Wan­dern über den Dä­chern der Alt­stadt

Mönchs­berg, Ka­pu­zi­ner­berg, Fe­s­tungs- und Rain­berg: Das sind die grü­nen Oa­sen in der Stadt Salz­burg. Wan­de­run­gen loh­nen sich hier auch im Herbst, li­te­ra­ri­sche Spu­ren­su­che von Thomas Bern­hard bis Pe­ter Hand­ke in­klu­si­ve.

Die Presse am Sonntag - - Österreich - VON CLAU­DIA LAGLER

Die Wild­nis be­ginnt gleich hin­ter dem Gro­ßen Fest­spiel­haus. Dun­kel ragt die Wand des Mönchs­bergs hin­ter dem Salz­bur­ger Kul­tur­be­zirk auf. Kei­ne fünf Mi­nu­ten und schon lässt man den Tru­bel der Stadt hin­ter sich.

Auf dem Berg ist Salz­burg an­ders. Hier oben ist nichts zu­recht­ge­stutzt und her­aus­ge­putzt. Die Tou­ris­ten blei­ben bei den Aus­sichts­platt­for­men beim Mu­se­um der Mo­der­ne oder auf der Fe­s­tung. Der Wald und die ver­steck­ten Wie­sen mit den gra­sen­den Kü­hen ge­hö­ren den Ein­hei­mi­schen. Den Spa­zier­gän­gern, Wan­de­rern, Läu­fern, Klet­te­rern, den Kin­dern und den Hun­den. Zwi­schen den statt­li­chen Bu­chen, Ei­chen, Ahor­nen und Eschen lie­gen mor­sche Äs­te, das Ge­strüpp darf wu­chern. Turm­fal­ken, Uhus, Doh­len, Ei­chel­hä­her, Spech­te ha­ben hier ihr Re­vier. Es zwit­schert, ra­schelt und knackst im Un­ter­holz. Die Stadt ist nur mehr ein ent­fern­tes Rau­schen, Ge­ruch von feuch­ter Er­de statt von teu­rem Par­fum. In so man­cher Mul­de und Ni­sche ha­ben sich Kin­der aus Äs­ten, Grä­sern und St­ei­nen ih­re Aben­teu­er­spiel­plät­ze ge­baut.

Der schnells­te Fuß­weg aus der Stadt in die Hö­he führt über den Tos­ka­ni­ni­hof und die Cle­mens-Holz­meis­ter-Stie­ge auf den Berg. Doch für ei­ne län­ge­re Wan­de­rung eig­net sich der Auf­stieg über den Stadt­teil Mülln bes­ser. Die zum Teil schon aus dem 13. Jahr­hun­dert stam­men­den Wehr­an­la­gen und Bas­tio­nen durch­zie­hen den ge­sam­ten Berg­rü­cken von der Fe­s­tung bis nach Mülln. Sie glie­dern den Berg in Ge­bie­te: Müll­ner Schan­ze, Bür­ger­wehr, Richt­er­hö­he. Von Be­ruf Berg­put­zer. In frü­he­ren Jahr­hun­der­ten wur­den gro­ße Qua­der aus den Kon­glo­me­rat­fel­sen ge­schnit­ten, um senk­rech­te und da­mit von Fein­den nicht ein­nehm­ba­re Ab­stür­ze zu schaf­fen. Der Berg ist un­be­re­chen­bar. Im Jahr 1669 star­ben bei ei­nem Berg­sturz süd­lich des Klau­sen­tors 230 Men­schen, die in den Häu­sern un­ter­halb der Fels­wand ge­wohnt hat­ten. Ins­ge­samt 13 Häu­ser und zwei Kir­chen wur­den ver­schüt­tet. Seit­her gibt es in der Stadt Salz­burg ei­nen un­ge­wöhn­li­chen Be­rufs­stand: die Berg­put­zer. Sie sei­len sich an den stei­len Flan­ken des Mönchs­bergs ab, um die Wand von lo­sen St­ei­nen zu säu­bern, Bü­sche zu­rück­zu­schnei­den oder Wur­zeln zu ent­fer­nen. Rund 300.000 Qua­drat­me­ter Fels­wand wer­den von den Berg­put­zern in Hand­ar­beit pro Jahr ge­säu­bert.

Gleich hin­ter der Mo­nik­apfor­te nach der Müll­ner Schan­ze führt ein schma­ler Pfad di­rekt auf der Berg­kan­te ent­lang in Rich­tung Fe­s­tung. Ein klei­ner Ab­ste­cher und man steht auf der nach Alex­an­der von Hum­boldt be­nann­ten Ter­ras­se, auch das Teil der al­ten Wehr­an­la­gen. Ein schau­ri­ger Ort mit Alt­stadt­blick, der ver­zwei­fel­te Men­schen im­mer wie­der ma­gisch an­zieht. Thomas Bern­hard hat ihn in der „Ur­sa­che“li­te­ra­risch ver­ewigt.

