pos­tens selbst­ver­ständ­lich, weil ja je­der­mann weiß, dass der zu­stän­di­ge Mi­nis­ter als Fi­nanz­chef des Thea­ters an der Wien lan­ge Zeit eng mit dem dor­ti­gen künst­le­ri­schen Lei­ter zu­sam­men­ge­ar­bei­tet hat.

Al­so konn­ten die Neu­gie­ri­gen ja gar nicht an­ders, als sich an­ge­sichts der Pre­mie­re von Ver­dis „Mac­beth“Spe­ku­la­tio­nen hin­zu­ge­ben. Zu­mal Ro­land Gey­er wie­der selbst zu ins­ze­nie­ren ver­such­te und da­mit zwie­fach im Fo­kus stand, buch­stäb­lich für al­les ver­ant­wort­lich, was auf der Büh­ne zu se­hen und zu hö­ren war.

Aber so heiß wie ge­kocht wer­den die Din­ge be­kannt­lich nicht ver­zehrt. Und es ist ei­ne Bin­sen­weis­heit, dass in ei­nem Sta­gio­ne­haus wie je­nem an der Wien ganz an­de­re Ge­set­ze herr­schen als in ei­nem Re­per­toire­thea­ter, in dem 300 Mal pro Jahr der Vor­hang auf­ge­hen soll und Ins­ze­nie­run­gen für ei­ne klei­ne Ewig­keit brauch­bar zu sein ha­ben. Vom ra­schen Ver­ges­sen. Las­sen wir die Kir­che al­so im Dorf und Ro­land Gey­er im Thea­ter an der Wien. Der „Mac­beth“, den er da so­eben vom Sta­pel ge­las­sen hat, darf nach sie­ben Vor­stel­lun­gen wie­der im Meer der wie­ne­ri­schen Opern­ge­schich­te un­ter­ge­hen und, wenn über­haupt, dann als Ve­hi­kel für ei­nes der un­zäh­li­gen Wie­ner Rol­len­de­büts des Pu­bli­kums­fa­vo­ri­ten Pla­ci­do Do­m­in­go in der Er­in­ne­rung wach blei­ben: Der ehe­ma­li­ge Te­nor wird ab heu­te, Sonn­tag­abend, drei­mal den Mac­beth sin­gen – und zwar in ei­ner mu­si­ka­lisch ei­gen­wil­li­gen Me­lan­ge aus der Pa­ri­ser Spät­fas­sung von 1865 und dem Ari­en­schluss, den Gi­u­sep­pe Ver­di sei­nem Ti­tel­hel­den ur- sprüng­lich, an­no 1847, noch zu­ge­stan­den hat.

Was tut man nicht al­les für ei­nen Welt­star? Man sitzt so­gar ei­ne of­fen­bar ei­gens für ihn an­ge­setz­te Neu­in­sze­nie­rung ab, die al­ler­dings in der pu­ren Pa­ri­ser Ver­si­on zwei Ta­ge vor sei­nem gla­mou­rö­sen Auf­tritt Pre­mie­re hat – mit ei­ner in den bei­den Haupt­par­ti­en an­de­ren Be­set­zung, die nicht zum edels­ten ge­hört, das man im me­lo­ma­ni­schen Wien bei Ver­di er­war­tet. Ver­dis Lust am Häss­li­chen. Frei­lich: Im Fall des „Mac­beth“steht der Kom­po­nist selbst auf der Brem­se und for­dert, das weiß je­der Opern­freund im Schlaf zu zi­tie­ren, zwecks Schil­de­rung der gan­zen Grau­sam­keit der shake­spear­schen Vor­la­ge, „un­ge­stal­te, häss­li­che Er­schei­nung“und „raue, hoh­le, er­stick­te Stim­me“.

Er sagt das über die La­dy Mac­beth, nicht über den Ti­tel­hel­den, der dies­mal in der Erst­be­set­zung, Ro­ber­to Fron­ta­li, von den akus­ti­schen Vor­ga­ben des Kom­po­nis­ten eben­so Ge­brauch macht – wo­bei das dort, wo in der Par­ti­tur auch für ihn Ge­flüs­ter, ge­dämpf­te Tö­ne vor­ge­schrie­ben sind, enor­men Ein­druck macht.

Die gro­ßen Sze­nen Fron­ta­lis ste­hen auf der Ha­ben­sei­te der künst­le­ri­schen Bi­lanz die­ser Pre­mie­re, har­mo­nier­ten sie doch mit dem scharf ge­schlif­fe­nen, zün­den­den Zu­griff des Di­ri­gen­ten Bertrand de Bil­ly, der die Wie­ner Sym­pho­ni­ker zu Atta­cke, kräf­tigs­ter rhyth­mi­scher Ak­zen­tu­ie­rung und je­nem fan­tas­ti­schen, zwecks dra­ma­tur­gi­scher Wahr­heit auch in grel­le, ag­gres­si­ve Re­gio­nen ge­trie­be­nen Far­ben­reich­tum an­spornt, des­sen Ex­trem­wer­te Ver­di in dem zi­tier­ten Brief an­spricht.

