»End­lich wie­der Ski fah­ren – es war mei­ne Be­frei­ung«

An­na Veith steht nach ih­rer schwe­ren Knie­ver­let­zung vor der Rück­kehr in den Skiwelt­cup. Ein Ge­spräch über Speed, Träu­me, Schmer­zen, Kind­heits­er­in­ne­run­gen, Ido­le – das ers­te Herz­klop­fen.

Die Presse am Sonntag - - Sport - VON MARKKU DATLER UND CHRIS­TOPH GASTINGER

Sie ha­ben erst Ih­re schwe­re Knie­ver­let­zung über­wun­den, schon fällt mit Eva-Ma­ria Brem die nächs­te ÖSV-Fah­re­rin ver­letzt aus. Schmer­zen sind We­ge­glei­ter im Sport, kann man den Um­gang da­mit wirk­lich ler­nen? An­na Veith: Na­tür­lich geht man im Sport im­mer an sei­ne Gren­zen, manch­mal dar­über hin­aus. Aber ei­ne schwe­re Ver­let­zung ist dann schon ganz et­was an­de­res. Ich ha­be ver­sucht, die Schmer­zen zu ver­ges­sen, man kann aber Ver­let­zun­gen nicht mit an­de­ren ver­glei­chen. Es war aber ein Schock für mich und auch für Ma­nu­el, wir sind ja mit Eva-Ma­ria sehr gut be­freun­det, ha­ben uns in die­se Si­tua­ti­on hin­ein­ver­set­zen kön­nen. Es schmerzt, wenn das auf dem Hö­he­punkt der Kar­rie­re pas­siert. Was über­fällt ei­nen zu­erst: der Schock, die Angst um die Ge­sund­heit oder wo­mög­lich der Zorn, ei­nen Feh­ler ge­macht zu ha­ben? Eva-Ma­ria denkt sich si­cher: Nicht schon wie­der, sie war ja schon ver­letzt. Bei mir war es ein­fach nur ein Schock. Dann ka­men all die Ge­dan­ken, über die Zeit, in der du nicht Ski fah­ren kannst. Du rät­selt über die Grün­de. Und wenn du die Dia­gno­se er­fährst, fängst du an, dar­über nach­zu­den­ken. Du ver­suchst nicht un­ter­zu­ge­hen. Im Leis­tungs­sport ist das Vi­deo­stu­di­um ein pro­ba­tes Mit­tel, um Feh­ler und Geg­ner zu ana­ly­sie­ren. Es soll aber auch bei schwe­ren Stür­zen als Hil­fe die­nen, das Er­leb­te zu be­grei­fen. Ha­ben Sie Ih­ren Sturz ge­se­hen? Ich ha­be mir den Sturz an­ge­schaut, ja. Si­cher zehn-, 15-mal. Ich ha­be Feh­ler­su­che be­trie­ben, ob­wohl ich da­bei emo­tio­nal sehr an­ge­schla­gen war. Ich muss­te aber ei­nen Mo­nat ver­ge­hen las­sen, ehe ich mir das Vi­deo erst­mals an­schau­en konn­te. Es nimmt mich noch im­mer mit, es durch­dringt mich, wenn ich mir das Vi­deo an­schaue. Die Fra­ge drängt sich nun auf: Söl­den ha­ben Sie aus­ge­las­sen, auch in Ame­ri­ka fah­ren Sie nicht. Wann fah­ren Sie wie­der im Welt­cup? Es ist schwie­rig ab­zu­schät­zen, wann ich wie­der fah­re. Es war je­den­falls rich­tig, auf Söl­den zu ver­zich­ten. Ich mer­ke schon ei­nen Schritt vor­wärts, der Mus­kel­auf­bau ist gut. Aber auch für die Ame­ri­ka-Ren­nen ist es noch zu früh. Vi­el­leicht schaf­fe ich es im De­zem­ber, vi­el­leicht erst vor der WM in St. Mo­ritz – die ist mein gro­ßes Ziel. Ich glau­be aber an mein Come­back! Wie war es denn, nach so lan­ger Zeit das ers­te Mal wie­der auf Ski zu ste­hen? Das ver­lernt man nicht, ist es wie Rad­fah­ren? Das ers­te Mal wie­der auf Ski war ein Mo­ment, den ich nie ver­ges­sen wer­de. Das ist dar­um auch ei­ne mei­ner Lieb­lings­pas­sa­gen in mei­nem Buch „Zwi­schen­zeit“, weil es so emo­tio­nal war. Ob­wohl mich auf dem An­fän­ger­hang selbst Tou­ris­ten über­holt ha­ben, hat­te ich ein brei­tes Grin­sen im Ge­sicht. Es war mein gro­ßer, sehn­li­cher Wunsch, es ein­fach nur zu tun. Ich hat­te mich ein­ge­sperrt ge­fühlt oh­ne das Ski­fah­ren. Es war ei­ne Be­frei­ung für mich. Aber das Knie braucht den rich­ti­gen Druck, die Hei­lung der Pa­tel­lar­se­h­ne geht nicht so schnell. Das ers­te Mal