An­ge­la Mer­kels Qu­al mit der Wahl

Seit Mo­na­ten war­tet Deutsch­land auf ein Zei­chen der Kanz­le­rin. Am Sonn­tag will sich An­ge­la Mer­kel end­lich zu ih­rer per­sön­li­chen Zu­kunft er­klä­ren. Soll­te sie je­mals wirk­lich ans Auf­hö­ren ge­dacht ha­ben: Da­für könn­te es jetzt zu spät sein.

Die Presse am Sonntag - - Ausland - VON THOMAS PRI­OR

Ei­nen bes­se­ren Wahl­hel­fer als den in Deutsch­land enorm be­lieb­ten Ba­rack Oba­ma hät­te sich An­ge­la Mer­kel ver­mut­lich nicht wün­schen kön­nen. Die Schmei­che­lei­en des US-Prä­si­den­ten woll­ten bei sei­nem Ber­lin-Be­such die­se Wo­che gar kein En­de mehr neh­men: Die deut­sche Kanz­le­rin sei in den ver­gan­ge­nen acht Jah­ren „ei­ne her­aus­ra­gen­de Ver­bün­de­te“ge­we­sen. Er hät­te sich „kei­ne stand­fes­te­re, zu­ver­läs­si­ge­re Part­ne­rin auf der Welt­büh­ne“vor­stel­len kön­nen.

Und dann kam es: Wä­re er Deut­scher, wür­de er Mer­kel wäh­len, sag­te Oba­ma bei der ge­mein­sa­men Pres­se­kon­fe­renz am Don­ners­tag im Kanz­ler­amt. Und man frag­te sich, ob er zu die­sem Zeit­punkt vi­el­leicht schon mehr wuss­te, als die deut­sche Öf­fent­lich­keit, die im­mer noch im Un­kla­ren dar­über ist, ob Mer­kel bei der Bun­des­tags­wahl 2017 er­neut kan­di­die­ren wird?

Am nächs­ten Tag je­den­falls kün­dig­te die CDU für Sonn­tag­abend ei­ne Pres­se­kon­fe­renz an, in der sich die Kanz­le­rin zu ih­rer Zu­kunft er­klä­ren wird. Soll­te das nicht durch­or­ches­triert ge­we­sen sein, dann war es ei­ne aus­ge­spro­chen glück­li­che Fü­gung des Schick­sals.

Sonn­tag, der 20. No­vem­ber, ist al­so der „ge­eig­ne­te Zeit­punkt“, auf den Mer­kel seit dem Spät­som­mer ver­wie­sen hat, wenn die K-Fra­ge wie­der ein­mal ge­stellt wur­de. Und das wur­de sie stän­dig. Aber die Fra­ge ist auch, was die Grün­de für Mer­kels Zö­gern wa­ren. War­um hat das so lang ge­dau­ert?

Die ei­ne Er­zäh­lung geht in et­wa so: Die Kanz­le­rin ha­be sich ab­sicht­lich rar ge­macht. Nach der hef­ti­gen Kri­tik, die ih­re Flücht­lings­po­li­tik auch in den ei­ge­nen Rei­hen pro­vo­ziert hat, vor al­lem bei der Uni­ons­schwes­ter in Bay­ern, woll­te An­ge­la Mer­kel ih­rer Par­tei zei­gen, dass An­ge­la Mer­kel kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit ist. Dass sie auch ein­fach ge­hen kann. Dass es noch an­de­re Din­ge im Le­ben gibt als Kanz­le­rin-sein.

Die Bot­schaft kam an. Bei vie­len Par­tei­freun­den setz­te ein Um­den­ken ein. Denn die CDU weiß: Mit Mer­kel wird sie die Bun­des­tags­wahl ge­win­nen, vi­el­leicht nicht so sou­ve­rän wie im Jahr 2013 (41,5 Pro­zent), aber sie wird. Oh­ne Mer­kel ist das nicht si­cher. Es gibt in der Par­tei kei­ne Al­ter­na­ti­ve, zu­min­dest kei­ne, die in der­sel­ben Li­ga spielt.

