»Ich tre­te nicht an, um un­ter­zu­ge­hen«

Sän­ger wur­de Flo­ri­an Boesch nicht we­gen, son­dern trotz sei­ner fa­mi­liä­ren Vor­be­las­tung. »Egal, was ich ma­che, ich will et­was ganz ei­ge­nes ma­chen«, sagt der Bas­sba­ri­ton. Sein gro­ßes Le­bens­glück sei es ge­we­sen, vie­le Jah­re mit dem Di­ri­gen­ten Ni­ko­laus Har­nonc

Die Presse am Sonntag - - Letzte Fragen - VON JU­DITH HECHT

Auf Fo­tos und bei In­ter­views, da kom­men Sie im­mer so tod­ernst rü­ber. Flo­ri­an Boesch: (Wird ge­ra­de fo­to­gra­fiert.) Ich? Ja, ist das nicht ge­wollt? Ich den­ke doch nicht dar­über nach, wie ich rü­ber­kom­me. Das hängt viel­leicht mehr von der Fra­ge ab, die ich ge­ra­de ge­stellt be­kom­me. Die ers­te Fra­ge, die Sie ge­stellt be­kom­men, lau­tet meis­tens: „Glau­ben Sie an die Zu­kunft des Lie­des?“Ja, das ist sie fast im­mer. Gut, wir bei­de ha­ben noch nicht mit­ein­an­der ge­spro­chen, aber ei­nes kann ich Ih­nen sa­gen: Die Ein­falls­lo­sig­keit der In­ter­view­er ist be­mer­kens­wert. In den ver­gan­ge­nen 15 Jah­ren bin ich viel­leicht drei­mal et­was wirk­lich In­ter­es­san­tes ge­fragt wor­den. Und er­in­nern Sie sich an die Fra­gen? (Denkt nach.) Das sind Ge­sprä­che, in de­nen es zum Kern kommt. Wenn mich je­mand fragt, war­um ich ge­ra­de die­se Dis­zi­plin ge­wählt ha­be und nicht Schla­ger­sän­ger ge­wor­den bin. Das ist die in­ter­es­san­te Fra­ge? Wenn es dar­um geht, was mei­ne wirk­li­che Ei­gen­art ist, mei­ne Per­sön­lich­keit aus­macht, wenn ich ei­nen Lie­der­abend sin­ge, ist es schon in­ter­es­sant. Bit­te, das sind Sie doch schon al­les ge­fragt wor­den. Aber über­haupt nicht, die Leu­te wol­len im­mer et­was über die Stü­cke wis­sen. Sie fra­gen, was die „Win­ter­rei­se“ist. Wie­so mei­ne „Schö­ne Mül­le­rin“so klingt, wie sie klingt. Viel­leicht ha­ben die In­ter­view­er kei­nen Mut zur In­ti­mi­tät. Das mag ja sein, aber In­ti­mi­tät müs­sen ja im­mer bei­de Sei­ten zu­las­sen. Ja. (Zö­ger­lich.) An­ders als die meis­ten ha­be ich kein Image­pro­blem. Ich set­ze mich nicht ex­tra ge­ra­de hin, nur weil ei­ne Fern­seh­ka­me­ra da­steht. Wenn auf mei­nem Pull­over ein Fleck ist, dann schaue ich halt so aus, wie ich aus­schaue. Das kann mir pein­lich sein, aber ich bin nicht be­reit, das zu än­dern oder mich zu ver­stel­len. Ich wer­fe mich auch nicht am Nach­mit­tag ins Abend­ge­wand, nur weil bei ei­ner Auf­zeich­nung so ge­tan wird, als wä­re es schon Abend. Mir ist das zu blöd. Das hat et­was mit Ei­tel­keit zu tun. Je­der Mensch ist an­ders ei­tel. Was dem ei­nen sei­ne Ei­tel­keit zu tun be­fiehlt, ver­bie­tet mir mei­ne. Wo­rin be­steht Ih­re Ei­tel­keit? Das ist ja mal ei­ne in­ter­es­san­te Fra­ge. Mei­ne gro­ße Ei­tel­keit liegt in mei­nem per­sön­li­chen An­spruch des In­di­vi­dua­lis­mus. Egal, was ich ma­che, ich will et­was ganz ei­ge­nes ma­chen. Ich ha­be ein tief sit­zen­des Be­dürf­nis nach in­di­vi­du­el­ler, mir ent­spre­chen­der Gestal­tung von so­viel, wie nur geht. Da geht es üb­ri­gens nicht nur um mei­ne Ar­beit, son­dern auch um an­de­res. Ich ge­stal­te et­wa mei­ne Mo­tor­rä­der, schnei­de sie aus­ein­an­der und baue sie zu­sam­men, bis sie mir wie­der ge­fal­len. Ich be­ste­he dar­auf, ein un­ver­wech­sel­ba­res In­di­vi­du­um zu sein. Ist das Mensch? Des­we­gen re­de ich dar­über im Kon­text des Eit­len. Wenn wir von Ei­tel­keit re­den, dann ist es bei mir ein Teil mei­ner Le­bens­freu­de und mei­nes Selbst­ver­ständ­nis­ses, dass ich das In­di­vi­du­um übe­r­all, wo es auch nur im­mer geht, ab­feie­re. nicht in ge­wis­ser Wei­se je­der Es geht Ih­nen aber nicht nur dar­um, an­ders zu sein? Nein, dar­um geht es nicht.

