»Thiem wird ei­nen Grand Slam ge­win­nen«

An­dy Mur­ray und No­vak Djo­ko­vi´c blei­ben die ers­ten An­wär­ter auf die wich­tigs­ten Tro­phä­en. Hin­ter dem Duo schickt sich aber be­reits ei­ne neue Ge­ne­ra­ti­on rund um Do­mi­nic Thiem an, die Rang­ord­nung im Welt­ten­nis auf den Kopf zu stel­len.

Die Presse am Sonntag - - Sport - VON CHRIS­TOPH GASTINGER

Der Ten­nis­sport be­fin­det sich im Wan­del, man könn­te so­gar von ei­ner Re­vo­lu­ti­on spre­chen. Vor zwei Wo­chen hat­te An­dy Mur­ray erst­mals in sei­ner Kar­rie­re Platz eins in der Welt­rang­lis­te über­nom­men, No­vak Djo­ko­vic´ muss­te den Platz an der Son­ne wi­der­wil­lig räu­men. Der Schot­te, 29, spielt die bes­te Sai­son sei­nes Le­bens, sie­ben Ti­tel auf der ATP-Tour be­le­gen das. Und auch das Olym­pi­sche Gold aus Rio de Janei­ro, sein zwei­tes nach Lon­don 2012, macht sich gut in der Vi­tri­ne. Im Grun­de hat­te Mur­ray viel zu lan­ge auf die Be­stei­gung des Throns war­ten müs­sen. Man­cher hat­te ihn be­reits als die bes­te Num­mer zwei al­ler Zei­ten ab­ge­stem­pelt.

Als der bis­he­ri­ge Bran­chen­pri­mus Djo­ko­vic´ im Ju­ni die­ses Jah­res erst­mals bei den French Open in Pa­ris tri­um­phier­te und da­mit al­le vier Gran­dSlam-Ti­tel gleich­zei­tig hielt, schien Mur­rays Schick­sal und sei­ne Rol­le im Welt­ten­nis bis auf Wei­te­res be­sie­gelt. Zu do­mi­nant agier­te der Ser­be, zu groß schien sein Vor­sprung auf die Kon­kur­renz. „Nach den French Open war ich mir zu 98 Pro­zent si­cher, dass Djo­ko­vic´ auch am En­de des Jah­res die Num­mer eins sein wird“, sagt Fa­b­ri­ce San­to­ro.

Der Fran­zo­se, einst selbst er­folg­rei­cher Pro­fi und Num­mer 17 der Rang­lis­te, soll­te mit sei­ner Ein­schät­zung nicht al­lein sein, sie klang schließ­lich plau­si­bel: „An­dy muss­te, um an die Spit­ze zu ge­lan­gen, un­glaub­lich gut spie­len. Und No­vak muss­te vie­le Mat­ches ver­lie­ren. Ge­nau das ist ein­ge­tre­ten.“ Ste­te Ent­wick­lung. Für San­to­ro, der mitt­ler­wei­le für das fran­zö­si­sche Fern­se­hen als TV-Ex­per­te ar­bei­tet und den „Die Pres­se am Sonn­tag“am Ran­de der ATP World Tour Fi­nals in Lon­don traf, ist Mur­ray frei­lich ei­ne wür­di­ge Num­mer eins. „Ich bin nicht über­rascht, dass er es ge­schafft hat, vi­el­leicht et­was über den Zeit­punkt. Aber ei­nes Ta­ges muss­te es ihm ein­fach ge­lin­gen.“Der Bri­te wird an der Spit­ze über­win­tern, so­fern er in Lon­don bes­ser als Djo­ko­vic ab­schnei­det. Wie lan­ge sei­ne Re­gent­schaft an­dau­ern könn­te, lässt sich nur spe­ku­lie­ren. Die­se Fra­ge sei „un­mög­lich zu be­ant­wor­ten“, meint San­to­ro. Fakt ist: Mur­ray hat sich in der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit, auch dank der er­neu­ten Zu­sam­men­ar­beit mit Trai­ner Ivan Lendl, zu ei­nem kom­plet­te­ren, noch bes­se­ren Spie­ler ent­wi­ckelt. „Er hat sei­nen Auf­schlag und sei­ne Vor­hand auf das nächst­hö­he­re Le­vel ge­bracht, be­herrscht je­den Schlag. Und er ist phy­sisch so un­glaub­lich stark.“

Die kör­per­li­che Prä­senz, die­se Mix­tur aus Kraft und Aus­dau­er, sie ist be­ein­dru­ckend, so­gar ein­schüch­ternd. Dies­be­züg­lich spie­len Mur­ray und Djo­ko­vic´ in ei­ner ei­ge­nen Li­ga, hat der Rest der Welt­klas­se Auf­hol­be­darf. Al­ler­dings, es han­delt sich stets um Mo­ment­auf­nah­men. Spe­zi­ell die Off-Sea­son, al­so die Zeit des kur­zen Ur­laubs und der har­ten Vor­be­rei­tung auf die neue Sai­son, kann da­zu ge­nutzt wer­den, Rück­stän­de zu re­du­zie­ren und zur Geg­ner­schaft auf­zu­schlie­ßen.

