Nicht nur der Nar­ren Gold

Ein Mi­ne­ral be­glei­tet die Mensch­heit seit Lan­gem: Py­rit. Ge­wür­digt wird es we­nig. Aber nun liegt die ers­te Mo­no­gra­fie seit bald 300 Jah­ren vor.

Die Presse am Sonntag - - Wissen - VON JÜR­GEN LANGENBACH

Un­ter den Sie­ben­sa­chen, die Öt­zi bei sich hat­te, als er vor 5000 Jah­ren er­schla­gen wur­de, war auch ein Feu­er­zeug: Zun­der und ein St­ein, aus dem sich Fun­ken schla­gen lie­ßen. Und als, et­was spä­ter und weit übers Meer, Odys­seus die Spu­ren de­rer be­sei­ti­gen woll­te, die er ge­met­zelt hat­te, die der Frei­er, da „sprach er zu der Pfle­ge­rin Eu­ry­kleia: ,Al­te, bring mir Feu­er und furch­t­ab­weh­ren­den Schwe­fel!‘“(22. Ge­sang, 480). Das Feu­er ent­stand vi­el­leicht durch den glei­chen St­ein wie bei Öt­zi, und der Schwe­fel vi­el­leicht auch; die Ba­by­lo­ni­er nann­ten ihn Za Bil (den bren­nen­den), sein heu­ti­ger Na­me kommt vom grie­chi­schen Wort für Feu­er: Py­rit.

Das ist ein Mi­ne­ral, das die Ge­schich­te der Mensch­heit be­glei­tet hat – die des Le­bens und der Er­de auch – wie kein zwei­tes. Aber die vor­letz­te Mo­no­gra­fie liegt bald 300 Jah­re zu­rück, ver­fasst wur­de sie vom Berg­bau­in­ge­nieur Jo­hann F. Henckel: „Py­ri­to­lo­gia, oder Kieß-His­to­rie, als des vor­nehms­ten Ma­te­ri­als, nach des­sen Na­men, Ar­ten La­ger­stät­ten“. Das war 1725. „Seit­dem ist die Be­deu­tung von Py­rit zum Groß­teil über­se­hen wor­den“, ob­gleich es „das Herz der Küns­te und Wis­sen­schaft und Tech­no­lo­gie“bil­det, mehr noch: „die Säu­le der Zi­vi­li­sa­ti­on“. So stark for­mu­liert Da­vid Rickard, Eme­ri­tus der Car­diff Uni­ver­si­ty, er hat den heu­ti­gen Stand zu­sam­men­ge­fasst und mo­ti­viert sei­ne Eu­pho­rie nicht nur mit Odys­seus und Öt­zi, son­dern auch mit dem Ver­sam­meln und Groß­wer­den der Mensch­heit um das do­mes­ti­zier­te Feu­er.

Und mit dem frü­hen Hö­he­punkt der Kunst: der Höh­len­ma­le­rei. Auch de­ren Meis­ter brauch­ten Licht – vi­el­leicht aus Py­rit –, und sie brauch­ten Pig­men­te, nah­men Schwarz aus der Asche des Feu­ers und Rot aus Ocker, der kann aus Py­rit ent­ste­hen. Aber: Er kann auch aus an­de­rem ent­ste­hen. Und: Feu­er konn­te man früh auch an­ders ma­chen, durch ra­sches Rei­ben von Höl­zern an­ein­an­der. Und: Auch der Schwe­fel, mit dem Odys­seus den Ruch sei­ner Tat los­wer­den woll­te, ließ sich aus an­de­ren Qu­el­len ge­win­nen.

Das ist das Pro­blem mit Rickards Eh­ren­ret­tung des Py­rits, groß ist es nicht, man merkt rasch, dass da ei­ner schreibt, der sein Forscher­le­ben lang sei­nem Ge­gen­stand höchs­te Ach­tung und Ver­eh­rung er­wie­sen hat: In ihm schlägt Py­rit Fun­ken. So geht man gern mit auf sei­ne „Rei­se“, kom­pri­miert im Ame­ri­can Sci­en­tist (104, S. 174) oder aus­la­dend im Buch „Py­ri­te“(Ox­ford Uni­ver­si­ty Press). Sie führt et­wa nach Ja­mes­town in Vir­gi­nia, dort wur­de 1607 die ers­te eu­ro­päi­sche Sied­lung in Nord­ame­ri­ka er­rich­tet, und dort ging es um das, was im zwei­ten Na­men von Py­rit steckt: Gold, es sieht ihm zum Ver­wech­seln gleich. „All that glis­ters is not gold“– ja, auch den Kauf­mann von Ve­ne­dig (2. Auf­zug, 7. Sze­ne) hat Rickards pa­rat –, Py­rit kann in die Ir­re füh­ren, als Fool’s Gold bzw. Nar­ren­gold (auch Kat­zen­gold, mit ih­nen hat es je­doch nichts zu tun, son­dern mit Ket­zern). Ech­tes Gold im fal­schen. Von des­sen Glanz lie­ßen sich auch die Sied­ler in Vir­gi­nia blen­den, sie such­ten Gold und ver­schiff­ten von dem, was sie da­für hiel­ten, 1100 Ton­nen nach En­g­land. Dort merk­te man, was es war. Aber Py­rit narrt nicht nur: Oft ist ech­tes Gold dar­in ein­ge­schlos­sen (es ist heu­te des­sen wich­tigs­te Qu­el­le), an­de­re Me­tal­le sind es auch; das för­der­te den Glau­ben der Al­che­mis­ten an die Um­wand­lung von Sub­stan­zen. Ih­ren Nach­fol­gern, den Che­mi­kern, ver­half Py­rit zu vie­len Ein­sich­ten, et­wa dar­über, wie Kris­tal­le sich bil­den, und wie ih­re Struk­tur er­kun­det wer­den kann, auch die­se Kunst wur­de an Py­rit mit­ent­wi­ckelt.

