» 2017 könn­te ein Re­vo­lu­ti­ons­jahr wie 1917 wer­den«

Der Po­li­to­lo­ge Ivan Kras­t­ev be­greift den Tri­umph Do­nald Trumps bei der US-Wahl als Zei­chen für ei­ne re­ak­tio­nä­re Zei­ten­wen­de, als po­pu­lis­ti­sche Re­bel­li­on der Wei­ßen ge­gen die Glo­ba­li­sie­rung – und als mög­li­che Initi­al­zün­dung für den Zer­fall der EU.

Die Presse am Sonntag - - Ausland - VON CHRIS­TI­AN ULTSCH

Der fran­zö­si­sche Bot­schaf­ter in den USA, G´er­ard Araud, twit­ter­te nach der Wahl Do­nald Trumps: Die Welt geht vor un­se­ren Au­gen un­ter. War das ei­ne Über­trei­bung oder ei­ne zu­tref­fen­de Ana­ly­se? Ivan Kras­t­ev: Die Pe­ri­ode, die mit dem Fall der Ber­li­ner Mau­er be­gon­nen hat, en­det. Wir glaub­ten, 1989 sei ei­ne Re­vo­lu­ti­on oh­ne Ge­gen­re­vo­lu­ti­on. Doch in der Ge­schich­te gibt es kei­ne Re­vo­lu­ti­on oh­ne Ge­gen­re­vo­lu­ti­on. Do­nald Trump spür­te ei­ne Wel­le, auf der er er­folg­reich surf­te. Er ver­bün­de­te sich in­stink­tiv mit der Rich­tung der Ge­schich­te. Das zeich­net Re­vo­lu­tio­nä­re aus. Trump ist ein re­vo­lu­tio­nä­rer Re­ak­tio­när. Die po­li­ti­sche Klas­se – Po­li­ti­ker, Aka­de­mi­ker, Me­dien­leu­te – hat­ten kei­ne Ah­nung, was vor sich geht. Das ist ty­pisch für Mo­men­te ei­nes gro­ßen Wan­dels. Was ist das Esta­blish­ment? Leu­te, die ihr Bauch­ge­fühl ver­lo­ren ha­ben. Auf wel­cher Wel­le ritt Trump zum Er­folg? In den ver­gan­ge­nen 40 Jah­ren hat ein US-Prä­si­dent­schafts­kan­di­dat nie ei­nen der­art ho­hen Pro­zent­satz der wei­ßen Stim­men er­hal­ten. Trump führ­te ei­ne wei­ße Re­bel­li­on ge­gen die de­mo­gra­fi­sche Ve­rän­de­rung an, ge­gen ein Ame­ri­ka, das noch far­bi­ger und mul­ti­kul­tu­rel­ler wird. Das jagt vie­len Men­schen im Wes­ten min­des­tens eben­so viel Angst ein wie der tech­no­lo­gi­sche Wan­del. Laut ei­ner Stu­die der bri­ti­schen Re­gie­rung wer­den in den nächs­ten 30 Jah­ren 43 Pro­zent al­ler be­ste­hen­den Jobs in der EU au­to­ma­ti­siert sein. Vie­le fürch­ten ei­ne Zu­kunft, in der sie nicht mehr ge­braucht wer­den. Trump adres­sier­te und schür­te die Ängs­te des so­ge­nann­ten ver­ges­se­nen Man­nes. Trump war – vor al­lem bei Ar­bei­tern – auch des­halb so er­folg­reich, weil er ei­ne po­li­ti­sche Rich­tung ein­schlug, in die Re­pu­bli­ka­ner nor­ma­ler­wei­se nicht ge­hen: Er trat ge­gen den Frei­han­del auf. Mit Trump kommt ein neu­er Kon­sens, den bei­de Par­tei­en tei­len wer­den: Ame­ri­ka be­ginnt, die Glo­ba­li­sie­rung als Ge­fahr wahr­zu­neh­men. Das ist na­tür­lich pa­ra­dox. Denn über­all sonst auf der Welt ist Glo­ba­li­sie­rung ein an­de­rer Na­me für Ame­ri­ka­ni­sie­rung. Trump ge­lang es, ei­ne Mehr­heit da­von zu über­zeu­gen, dass die Ame­ri­ka­ner die Ver­lie­rer der Glo­ba­li­sie­rung