Wenn am 2. Jän­ner in Bris­bane, Do­ha und Chen­nai das Tur­nier­jahr 2017 ein­ge­läu­tet wird, dann ist Mur­ray der gro­ße Ge­jag­te. „Es ist schwie­rig, an die Spit­ze zu kom­men, aber noch schwie­ri­ger, dort zu blei­ben“, sagt San­to­ro. Djo­ko­vic´ weiß, wo­von sein ehe­ma­li­ger Kol­le­ge spricht. Der Be­ckerSchütz­ling führ­te ins­ge­samt 223 Wo­chen die Welt­rang­lis­te an, nur Ro­ger Fe­de­rer, Pe­te Sam­pras, Ivan Lendl und Jim­my Con­nors re­gier­ten län­ger. „Aber ir­gend­wann wirst du mü­de von all die­sen An­stren­gun­gen. Du bist stän­dig am Ar­bei­ten, bist 24 St­un­den am Tag pro­fes­sio­nell. Djo­ko­vic´ muss­te ei­nen un­glaub­li­chen Auf­wand be­trei­ben, um so lan­ge Num­mer eins zu sein. Vi­el­leicht war er nach Pa­ris ein­fach zu er­schöpft“, mut­maßt San­to­ro. Wel­le an Hoch­ta­len­tier­ten. Mur­ray und Djo­ko­vic´ ha­ben in der nä­he­ren Zu­kunft je­den­falls mit ge­ball­ter Ge­gen­wehr zu rech­nen. Ne­ben den üb­li­chen Ver­däch­ti­gen wie Stan Wa­wrin­ka, Mi­los Rao­nic oder Kei Nis­hi­ko­ri schick­te sich 2016 be­reits ei­ne neue Ge­ne­ra­ti­on au­ßer­ge­wöhn­li­cher Youngs­ters an, die Rang­ord­nung im Welt­ten­nis kräf­tig durch­ein­an­der­zu­wir­beln. Der Aus­tra­li­er Nick Kyr­gi­os (21) oder der Deut­sche Alex­an­der Zverev (19) gel­ten in ih­rer Hei­mat als Jahr­hun­dert­ta­len­te, Frank­reich ver­traut auf die Durch­schlags­kraft von Shoo­ting Star Lu­cas Pouil­le (22). Die Lis­te der po­ten­zi­el­len Su­per­stars von mor­gen um­fasst auch Bor­na C´oric´ (20, Kroa­ti­en), Kyle Ed­mund (21, Groß­bri­tan­ni­en), Ka­ren Khach­a­nov (20, Russ­land) oder Tay­lor Fritz (19, USA).

Ös­ter­reichs Bei­trag zur Welt­klas­se, Do­mi­nic Thiem, ist den von der ATP als Young Guns pro­mo­te­ten Spie­lern der­zeit noch ei­ni­ges an Er­fol­gen und Er­fah­rung vor­aus. Der 23-Jäh­ri­ge war in Lon­don der jüngs­te al­ler acht Teil­neh­mer, mit sei­nem Sieg über Ga­el¨ Mon­fils in der Grup­pen­pha­se setz­te er

Fa­b­ri­ce San­to­ro

(43) ge­wann in sei­ner Kar­rie­re sechs Ein­zel­Ti­tel, sei­ne bes­te Po­si­ti­on in der Welt­rang­lis­te er­reich­te er 2011 mit Platz 17. San­to­ro trug den Spitz­na­men „Ma­gier“, sei­ne Spiel­wei­se war spe­zi­ell. Der Fran­zo­se spiel­te Vor­hand und Rück­hand beid­hän­dig, selbst beim Vol­ley. Er galt zu­dem als aus­ge­zeich­ne­ter Dop­pel­spie­ler, zwei Ti­tel bei den Aus­tra­li­an Open (2003, 2004) zeu­gen da­von. Mitt­ler­wei­le ar­bei­tet San­to­ro als TV-Ex­per­te. aber­mals ein Zei­chen. San­to­ro ist ein auf­merk­sa­mer Be­ob­ach­ter Thiems, er schätzt Schlä­ge und Per­sön­lich­keit des Lich­ten­wör­thers. „Do­mi­nic ist ein sehr, sehr net­ter Kerl, ein har­ter Ar­bei­ter und ein aus­ge­zeich­ne­ter Spie­ler“, schwärmt der Fran­zo­se und pro­phe­zeit dem Lich­ten­wör­ther ei­ne gro­ße Zu­kunft. „Ich glau­be, er wird in den nächs­ten zwei Jah­ren ein Grand-SlamTur­nier ge­win­nen. Es wür­de mich über­ra­schen, wenn es nicht so wä­re.“Die „wahr­schein­lich bes­ten Chan­cen“ha­be Thiem dem­nach in Pa­ris.

Spe­zi­ell der Er­folgs­lauf in der ers­ten Jah­res­hälf­te hat­te San­to­ro be­ein­druckt, ab Ju­li er­litt der Rechts­hän­der dann ei­nen deut­li­chen Ein­bruch. „Aus mei­ner Sicht hat er zu vie­le Tur­nie­re und Mat­ches be­strit­ten, er hat auf mich kör­per­lich und geis­tig mü­de ge­wirkt.“Ei­ne An­sicht, die Thiems Coach, Gün­ter Bres­nik, nicht teilt. Der 55-Jäh­ri­ge hat­te den dich­ten Tur­nier­plan stets ver­tei­digt, die­ser könn­te auch 2017 ähn­lich aus­se­hen. „Kör­per und Geist soll­ten sich an die enor­men Be­las­tun­gen ge­wöh­nen“, mein­te Thiem, in Lon­don dar­auf an­ge­spro­chen, und er­gänz­te: „Es war mein ers­tes Jahr, in dem ich über 80 Mat­ches ge­spielt ha­be. Dass ich ir­gend­wann ei­nen Rück­fall er­lei­de, ist nor­mal.“

Was die kör­per­li­che Prä­senz be­trifft, spie­len Djo­ko­vi´c und Mur­ray in ei­ner ei­ge­nen Li­ga.

Reu­ters

Do­mi­nic Thiem ge­hört zur Gar­de jun­ger hung­ri­ger Spie­ler, de­nen für 2017 Gro­ßes zu­ge­traut wird.

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