Das ist ein Ver­di-Di­ri­gat gro­ßen Zu­schnitts, dem al­ler­dings jen­seits von Fron­ta­lis be­ängs­ti­gend bö­se schil­lern­den Cha­rak­te­ri­sie­rungs­küns­ten und man­chem (nicht al­len) der Ein­sät­ze des Schön­berg-Chors an die­sem Abend we­nig ent­spricht; auch nicht Mac­beths gro­ße Arie kurz vor dem Fi­na­le. Be­mer­kens­wer­ter­wei­se klingt auch sie for­ciert und oh­ne je­g­li­chen An­spruch auf zu­min­dest Er­in­ne­rungs­wer­te an eins­ti­ge Bel­can­to-Schön­heit. Da­bei soll­te ja in die­sem Mo­ment viel­leicht doch hör­bar wer­den, dass die­ser blut­rüns­ti­ge

Pre­mie­re

er­leb­te die Sha­ke­speareVer­to­nung Gi­u­sep­pe Ver­dis im Jahr 1847. Für Pa­ris über­ar­bei­te­te der Kom­po­nist die Par­ti­tur 18 Jah­re spä­ter gründ­lich.

Bertrand de Bil­ly

hat im Thea­ter an der Wien die Pa­ri­ser Fas­sung ein­stu­diert, di­ri­giert für die Auf­trit­te von Pla­ci­do Do­m­in­go in der Ti­tel­par­tie al­ler­dings das Fi­na­le in der Ur­fas­sung, die ei­nen Ari­en­tod des Mac­beth vor­sieht.

Ro­ber­to Fron­ta­li

und Adi­na Aa­ron wa­ren das Kö­nigs­paar der Pre­mie­re am Frei­tag und sin­gen in Ro­land Gey­ers Ins­ze­nie­rung noch am 15., 22. und 24 No­vem­ber.

Pla­ci­do Do­m­in­go

singt an der Sei­te von Da­vi­nia Ro­d­ri­guez bei sonst un­ver­än­der­ter Be­set­zung den Mac­beth am 13., 17. und 20. No­vem­ber.

Das Lea­ding-Team:

Di­ri­gent: Bertrand de Bil­ly, Re­gie: Ro­land Gey­er, Aus­stat­tung: Jo­han­nes Lei­acker, Vi­deo: Da­vid Ha­n­eke. Macht­mensch sich auch ei­ner hu­ma­ne­ren Ver­gan­gen­heit er­in­nert. Sei­ner La­dy, Adi­na Aa­ron, darf man op­tisch al­le mög­li­chen At­tri­bu­te zu­schrei­ben, nur je­ne nicht, die Ver­di ein­for­dert. Sie sieht blen­dend aus, gönnt sich aber da­für vo­kal eher mehr als das vom Meis­ter ge­for­der­te Quan­tum an Dras­tik: Was an Hö­hen und Tie­fen for­ciert und ge­quält klingt, ist viel­leicht nicht im­mer dem ar­ti­fi­zi­el­len Gestal­tungs­wil­len zu­zu­schrei­ben; von man­geln­der Prä­zi­si­on in Sa­chen Ton­hö­hen hat Ver­di ja nicht ge­spro­chen . . .

Für Pla­ci­do Do­m­in­go wird die Pa­ri­ser Fas­sung (1865) an drei Aben­den ein we­nig ad­ap­tiert. Das Pu­bli­kum blieb an die­sem Abend selt­sam un­be­tei­ligt und wirk­te ins­ge­samt rat­los.

Im­po­sant und kraft­voll klingt da­ge­gen der Ban­co von Ste­fan Ko­can, sau­ber, wenn auch in et­was un­sen­si­blem Ein­heits­for­te, phra­siert Ar­turo Cha­con-´ Cruz die Macduff-Arie und er­hält da­für so­gar an­hal­ten­den Ap­plaus von ei­nem Pu­bli­kum, das an die­sem Abend meist stumm bleibt. Was sonst si­che­ren Ef­fekt macht, ver­pufft in je­ner Rat­lo­sig­keit, die man wohl auch an­ge­sichts Ro­land Gey­ers sti­lis­tisch un­ein­heit­li­cher, hand­werk­lich al­les an­de­re als bril­lan­ter Re­gie emp­fin­det, die in den He­xen­und Mas­sen­sze­nen un­ge­schickt bis zur un­frei­wil­li­gen Par­odie (Cho­reo­gra­fie: Pe­ter Kar­o­lyi) führt. Hier­ony­mus-Bosch-Fi­gu­ren. Pro­fes­sio­nell ist Da­vid Ha­n­ekes Com­pu­ter­ani­ma­ti­on von Hier­ony­mus-Bosch-Fi­gu­ren. Sie zei­gen frei­lich Grau­sam­kei­ten aus ei­ner ganz an­de­ren künst­le­ri­schen Welt. Je­ne Sha­ke­speares ist dies­mal nicht ein­mal zu er­ah­nen, die von Ver­di wird le­dig­lich in Orchester­klän­gen an­ge­spielt, de­ren Ani­mo die Sing­stim­men je­doch eher brem­sen, als dass sie sie zur Schub­kraft für mit­rei­ßen­de mu­sik­dra­ma­ti­sche Ent­fal­tung nütz­ten.

Als Vi­si­ten­kar­te für ei­nen In­ten­dan­ten taugt die­ser „Mac­beth“al­so kaum. Da­für wird er will­kom­me­nes Ve­hi­kel für ei­ne neu­er­li­che Ver­wand­lung des Tau­send­sas­sas Do­m­in­go sein; wo­mit wohl letzt­lich – wir spre­chen ja von ei­nem Sta­gio­ne­haus – doch al­les sei­ne Ord­nung hat.

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