Der bes­te Freund des Ja­gu­ar

Chris­ti­an Zett­ner fuhr 17.000 Pan­nen­ein­sät­ze für den ÖAMTC. Bis er ihn für sei­ne gro­ße Lei­den­schaft, die Ja­gu­ar Old­ti­mer, ver­ließ. Seit drei Jah­ren be­treibt er sei­ne ei­ge­ne Au­to­werk­statt.

Die Presse am Sonntag - - Mein Geld - VON ANTONIA LÖFFLER

Die Mo­toröl­bar wird am Frei­tag an­ge­wor­fen, er­zählt Chris­ti­an Zett­ner und war­tet auf die Re­ak­ti­on sei­nes Ge­gen­übers. Kur­zes Luf­t­an­hal­ten, dann die Auf­lö­sung. Na­tür­lich wer­de zum 90-Jahr-Fir­men­ju­bi­lä­um kein ech­tes Mo­tor­öl, son­dern dun­kel­schlie­ri­ger Kräu­ter­schnaps in sei­ner Werk­statt aus­ge­schenkt. Klei­ner Scherz.

Es dürf­te ei­ne ku­sche­li­ge Fei­er ge­wor­den sein. Wie bei je­dem alt­ein­ge­ses­se­nen Be­trieb ist die Stadt um die Werk­statt Potz­mann & Wink­ler ge­wach­sen, sie selbst nicht. Es er­in­nert an das Com­pu­ter­spiel Te­tris, wenn Zett­ner ei­nen Old­ti­mer­neu­zu­gang be­kommt: Den Ja­gu­ar muss er et­was nach links, den Por­sche et­was nach hin­ten schie­ben. Der Platz ist eng und muss best­mög­lich mit den kost­ba­ren al­ten Wa­gen ge­füllt wer­den. 1923 ging es auf der Schön­brun­ner Stra­ße noch be­schau­li­cher, länd­li­cher zu. Da zog im Haus mit der Num­mer 18 ein Her­stel­ler für Elek­tro­mo­to­ren ein. 1926 grün­de­ten Gus­tav Potz­mann und Karl Wink­ler eben­dort ei­ne Mecha­ni­ker- und Re­pa­ra­tur­werk­statt für Star­ter und Licht­ma­schi­nen. Wäh­rend des ös­ter­rei­chi­schen Bür­ger­kriegs be­kam der Be­trieb schließ­lich die Kon­zes­si­on, gan­ze Au­tos zu re­pa­rie­ren. Zei­t­rei­se. Kfz- und Schlos­ser­meis­ter Chris­ti­an Zett­ner lei­tet die Werk­statt zwar erst seit drei Jah­ren. Aber wäh­rend er ei­nen an den al­ten Apo­the­ker­schrän­ken mit ei­ner be­mer­kens­wer­ten Li­te­ra­tur­samm­lung zur bri­ti­schen Tra­di­ti­ons­mar­ke und den ge­rahm­ten Schwar­zWeiß-Fo­to­gra­fi­en aus der Zwi­schen­kriegs­zeit vor­bei­führt, er­zählt er die His­to­rie des Hau­ses, als wä­re er selbst da­bei ge­we­sen. Et­wa da­mals, 1935, als man zur Zeit des Stän­de­staats zur Kf­zFach­werk­stät­te wur­de. Oder 1944, als der Reichs­statt­hal­ter von Wi­en dem Be­trieb in sei­ner heu­ti­gen Form mit ei­nem Stem­pel sei­nen Sank­tus gab.

Am stol­zes­ten ist der 50-Jäh­ri­ge auf ei­ne Ma­schi­ne, die am hin­te­ren En­de der aus der Zeit ge­fal­le­nen Werk­statt steht. Das sei der Prüf­stand für Licht­ma­schi­nen und Star­ter aus dem Jahr 1941. Er ist ei­ner der ers­ten, der in Ei­gen­re­gie von ei­nem Elek­tro­tech­ni­ker ent­wi­ckelt und ge­baut wur­de. „Ein Uni- kat, und noch voll funk­ti­ons­fä­hig“, sagt Zett­ner bei­na­he lie­be­voll. Nur ei­ne ein­zi­ge Mess­an­zei­ge ha­be seit da­mals aus­ge­tauscht wer­den müs­sen. Der Prüf­stand ist das Ass der Werk­statt, bei elek­tro­ni­schen Ge­bre­chen lan­den Wi­ens Old­ti­mer frü­her oder spä­ter bei Potz­mann & Wink­ler.