sind. Oh­ne USA wird der glo­ba­le Frei­han­del nicht auf­recht­zu­er­hal­ten sein. Trump wird letzt­lich nicht zu weit ge­hen. Er macht den Feh­ler al­ler Prä­si­den­ten: Er glaubt, was in Ame­ri­ka pas­siert, ge­schieht auch im Rest der Welt. Deutsch­land wird sich aber nicht so ver­hal­ten wie die USA. Das deut­sche Ge­schäfts­mo­dell ba­siert auf Frei­han­del. Iso­la­tio­nis­ti­scher Pro­tek­tio­nis­mus kann für Deutsch­land nicht funk­tio­nie­ren. Die wich­tigs­ten Ver­bün­de­ten der Deut-

1965

wur­de Ivan Kras­t­ev in Lu­ko­vit, Bul­ga­ri­en, ge­bo­ren. Er gilt heu­te als ei­ner der ein­fluss­reichs­ten au­ßen­po­li­ti­schen Den­ker in Eu­ro­pa. Kaum ein an­de­rer Po­li­to­lo­ge hat ein der­art weit ver­zweig­tes Kon­takt­netz­werk, das in höchs­te Re­gie­rungs­krei­se reicht: von Ber­lin, Mos­kau und An­ka­ra bis nach Wa­shing­ton. Von 2005 bis 2011 war Kras­t­ev Mit­glied des Bei­rats im In­ter­na­tio­na­len In­sti­tut für Stra­te­gi­sche Stu­di­en in Lon­don. Von 2004 bis 2006 fun­gier­te er als Exe­ku­tiv­di­rek­tor der In­ter­na­tio­na­len Bal­kan-Kom­mis­si­on, die da­mals Ita­li­ens ExP­re­mier Gi­u­lia­no Ama­to lei­te­te. 2007 zähl­te er zu den Grün­dungs­mit­glie­dern des Eu­ro­pean Coun­cil on For­eign Re­la­ti­ons in Brüs­sel, in des­sen hoch­ka­rä­ti­gem Ku­ra­to­ri­um er seit­her ver­tre­ten ist. Kras­t­ev lebt mit sei­ner Fa­mi­lie in Wi­en, wo er Per­ma­nent Fel­low am In­sti­tut für die Wis­sen­schaft vom Men­schen (IWM) ist. Gleich­zei­tig lei­tet er nach wie vor das Cent­re for Li­be­ral Stra­te­gies in So­fia. Kras­t­ev schreibt re­gel­mä­ßig au­ßen­po­li­ti­sche Ko­lum­nen für die „New York Ti­mes“. Er ver­öf­fent­lich­te zahl­rei­che Bü­cher, zu­letzt „De­mo­cra­cy Dis­rup­ted. The Glo­bal Po­li­tics on Pro­test“. schen sind mo­men­tan die Chi­ne­sen, die auch die Welt­wirt­schaft so of­fen wie mög­lich hal­ten wol­len. Pe­kings Füh­rung hat Trump schon mit­ge­teilt, dass er die Han­dels­bar­rie­ren ver­ges­sen soll. Asi­en re­agiert be­son­ders ner­vös auf Trump. Wenn Trump sein Ver­spre­chen hält und die Zöl­le auf chi­ne­si­sche Wa­ren dras­tisch er­höht, wird Chi­na um­ge­kehrt sei­ne Zöl­le hin­auf­schrau­ben. Doch das wird nicht rei­chen. Denn das Han­dels­bi­lanz­plus liegt auf der chi­ne­si­schen Sei­te. Chi­na wird mehr ver­lie­ren. Des­halb wird Chi­na ei­nen Han­dels­krieg um ganz Asi­en er­öff­nen. Und die­ser Kon­flikt kann auch Aus­wir­kun­gen auf die Si­cher­heits­la­ge ha­ben. Kris­tal­li­siert sich in die­ser Zei­ten­wen­de noch ein an­de­rer Pa­ra­dig­men­wech­sel her­aus? Ja, frü­her war Ame­ri­ka sehr in­ter­ven­tio­nis­tisch ge­stimmt. So­wohl Re­pu­bli­ka­ner als auch De­mo­kra­ten glaub­ten, dass die USA die mo­ra­li­sche Ver­pflich­tung und auch ein In­ter­es­se