hat­te ich aber rich­tig Herz­klop­fen. Kön­nen Sie noch so gut Ski fah­ren? Ob ich noch so fah­ren kann wie frü­her? Ich weiß es nicht. Ich muss mei­ne Gren­zen wie­der fin­den. Die Stär­ken, die ich als An­na Fen­nin­ger hat­te, dann kann ich die Fra­ge erst be­ant­wor­ten. Wel­che Zie­le ha­ben Sie sich ge­steckt, Sie ha­ben in Wahr­heit be­reits al­les ge­won­nen, was Ski­fah­ren of­fe­riert. Was treibt Sie an? Es ist kein Neu­an­fang. Es wird jetzt si­cher­lich in­ten­si­ver, des Wis­sens we­gen. Mich treibt der Wunsch nach Er­leb­nis­sen an. Du ar­beitst so viel für ein Ren­nen, du fühlst es, stellst dich Her­aus­for­de­run­gen – und über­win­dest sie. Ich brin­ge mei­ne Leis­tung, das ist mein Weg. Ich kann al­les, will al­les – ich will ein­fach nur wie­der Ski fah­ren. Bei all den Sie­gen, Groß­er­eig­nis­sen und Me­dail­len­fei­ern: Was war denn das prä­gends­te Er­leb­nis für Sie? Da bleibt so vie­les zu­rück. Das ha­ben wir auch ver­sucht, in mei­nem Buch fest­zu­hal­ten. Die ver­schie­de­nen Or­te, Ren­nen, Men­schen und Be­geg­nun­gen. Bei der WM in Gar­misch 2011 mo­ti­vier­te mich die Fra­ge ei­nes Jour­na­lis­ten in der Kom­bi­na­ti­on. Er frag­te: ,Wie viel Vor­sprung brauchst du denn nach der Ab­fahrt?‘ Der wuss­te doch nicht, wie gut ich Sla­lom fah­ren kann. Das war der Grund­stein mei­ner Gold­me­dail­le. Ich woll­te mich un­be­dingt be­wei­sen, un­be­dingt. Das ist so stark ver­an­kert in mei­ner Er­in­ne­rung. Oder der Olym­pia-Sieg, das war ein tak­ti­sches Ren­nen, hat al­les ge­klappt. Ich hat­te nicht das Ge­fühl, dass ich Gold ge­win­ne. Und nach dem Ab­schwin­gen war ich so weit vorn. Ver­rückt. Wel­chen Stel­len­wert nimmt der Fak­tor Zeit in Ih­rem Le­ben ein? Im Ren­nen ist die Uhr der ein­zi­ge Geg­ner, aber ab­seits der Pis­ten? Die Zeit ist im Ren­nen un­ser Grad­mes­ser. Sie ist ehr­lich, du schwingst ab und da ist die Plat­zie­rung, du bringst dei­ne Leis­tung mit dei­ner Zeit. Das ist das Schö­ne dar­an, du siehst auch so­fort das Er­geb­nis dei­ner Ar­beit. Ab­seits des Sports ist das ganz an­ders. Das ver­gan­ge­ne Jahr et­wa ist ge­fühlt ganz lang­sam ver­gan­gen – oh­ne Ren­nen, die feh­len mir schon sehr. Was ha­ben Sie denn al­les ge­macht in die­sem Jahr, wenn Sie ge­nug Zeit hat­ten? Ich hät­te da­für schon in­ak­ti­ver sein müs­sen . . . Ski­fah­ren ist mein Hob­by, mein Le­ben. Ich bin auch nicht Har­ley ge­fah­ren, ich ha­be so­gar mei­ne Du­ca­ti ver­kauft. Ich hat­te kei­ne Zeit – ich ha­be trai­niert, um zu­rück­zu­kom­men. In Ös­ter­reich wer­den Skistars ver­ehrt, nach Sie­gen an­ge­him­melt. Da­mit wächst au­to­ma­tisch die Er­war­tungs­hal­tung, man­che nen­nen es Druck. Wie ge­hen Sie da­mit um? Es spielt kei­ne Rol­le, wel­che Leis­tung an­de­re brin­gen. Vi­el­leicht, wenn drei, vier an­de­re Ski­fah­re­rin­nen da wä­ren, die mir ei­nen Druck ma­chen könn­ten. Doch es gibt kei­ne an­de­re, die er­folg­rei­cher war als ich. Ich ha­be mir die­sen Druck selbst auf­er­legt, ich le­be da­mit. Wenn ich am Start ste­he, er­war­ten al­le, dass ich ge­win­ne. Das kann ich nicht än­dern, das will ich auch gar nicht. Die Er­war­tungs­hal­tung nimmt mir kei­ner ab, al­so le­be ich mit dem Druck ei­gent­lich ganz gut. Ski­fah­rer ha­ben das Los, et­wa in Ab­fahrt oder Su­per-G, in we­ni­ger als zwei Mi­nu­ten das Ren­nen be­wäl­tigt ha­ben zu müs­sen. Das kann nicht je­der, wie be­rei­tet man sich dar­auf vor, gibt es da­zu Ver­glei­che?