Ein Mo­tor­tes­ter aus den 1960ern und ähn­lich lang ge­dien­te Prüf­stän­de für Zünd­ka­bel und Zünd­an­la­gen run­den das An­ge­bot für die old­ti­me­raf­fi­ne Kli­en­tel ab. „Man muss man­ches Mal auf die al­ten Din­ge zu­rück­grei­fen“, sagt Zett­ner. Ers­tens be­währ­ten sie sich seit Jahr­zehn­ten. Und zwei­tens ha­be man so­wie­so kei­ne Wahl. Die neu­en Au­to­mo­del­le be­nö­ti­gen vie­le der Test­ge­rä­te nicht mehr. Ih­re Pro­duk­ti­on wur­de ein­ge­stellt. Zeit und Tech­nik sind vor­an­ge­schrit­ten. Nur hier in der Schön­brun­ner Stra­ße schei­nen sie still­zu­ste­hen.

Chris­ti­an Zett­ner ver­schlug es be­ruf­lich zu Potz­mann & Wink­ler. 22 Jah­re ar­bei­te­te er für den ÖAMTC. Sei­ne Auf­ga­be war nicht nur die Aus­bil­dung der Pan­nen­fah­rer Wi­ens. Er fuhr in sei­ner Kar­rie­re beim Ver­kehrs­klub auch selbst an die 17.000 Ein­sät­ze. Und dann wa­ren da noch die vom ÖAMTC ver­an- stal­te­ten Old­ti­mer­ral­lyes, bei de­nen Zett­ner als Gel­ber En­gel die lie­gen ge­blie­be­nen Au­tos wie­der flott­mach­te. Vor 20 Jah­ren leg­te er sich selbst sei­nen ers­ten Ja­gu­ar Old­ti­mer zu und re­pa­rier­te ihn in mi­nu­tiö­ser Klein­ar­beit. Wert­an­la­ge? Nur für Lieb­ha­ber. Als Wert­an­la­ge in Nied­rig­zins­zei­ten wür­de er die bri­ti­schen Old­ti­mer aber nie­man­dem emp­feh­len. Es stim­me zwar, dass die al­ten E- und XK-Sport­wa­gen in kür­zes­ter Zeit ei­ne Wert­stei­ge­rung von zehn Pro­zent er­fah­ren hät­ten. Und ja, auf Auk­tio­nen wür­den Samm­ler­stü­cke auch schon ein­mal zwei Mil­lio­nen er­zie­len. „Aber den Ge­winn, den ich ma­che, in­ves­tie­re ich in die Ne­ben­kos­ten.“Zum Ver­gleich: Ein mo­der­nes Au­to muss al­le 30.000 Ki­lo­me­ter zum Ser­vice, ein al­ter Ja­gu­ar al­le 5000 Ki­lo­me­ter. Man muss ihn sehr lie­ben für so ei­ne In­ves­ti­ti­on – so wie Zett­ner und die rund 200 Mit­glie­der in dem von ihm 2012 mit­ge­grün­de­ten Ja­gu­ar En­thu­si­asts’ Club.

Als er 2013 hör­te, dass die En­ke­lin von Grün­der Gus­tav Potz­mann, Ga­b­rie­le Josch­tel, die Werk­statt ab­ge­ben will, muss­te Zett­ner nicht lang über den Um­stieg in die Selbst­stän­dig­keit nach­den­ken. Auch wenn er nach wie vor „mit Herz und See­le ÖAMTC­ler“sei. „Aber hier ist die Lei­den­schaft grö­ßer“, be­tont er. Vier Mit­ar­bei­ter hat er heu­te. Da ist zu­al­ler­erst Frau Josch­tel, „die gu­te See­le des Be­triebs“, die auch nach ih­rer Pen­si­on die Re­pa­ra­tu­r­an­nah­me lei­tet. Ein Mann be­dient die Prüf­stän­de, zwei ste­hen in der Werk­statt. Da­mit ist der Be­trieb auch schon gut ge­füllt.

Rund hun­dert Fahr­zeu­ge re­pa­rie­ren Zett­ner und sein Team pro Jahr. Rund hun­dert­mal im Jahr müs­sen die Old­ti­mer stra­te­gisch um­ge­schich­tet wer­den. „Wir ma­chen von A bis Z al­les“, be­tont Zett­ner noch. Aber der Schwer­punkt auf al­te Ge­fähr­te, und hier wie­der­um auf al­te Ja­gu­ars, macht ein Rund­um­blick doch recht deut­lich.

Wann er sei­ne ei­ge­nen Ja­gu­ars das letz­te Mal aus­ge­fah­ren ha­be? Die­sen Som­mer, aber nur zwei­mal. „Ich muss meis­tens für Kun­den Au­tos test­fah­ren“, sagt er er­klä­rend und setzt mit ei­nem Zwin­kern nach: „Die Leu­te drän­gen’s mir auf.“

Zeit und Tech­nik sind vor­an­ge­schrit­ten. Nur hier in der Schön­brun­ner Stra­ße nicht.

Je­nis

Der Prüf­stand von 1941 tut noch im­mer sei­nen Di­enst.

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