Läs­ti­ger Un­ter­mie­ter Dia­be­tes

Der WŻn©el ©er Zu­cker­krank­heit Żm Bei­spiel von zwei Ge­nerŻ­tio­nen: Si­gi Berg­mŻnn hŻt DiŻãe­tes seit fŻst ei­nem hŻlãen JŻhr­hun©ert, ©ie 20-j´hri­ge NinŻ Holl­mŻnn seit 15 JŻh­ren.

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON CLAU­DIA RICH­TER

Er ist wie ein läs­ti­ger Un­ter­mie­ter in mei­nem Kör­per. Er ist stän­dig da, stän­dig prä­sent, nä­her ir­gend­wie als Fa­mi­lie, als Freun­de“, sagt der ös­ter­rei­chi­sche Bo­x­ex­per­te Si­gi Berg­mann über sei­nen Dia­be­tes. Den­noch hat sich der ehe­ma­li­ge ORF-Kom­men­ta­tor mit sei­ner Zu­cker­krank­heit ar­ran­giert.

„Vor 48 Jah­ren wur­de bei mir Dia­be­tes dia­gnos­ti­ziert, ich war da­mals 30, kam ge­ra­de zum Fern­se­hen“, er­in­nert er sich. „Ich hat­te da­mals ei­nen Blut­zu­cker­wert von 983, und der Arzt schick­te mich nach Hau­se und sag­te nur, ich sol­le ei­ne Wo­che nichts es­sen.“Heu­te wür­de man ei­nen Men­schen mit sol­chen Wer­ten wohl eher mit Blau­licht ins Kran­ken­haus brin­gen, als ihn nach Hau­se zu schi­cken (Blut­zu­cker­wer­te sind be­reits ab ei­nem Wert von 400 be­droh­lich). Aber vor fünf­zig Jah­ren war Dia­be­tes bei (Haus-)Ärz­ten of­fen­sicht­lich noch nicht so ein The­ma.

Vier Jahr­zehn­te spä­ter war das schon an­ders. Da wur­de bei der da­mals fünf­jäh­ri­gen Ni­na Holl­mann in Mön­chen­glad­bach ei­ne Zu­cker­krank­heit dia­gnos­ti­ziert und ein Blut­zu­cker­wert von 600 ge­mes­sen. „Ich durf­te gar nicht mehr nach Hau­se, vom Kin­der­arzt weg wur­de ich so­fort ins Kran­ken­haus ge­bracht. Ich muss­te drei Wo­chen blei­ben und lern­te schon als Vor­schul­kind, Bro­tein­hei­ten zu er­rech­nen“, er­zählt die heu­te 20-Jäh­ri­ge.

Wäh­rend sich Si­gi Berg­mann jah­re­lang mit lan­gen Na­deln beim In­sulin­sprit­zen quä­len muss­te – „in vie­len Ho­tels, in de­nen ich auf mei­nen Di­enst­rei­sen ab­stieg, wur­de ich vom Per­so­nal als Gift­ler an­ge­se­hen“–, stieg Ni­na Holl­mann noch als Kind auf den ein­fa­che­ren und pa­ti­en­ten­freund­li­che­ren Pen um, seit rund zehn Jah­ren trägt sie ei­ne In­su­lin­pum­pe. „Das ist schon toll, da muss ich nicht dau­ernd sprit­zen. Das war mir in der Öf­fent­lich­keit ei­gent­lich im­mer un­an­ge­nehm.“Jetzt, so die Psy­cho­lo­gie­stu­den­tin, nimmt sie ein­fach ih­re han­dy­gro­ße Pum­pe her­aus und drückt ab. „Die Leu­te fra­gen da höchs­tens, ob ich mein Tama­got­chi ge­füt­tert ha­be.“Si­gi Berg­mann mag kei­ne Pum­pe und spritzt jetzt mit ei­nem Pen. Re­vo­lu­tio­nä­re Ent­wick­lung. Dia­be­tes ges­tern und heu­te – die­sel­be Krank­heit und re­vo­lu­tio­när an­de­re Be­hand­lungs­wei­sen. Vor der Ent­de­ckung des In­su­lins im Jahr 1921 war Dia­be­tes ein töd­li­ches Lei­den, heu­te ist es ei­ne chro­ni­sche Krank­heit, die gut be­han­del­bar ist. „Es gibt stän­dig wei­te­re In­no­va­tio­nen bei der Be­hand­lung“, er­wähnt Bern­hard Lud­vik, Vor­stand der 1. Me­di­zi­ni­sche Ab­tei­lung mit Dia­be­to­lo­gie, En­do­kri­no­lo­gie und Ne­phro­lo­gie in der Kran­ken­an­stalt Ru­dolf­stif­tung.