Al­so be­gan­nen füh­ren­de CDU-Po­li­ti­ker da­mit, ih­re Che­fin im Wo­chen­takt zum Wei­ter­ma­chen zu er­mu­ti­gen. Ir­gend­wann dürf­te auch die CSU zu der Ein­sicht ge­langt sein, dass die Uni­on mit Mer­kel im­mer noch bes­ser da­steht als oh­ne. Auch wenn sie sich wei­ter­hin ei­ner Ober­gren­ze bei den Asyl­an­trä­gen ver­wei­gert. Vor ei­ni­gen Wo­chen ließ Par­tei­chef Horst See­ho­fer die Kanz­le­rin dann wis­sen, dass sie mit der Un­ter­stüt­zung der CSU rech­nen kön­ne.

Auch die­ser Span­nungs­bo­gen hät­te nicht bes­ser auf­ge­baut wer­den kön­nen: An­ge­la Mer­kel, die sich ziert, weil sie in den ei­ge­nen Rei­hen nicht mehr sa­kro­sankt ist. Und sich auf die­se Wei­se die Un­ter­wer­fung ih­rer Par­tei si­chert. Zwi­schen Pu­tin und See­ho­fer. Al­ler­dings ist das nur die hal­be Wahr­heit. Glaubt man ih­rem Um­feld, dann war die­ses Zö­gern und Zau­dern nicht bloß Kal­kül. Im zwölf­ten Kanz­ler­jahr ha­be sich Mer­kel Zeit zum In­ne­hal­ten ge­nom­men – um für sich zu ent­schei­den, ob sie sich die­ses Amt wei­ter an­tun möch­te, sagt ein Par­tei­freund. In den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten wirk­te die Kanz­le­rin oft er­schöpft, auf­ge­rie­ben zwi­schen den Kon­flikt­her­den der Welt und je­nen da­heim. Zwi­schen Wla­di­mir Pu­tin und Horst See­ho­fer.

Doch dann kam Do­nald Trump, und mit ihm än­der­ten sich auch für Mer­kel die Um­stän­de. Plötz­lich blick­te die gan­ze Welt auf sie. Kom­men­ta­to­ren dies- und jen­seits des At­lan­tiks ka­men zu dem Schluss, dass es jetzt an der deut­schen Kanz­le­rin sei, die west­li­che Welt zu füh­ren. Die re­nom­mier­te „New York Ti­mes“er­nann­te sie zur „letz­ten Ver­tei­di­ge­rin des li­be­ra­len Wes­tens.“

Mer­kel selbst mag sich durch die­sen Blick von au­ßen ge­ehrt füh­len, ganz si­cher hilft er ihr in­nen­po­li­tisch – und sei es nur da­bei, die Bla­ma­ge bei der Bun­des­prä­si­den­ten­su­che ver­ges­sen zu ma­chen. Aber er er­höht auch den Druck. Zu­mal die­ser Job – An­füh­re­rin des Wes­tens – zu­letzt nicht wirk­lich lu­kra­ti­ver ge­wor­den ist. Wäh­rend die Eu­ro­päi­sche Uni­on still­zu­ste­hen scheint, un­ei­nig, un­ent­schlos­sen, um sich selbst krei­send, ma­chen der rus­si­sche und der tür­ki­sche Prä­si­dent ge­ra­de, was sie wol­len. Die Ukrai­ne-Kri­se, der Sy­ri­en-Kon­flikt, die gras­sie­ren­de Pa­ra­noia in An­ka­ra. Und En­de Jän­ner steigt mit Do­nald Trump auch noch je­mand in den Ring, der völ­lig un­be­re­chen­bar ist.

Dar­aus ist – nicht nur in Deutsch­land – ein ge­sell­schaft­li­ches Be­dürf­nis nach Sta­bi­li­tät er­wach­sen, dem sich Mer­kel nur schwer ent­zie­hen kann. Falls sie je­mals wirk­lich auf­hö­ren woll­te: Vi­el­leicht ist es da­für jetzt zu spät.

Mer­kel, heißt es aus ih­rem Um­feld, war un­si­cher, ob sie sich den Job wei­ter an­tun will.

Reu­ters

Un­ter Druck: An­ge­la Mer­kel (hier bei der Ju­gend­feu­er­wehr in Ber­lin-Wed­ding) soll künf­tig die west­li­che Welt an­füh­ren.

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