1989

wird An­na Fen­nin­ger in Hal­lein ge­bo­ren.

2002

Sie be­such­te die Ski­ho­tel­fach­schu­le in Bad Hof­gas­tein, ge­wann von 2002 bis 2004 sechs Schü­ler­ti­tel.

2008

schaff­te es die Salz­bur­ge­rin in den ÖSV-Na­tio­nal­ka­der, sie fährt in al­len Dis­zi­pli­nen.

2014

Ih­re größ­ten Er­fol­ge sind der Ge­winn des Ge­samt­welt­cups in den Sai­so­nen 2013/14 so­wie 2014/15, der Olym­pia-Sieg im Su­per-G bei den Win­ter­spie­len 2014 in Sot­schi. Sie wur­de drei­mal Welt­meis­te­rin: Su­per­Kom­bi (Gar­misch, 2011), Su­per-G und RTL (Vail/Bea­ver Creek 2015).

2015

stürzt sie drei Ta­ge vor Sai­son­start in Söl­den schwer, die Knie­ver­let­zung kos­tet sie die gan­ze Sai­son – auch wa­ren da­mit al­le Dis­kus­sio­nen im Streit mit ÖSV-Chef Pe­ter Schröcks­na­del be­en­det.

2016

hei­ra­tet sie im April Ma­nu­el Veith. Mit­te De­zem­ber soll das Come­back ge­lin­gen. Das kann man mit an­de­ren Sport­ar­ten si­cher nicht ver­glei­chen. Du stürzt aus dem Start­haus raus, dann fährst du. Aber: Vor­her bist du ja auch schon fo­kus­siert. Man re­det nicht mehr, die­ser Vor­spann zum Ren­nen dau­ert paar Mi­nu­ten. Du pusht dich, es ent­steht ei­ne Art Rausch – es ist ein spe­zi­el­ler Vor­gang, den musst du ler­nen, ja. Die Fas­zi­na­ti­on im Ski­sport ist das Ad­re­na­lin, du hast nur die­se zwei Mi­nu­ten – bei WM, Olym­pia, Welt­cup. Es sind dann auch nur dei­ne Ren­nen. Ist das Nah­ver­hält­nis zu ho­hen Ge­schwin­dig­kei­ten da­bei hilf­reich? Man hat qua­si kei­ne Zeit mehr, um nach­zu­den­ken. Man wird ein Speed-Jun­kie! Als Kind ha­be ich das nicht be­dacht, aber wenn man im­mer mehr an die Spit­ze kommt, sei­ne Gren­zen ken­nen­lernt, Ma­te­ri­al, Li­nie, Ri­si­ko etc. ver­steht, denkt man ganz an­ders. Es ent­wi­ckelt sich. Kin­der kön­nen Ge­fah­ren nicht ein­schät­zen, ih­nen ist das Ri­si­ko nicht be­wusst, je­de Mo­de­mar­ke gleich. Ab wann merkt man aber, dass man Kar­rie­re ma­chen will im Ski­sport? Es kommt drauf an, in wel­cher Al­ter­s­pha­se man be­ginnt. Ich fing als Volks­schul­kind an. Mot­to: ,Ich geh am Nach­mit­tag raus und spie­le.