Zu den jüngs­ten Neu­ig­kei­ten in der The­ra­pie­sze­ne von Typ-2-Dia­be­tes ge­hö­ren un­ter an­de­rem SGLT2-Hem­mer, Ta­blet­ten, durch die der Zu­cker über den Harn aus­ge­schie­den wird. Lud­vik: „Laut der neu­es­ten Stu­die re­du­zie­ren sie die Sterb­lich­keit und schüt­zen die Nie­ren.“Wei­te­re gro­ße Vor­tei­le: Sie sen­ken Blut­druck und Kör­per­ge­wicht und er­zeu­gen kei­ne Un­ter­zu­cke­rung. Die­se Vor­tei­le wei­sen auch GLP1-Ago­nis­ten auf, die man ein­mal täg­lich oder wö­chent­lich sprit­zen muss. „Sie re­du­zie­ren zu­dem die Fäl­le von Herz­in­farkt und Schlag­an­fall“, er­gänzt Lud­vik.

Er­freu­li­che Ent­wick­lun­gen gibt es auch in der Me­di­ka­ti­on für Typ-1-Dia­be­tes. „Die mo­der­nen In­su­li­ne wir­ken nicht nur lang, son­dern auch gleich- mä­ßig. Es gibt kaum mehr ho­he Wirk­gip­fel, da­mit sind auch die ge­fähr­li­chen Un­ter­zu­cke­run­gen deut­lich sel­te­ner und die Lang­zeit­zu­cker­wer­te bes­ser ge­wor­den“, be­rich­tet Hei­de­ma­rie Abra­ha­mi­an, Vor­stand der In­ter­nen Ab­tei­lung am Ot­to-Wa­gner-Spi­tal in Wi­en. Auch Spät­schä­den lie­ßen sich mit den mo­der­nen Prä­pa­ra­ten sehr gut re­du­zie­ren. Si­gi Berg­mann – üb­ri­gens Pa­ti­ent von Abra­ha­mi­an – ist ein gu­tes Bei­spiel da­für: Er hat fast kei­ne Spät­schä­den nach ei­nem hal­ben Jahr­hun­dert Dia­be­tes.

Wei­ters gibt es ei­nen neu­en Blut­zu­cker­mes­ser in Form ei­nes klei­nen Sen­sors, der am Ober­arm an­ge­bracht wird. Fährt man mit ei­nem Le­se­ge­rät dar­über, wird der ak­tu­el­le Glu­ko­se­wert so­wie ein Glu­ko­se­pro­to­koll über die ver­gan­ge­nen acht St­un­den an­ge­zeigt. Lud­vik: „Für Typ-1-Dia­be­ti­ker be­wil­ligt die Kas­se seit Kur­zem die­ses Ge­rät, das im Lauf ei­nes Dia­be­tikerle­bens Zig­tau­sen­de von Ein­sti­chen in die Fin­ger­bee­re er­spart.“ 2555 Ein­sti­che im Jahr. Sport­mo­de­ra­tor Berg­mann misst sie­ben­mal am Tag sei­ne Wer­te. „Das sind 2555 klei­ne Ein­sti­che im Jahr, das spürt man schon an den Fin­ger­kup­pen.“Doch er will nicht kla­gen. Sei­ne Krank­heit scha­de­te sei­ner Kar­rie­re nicht, wie er an­fangs be­fürch­tet hat­te. Trotzt Dia­be­tes reis­te er in sei­ner ak­ti­ven Zeit als Sport­mo­de­ra­tor gut fünf­mal um den Erd­ball, mo­de­rier­te mehr als 3500 Box­kämp­fe, kein In­ter­view, kei­ne Olym­pia­de muss­te we­gen sei­ner Krank­heit ent­fal­len. „Ob­wohl es nicht im­mer ein Ho­nig­le­cken war.“