dar­an hät­ten, in an­de­ren Tei­len der Welt ein­zu­grei­fen. Das ist nun an­ders. Von der Rol­le als Welt­po­li­zist hat sich schon Ba­rack Oba­ma ver­ab­schie­det. Oba­ma ver­än­der­te die Po­li­tik, doch nicht die Rhe­to­rik. Er sag­te, die USA soll­ten se­lek­ti­ver und weiser agie­ren, aber nicht, dass es Ame­ri­ka nichts an­geht, was im Rest der Welt vor­geht. Trump könn­te ei­ne Rich­tungs­än­de­rung ein­lei­ten wie Gor­bat­schow in der 1980er-Jah­ren mit sei­ner Si­na­tra-Dok­trin. Der KPdSU-Chef ver­ab­schie­de­te sich da­mals von der Bre­schnjew-Dok­trin und ent­sag­te In­ter­ven­tio­nen in ost­eu­ro­päi­schen Län­dern, die fort­an dem Si­na­tra-Mot­to „My Way“folg­ten. Trump ver­folgt ei­ne Art Jus­tin-Bie­berDok­trin: Go and lo­ve yours­elf. Das ist auch sei­ne Bot­schaft an die Al­li­ier­ten. Und Sie wer­den se­hen: Auch die neue Füh­rung der US-De­mo­kra­ten wird nicht von die­sem iso­la­tio­nis­ti­schen Kurs der kriegs­mü­den US-Ge­sell­schaft ab­wei­chen. Was be­deu­tet das für die Na­to? Die USA wer­den na­tür­lich nicht aus der Na­to sprin­gen, aber die Eu­ro­pä­er zur Kas­se bit­ten. An die­ser Stel­le ist es in­ter­es­sant, Trumps Russ­land-Po­li­tik zu ver­ste­hen. Feind­se­lig­keit ge­gen­über Wla­di­mir Pu­tin war der ul­ti­ma­ti­ve Esta­blish­ment-Kon­sens. Das hielt Re­pu­bli­ka­ner und De­mo­kra­ten zu­sam­men. Trump in­des fand im ge­sam­ten Wahl­kampf, in dem er sonst dau­ernd Po­si­tio­nen wech­sel­te, durch­ge­hend wert­schät­zen­de Wor­te für Pu­tin. So si­gna­li­sier­te er den Wäh­lern, den ra­di­ka­len Bruch zu ver­kör­pern. Da­bei sche­ren sich die Trump-Wäh­ler doch gar nicht um Russ­land. Für sie sind die bil­li­gen Im­por­te aus Chi­na ein The­ma oder der ra­di­ka­le Is­lam. Es gibt kei­ne pro­rus­si­sche Stim­mung in den USA. Trump folgt sei­nem Bauch­ge­fühl. Ich glau­be nicht, dass es ei­ne Trump-Dok­trin gibt. Wenn wir ihn be­fra­gen, kann er uns nicht ein­mal un­ter Fol­ter er­klä­ren, war­um er das tut. Aber ei­nes ist klar: Trump wird bald nach Mos­kau rei­sen. Auch Oba­ma drück­te gleich zu Be­ginn den Re­set-Knopf mit Russ­land. Oba­ma sag­te den Rus­sen: Hört zu, wir ha­ben ge­mein­sa­me In­ter­es­sen. Es funk­tio­nier­te nicht. Do­nald Trump sagt: Wir ha­ben ge­mein­sa­me Nar­ra­ti­ve. Er tritt wie Pu­tin ge­gen das Esta­blish­ment, die Glo­ba­li­sie­rung und den In­ter­ven­tio­nis­mus auf. Sieht nach Freund­schaft fürs Le­ben aus. Da bin ich skep­tisch. Kön­nen Sie sich Trump und Pu­tin als Ko-Di­rek­to­ren vor­stel­len? Bei­de be­vor­zu­gen den EinMann-Füh­rungs­stil. Bei­de er­klä­ren sich gern zum Sie­ger und sind kei­ne Ex­per­ten für Win-win-Spie­le. Trump sieht sich als größ­tes Ver­hand­lungs­ge­nie al­ler Zei­ten. Er wird Pu­tin ver­mut­lich