Tän­zer im Ne­bel­gar­ten

Sie sind die schöns­ten Pflan­zen des spä­ten Herbst­gar­tens und ma­chen auch dann noch fan­tas­ti­sche Fi­gur, wenn die Stau­den­pflan­zen ein­ge­zo­gen ha­ben. Pfle­ge­leicht sind Zier­grä­ser auch.

Die Presse am Sonntag - - Garten - VON UTE WOLTRON

Neu­lich hat­te ich ei­nen Traum. Halt, bit­te nicht gleich um­blät­tern! Nor­ma­ler­wei­se ist man ge­neigt, schnell zu flüch­ten, wenn je­mand ei­ne Er­zäh­lung mit die­ser ver­hei­ßungs­lo­sen Plat­ti­tü­de be­ginnt, doch blei­ben Sie trotz­dem da, denn der Traum war kurz.

Er ging so: Es war spä­ter Herbst, fros­tig, kalt und ge­gen Abend. Ich ging hin­aus in den Gar­ten und be­merk­te zu mei­nem Ent­set­zen, dass er leer war. Es be­fand sich, au­ßer Ra­sen, nichts in ihm. Sei­ne Struk­tur war zwar die al­te – die wohl­be­kann­ten Ter­ras­sie­run­gen, die ei­gen­hän­dig auf­ge­türm­ten St­ein­mau­ern. Doch al­le Pflan­zen wa­ren weg, kein Le­ben, kei­ne Far­be, nur die­ses elen­de, al­les über­wu­chern­de, schon ins Braun kip­pen­de Gras. Es han­del­te sich, wie Sie sich vor­stel­len kön­nen, um ei­nen Alb­traum.

War­um man so ei­nen Un­sinn träumt, will ich nicht wis­sen, denn das Träu­me-In­ter­pre­tie­ren wird über­schätzt. Das Hin­aus­ge­hen in den wirk­li­chen Gar­ten kurz da­nach hin­ge­gen tat gut. Al­les vol­ler Pflan­zen und vol­ler Un­ord­nung, vol­ler Bäu­me und Sträu­cher. Da­zwi­schen alt­ro­sa ver­blü­hen­de Chry­san­the­men, dun­kel­rot ge­fro­re­ne Ro­sen, die al­ten St­ein­mau­ern und – die schöns­ten, ja so­zu­sa­gen die Gar­ten­lauf­steg­mo­dels des spä­ten Herbs­tes – die Grä­ser in reif­über­zu­cker­ter Blü­te. Schö­ner Herbst. Die längs­te Zeit war die­ser Gar­ten im Win­ter nur der hal­be Spaß, weil es eben die­se Grä­ser noch nicht gab. So fesch er ab Früh­ling wu­cher­te und ge­dieh, ab dem Frost war er zwar nicht ganz, aber doch ziem­lich kahl und ei­gent­lich mo­na­te­lang ei­ne op­ti­sche Nie­der­la­ge. Doch dann kam, zu­fäl­li­ger­wei­se, ein Pen­ni­s­e­tum da­her, ein Lam­pen­put­zer­gras. Ei­gent­lich wa­ren es zwei von ih­nen, zwi­schen­durch in der Hit­ze der Sai­son ir­gend­wann im Vor­über­ge­hen er­wor­ben, nach­läs­sig am obe­ren Gar­te­n­en­de ein­ge­bud­delt, über die Som­mer­mo­na­te ver­ges­sen.

Dann kam der Herbst, und die zwei Grä­ser aper­ten aus der Mas­se der sie um­ge­ben­den, nun aber ein­zie­hen­den Stau­den her­aus. Sie wa­ren ganz über­wu­chert ge­we­sen von Kau­ka­si­schem Ga­man­der, knapp me­ter­ho­hen weiß­blau blü­hen­den Storch­schnä­beln und manns­ho­hen Ani­sy­sop-Pflan­zen. Erst der Herbst brach­te sie wie­der ans ne­bel­dämm­ri­ge Ta­ges­licht, und es war ei­ne Freu­de, sie an­zu­schau­en.

