Be­lä­chelt, nett und brand­ge­fähr­lich: Die Welt der »frei­en Män­ner«

Es klingt nach ei­nem skur­ri­len Sam­mel­be­cken für Öko-Eso­te­ri­ker, An­ar­chis­ten, Rechts­ex­tre­me oder Que­ru­lan­ten, tat­säch­lich sind StŻŻts­ver­wei­ge­rer von »Free­man« bis »Reichs­bür­ger« ei­ne un­ter­schätz­te Ge­fahr.

Die Presse am Sonntag - - Österreich - VON CHRIS­TI­NE IMLINGER

Auf der Welt läuft et­was schief. Die Ban­ken sind zu mäch­tig, Steu­ern, über­bor­den­de Re­geln, Kon­zer­ne, die der Phar­ma­in­dus­trie zum Bei­spiel, die Ärz­te be­ste­chen, be­stim­men un­ser Le­ben. Und der Um­welt geht es so­wie­so bald ans Ein­ge­mach­te – wenn die Welt nicht zu­vor in ei­nem Atom­krieg un­ter­geht. Und ei­gent­lich, ja, da soll­te al­les an­ders sein. Da soll­ten wir gut mit­ein­an­der um­ge­hen, da sind wir spi­ri­tu­el­le We­sen, die in Ein­klang mit der Na­tur, ge­er­det, ge­sund, in Lie­be ver­bun­den, le­ben wol­len, nach Re­geln uni­ver­sel­ler Moral.

Es klingt ja nicht so schlecht. Wer noch ei­nen Fun­ken Hip­pie-Ro­man­tik in sich hat, der kann sich für sol­che Ge­dan­ken vi­el­leicht er­wär­men, zu­min­dest ent­spricht das dem Zeit­geist. An­ders Le­ben, das kommt gut an. Wenn es nur nicht so na­iv wä­re – und ge­fähr­lich.

Die Sze­ne der Aus­stei­ger, Staats­ver­wei­ge­rer, „Free­man“, „Sou­ve­rä­ne“oder wie sie sich nen­nen, wächst. Mehr als 700 Ak­ti­vis­ten die­ser Art sind Be­hör­den na­ment­lich be­kannt. Ken­ner der Sze­ne schla­gen Alarm: Die Be­hör­den müs­sen re­agie­ren, Ge­set­ze schaf­fen. Denn der Zu­lauf ist un­ge­bro­chen. In den USA gel­ten die­se Be­we­gun­gen be­reits als größ­te ter­ro­ris­ti­sche Be­dro­hung im Land. Dort ha­ben Staats­ver­wei­ge­rer Par­al­lel­struk­tu­ren wie Po­li­zei und Ge­rich­te hoch­ge­zo­gen, auch Mor­de gab es. Lo­ve, PeŻce un© Gel©gier. Da­bei klingt die Welt der Frei­en so nett und idea­lis­tisch. Zum Bei­spiel, wenn man sie sich von „Free­man“Mar­tin Hai­nitz er­klä­ren lässt. „Wir glau­ben an uni­ver­sel­le Ge­set­ze, al­les, was ich aus­strah­le, das zie­he ich auch an. Wenn ich Bö­ses tue, kommt es zu­rück. Wir wol­len, dass die Ver­skla­vung auf­hört“, sagt Hai­nitz. Er ist Mit­te 30, aus Ybbs, frü­her war er Mau­rer, dann hat er in ei­ner Tank­stel­le ge­ar­bei­tet. Und vor zwei­ein­halb Jah­ren hat er of­fi­zi­ell mit dem Staa­te Ös­ter­reich Schluss ge­macht. Zu­min­dest hat er ei­nen Brief an di­ver­se Be­hör­den ge­schickt, in dem das steht. Das tun im­mer mehr Men­schen – bzw. un­ter­schrei­ben sie ei­ne Vor­la­ge von Joe Kreissl, der so ei­nen Brief als Ers­ter ge­schickt hat, als er 2012 mein­te, er kön­ne sich so von Steu­ern, So­zi­al­ver­si­che­rung, Be­hör­den los­schrei­ben. Kreissl ist heu­te ei­ne der zen­tra­len Fi­gu­ren der Be­we­gung, er war auch da­bei, als 2014 im Wald­viert­ler Hol­len­bach auf ei­nem Bau­ern­hof ei­ne „Ver­hand­lung nach Na­tur­recht“vor ei­nem Fan­ta­sie-Ge­richt ge­gen ei­ne Sach­wal­te­rin ge­plant war. Heu­te lebt Kreissl im Schloss Wal­chen im ober­ös­ter­rei­chi­schen Vöck­la­markt und will dort den Staat „Er­lös­ter­reich“grün­den. Zu­letzt ist er mit frag­wür­di­gen An­sich­ten zum Ho­lo­caust auf­ge­fal­len.