Apro­pos Schrift­stel­ler. Die Stadt­ber­ge sind auch Or­te der Dich­ter. H. C. Art­mann hat in sei­ner Salz­bur­ger Zeit ei­ni­ge Jah­re am Fuß des Mönchs­bergs, in der Au­gus­ti­ner­gas­se, ge­wohnt. Pe­ter Hand­ke ver­brach­te sei­ne Salz­bur­ger Jah­re auf dem Mönchs­berg – im Turm des Kup­pel­wie­ser­schlössls. Zu­vor hat­te schon Ber­told Brecht 1949 ei­ni­ge Mo­na­te in die­sem Haus ge­wohnt. Der Ka­pu­zi­ner­berg auf der an­de­ren Sei­te der Salz­ach ist un­trenn­bar mit Ste­fan Zweig ver­bun­den. Er leb­te von 1919 bis 1934 im Pa­schin­ger­schlössl, ehe er die Stadt we­gen der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten ver­ließ. Kunst im Wald. Doch wir blei­ben noch auf dem Mönchs­berg. Ganz un­ver­mit­telt taucht mit­ten im Wald Kunst auf. Der Ig­lu aus Me­tall­stä­ben, in dem in der Abend­däm­me­rung 21 Neon­zah­len leuch­ten, ge­hört zu je­nen zeit­ge­nös­si­schen Wer­ken, die die Salz­burg Foun­da­ti­on der Stadt ge­stif­tet hat. Der ita­lie­ni­sche Künst­ler Ma­rio Merz hat „Zif­fern im Wald“2003 für die­sen stil­len Ort an der Berg­kan­te ge­schaf­fen. Es war ei­nes der we­ni­gen Kunst­wer­ke im öf­fent­li­chen Raum, die kei­nen Pro­test­sturm im Boulevard aus­ge­löst ha­ben. Im Wald stört die Kunst nie­man­den.

Am Mu­se­um der Mo­der­ne vor­bei geht es wei­ter über die Bür­ger­wehr und den nächs­ten Aus­sichts­punkt zur Richt­er­hö­he. Hier gibt es ei­ne klei­ne Hüt­te mit Aus­schank, das Im­biss­st­überl für die Mönchs­berg­ge­mein­de: uri­ge Gast­lich­keit mit­ten im Wald. Über das Bür­ger­meis­ter­loch ge­langt man wie­der hin­un­ter ins Tal zum Kraut­hü­gel. Hier ha­ben Ge­ne­ra­tio­nen von Salz­bur­gern ih­re ers­ten Ski­ver­su­che ge­macht. Wer noch wei­ter die Hö­he ge­nie­ßen will, wan­dert an der Kat­ze – dem wohl schöns­ten Pfad­fin­der­platz Mit­tel­eu­ro­pas – vor­bei zum Fe­s­tungs­berg und hin­un­ter ins Nonn­tal.

Auf der an­de­ren Sei­te der Salz­ach er­hebt sich der Ka­pu­zi­ner­berg. Er ist hö­her und ein­sa­mer als der Mönchs­berg. Er ver­dient ob sei­ner schroff in die Salz­bur­ger Neu­stadt ab­fal­len­den Flan­ken die Be­zeich­nung Berg so­gar tat­säch­lich.

Auf der Nord­sei­te des Ka­pu­zi­ner­bergs gibt es klein­kli­ma­ti­sche Ver­hält­nis­se wie im Hoch­ge­bir­ge. Das be­wei­sen auch die Gäm­sen, die hier ih­ren Le­bens­raum ha­ben. Beim Jog­gen in der Früh oder in der Däm­me­rung kann man sie mit et­was Glück be­ob­ach­ten. Ei­ne be­son­de­re Be­geg­nung mit­ten in der Stadt. Die Be­woh­ner der na­hen Lin­zer­gas­se, die ih­re Fens­ter in Rich­tung Ka­pu­zi­ner­berg ha­ben, kön­nen den Tie­ren im stei­len Ge­län­de beim Früh­stück zu­schau­en. Im Jahr 1948 hat sich ein Gams­bock auf den Ka­pu­zi­ner­berg ver­irrt. Wo­her er kam, ist un­klar. Jä­ger ha­ben dem ein­sa­men Tier vier Jah­re spä­ter ei­ne halb­zah­me Geiß aus der Stei­er­mark mit­ge­bracht. Seit­her gibt es die klei­ne Ko­lo­nie von Wild­tie­ren mit­ten in der Stadt.

Schö­ner als die asphal­tier­ten We­ge über den Berg ist der manch­mal recht ver­wach­se­ne Pfad ent­lang der Bas­tei, der al­ten Be­fes­ti­gungs­an­la­ge aus der Zeit von Fürst­erz­bi­schof Pa­ris Lo­dron. Auch noch so ernst­haf­te Be­mü­hun­gen der Stadt­po­li­tik, die Stadt­strei­cher und Ob­dach­lo­sen hier her­oben aus den ehe­ma­li­gen Wehr­türm­chen zu ver­trei­ben, ha­ben nichts ge­fruch­tet.

Im­mer wie­der fan­den die Berg­be­woh­ner ei­ne Mög­lich­keit, sich hier ih­re zu­gi­gen Schlaf­plät­ze ein­zu­rich­ten. Auf dem höchs­ten Punkt steht das ab­ge­le­ge­ne Fran­zis­kischlössl – mit ei­nem Rund­blick über ein von Stra­ßen, Bahn­glei­sen und Ge­wer­be­ge­bie­ten ge­präg­tes Salz­burg, das we­nig mit dem Post­kar­ten­bild der Alt­stadt zu tun hat.

Thomas Bern­hard hat den schau­ri­gen Ort in der „Ur­sa­che“ver­ewigt.

Da­ni­el Kal­ker/DPA/pic­tu­re­desk

Ob Fe­s­tungs­berg (Bild) oder Mönchs­berg: Mit­ten in Salz­burg lässt es sich ab­seits der Tou­ris­ten­strö­me in Ru­he wan­dern.

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