1971

wur­de Flo­ri­an Boesch in Saar­brü­cken ge­bo­ren. Nach sei­ner Ma­tu­ra stu­dier­te er zu­erst an der Aka­de­mie für an­ge­wand­te Kunst Pro­dukt­de­sign. Wäh­rend­des­sen be­gann er bei sei­ner Groß­mut­ter, der Kam­mer­sän­ge­rin Rut­hil­de Boesch, Ge­s­angs­un­ter­richt zu neh­men.

Ab 1997

stu­dier­te er bei Ro­bert Holl Lied und Ora­to­ri­um an der Uni­ver­si­tät für Mu­sik und darstel­len­de Kunst. Heu­te ist der Bas­sba­ri­ton in­ter­na­tio­nal ei­ner der ge­frag­tes­ten Lied­in­ter­pre­ten, der mit sei­nen In­ter­pre­ta­tio­nen stets auf­hor­chen lässt. Be­son­ders ge­prägt hat ihn die lang­jäh­ri­ge Zu­sam­men­ar­beit mit dem ös­ter­rei­chi­schen Di­ri­gen­ten Ni­ko­laus Har­non­court.

2016/2017

ist Boesch Ar­tist in Re­si­dence am Wie­ner Kon­zert­haus und in zahl­rei­chen Kon­zer­ten zu hö­ren. Das wä­re näm­lich ein biss­chen we­nig. Na, das wä­re nichts, das wä­re gar nichts! Ich be­mü­he mich dar­um, das Ech­te zu fin­den, ob ich ein Ge­dicht le­se oder Mu­sik hö­re. Ich will in mir das fin­den, was ich wirk­lich selbst da­zu mei­ne. Dann müs­sen Sie sich in­ten­siv mit In­hal­ten aus­ein­an­der­set­zen. Manch­mal ja, manch­mal über­haupt nicht. Manch­mal hö­re ich ein Mu­sik­stück, und ich weiß so­fort, was es für mich heißt. Dann aber kann es auch viel dif­fu­ser sein, und ich brau­che Jah­re um her­aus­zu­fin­den, war­um mich ein Lied so be­rührt. Wie­so ist es so wich­tig für Sie, das her­aus­zu­fin­den? Weil ich als Per­for­ming Ar­tist auf der Büh­ne ste­he und ge­nau da­von er­zäh­le. Ich er­zäh­le ja nicht von ir­gend­ei­nem Ma­te­ri­al, son­dern ich er­zäh­le von mei­ner An­rüh­rung, von dem, was es mit mir macht. Im Wi­der­hall wird es zu mei­nem ei­ge­nen. Die­se Aus­ein­an­der­set­zung ist et­was sehr Span­nen­des, wenn man sich selbst auf die Spur kom­men will. Und die­sen Auf­trag, sich auf die Spur zu kom­men, ha­ben wir im Le­ben. That’s the Mis­si­on. Und bei je­dem Auf­tritt müs­sen Sie wie­der in die­se An­rüh­rung hin­ein­fin­den, da­mit Sie Ih­rem An­spruch der Echt­heit ge­nü­gen? Ja, das ist ei­ne Not­wen­dig­keit. In die­sem bru­tal merk­wür­di­gen Kon­text ei­nes Lie­der­abends oder ei­nes Orches­ter­kon­zerts musst du dich auf­ma­chen und durch­läs­sig wer­den, um die­se Ge­füh­le wie­der­zu­fin­den. Für ei­nen Sän­ger be­steht ei­ne