‘ Ich war viel un­ter­wegs, es hat mir ge­taugt. Da gab es kei­nen Wett­kampf, kei­ne Ver­glei­che. Erst in der Haupt­schu­le hat es mehr Be­deu­tung be­kom­men. Wird das ein Be­ruf? Kann ich das, wer ist denn mein Idol? Da ent­wi­ckelst du den Ehr­geiz, da rückt das Mit­ein­an­der dann schon in den Hin­ter­grund. Wer war denn Ihr Idol? Ani­ta Wach­ter. War­um? Weil sie so toll ge­fah­ren ist, ihr Stil war su­per. Wie sie Ren­nen ge­won­nen hat und auch als Mensch auf­ge­tre­ten ist, hat mir im­po­niert. Sie war so au­then­tisch – mit ih­rem Dia­lekt . . . Im Welt­cup wird die Dis­kus­si­on um die Evo­lu­ti­on des Ma­te­ri­als eben­so in­ten­siv ge­führt wie die Su­che nach Fa­vo­ri­ten. War­um? Man ver­sucht, al­les so auf­zu­be­rei­ten, dass es im­mer schnel­ler wird. Die Vor­ga­ben an das Ma­te­ri­al sind je­doch be­schränkt, da­mit es si­cher bleibt. Nur, was ist si­cher? Das ist ein The­ma, in dem im Welt­cup si­cher noch nicht al­les ge­tan wor­den ist. Die Pis­ten­be­schaf­fen­heit ist wich­tig, hat man aber nicht im­mer im Griff. Bei mei­nem Sturz war es so: Die Pis­te war hart, es schnei­te drauf, die ag­gres­si­ve Schicht ist nach drau­ßen ge­rutscht, die Li­nie war ei­sig – und dort hat es mir den Ski ge­fres­sen. Grund­sätz­lich glau­be ich, dass un­ser Sport im­mer ge­fähr­lich ist, und wir sind uns des Ri­si­kos be­wusst. Sie ha­ben den Ge­samt­welt­cup ge­won­nen, stan­den ganz oben auf dem Po­dest. Wenn man das ein­mal er­reicht hat, kann man sich dann noch über ei­nen fünf­ten Platz freu­en? Ich ken­nen kei­nen Ski­fah­rer, der nicht die glei­che Ant­wort ge­ben wird: Wer ist schon frei­wil­lig die Num­mer zwei? Was jetzt kommt, ob ich die Chan­ce ha­be, je wie­der ganz nach oben zu kom­men, wis­sen wir al­le nicht. Wenn ich es kör­per­lich schaf­fe und nur Fünf­te wer­de, bin ich nicht zu­frie­den. Ich woll­te im­mer die Bes­te sein und dar­an hat sich nichts ge­än­dert. Gar nichts.

»Zwi­schen­zeit«

Selbst­re­fle­xi­on von Ös­ter­reichs er­folg­reichs­ter Sport­le­rin: An­na Veith. Ihr Weg, der Rück­schlag, das Come­back; mit Man­fred Behr. 272 Sei­ten, 24,90 €.

APA

An­na Veith strahlt wie­der, nur die Renns­ki­schu­he feh­len ihr noch.

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