Die Vel­tãank soll ¤ie Ar­mut ãe­sie­gen – un¤ zu­gleich ¤ie ei­ge­ne Rpinn­kri­se

Frü­her re­vol­tier­ten Ak­ti­vis­ten ge­gen die US-do­mi­nier­te Ent­wick­lungs­bank. Heu­te re­vol­tie­ren ih­re Mit­ar­bei­ter ge­gen den Chef. Denn Kim weist der Welt­bank neue We­ge.

Die Presse am Sonntag - - Eco - VON KARL GAUL­HO­FER

Mil­li­ar­den Men­schen auf der Welt will von den Er­run­gen­schaf­ten der mo­der­nen Zi­vi­li­sa­ti­on pro­fi­tie­ren. Mil­li­ar­den Smart­pho­ne-Nut­zer kön­nen se­hen, wie gut die Ös­ter­rei­cher hier im schö­nen Wi­en le­ben. Gleich­zei­tig gibt es im Wes­ten ei­ne star­ke Be­we­gung, die meint: Wenn wir un­se­re Gren­zen schlie­ßen, uns nur auf uns kon­zen­trie­ren und auch auf­hö­ren, Hil­fe für ar­me Län­der zu leis­ten, dann wer­den wir uns die­sen glo­ba­len Ent­wick­lun­gen ent­zie­hen kön­nen. So­wohl die Lin­ken als auch die Rech­ten glau­ben, dass man das Er­reich­te schüt­zen kann, wenn man die Gren­zen schließt und sich nur mehr nach in­nen rich­tet. Ich glau­be nicht, dass das mög­lich ist. Ös­ter­rei­cher ste­hen heu­te mit Chi­ne­sen und Viet­na­me­sen in Kon­kur­renz. Egal, wo man dort hin­kommt: Man fin­det über­all den in­ten­si­ven Wunsch, sich mit den an­de­ren zu mes­sen. Und die Ös­ter­rei­cher hät­ten da­bei ei­nen rie­si­gen Vor­teil, weil es hier ein so gu­tes Bil­dungs­sys­tem gibt. Sind die west­li­chen De­mo­kra­ti­en stark ge­nug, die­sem Druck stand­zu­hal­ten? Ich bin ein gro­ßer An­hän­ger der par­la­men­ta­ri­schen De­mo­kra­tie. Sie ist ein Teil der Auf­klä­rung, ich kann mir kein bes­se­res Sys­tem vor­stel­len. Aber sie steht heu­te im Wett­be­werb mit Län­dern, in de­nen es kei­ne De­mo­kra­tie gibt. Und die­se Län­der ha­ben oft ei­ne enor­me Ef­fi­zi­enz. Dort wer­den von der Re­gie­rung Ent­schei­dun­gen ge­trof­fen, und 1,3 Mil­li­ar­den Men­schen ge­hen in ei­ne Rich­tung. Das ist ei­ne gro­ße Macht. Es wird da­her star­ke po­li­ti­sche Per­sön­lich­kei­ten in den De­mo­kra­ti­en ge­ben müs­sen, die ei­ne rea­lis­ti­sche Vi­si­on der Zu­kunft bie­ten. Die Leu­te, die nun Wah­len ge­win­nen, bie­ten je­doch ei­ne Vi­si­on an, die oft nicht mit der Wirk­lich­keit über­ein­stimmt. Und die­se Rea­li­tät wird die Wirt­schaft der Län­der, die sich nun ab­schot­ten und vom in­ter­na­tio­na­len Han­del zu­rück­zie­hen wol­len, di­rekt ins Ge­sicht tref­fen. Das wird ein De­sas­ter. Aber vie­le rei­che In­dus­trie­län­der müs­sen das wohl erst selbst spü­ren, be­vor sie es glau­ben.

Jim Yong Kim

(56) wur­de in Seo­ul ge­bo­ren. Als er fünf Jah­re alt war, wan­der­te sei­ne Fa­mi­lie in die USA aus.

Der Me­di­zi­ner

und An­thro­po­lo­ge grün­de­te 1987 die NGO Part­ners in He­alth, die ar­me Län­der in Sa­chen Ge­sund­heits­vor­sor­ge be­rät.

Bei der WHO

setz­te Kim von 2004 bis 2006 ein ehr­gei­zi­ges Pro­gramm zur Aid­sBe­kämp­fung er­folg­reich um.

Dart­mouth Col­le­ge

war die nächs­te Sta­ti­on: Ab 2009 war Kim Prä­si­dent die­ser US-Eli­te­u­ni.

Seit Ju­li 2012

ist er der 12. Prä­si­dent der Welt­bank in Wa­shing­ton.

Das „For­bes“Ma­ga­zin

zählt ihn zu den 50 mäch­tigs­ten Men­schen der Welt.