Auch Holl­mann be­reis­te die Welt, war mo­na­te­lang mit Ruck­sack un­ter­wegs: „Ich ha­be halt auf ein paar Kla­mot­ten ver­zich­tet und lie­ber ei­ne Er-

»Ba­cken und Ko­chen für Dia­be­ti­ker«

ist eben im Krenn-Ver­lag er­schie­nen (19,90 €). Nä­he­res sie­he un­ten. satz­pum­pe mit­ge­nom­men.“Al­ler­dings sagt Berg­mann, die Krank­heit sit­ze schon ir­gend­wie stets ne­ben ei­nem. „Selbst beim An­blick des bes­ten Es­sens kommt vor dem Ge­nuss der Ge­dan­ke an Bro­tein­hei­ten und In­su­lin.“

Das stim­me schon, sagt die jun­ge Dia­be­ti­ke­rin, aber sie emp­fin­de das nicht so arg. Das Ein­zi­ge, bei dem sie sich tat­säch­lich be­nach­tei­ligt füh­le, sei die Tat­sa­che, dass sie als Typ-1-Dia­be­ti­ke­rin nicht zur Po­li­zei darf. „Das war und ist mein Traum­be­ruf.“Jetzt stu­diert sie Psy­cho­lo­gie und kann vi­el­leicht als Psy­cho­lo­gin ei­nes Ta­ges doch zur Po­li­zei. „Man muss sich nur zu hel­fen wis­sen.“ In Ös­ter­reich lei©en et­wŻ 650.000 Men­schen Żn ©er Zu­cker­krŻnk­heit. DiŻãe­tes ist ei­ne chro­ni­sche Stoff­wech­sel­er­krŻn­kung, ©ie ©urch ei­nen zu ho­hen Blut­zu­cker­spie­gel ge­kenn­zeich­net ist. Bei Typ-1-DiŻãe­tes hŻn©elt es sich um ei­ne Au­to­im­mun­er­krŻn­kung, ©ie h´ufig ãe­reits im Kin©esun© Ju­gen©Żl­ter Żuf­tritt. Typ-2-DiŻãe­tes, mit run© 90 Pro­zent Żl­ler DiŻãe­tesf´lle ©ie weit h´ufigs­te Form, ist oft Żuch ei­ne Fol­ge ©es Leãens­stils, ©enn Üãer­ge­wicht un© Be­we­gungs­mŻn­gel för©ern ei­ne In­su­lin­re­sis­tenz un© ©Żmit ©ie Ent­ste­hung ©er Zu­cker­krŻnk­heit. Be­we­gung hilft. Pe­ter Hop­fin­ger, seit 20 JŻh­ren DiŻãe­ti­ker, hŻt mit DiŻãe­to­lo­gin ClŻu©iŻ FrŻn­ces­co­ni ©Żs Buch „BŻ­cken un© Ko­chen für DiŻãe­ti­ker“ver­fŻsst. Es giãt 80 Re­zep­te un© wert­vol­le Tipps run© um ©ie Zu­cker­krŻnk­heit. Zwei ©er wich­tigs­ten sin© für Hop­fin­ger, ©er vor 20 JŻh­ren ©ie In­ter­net­plŻtt­form DiŻãe­tes Aus­triŻ ge­grün©et hŻt: „Be­we­ge ©ich un© lŻss ©ich nicht von ©ei­nem DiŻãe­tes ãe­herr­schen, son©ern ãe­herr­sche ©u ©ei­ne KrŻnk­heit.“ In­fos: www.©iŻãe­tes-Żus­triŻ.com, Ös­ter­rei­chi­sche DiŻãe­tes­ge­sell­schŻft: www.oe©g.org, Ös­ter­rei­chi­sche DiŻãe­ti­ker­ver­ei­ni­gung: www.©iŻãe­tes.or.Żt.

Mi­che­le PŻu­ty

Si­gi Berg­mann und Ni­na Holl­mann er­zäh­len von ih­rem per­sön­li­chen Um­gang mit der Krank­heit Dia­be­tes.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.