Aus Kreissls Um­feld stammt auch Hai­nitz, er hat im Schloss Wal­chen den ver­gan­ge­nen Som­mer ver­bracht. Wie er jetzt lebt? „Ich bin ein Rei­sen­der“, sagt er, lan­ge Zeit hielt er Vor­trä­ge über die „Free­man“, jetzt fi­nan­ziert er sich mit Stra­ßen­mu­sik oder Aus­hilfs­ar­bei­ten und lebt im Wohn­wa­gen oder bei Gleich­ge­sinn­ten. „Jetzt le­be ich au­ßer­halb vom Sys­tem, oh­ne Mel­de­zet­tel, So­zi­al­ver­si­che­rung und oh­ne Geld vom Sys­tem.“Was, wenn er ei­nen Arzt braucht? „Ich schaue auf mich, ich wer­de nicht krank.“Ein Un­fall? „Dar­an den­ke ich nicht, das wä­re schäd­lich.“

Psych­ia­te­rin Hei­di Kast­ner kennt sol­che Denk­wei­sen zur Ge­nü­ge, sie war in Ge­richts­ver­fah­ren mit der Be­gut­ach­tung von „Free­man“ver­traut – und warnt drin­gend da­vor, das als Spleens und Spin­ne­rei­en ab­zu­tun. Was sind das al­so für Men­schen? „Die Grup­pe ist ex­trem in­ho­mo­gen. Es gibt Ein­zel­ne, die vor­her wahn­haft wa­ren, Kon­flik­te mit Be­hör­den hat­ten und die­ses Sys­tem für ih­ren Wahn nut­zen. An­de­re prak­ti­zie­ren das rein mit Blick auf ei­ge­ne fi­nan­zi­el­le Vor­tei­le.“Schließ­lich lie­gen die­se auf der Hand: kei­ne Steu­ern zah­len, da­zu kom­men ab­stru­se Ide­en, die bei Re­kru­tie­rungs­ver­an­stal­tun­gen vor­ge­stellt wer­den: Für je­den Men­schen be­ste­he ab Ge­burt ei­ne Art Ak­ti­en­pa­ket, auf das man ei­nen An­spruch ha­be.

Die Re­kru­tie­rung funk­tio­niert vor al­lem via In­ter­net und Vor­trä­gen. Da wird zu­nächst über ge­sun­de Er­näh­rung, Gift im Es­sen, vom Eins­sein mit der Na­tur er­zählt, „dar­auf fah­ren die Leu­te ab und ren­nen ih­nen nach wie dem Rat­ten­fän­ger von Ha­meln“, sagt Kast­ner. Mit dem ge­ne­rell wach­sen­den Miss­trau­en dem Staat ge­gen­über er­gibt das ei­nen Mix, den man auch in der Bun­des­stel­le für Sek­ten­fra­gen mit Sor­ge be­ob­ach­tet. „Seit zwei Jah­ren ha­ben wir An­fra­gen von An­ge­hö­ri­gen oder Be­hör­den“, sagt Ul­ri­ke Schies­ser. Vie­le er­schre­cken, wie schnell Leu­te, de­nen man das nicht zu­traut, da hin­ein­kip­pen. DŻs In­ter­net Żls BrŻn©be­schleu­ni­ger. Wie die­se „Free­man“sich nur noch auf Ver­schwö­rungs­sei­ten in­for­mie­ren, mis­sio­nie­ren wol­len: „Es heißt dann: Der Staat exis­tiert nicht. Du wirst 2000 Eu­ro Grund­ein­kom­men und ei­nen Di­plo­ma­ten­pass be­kom­men, da­mit Im­mu­ni­tät“, er­zählt Schies­ser. Das In­ter­net sei da ein „Brand­be­schleu­ni­ger“.

Die In­hal­te be­schreibt Psy­cho­lo­gin Schies­ser als ver­gleich­bar mit Re­li­giö­sem, das Ver­spre­chen von Er­lö­sung, die Vor­stel­lung, Teil ei­ner Art au­ser­wähl­ten Grup­pe zu sein. Ge­ra­de Leu­te, die es zu­vor schwer hat­ten, Ar­beits­lo­se, Ver­schul­de­te, Men­schen, die schon im­mer dach­ten, sie kä­men im Le­ben zu kurz, sei­en da emp­fäng­lich. „Die Leu­te wer­den ra­di­ka­li­siert, oft sind sie idea­lis­tisch und glau­ben, sie wür­den ei­ne bes­se­re Ge­sell­schaft auf­bau­en. Aber sie set­zen Hand­lun­gen, die Men­schen im­mens scha­den.“Schies­ser er­zählt et­wa von ei­ner ver­zwei­fel­ten Frau, de­ren Mann auch ih­re So­zi­al­ver­si­che­rung ge­kün­digt hat­te. Oder von El­tern, die ih­re Kin­der in die­ser Ideo­lo­gie er­zie­hen, Schu­len ver­wei­gern. Da­zu kom­men die Kos­ten

nŻ­ment­lich be­kŻnn­te Ak­ti­vis­ten

um­fasst die Sze­ne der Men­schen, die staat­li­che Ge­walt nicht an­er­ken­nen. schätzt das In­nen­mi­nis­te­ri­um. Aus Er­mitt­lun­gen des BVT ge­he her­vor, dass wei­te­re rund 22.000 Men­schen in Ös­ter­reich für die­se Ide­en an­sprech­bar sei­en. Auch hei­mi­sche „Free­man“be­rich­ten von stei­gen­dem Zu­lauf – nur sei­en noch nicht al­le Sym­pa­thi­san­ten so­weit, dass sie „of­fi­zi­ell“aus Ös­ter­reich aus­tre­ten.