Prak­tisch ge­nutzt wur­de der Schwe­fel dar­in früh, von Heil­kun­di­gen für Haut­lei­den, von Fär­bern zum Fi­xie­ren der Far­ben. Spä­ter ver­brei­ter­te sich die Pa­let­te, heu­te trägt Py­rit zur men­gen­mä­ßig wich­tigs­ten In­dus­trie­che­mi­ka­lie bei, Schwe­fel­säu­re. Auch ihr Schwe­fel kann an­ders­wo her­kom­men, aber zehn Pro­zent sind aus Py­rit. Schwe­fel­säu­re wie­der trägt zur Pro­duk­ti­on von Phos­phat­dün­ger bei: „Py­rit er­nährt die Welt.“Das ist neu­er­lich et­was eu­pho­risch, aber die Ge­gen­rech­nung fehlt nicht: Der Sau­re Re­gen stamm­te aus Py­rit in Koh­le, die über­säu­er­ten „To­des­zo­nen“in den Mee­ren stam­men auch von ihm: Die Si­gna­tu­ren der Säu­ren sei­nes Schwe­fels sind so er­d­um­span­nend, dass Rickard sie als Zei­ger des neu­en Zeit­al­ters vor­schlägt – des vom Men­schen ge­mach­ten, des An­thro­po­zän –, und da­für ei­nen neu­en Na­men: Aci­do­gen, das Säu­re­ge­bo­re­ne.

Und was ist Py­rit nun end­lich? Ein Ei­sen­sul­fid, FeS2. Und wo kommt es her? Auf dem Fron­tispiz von Henckels Mo­no­gra­fie ist ein Vul­kan ab­ge­bil­det, ein ak­ti­ver, mit ei­nem Berg­werk dar­in. Das gab es nie, aber aus Vul­ka­nen kommt et­was Py­rit. Mehr wird von je­nen in der Tief­see aus­ge­schwemmt. Und noch mehr, über 90 Pro­zent, wur­de und wird in Se­di­men­ten ge­bil­det, bio­gen: „Die Idee, dass Bak­te­ri­en Py­rit ma­chen kön­nen, war re­vo­lu­tio­när“, er­in­nert sich Rickard, er er­in­nert sich gut, er führ­te die Re­vo­lu­ti­on: In den 1960ern zeig­te er, dass man­che Bak­te­ri­en in Schlamm un­ter Luft­ab­schluss Sul­fa­te zu Sul­fi­den re­du­zie­ren, die sich mit Ei­sen­sal­zen zu Py­rit zu­sam­men­tun: 60 Mil­lio­nen Ton­nen im Jahr, in je­dem (in Wahr­heit 300, aber 240 wer­den von an­de­ren Bak­te­ri­en gleich wie­der zu Sul­fa­ten oxi­diert).

»Es ist das Herz der Küns­te, Wis­sen­schaft und Tech­nik. Es ist die Säu­le der Zi­vi­li­sa­ti­on.« Es brach­te Säu­re, nicht nur im Re­gen: Es brach­te das Zeit­al­ter des Aci­do­gen.

Und so geht es wei­ter, zu den Ur­sprün­gen der Er­de – aus Schwe­fel­iso­to­pen in (bis zu 3,85 Mil­li­ar­den Jah­ren) al­tem Py­rit lässt sich re­kon­stru­ie­ren, wann Sau­er­stoff in die At­mo­sphä­re ge­lang­te – und zu je­nen des Le­bens, ei­ne Hy­po­the­se sah es an Tief­see­vul­ka­nen aus Py­rit wach­sen bzw. Ener­gie zie­hen. Auch das ist noch längst nicht al­les, und man wun­dert sich, war­um das mi­ra­ku­lö­se Mi­ne­ral so sel­ten in den gro­ßen Jour­nals von Na­tu­re ab­wärts auf­taucht. Dort glänzt es nur aus­nahms­wei­se, ge­ra­de in Sci­ence (353, S. 1427): Da­ni­el Stol­per (Prin­ce­ton) hat be­merkt, dass der Sau­er­stoff­ge­halt der At­mo­sphä­re in den ver­gan­ge­nen 800.000 Jah­ren um 0,7 Pro­zent zu­rück­ge­gan­gen ist und dop­pelt so viel, wie pro­du­ziert wur­de, ir­gend­wo ver­schwand. Vi­el­leicht in Py­rit, das durch ver­stärk­te Ero­si­on frei­ge­legt wur­de: Es brennt nicht nur rasch – bis ex­plo­siv: in Schieß­pul­ver und Feu­er­werk –, es oxi­diert auch ge­mäch­lich. Aber, wie­der das Aber: Der Sau­er­stoff kann ganz wo­an­ders­hin ent­wi­chen sein, in Was­ser. Die Ozea­ne ha­ben sich in den ver­gan­ge­nen Mil­lio­nen Jah­ren ab­ge­kühlt, da löst sich mehr.

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