wahn­sin­ni­ge Ge­fahr da­rin, sich beim Kon­zert selbst zu­zu­hö­ren. Das ist dann das En­de von al­lem. Dann klingt al­les rück­be­züg­lich und ei­tel. Und das hö­ren Sie auch bei an­de­ren so­fort? Sie nicht? Wo­bei, je­der hat ei­ne an- de­re Art der Wahr­neh­mung, und das muss man auch fei­ern. Die­se Di­ver­si­tät ist ganz wich­tig. Sie gibt näm­lich je­dem von uns sei­nen Platz, mir, Ih­nen, Han­si Hin­ter­se­er und je­dem an­de­ren auch. Wie kom­men Sie jetzt auf Han­si Hin­ter­se­er? Er ist ein Ex­trem­bei­spiel, er macht et­was ganz an­de­res als ich. Er ist aber je­mand, der sehr vie­le Men­schen be­rührt, und das kann man nicht ein­fach als falsch ab­tun. Dort, wo Men­schen be­rührt wer­den, pas­siert et­was. Zu­rück zu Ih­nen. Sie sin­gen Lie­der, Ari­en, Mes­sen. Wer­den Ih­rem Drang nach In­di­vi­dua­li­tät nicht mu­si­ka­li­sche Gren­zen ge­setzt? Mei­ne Dis­zi­plin ist ei­ne ein­ge­schränk­te. Es gibt No­ten­wer­te, No­ten­hö­hen, das ist die ei­ne Sa­che. Die an­de­re ist die Auf­füh­rungs­pra­xis, die viel kom­ple­xer ist. Es gibt ei­ne Er­war­tungs­hal­tung von dem, was geht, was sti­lis­tisch rich­tig ist und was nicht. (Seufzt.) Die Wahr­heit ist: Man beugt al­les. Und wenn man gut beugt, wird es dem, was es ist, ge­recht. Aber Sie wis­sen, ich hat­te das ganz gro­ße Le­bens­glück, in mei­nem Ver­ständ­nis von Ni­ko­laus Har­non­court ge­prägt wor­den zu sein. Und Har­non­court hat kräf­tig ge­beugt. Ja, das hat er. Aber er hat gut ge­beugt, näm­lich nicht für sein Ego, son­dern nur für In­halt, In­halt und In­halt. Und das In­halt­li­che ist das, was al­les recht­fer­tigt. Der Dra­ma­ti­ker Hei­ner Mül­ler hat im­mer ge­sagt: „Gro­ße Kunst ist im­mer grö­ßer als das Werk.“ Und was meint er da­mit? Er meint da­mit, dass die Mu­sik nicht in den No­ten, son­dern da­zwi­schen liegt. Und das wis­sen al­le, die ka­pie­ren, wo­rum es geht. Har­non­court hat ein­mal bei Pro­ben von Mo­zarts C-Moll-Mes­se zum Con­cen­tus Mu­si­cus ge­sagt: „Ihr . . . ob Sie ein Face­book-User sind? Nein, ich will das nicht. Mit ist das zu müh­sam und zu blöd. Wenn ich se­he, was mei­ne Kol­le­gen schrei­ben und le­sen, wenn sie ih­ren Face­book-Ac­count im Flug­zeug öff­nen . . . Ich kann das nicht nach­voll­zie­hen. Das, was es in der Ge­ne­ra­ti­on an­rich­tet, die da­mit auf­wächst, da­vor