Di­cke flau­schi­ge Lam­pen­put­zerBlü­ten­bü­schel nick­ten nach al­len Rich­tun­gen. Ne­bel­tröpf­chen fin­gen sich dar­in. Wenn es fror, er­starr­ten die Grä­ser zu silb­ri­gen Eis­skulp­tu­ren. Sie ver­lo­ren den ge­sam­ten Win­ter über ih­re Struk­tur nicht. Ei­gent­lich wa­ren sie im Stau­den­beet der ein­zig ver­nünf­ti­ge An­blick, und sie ga­ben de­fi­ni­tiv den Aus­schlag für die An­schaf­fung vie­ler wei­te­rer Grä­ser, die zwi­schen­zeit­lich in die­sem Gar­ten hei­misch wur­den.

Reit­gras, Ca­la­ma­gros­tis, Chi­naschilf, Miscan­thus, Pam­pas­gras, Cor­tade­ria und Fe­der­gras, Sti­pa bei­spiels­wei­se in den un­ter­schied­lichs­ten Sor­ten, in de­nen die­se schö­nen Zier­grä­ser je­weils zu ha­ben sind. Sie al­le ge­hö­ren zur Fa­mi­lie der Süß­grä­ser, oh­ne die der Pla­net Er­de ein an­de­rer wä­re. Oh­ne Süß­grä­ser gä­be kei­ne nord­ame­ri­ka­ni­sche Pr­ä­rie, kei­ne afri­ka­ni­sche Sa­van­ne, kei­ne mit­tel­eu­ro­päi­sche Wie­se. Die Mensch­heit hät­te kein Ge­trei­de, an Bach- und See­ufer wüch­se kein Schilf, es gä­be kei­nen Bam­bus­hain und na­tür­lich auch kei­nen Ra­sen.

Letz­te­rer ist be­kannt­lich ein Lieb­ling so vie­ler Gar­ten­be­sit­zer, was ein ewi­ges Rät­sel blei­ben wird, denn kaum et­was macht mehr Ar­beit als ein gut ge­pfleg­ter Ra­sen. Er muss stän­dig ge­schnit­ten, ge­düngt, be­lüf­tet, ver­ti­ku­tiert, ge­recht, nach­ge­sät und ge­gen ent­setz­li­che Ge­fah­ren wie Klee oder Gän­se­blüm­chen ver­tei­digt wer­den. Und wo­für? Für leb­lo­se Lee­re. Die Grä­ser hin­ge­gen brau­chen fast kei­ne Pfle­ge. Ein­mal jähr­lich schnei­det man sie im Früh­jahr ab. Aus. Für den Rest des Jah­res sind sie haupt­säch­lich ei­nes: schön. Es gibt sie von Hand­breit­hö­he bis meh­re­re Me­ter hoch. Die meis­ten von ih­nen blü­hen ab dem spä­ten Som­mer und tra­gen die viel­ge­stal­ti­gen Äh­ren und Ri­s­pen bis in den Win­ter, so­gar bis in den Früh­ling. Bun­tes Gras. Schon zu­vor blü­hen da­zwi­schen In­dia­ner­nes­seln, Agasta­chen, Son­nen­hü­te, Ko­kar­den­blu­men, Phlo­xe, Sal­vi­en, Eh­ren­preis und zig an­de­re pfle­ge­leich­te Blü­ten­stau­den, die sich mit den Grä­sern aus­ge­zeich­net ver­tra­gen und gern dau­er­haf­te Part­ner­schaf­ten mit ih­nen ein­ge­hen.

Zier­grä­ser sind nicht ganz bil­lig, doch ei­ne nach­hal­ti­ge In­ves­ti­ti­on, denn vie­le Ar­ten brei­ten sich aus und kön­nen durch Ab­ste­chen im Früh­ling ver­mehrt wer­den. Ach­tung: Man­che wu­chern auch! Auf die muss man al­ler­dings auf­pas­sen, sonst er­lebt man den Gras-Alp­traum be­reits im Wach­zu­stand.

Ute Woltron

Grä­ser sind die Gar­ten­lauf­steg­mo­dels des Winters.

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