ei­nen De­al vor­schla­gen. Ein Teil des De­als wird auch schnell funk­tio­nie­ren. Trump wird wahr­schein­lich sa­gen: Wir sind Chris­ten, ihr seid Chris­ten, ich bin ein star­ker Füh­rer, du bist ein star­ker Füh­rer, der ra­di­ka­le Is­lam ist für uns bei­de ein Pro­blem, lass uns die Ji­ha­dis­ten in Sy­ri­en ge­mein­sam bom­bar­die­ren. Und dann wird Trump dem Kon­gress vor­schla­gen, die Sank­tio­nen auf­zu­he­ben. Drei Din­ge pas­sen al­ler­dings nicht zu­sam­men. Trump will, dass die eu­ro­päi­schen Na­to-Mit­glie­der ih­re Mi­li­tär­aus­ga­ben er­hö­hen. Das ist nicht in Russ­lands In­ter­es­se. Zwei­tens sind Po­len und Groß­bri­tan­ni­en Trumps wich­tigs­te Ver­bün­de­te in Eu­ro­pa, bei­de sind an­ti­rus­sisch ein­ge­stellt. Drit­tens aber stellt Chi­na das größ­te Di­lem­ma für die Be­zie­hun­gen zwi­schen USA und Russ­land dar. War­um Chi­na? Trump will, dass die Rus­sen auf sei­ner Sei­te ge­gen Chi­na ste­hen, so wie die Chi­ne­sen Po­si­ti­on ge­gen die So­wjets be­zo­gen. Das wä­re für Trump ein Symbol der Stär­ke. Aber die Rus­sen wer­den nicht mit­spie­len. Sie sind öko­no­misch sehr ver­wund­bar ge­gen­über Chi­na. In der Fol­ge wird sich Trump hin­ter­gan­gen füh­len. Pu­tin aber wird nicht das Ge­fühl ha­ben, ihm et­was zu schul­den. Wird Pu­tin den neu­en US-Prä­si­den­ten schon bald her­aus­for­dern? Pu­tin wird ihn nicht pro­vo­zie­ren. Für ihn er­öff­net Trump ei­ne Mög­lich­keit, Russ­land von den Sank­tio­nen zu be­frei­en und aus der wirt­schaft­li­chen Iso­la­ti­on zu füh­ren. Für Pu­tin sind vor al­lem die US-Sank­tio­nen wich­tig. Denn wenn die Straf­maß­nah­men der ame­ri­ka­ni­schen Ban­ken be­ste­hen blei­ben, wer­den die Fol­gen ei­ner eu­ro­päi­schen Auf­he­bung der Sank­tio­nen be­grenzt blei­ben. In Mos­kau glaubt man üb­ri­gens, dass Trump vor al­lem des­halb so nett zu Pu­tin ist, weil er Ge­schäf­te in Russ­land ma­chen will. Wird Trump dem rus­si­schen Prä­si­den­ten ei­ne so­ge­nann­te Ein­fluss­zo­ne in Ost­eu­ro­pa zu­ge­ste­hen? Das na­he Aus­land, von dem man im Kreml sprach, hat kei­ne strik­te Be­deu­tung. Pu­tin kann ver­su­chen, an­de­re Län­der da­zu zu drän­gen, kei­ne all­zu star­ken an­ti­rus­si­schen Po­si­tio­nen ein­zu­neh­men. Er kann ih­nen aber nicht sein Sys­tem auf­zu­zwin­gen. Lässt Trump die Ukrai­ne fal­len? Trump kann die Ukrai­ne nicht ein­fach den Rus­sen ge­ben. Im post­so­wje­ti­schen Raum er­le­ben wir ei­nen klas­si­schen post­ko­lo­nia­lis­ti­schen Mo­ment, in dem sich der Na­tio­na­lis­mus ent­fal­tet. Der ukrai­ni­sche Na­tio­na­lis­mus ist eu­ro­pä­isch und an­ti­rus­sisch ge­prägt. Zu­dem ist die Men­ta­li­tät des Kal­ten Krie­ges, die üb­ri­gens Trump nicht teilt, sehr stark

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