fürch­te ich mich schon. Ir­gend­wann wird es zu ei­nem Tur­boBoost an De­na­tu­rie­rung kom­men. . . . wer Sie be­stärkt hat, dass Sie als Sän­ger be­ste­hen wer­den kön­nen? Das wä­re völ­lig sinn­los ge­we­sen, nie­mand Frem­der kann ei­nem sa­gen, dass man be­ste­hen wird, wenn man es nicht auch selbst glaubt. Das ist ganz klar. . . . wel­che Be­deu­tung Ih­re Leh­rer für Sie hat­ten, die Sie be­glei­te­ten? Leh­rer sind su­per, aber auch nur dann, wenn man selbst viel drauf hat. Sonst ist es bes­ser, man tritt gar nicht an. spielt, was in den No­ten steht. Das ist scheuß­lich.“ Sie ha­ben sich erst mit 27 Jah­ren für das Sin­gen ent­schie­den. Das ist spät. Ja, ich dach­te ganz lan­ge, dass ich nicht Mu­si­ker wer­de. Sin­gen war nicht mein The­ma. Ei­gen­ar­tig, Ihr Va­ter war Sän­ger, Ih­re Groß­mut­ter auch, und für Sie war Sin­gen kein The­ma? Wie­so? Das Ge­gen­teil wä­re ei­gen­ar­tig ge­we­sen. Wenn Va­ter und Groß­mut­ter Sän­ger sind, was glau­ben Sie, was das für ei­nen halb­wegs in­tel­li­gen­ten Men­schen für ei­ne an­stren­gen­de Über­win­dung ist, zu sa­gen: Ich ma­che das jetzt auch, weil es so toll und su­per ist. Und nicht aus Ver­zweif­lung und Ah­nungs­lo­sig­keit, wie das vie­le tun. Sie sind al­so trotz­dem Sän­ger ge­wor­den. Trotz­dem. Bei mir ist al­les aus­schließ­lich trotz­dem ge­we­sen. Die­se Ent­schei­dung war der schwie­rigs­te Teil mei­ner Kar­rie­re. Das Gan­ze hat näm­lich, wenn man sich das ein biss­chen aus der Ödi­pus-Ecke an­schaut, ent­schei­den­de psy­cho­lo­gi­sche Ka­te­go­ri­en. Al­ler­dings. Si­cher, be­vor ich mit dem Sin­gen an­fing, muss­te ich ent­schei­den, dass ich bes­ser wer­de. Ich tre­te nicht an, um un­ter­zu­ge­hen. Nie­mand tritt an, um an sei­nem Va­ter zu schei­tern. Das macht kein Mensch. So ei­ne Rol­le hat der Va­ter ge­spielt? Über­le­gen Sie. Okay, ich sa­ge jetzt et­was An­fecht­ba­res: Sie müss­ten ein Mann, ein Sohn ei­nes Va­ters sein, um die­se Ka­te­go­rie ver­ste­hen zu kön­nen. Vä­ter und Söh­ne sind ei­ne ei­ge­ne, ei­ne ganz ar­chai­sche Ge­schich­te. Und sie ist ei­ne an­de­re als zwi­schen Mut­ter und Toch­ter. Da­von bin ich über­zeugt.

Mi­che­le Pau­ty

Der Bas­sba­ri­ton Flo­ri­an Boesch über das Mu­sik­ma­chen: „Die Wahr­heit ist, man beugt al­les.“

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