Der Un­ter­schätz­te

Er gilt als Pol­ter­geist aus dem Hau­se Nie­der­ös­ter­reich, zu­stän­dig für die Po­li­zei, das Frem­den­we­sen und nun auch die Bundespräsidentenwahl. Da­bei ist In­nen­mi­nis­ter Wolf­gang So­bot­ka der Schön­geist die­ser Re­gie­rung.

Die Presse am Sonntag - - Inland - VON OLI­VER PINK

Leo­nard Bern­stein. Der In­nen­mi­nis­ter ge­rät ins Schwär­men. 1986 war das. In Sal­zau in Schles­wig-Hol­stein. Beim deut­schen Di­ri­gen­ten Jus­tus Frantz. Die­ser hat­te Nach­wuchs­ta­len­te um sich ver­sam­melt und ih­nen Lehr­stun­den mit Leo­nard Bern­stein ver­mit­telt. „Le Sa­cre du Prin­temps“stand auf dem Pro­gramm, Igor Stra­wins­kys schwie­ri­ges Werk, das bei der Urauf­füh­rung noch ei­nen Skan­dal aus­lös­te. „Bern­stein hat nicht ein­fach nur di­ri­giert, das war ein cho­reo­gra­fi­sches Ge­samt­kunst­werk, ein ganz ei­ge­ner Groo­ve“, er­in­nert sich So­bot­ka. Zwei Fla­schen Whis­key – „oder war es Co­gnac?“– ha­be der Ma­e­s­tro wäh­rend die­ser Pro­be mit dem Nach­wuchs aus­ge­trun­ken.

„Letzt­lich hat­te ich zu we­nig Ta­lent für die ganz gro­ße Kar­rie­re. Und die Och­sen­tour war mir auch zu be­schwer­lich.“Den­noch hat Wolf­gang So­bot­ka Tour­ne­en ab­sol­viert, an Wett­be­wer­ben teil­ge­nom­men, CDs her­aus­ge­ge­ben. Heu­te noch di­ri­giert er das Kam­mer­or­ches­ter von Waid­ho­fen/ Ybbs, sei­ner Hei­mat­stadt.

Ein Bern­stein wur­de aus Wolf­gang So­bot­ka nicht. Da­für ein In­nen­mi­nis­ter. Ei­ner wi­der Wil­len. Er war Teil ei­ner Rocha­de, die Er­win Pröll aus­ge­heckt hat­te: Jo­han­na Mikl-Leit­ner aus dem In­nen­mi­nis­te­ri­um nach Nie­der- ös­ter­reich, Wolf­gang So­bot­ka aus Nie­der­ös­ter­reich ins In­nen­mi­nis­te­ri­um. Es galt, So­bot­ka als kom­men­den nie­der­ös­ter­rei­chi­schen Lan­des­haupt­mann zu ver­hin­dern.

„Grund­sätz­lich traut man ja nie­man­dem zu, ge­gen den Wil­len Er­win Prölls sei­ne Zie­le durch­zu­set­zen. Aber bei Wolf­gang So­bot­ka wä­re ich mir da nicht so si­cher“, meint Den­nis Beck, der lang­jäh­ri­ge Lei­ter der Aids-Hil­fe Wi­en und heu­ti­ge Ge­schäfts­füh­rer der Wie­ner Ge­sund­heits­för­de­rung. Der be­ken­nen­de So­zi­al­de­mo­krat ist mit So­bot­ka in Waid­ho­fen auf­ge­wach­sen. „Er war ein wil­der Hund da­mals, re­bel­lisch, aber er ist schon in der Schu­le her­vor­ge­sto­chen.“Ein Kind aus dem Bil­dungs­bür­ger­tum, der Va­ter Hoch­schul­leh­rer für Ge­sang. Als Bür­ger­meis­ter von Waid­ho­fen ha­be So­bot­ka dann et­was ge­macht aus der Stadt, so Beck. Er sei durch­set­zungs­stark, ge­schickt und kön­ne gut mit Leu­ten um­ge­hen.