bis 250 StrŻf­rechts©elik­te

und mehr als 200 Ver­wal­tungs­de­lik­te hat die Po­li­zei al­lein in Ober­ös­ter­reich in dem Zu­sam­men­hang heu­er schon ge­zählt. Die Sze­ne dort ist ei­ne der grö­ße­ren in Ös­ter­reich. der un­wei­ger­li­chen Be­hör­den­ver­fah­ren, die Schul­den wach­sen – und der Scha­den an der All­ge­mein­heit.

„Die meis­ten le­ben ja pa­ra­si­tär, sie ver­wei­gern den Staat, aber kas­sie­ren Ar­beits­lo­sen­geld oder Min­dest­si­che­rung“, sagt Kast­ner, die von ei­nem Sys­tem spricht, das brand­ge­fähr­lich sei: Da geht es vor al­lem um die so­ge­nann­te Mal­ta-Ma­sche zur (ver­such­ten) Geld­be­schaf­fung. Die funk­tio­niert bei­spiels­wei­se so: Ein Ver­tre­ter ei­ner Be­hör­de hat Kon­takt mit ei­nem „Free­man“, die­ser stellt (sol­che St­un­den­sät­ze ste­hen im „Aus­tritts­brief“) dann ei­ne Fan­ta­sie­rech­nung über 38 Mio. Eu­ro für Stö­rung in der Frei­zeit. Die­se Schul­den wer­den in ein of­fe­nes Schul­den­re­gis­ter in den USA ein­ge­tra­gen, dann kauft ein In­kas­so­bü­ro der „Free­man“auf Mal­ta die­se An­sprü­che. Un­ser Be­am­te er­hält ei­nen Brief aus Mal­ta, in dem steht, er sol­le ei­ne ab­sur­de Sum­me zah­len, er tut das als Blöd­sinn ab und schmeißt ihn weg. „Wenn bin­nen vier Wo­chen kein Ein­spruch in Mal­ta er­ho­ben wird, kann der An­spruch rechts­kräf­tig wer­den“, er­zählt Kast­ner aus ihr be­kann­ten Fäl­len. In zu­min­dest ei­nem Fall ist das schon ge­lun­gen. Auch Mit­ar­bei­ter der BH Brau­nau oder ein Ju­gend­psych­ia­ter wur­den schon in Schul­den­re­gis­ter ein­ge­tra­gen. Im harm­lo­se­ren Fall funk­tio­niert dann in den USA die Kre­dit­kar­te nicht mehr. Aber so et­was kann auch lang­wie­ri­ge ju­ris­ti­sche Fol­gen ha­ben. „Da ist un­glaub­li­che Ma­li­gni­tät da­hin­ter“, sagt Kast­ner.

Schluss­ma­chen mit dem Staat Ös­ter­reich – so ein­fach per Brief geht das nicht. »Da ist ei­ne un­glaub­li­che Ma­li­gni­tät da­hin­ter«, sagt Psych­ia­te­rin Hei­di Kast­ner.

Wie passt das mit dem Lo­ve-an­dPe­ace-Ge­re­de zu­sam­men? „Mein Weg ist das nicht. Aber es ist ein Weg, Feh­ler im Sys­tem auf­zei­gen, oben, bei Po­li­ti­kern er­reicht man nichts, al­so fal­len un­te­re Be­am­te ins Sys­tem hin­ein“, sagt Hai­nitz. Bei Ge­rich­ten fällt je­den­falls mit den Staats­ver­wei­ge­rern seit zwei Jah­ren im­mens viel Ar­beit an, zu lan­ge wur­den die­se als Spin­ner ver­harm­lost, kri­ti­siert Kast­ner. Die Träg­heit des Sys­tems kom­me ih­nen ent­ge­gen, „der Staat ist hin­ten nach, wäh­rend die durch die Lan­de rei­sen und re­gen Zu­lauf ha­ben“.

Nun, nach­dem im Ok­to­ber ein „Reichs­bür­ger“in Deutsch­land ei­nen Po­li­zis­ten er­schos­sen hat, schär­fen Ös­ter­reichs Be­hör­den ih­re Gan­gart: In Brau­nau wur­de ein Staats­ver­wei­ge­rer fest­ge­nom­men, der ei­nen Ge­richts­voll­zie­her be­droht hat­te. Aus Kärn­ten wur­de ei­ne deut­sche „Reichs­bür­ge­rin“nach Slo­we­ni­en ab­ge­scho­ben. Un­zäh-

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