„Dok­tor Kim“

ist mit ei­ner Kin­der­ärz­tin ver­hei­ra­tet und hat zwei Söh­ne. Vor­bei sind die Zei­ten, als die Welt­bank die be­lieb­tes­te Ziel­schei­be im Ar­senal des An­ti­im­pe­ria­lis­mus war. Aber wie soll auch ei­ne In­sti­tu­ti­on noch als Hass­ob­jekt die­nen, wenn ihr ak­tu­el­ler An­füh­rer frü­her selbst ge­gen sie auf die Stra­ße ging? Jim Yong Kim er­leb­te 1994 als jun­ger Arzt in Pe­ru haut­nah mit, was die Welt­bank be­wirk­te: Da­mit Staa­ten zu ih­ren Kre­di­ten ka­men, muss­ten sie ein ma­kro­öko­no­mi­sches Wohl­ver­hal­ten an den Tag le­gen, das künf­ti­ges Wachs­tum för­dern soll­te.

Mit­ten in der schwe­ren Ver­schul­dungs­kri­se, in der Süd­ame­ri­ka da­mals steck­te, be­deu­te­te das: ei­sern spa­ren. Das er­in­nert zwar an die süd­eu­ro­päi­schen Staa­ten in der Eu­ro­kri­se. Aber der Ver­gleich hinkt kräf­tig, we­gen der enor­men Un­ter­schie­de im Wohl­stands­ni­veau. Im da­mals noch bit­ter­ar­men Pe­ru führ­ten Ein­schnit­te ins zar­te Pf­länz­chen Ge­sund­heits­sys­tem da­zu, dass die Cho­le­ra aus­brach. Kim hat­te 1987 Part­ners in He­alth ge­grün­det, ei­ne NGO für Ge­sund­heits­vor­sor­ge in Ent­wick­lungs­län­dern. Er muss­te kein Öko­nom sein, um zu ver­ste­hen: Wenn töd­li­che In­fek­ti­ons­krank­hei­ten wü­ten und Kin­der nicht mehr in die Schu­le ge­hen, kann das für ei­ne Volks­wirt­schaft nicht för­der­lich sein. Al­so wet­ter­te er in ei­nem Buch mit dem Ti­tel „Für Wachs­tum ster­ben“ge­gen die Will­kür der Welt­bank und for­der­te laut­stark ih­re Ab­schaf­fung. Die Rol­le Chi­nas. Heu­te ha­ben sich die Wo­gen längst ge­glät­tet. Die An­nä­he­rung der Stand­punk­te er­folg­te von bei­den Sei­ten. Zum ei­nen nahm sich die Welt­bank die Kri­tik ih­rer Geg­ner zu Her­zen. Zum an­de­ren aber hat der Welt­ver­lauf ge­zeigt, dass ih­re Gr­und­aus­rich­tung so falsch nicht war. Es ist ei­ne der größ­ten Er­folgs­ge­schich­ten der Mensch­heit: Der An­teil der „ab­so­lut Ar­men“, die mit we­ni­ger als zwei Dol­lar täg­lich aus­kom­men müs­sen, sank in den ver­gan­ge­nen zwei­ein­halb Jahr­zehn­ten von 37 auf un­ter zehn Pro­zent der Welt­be­völ­ke­rung. Der Lö­wen­an­teil des Rück­gangs kam von Chi­na. Die Werk­zeu­ge da­für wa­ren: pri­va­te Initia­ti­ve, Markt­wirt­schaft und frei­er Han­del mit dem Rest der Welt – ge­nau je­ne Wachs­tums­im­pul­se, die auch die Welt­bank stets von Re­gie­run­gen ein­ge­for­dert hat. Di­rek­te Hil­fe für die Ar­men aber hat de­pri­mie­rend we­nig be­wirkt: In Afri­ka, wo sie wei­ter­hin do­mi­niert, bleibt der An­teil der ex­trem Ar­men bei 55 Pro­zent wie ein­be­to­niert. Die Welt­bank ver­bin­det Hil­fe mit Sys­tem­wan­del: Sie ver­gibt mit den Mit­teln der Ge­ber­län­der Kre­di­te und Zu­schüs­se, groß­teils an Staa­ten, um da­mit Pro­jek­te zu fi­nan­zie­ren – ins­be­son­de­re In­ves­ti­tio­nen in die In­fra­struk­tur, wie Stra­ßen oder Stau­däm­me. Da­für for­dert sie Rechts­staat­lich­keit ein, vor al­lem null To­le­ranz ge­gen­über Kor­rup­ti­on. Im Ide­al­fall schafft sie da­mit die Vor­aus­set­zun­gen da­für, dass ein Land aus ei­ge­ner Kraft Wachs­tum und Wohl­stand für al­le ge­ne­rie­ren kann.

