Al­les für ein biss­chen Auf­merk­sam­keit

Sie stel­len Vi­de­os ins In­ter­net, in de­nen sie ih­re Op­fer de­mü­ti­gen, schla­gen und ver­ge­wal­ti­gen. Die Be­reit­schaft Ju­gend­li­cher, Ge­walt aus­zu­üben, hat Ös­ter­reich jüngst er­schüt­tert. Da­hin­ter steckt meist feh­len­de Em­pa­thie und der Wunsch nach An­er­ken­nung.

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON EVA WINROITHER

Groß­bri­tan­ni­en, Sep­tem­ber 2016: Vier Te­enager ste­hen im Wald. Ei­ner zeigt et­was auf sei­nem iPho­ne, als ihm sein Ge­gen­über plötz­lich so fest auf den Kopf schlägt, dass er auf den Wald­bo­den fällt. Die an­de­ren drei joh­len. Das Op­fer ver­sucht wie­der auf­zu­ste­hen, fällt zu­rück, pro­biert es noch ein­mal, nur um wie­der ei­nen wuch­ti­gen Schlag zu be­kom­men. Die­ses Mal bleibt er am Bo­den lie­gen. Ein Häuf­chen Elend in Je­ans, Snea­kers und grau­em Pull­over, das noch ei­ne Hand zur Faust bil­det, sonst be­wegt er sich nicht. Trotz­dem tre­ten die an­de­ren wei­ter auf ihn ein.

Deutsch­land, April 2014: Ein 14-Jäh­ri­ger wird nach der Schu­le ver­prü­gelt. Im­mer wie­der schlägt ihm der An­grei­fer ins Ge­sicht, der Bub krümmt sich, der An­grei­fer drischt wei­ter. Die Ver­let­zun­gen des Op­fers sind so schwer, dass er ins Kran­ken­haus muss. Die Mit­schü­ler grei­fen nicht ein, sie fil­men mit.

Wi­en, No­vem­ber 2016: Die 15-jäh­ri­ge Patri­cia wird von ei­ner Grup­pe Ju­gend­li­cher ge­schla­gen. Vi­el­leicht ist es die Tat­sa­che, dass das Mäd­chen nur sto­isch da­steht und sich nicht wehrt, oder dass die Ge­sprä­che der An­grei­fer so gut zu hö­ren sind („Schat­zi, zeig, was du kannst.“). Vi­el­leicht ist es, weil Tsche­tsche­nen in­vol­viert wa­ren und von ei­nem Kopf­tuch die Re­de war, weil sie Blut spuck­te und da­nach im Spi­tal ihr dop­pel­ter Kie­fer­bruch ope­riert wer­den muss­te. Je­den­falls schau­te nie­mand weg. Das Vi­deo wird mil­lio­nen­fach ge­se­hen und Tau­sen­de Ma­le kom­men­tiert. So­gar Bun­des­kanz­ler Chris­ti­an Kern mel­det sich zu Wort. „Die Tä­ter wer­den ih­rer Stra­fe nicht ent­ge­hen. Ge­nau­so wich­tig ist es aber, der Ver­ro­hung Ju­gend­li­cher (. . .) ent­schie­den ent­ge­gen­zu­tre­ten.“Gleich­zei­tig wun­dern sich So­zi­al­ar­bei­ter, war­um ge­nau die­ses Vi­deo die Be­völ­ke­rung so ent­setzt. Denn das Phä­no­men ist nicht neu.

Schon vor zehn Jah­ren gab es Be­rich­te dar­über. „Hap­py Slap­ping“nennt man es im eng­li­schen Sprach­raum, wenn jun­ge Men­schen (manch­mal von Frem­den) an­ge­grif­fen oder ver­prü­gelt wer­den – und wenn der An­griff ge­filmt und nach­her on­li­ne ge­stellt wird. So wird das Op­fer dop­pelt ge­de­mü­tigt. Zahl der Tat­ver­däch­ti­gen ge­sun­ken. Auch wenn uns sol­che Vi­de­os auf­rüt­teln, steht fest, dass die Ju­gend ins­ge­samt nicht ge­walt­tä­ti­ger ge­wor­den ist. Die Ge­walt äu­ßert sich nur an­ders. Tat­säch­lich ist die Zahl der ju­gend­li­chen Tat­ver­däch­ti­gen bei leich­ter und schwe­rer Kör­per­ver­let­zung seit 2007 um mehr als 30 Pro­zent ge­sun­ken, wie ei­ne Sta­tis­tik des Bun­des­kri­mi­nal­amts zeigt. Der Be­wäh­rungs­hil­fe­ver­ein Neu­start weiß von ei­ner Hand­voll Fäl­len, die in das­sel­be Mus­ter pas­sen, und von zir­ka 30 Fäl­len, in de­nen Vi­de­os nach ei­nem Streit (et­wa un­ter Part­nern) on­li­ne ge­stellt wur­den. Gleich­zei­tig lässt sich schwer sa­gen, was zur Anzeige kommt. Die Dun­kel­zif­fer ist ge­ra­de bei Streit un­ter Ju­gend­li­chen hoch. Und lässt un­be­tei­lig­te Zu­se­her sol­cher Vi­de­os ob der Bru­ta­li­tät scho­ckiert zu­rück.

Kin­der­psy­cho­lo­ge Holger Eich sitzt an sei­nem Schreib­tisch im Kin­der­schut­zzen­trum Wi­en, ne­ben ihm ein Re­gal vol­ler Fach­bü­cher. Als Sach­ver­stän­di­ger bei Ge­richt hat­te er be­reits mehr­fach mit sol­chen Fäl­len zu tun. Meist

In der Grup­pe wird die Ge­walt le­gi­ti­miert, die Ver­ant­wor­tung auf al­le auf­ge­teilt.

Sta­nis­lav Je­nis

Psy­cho­lo­ge Holger Eich vom Kin­der­schut­zzen­trum Wi­en.

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