Di­ri­gie­ren hat Wolf­gang So­bot­ka am Lin­zer Bruck­ner­kon­ser­va­to­ri­um ge­lernt. Er hat Vio­lon­cel­lo und Mu­sik­päd­ago­gik stu­diert. Und Ge­schich­te. Der Grund da­für sei sein „per­sön­li­ches Her­kom­men“ge­we­sen. Der Groß­va­ter sei ein il­le­ga­ler Na­tio­nal­so­zia­list ge­we­sen, ei­ner „reins­ten Was­sers“, das ha­be spä­ter die Fa­mi­lie und auch ihn sehr be­las­tet. Er woll­te ver­ste­hen, wie es da­zu kom­men konn­te. Zwei Jah­re lang ha­be er dann auch im Do­ku­men­ta­ti­ons­ar­chiv des Ös­ter­rei­chi­schen Wi­der­stan­des mit­ge­ar­bei­tet.

„Wenn ich ei­nen Te­le­fon­jo­ker für die ,Mil­lio­nen­show‘ bräuch­te, ich wür­de Wolf­gang So­bot­ka an­ru­fen“, sagt Iris Mül­ler-Gut­ten­brunn, vie­le Jah­re Spre­che­rin im In­nen­mi­nis­te­ri­um, heu­te Kom­mu­ni­ka­ti­ons­che­fin der Wie­ner ÖVP. Auch sie stammt aus Waid­ho­fen/ Ybbs. So­bot­ka sei es ge­we­sen, der sie sei­ner­zeit für Po­li­tik be­geis­tert ha­be. Ein uni­ver­sal Den­ken­der. Ob er sich als In­tel­lek­tu­el­len be­zeich­nen wür­de? „Nein“, sagt Wolf­gang So­bot­ka. Er sei ein „uni­ver­sal den­ken­der Mensch“, kei­ne wirk­li­che Ko­ry­phäe auf ei­nem be­stimm­ten Ge­biet, aber eben an vie­lem in­ter­es­siert. „Von über­all ein biss­chen et­was. Nicht im­mer so in die Tie­fe wie not­wen­dig.“

Auf YouTube fin­det sich ein Vi­deo vom Ok­to­ber die­sen Jah­res, das So­bot­ka auf der deut­schen „Blu­men­in­sel“Main­au im Bo­den­see zeigt. Ein Ab­ste­cher vom EU-Mi­nis­ter­rat, um dort ei­nen Vor­trag über Gär­ten und de­ren Be­deu­tung für Eu­ro­pa zu hal­ten. Rich­tig ge­le­sen. Gär­ten. Wo­her sein Fai­b­le da­für rührt? Er ha­be schon als Um­welt­lan­des­rat in Nie­der­ös­ter­reich viel mit dem The­ma zu tun ge­habt, bei ei­ner Rei­se nach En­g­land sei dann sei­ne Lei­den­schaft für Land­schafts­gärt­ne­rei ge­weckt wor­den, die er nun auch bei sich zu Hau­se aus­lebt.

In­nen­mi­nis­ter war si­cher nicht der Le­benstraum des Wolf­gang So­bot­ka.

Sei­nen Vor­trag in Main­au nütz­te er auch für Qu­er­ver­wei­se zu sei­ner ei­gent­li­chen Tä­tig­keit: der Gar­ten als Hei­mat, der Platz für Re­fle­xi­on, der auch Si­cher­heit gibt in sei­ner Be­grenzt­heit. In der Flücht­lings­po­li­tik gilt Wolf­gang So­bot­ka als Hard­li­ner. Auch Kri­tik aus dem so­ge­nann­ten Ca­ri­tas-Flü­gel der ÖVP ficht ihn nicht an. „Bei je­nen, die im­mer die christ­lich-so­zia­le Moral vor sich her­tra­gen, soll­te man vor­sich­tig sein.“Die Ver­tre­ter der NGOs sä­hen viel­fach nur die Ein­zel­schick­sa­le – „was man ih­nen auch nicht ver­den­ken kann“–, aber eben nicht das gro­ße Gan­ze. Und Men­schen, die zu uns kä­men, dann nicht in­te­grie­ren zu kön­nen, sei nicht christ­lich.

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