Frei­lich hat die Welt­bank deut­lich an Be­deu­tung ein­ge­büßt. Frü­her hat­te sie ein Mo­no­pol als Fi­nan­cier der ärms­ten Staa­ten. Heu­te fin­den Ent­wick­lungs­län­der Al­ter­na­ti­ven. Sie kön­nen sich am Ka­pi­tal­markt fi­nan­zie­ren oder sich an di­rek­te Kon­kur­ren­ten der Welt­bank wen­den: die Neue Ent­wick­lungs­bank der BRIC-Staa­ten, die Asia­ti­sche Ent­wick­lungs­bank und die von Chi­na do­mi­nier­te Asia­ti­sche In­fra­struk­tur­in­vest­ment­bank (AIIB). Pe­king in­ves­tiert auch ei­gen­stän­dig stark in Afri­ka. Da­bei geht es den Geld­ge­bern um lu­kra­ti­ve De­als. Die Ein­hal­tung von Men­schen­rech­ten oder Um­welt­schutz spielt kei­ne Rol­le. Den Re­gie­run­gen der Emp­fän­ger­län­der blei­ben stren­ge Re­geln er­spart, die sie als pa­ter­na­lis­tisch emp­fin­den. Un­ver­se­hens fin­det sich die Welt­bank aus Sicht ih­rer frü­he­ren Geg­ner in der Rol­le der Gu­ten wie­der – oder zu­min­dest des ge­rin­ge­ren Übels. Wo­bei die Kri­tik so­fort wie­der auf­flammt, so­bald sie ih­re Vor­ga­ben et­was lo­ckert, um nicht ganz ins Hin­ter­tref­fen zu ge­ra­ten. Wie ein Wir­bel­wind. Die­ser Wan­del hat die In­sti­tu­ti­on in ei­ne Sinn­kri­se ge­stürzt und die über 10.000 Mit­ar­bei­ter ve­r­un­si­chert. Als Kim 2012 das Kom­man­do über­nahm, zeig­te er ein of­fe­nes Ohr für ih­re Kla­gen, über den Be­deu­tungs­ver­lust und die wu­chern­de Bü­ro­kra­tie im ei­ge­nen Haus. We­ni­ge aber rech­ne­ten da­mit, dass der neue Chef mit dem Wir­bel­wind ei­nes ehr­gei­zi­gen Ma­na­gers al­les auf den Kopf stel­len wür­de. Kim folg­te der Emp­feh­lung von McKin­sey-Be­ra­tern, die Auf­ga­ben neu zu grup­pie­ren. Bis­her war die Bank nach Län­dern or­ga­ni­siert. In je­dem die­ser Be­rei­che gab es Ex­per­ten für The­men wie Ener­gie, Ge­sund­heit oder Land­wirt­schaft. Aber zwi­schen den „Si­los“tausch­ten sich die Ex­per­ten nicht aus. Wer für ein Pro­blem ei­ne tol­le Lö­sung fand, setz­te sie nur in dem ihm zu­ge­wie­se­nen Land um, statt sie welt­weit aus­zu­rol­len. Das soll sich durch die neue Un­ter­tei­lung in 14 Glo­bal Prac­tices än­dern. Da­zu kommt ein Spar­pro­gramm im Aus­maß von 400 Mio. Dol­lar, das Jobs wa­ckeln lässt. Die Fol­ge: So man­che der vie­len haus­ei­ge­nen Öko­no­men und Fi­nanz­ex­per­ten re­vol­tie­ren ge­gen ih­ren Chef. Wie es ih­re aka­de­mi­sche Art ist, auch gern schrift­lich, ana­ly­tisch bril­lant und mit Zah­len und Kur­ven un­ter­mau­ert.

Kim hat die Stür­me bis­her gut über­stan­den. Er ge­nießt das Ver­trau­en der gro­ßen Ge­ber­län­der, die ihm heu­er zu ei­ner zwei­ten Amts­zeit ver­hol­fen ha­ben. Da­mit kann er wei­ter an ei­nem kon­kre­ten Ziel ar­bei­ten, das er sei­ner Mann­schaft ge­setzt hat: bis 2030 die ex­tre­me Ar­mut be­sie­gen. Ge­nau­er: auf drei Pro­zent drü­cken (ein nied­ri­ge­rer Wert ist kaum mög­lich, weil es im­mer ir­gend­wo Na­tur­ka­ta­stro­phen oder Krie­ge gibt). Frei­lich: Den po­li­ti­schen Rück­halt zu Hau­se in den USA hat Kim so­eben ver­lo­ren. Mit Prä­si­dent Oba­ma traf er sich gern zum Golf­spie­len. Des­sen Nach­fol­ger Do­nald Trump hat schon in sei­nem Wahl­kampf klar­ge­macht, was sich mul­ti­la­te­ra­le Or­ga­ni­sa­tio­nen wie die Welt­bank von ihm er­war­ten kön­nen: ei­ne Kür­zung der Mit­tel und ei­nen kla­ren Rück­zug beim ame­ri­ka­ni­schen En­ga­ge­ment.

Einst hat­te der Fi­nan­cier der ärms­ten Län­der ein Mo­no­pol. Nun gibt es viel Kon­kur­renz.

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